Wie ein Chamer Journalist zum Staatsfeind Nummer eins wurde
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Franz Burri (rechts) beim Verlassen des Gerichts nach der ersten Anhörung Ende April 1948. (Bild: Actualités Suisses Lausanne / Schweizerisches Nationalmuseum)

Franz Burri: der «helvetische Goebbels» Wie ein Chamer Journalist zum Staatsfeind Nummer eins wurde

7 min Lesezeit 2 Kommentare 14.10.2018, 17:55 Uhr

Er war Fröntler, Faschist und avancierte zum schlimmsten politischen Landesverräter zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Franz Burri, Chamer Journalist. Der Vorzeigenazi strebte mit unbändiger Vehemenz danach, die Schweiz in Hitlers Reich einzuverleiben. Vor 70 Jahren wurde ihm dafür der Prozess gemacht.

Am Ende versuchte er es mit Reue. In seinem «Kampf für ein völkisch erstarktes und sozialistisches Europa» sei er schlicht vom Weg abgekommen, heuchelte Franz Burri in seinem Schlussplädoyer, um das in Zürich tagende Bundesstrafgericht vielleicht doch noch etwas milder zu stimmen. Er habe erkannt, dass er sich in der Wahl der Mittel in diesem politischen Kampf vergriffen hatte, beteuerte der Angeklagte.

Burris reichlich späte Bitte um Verzeihung liess das Bundesgericht allerdings kalt. Zurecht hatten die Richter seine vermeintliche Einsicht bezweifelt, zu schwer wog die Beweislast. Im Mai 1948 wurde Franz Burri-Scherrer unter anderem wegen Angriffs auf die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft und Anwerbens für fremden Militärdienst zur Höchststrafe verurteilt: 20 Jahre Zuchthaus und 15 Jahre Landesverweisung lautete der Urteilsspruch. Damit endete einer der spektakulärsten Landesverräterprozesse der jüngeren Schweizer Geschichte.

Frühe Schicksalsschläge

Franz Burri, geboren 1901 in Cham, Sohn eines Fabrikarbeiters, hatte früh mit einschneidenden Schicksalsschlägen zu kämpfen. Mit elf Jahren verlor er seinen Vater, kurz darauf verstarb auch seine Mutter. Als 14-jähriger Vollwaise landete Burri in der Erziehungsanstalt im luzernischen Rathausen, von wo aus er – obwohl Anstaltszögling – die Sekundarschule in Ebikon besuchte.

Burri war ein guter Schüler, stets fleissig, gehorsam und aufmerksam stand er schnell in der Gunst seiner Lehrer. 1917 allerdings der nächste Einschnitt: Wegen eines argen Lungenleidens wird der junge Chamer ins Sanatorium Adelheid in Unterägeri überwiesen. Das entsagungsvolle Leben prägte den Jüngling scheinbar so sehr, dass er noch vor seinem 18. Geburtstag die Schweiz in Richtung Österreich verliess und in der Nähe von Wien in einen katholischen Laienorden eintrat.

1883 bis 1951 diente das ehemalige Zisterzienserkloster Rathausen (LU) als Verpflegungs- und Erziehungsanstalt für arme Kinder. Ab 1951 hiess die Institution Kinderdörfli.

1883 bis 1951 diente das ehemalige Zisterzienserkloster Rathausen (LU) als Verpflegungs- und Erziehungsanstalt für arme Kinder. Ab 1951 hiess die Institution Kinderdörfli.

(Bild: zvg / Kinderheime in der Schweiz)

Das Sanatorium Adelheid in Unterägeri. Postkartenaufnahme um 1922.

Das Sanatorium Adelheid in Unterägeri. Postkartenaufnahme um 1922.

(Bild: zvg / Gemeinde Unterägeri)

Vom Klosterbruder zum gefragten Korrespondenten

Allzu lange hielt er das asketische und wortkarge Leben im Kloster dann allerdings doch nicht aus. 1922 verliess Burri die klösterliche Ordensgemeinschaft, um als Buchhalter in Wien Fuss zu fassen. Da er auch zwischen allem Soll und Haben seines Glückes nicht fündig wurde und den Lebensunterhalt stattdessen lieber als Schreiberling bestreiten wollte, setzte Burri voll auf die Karte Journalismus.

Mit Erfolg: Der klein gewachsene Burri machte sich als freier Journalist schnell einen Namen. Seine Artikel wurden in nahezu allen grösseren Zeitungen Österreichs gedruckt. Mit der Empfehlung des Schweizer Botschafters in Wien arbeitete er überdies bald als Korrespondent für ein gutes Dutzend Blätter in Deutschland und in der Schweiz, etwa für die «Neue Berner Zeitung». Zudem wurde er zum Generalsekretär des Zentralvereins der österreichischen Zeitungsunternehmen ernannt. Der Grundstein für eine erfolgreiche journalistische Karriere war gelegt.

In Graz nazifiziert

Dann allerdings hat sein Leben die entscheidende Wendung genommen. Burri war zwischenzeitlich nach Graz gezogen, in die damalige Hochburg der österreichischen Nazis. Die Angst vor dem Bolschewismus und die Sorge um den Verlust des Schweizertums trieben den gebürtigen Chamer in die Fänge der Nationalsozialisten, zu deren glühendem Anhänger er schliesslich wurde. Als Teil der «Erneuerungsbewegung» radikalisierte sich sein Schreibstil, seine Texte tunkte er immer tiefer in das mit brauner Lösung gefüllte Ideologiefass.

«Die Volksgemeinschaft der Deutschen erstreckt sich nicht nur auf die Reichsbürger. Wer deutsches Blut hat, besitzt alle Rechte und Pflichten eines Deutschen.»

Franz Burri, «Badener Zeitung», 10. Januar 1945

Franz Burri verstand sich als Germane, genauer: als Schweizgermane. Er sah sich als Sohn des Grossdeutschen Reiches. Angetrieben durch die Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 fielen in Burris Artikeln zunehmend Wörter wie «Volksgemeinschaft» und «deutsche Kampfgemeinschaft». Das «deutsche Nationalbewusstsein» pries er offen an. Burri geriet ins Visier der österreichischen Polizeibehörden und wurde wegen «nationalsozialistischer Umtriebe» zwei Monate nach den Februarkämpfen des Landes verwiesen.

Der «helvetische Goebbels»

Seine Gesinnung wurde dadurch allerdings nur bestärkt. Zurück in der Schweiz versuchte Burri an jenem Faden anzuknüpfen, den er im östlichen Nachbarland zu spinnen begonnen hatte. Sein Ruf als Nazi war ihm jedoch vorausgeeilt. Niemand hatte Interesse daran, Burris Texte zu publizieren, geschweige denn ihn als Redaktor anzustellen. Also behalf dieser sich selbst und gründete in Luzern die «Internationale Presseagentur» (IPA) – mit finanzieller Unterstützung des Propagandaministeriums in Berlin.

Karikatur aus dem «Nebelspalter» Band 68 (1942).

Karikatur aus dem «Nebelspalter» Band 68 (1942).

(Bild: zvg)

Fortan betrieb Burri offensiv Nazipropaganda. Er belieferte die deutsche Presse und schoss scharf gegen Österreich. In seinem Geburtsland sympathisierte der Vorzeigenazi mit zahlreichen Frontistengruppen und arbeitete mit viel Eifer daran, die zum Teil untereinander zerstrittenen Frontisten zu einer grossen Schweizer Erneuerungsbewegung zu vereinigen. Dies rief die Bundespolizei auf den Plan, die 1936 anordnete, Burris Telefone abzuhören und seine Post durchzulesen.

Sollten bis dahin irgendwelche Zweifel an Burris Gesinnung im Raum gestanden haben, so wurden sie alsdann jäh aus der Welt geschafft. Nicht nur schloss Franz Burri seine Briefe jeweils mit den Worten «Heil Hitler!», sondern er liess auch seinem Judenhass freien Lauf. Der «helvetische Goebbels», wie ihn die hiesige Presse später nannte, stand mit voller Überzeugung für das Grossdeutsche Reich ein. 1938 verbot der Bundesrat die IPA.

«Das Justiz- und Polizeidepartement hält dafür, dass die Informationsblätter des Burri verboten werden sollten. Burri ist ein bezahlter Propagandist des Auslandes.»

Auszug aus dem Antrag des Justiz- und Polizeidepartements vom 12. April 1938

Heim ins Reich

Gross gekümmert hatte dies den Chamer indes nicht. Weil Österreich inzwischen Teil von Nazideutschland geworden war, kehrte er voller Begeisterung nach Wien zurück, um die IPA kurzerhand dort zu reanimieren.

Für den entflammten Nazi gab es von da an kein Halten mehr: 1940 gründete er in Stuttgart den «Bund der Schweizer in Grossdeutschland». Ab 1941 versuchte er als Führer des «nationalsozialistischen Schweizerbundes» vermehrt in seinem Geburtsland politisch manipulativ zu wirken. Burri zeigte sich regelrecht euphorisiert von der grossgermanischen Einheitsidee, welcher sich die schweizerische Unabhängigkeit unterzuordnen habe. Den SS-Führer Heinrich Himmler bat er um Aufnahme in die Waffen-SS, den Bundesrat forderte er dazu auf, die Schweizer Armee als Unterstützung für Hitlers Kampf gegen Sowjetrussland an die Ostfront zu schicken.

1942 wurde Franz Burri deutscher Staatsbürger und Mitglied der NSDAP, er trat in Parteiuniform und mit Verdienstkreuz auf. Noch siegte Nazideutschland auf den Schlachtfeldern Europas – und Burri fühlte sich in seinem Dogma bestätigt. Er votierte aggressiv für die Einverleibung der Eidgenossenschaft ins Dritte Reich, Mittelsmänner schmuggelten seine Hetzschriften in Form von Flugblättern und Broschüren in die Schweiz. Regierung, Parlament und Presse wurden von ihm aufs Schärfste diffamiert.

«Die Gegenwart ist nur für starke Menschen bestimmt. Schwächlinge werden sie nicht überstehen. Sie werden die schönere Zukunft nicht mehr erleben. Alles Faule stirbt ab.»

Franz Burri, «Znaimer Tagblatt», 13. Oktober 1944

Das Bundeshaus im Visier

Allen voran hatte es Burri auf General Henri Guisan abgesehen. Diesen bezeichnete er wahlweise als den «gefährlichsten Landesverräter aller Zeiten», als einen «Judensöldling», ein «Werkzeug der Angelsachsen» und einen «elenden Tropf», den es zu beseitigen gelte. Burri proklamierte: «Es gibt keine schweizerische Nation. Wir gehören zum deutschen Volk.» Und er drohte: «Wir werden nicht ruhen und rasten, bis das Hakenkreuz über der Kuppel des Bundeshauses flattert.»

Weil Burri zu dieser Zeit in Wien lebte, konnten ihn die hiesigen Behörden nicht festnehmen, obwohl er in mehreren Fällen von Schweizer Gerichten zu Haftstrafen verurteilt wurde. Burri, dem das Schweizer Bürgerrecht inzwischen entzogen wurde, kümmerte das nicht, er hetzte munter weiter. 1944 rief er offen zu militärischen Handlungen gegen die Schweiz auf. Er plädierte für die Bildung einer «Schweizerlegion» nach Vorbild der Waffen-SS und nahm den politischen Umsturz der Schweiz ins Visier.

Ein unverbesserlicher Ideologe

Erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es den Amerikanern, Burri in Wien zu verhaften. 1946 wurde er an die Schweiz ausgeliefert. Begleitet von lautem medialem Tamtam wurde ihm zwei Jahre darauf in Zürich der Prozess gemacht. «Franz Burri hat während sechs Kriegsjahren ununterbrochen vom Ausland aus gegen die Unabhängigkeit der Schweiz gewühlt. Er hat eine hinterhältige Pressekampagne gegen das Schweizervolk, die Armee und die Behörden geführt und den guten Schweizernamen vor aller Welt mit Schmach und Schande bedeckt», lautete die Anklage.

Der Bundesanwalt forderte und Burri erhielt die Höchststrafe. Der Chamer sprach von einem «unblutigen Todesurteil» und fügte an: «So gehöre ich in Zukunft zu jener grossen Armee, deren Soldaten namenlos bleiben, weil sie die Zukunft zu früh in die Gegenwart einbauen wollten.» Elf Jahre sass Burri im Luzerner Gefängnis Sedel ab, bis er vorzeitig entlassen wurde und ins deutsche Lindau zog, wo er 1987 im Alter von 85 Jahren starb.

Elf Jahre sass Franz Burri in der Gefängnisanstalt Sedel ein. Fotoaufnahme von 1934.

Elf Jahre sass Franz Burri in der Gefängnisanstalt Sedel ein. Fotoaufnahme von 1934.

(Bild: zvg / Staatsarchiv Luzern)

Seiner rechtsextremen Gesinnung blieb Burri auch nach seiner Verurteilung treu. Er bezeichnete sich selbst als «Opfer eines verlorenen Krieges», der seine Freiheit für den Kampf um Europa eingebüsst habe. «Mein Kampf war nicht Selbstzweck. Er diente einer Idee, die ich noch heute als richtig empfinde. Man kann die Söhne eines Volkes nicht in Schurken und Heilige einteilen. Sie trennen sich nur nach Meinungen. Ein Teil ist Wahrheit und ein Teil ist Irrtum.» In einem Leserbrief an die Wochenzeitung «Die Nation» zeigte er sich überzeugt: «Eines Tages werde auch ich von der Geschichte rehabilitiert.»

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2 Kommentare
  1. Franz Peter Dinter, 15.10.2018, 14:19 Uhr

    „….. die Machtergreifung Adolf Hitlers 1934“
    Ich war bis anhin der Meinung, der hätte bereits 1933 die Macht ergriffen.

    1. Philipp Bucher, 15.10.2018, 16:24 Uhr

      Danke für den Hinweis. Sie haben natürlich recht. Der Fauxpas wurde zwischenzeitlich behoben.

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