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Wie ein altes Ehepaar
  • Kultur
Fassbind und Anderhub verstehen sich ohne Worte. (Bild: jav)

Abschied im Luzerner Kleintheater Wie ein altes Ehepaar

7 min Lesezeit 08.05.2014, 11:30 Uhr

Pia Fassbind und Barbara Anderhub verlassen das Kleintheater. Zehn Jahre leiteten die beiden Frauen gemeinsam das Luzerner Kulturhaus. Nun schliessen sie diesen Lebensabschnitt ab  mit Audienzen zum Abschied, einem Passepartout auf Lebzeiten und viel zu erzählen.

Es ist früher Vormittag, im Kleintheater ist es noch still. Leitern und Kartons stehen im Foyer herum. Pia Fassbinds Hund liegt auf dem dunklen Holzboden. Geräucherte Eiche, die haben die beiden Frauen beim Umbau vor neun Jahren mit ausgesucht. Der Rahm zum Kaffee wird von den probenden Künstlern «ausgeliehen». Fassbind und Anderhub sitzen in ihrem zweiten Wohnzimmer, wie sie das Kleintheater nennen, und fragen sich, wem dieser blaue Blazer gehört, der seit Wochen hier herumliegt.

Im Gespräch fällt schnell auf, die beiden kennen sich in- und auswendig. Immer wieder beenden sie die Sätze des anderen. Nicht weiter verwunderlich, im letzten Jahrzehnt haben die beiden Frauen auch mehr Zeit miteinander verbracht, als mit ihren Ehemännern, erzählen sie lachend. «Irgendwie sind wir auch miteinander verheiratet», so Fassbind. Der Abschied von Haus und Team sei emotional. «Aber durch die frühe Planung und die Übergabe-Zeit konnten wir den Lebensabschnitt ‹Kleintheater› bewusst abschliessen», findet Anderhub.

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Erfolge und Pannen

Seit 2004 haben die beiden das Kulturhaus geführt und damit die Kleinkunstszene in Luzern geprägt. Vor zwei Jahren haben sich die beiden dafür entschieden, noch bis 2014 zu bleiben. «Wir wollten aufhören, wenn wir noch Lust haben und nicht, wenn wir schon müde sind», so Fassbind. Die beiden Frauen feierten in den zehn Jahren Erfolge, erlebten aber auch harte Zeiten, Misserfolge und richtig unangenehme Pannen.

Eine der grössten Panne ereignete sich im Rahmen der jüdischen Themenwoche, mit einem authentisch jüdischen Fest zum Abschluss. Dazu wurde ein koscheres Catering aus Zürich bestellt und bereits bei der Lieferung war klar, dass diese drei kleinen Platten niemals reichen würden. Aus dem geplanten Buffet wurde Tellerservice, die Portionen immer kleiner. «Im Theater sassen die Gäste mit erwartungsvollen Gesichtern. Und uns rutschte das Herz bei jedem Teller etwas weiter in die Hose», erzählt Anderhub. Irgendwann mussten die beiden Frauen aufgeben und beichten. Fassbind: «Zum Glück hatten wir am Abend vorher einen Israelisch-Palästinensischen Abend verbracht und von dem riesigen Apéro waren noch Reste geblieben. Unseren Vorschlag, den koscheren Abend spontan zu einem völkerverbindenden zu machen, kam gut an.»

Aber nicht jedes Problem konnte so kreativ gelöst werden. Als plötzlich das Archiv im Keller unter Wasser stand, und Teile davon komplett zerstört waren, sei dies ein Schock gewesen.

Das Archiv wurde verlegt. Und mit angepackt hat dabei kein geringerer als Emil Steinberger, der das Kleintheater 1967 gemeinsam mit seiner Frau Maya gegründet hatte. Mit Steinberger verbindet die beiden eine langjährige Freundschaft, der Umzug des Archivs habe sie einander noch näher gebracht. Im Archiv lagern auch Steinbergers Erinnerungen an seine eigene Schaffenszeit im Kleintheater.

Freude an Erinnerungsstücken bei der «Zügelte» ins neue Archiv mit Emil Steinberger. (Foto: Dany Schulthess)

Freude an Erinnerungsstücken bei der «Zügelte» ins neue Archiv mit Emil Steinberger. (Foto: Dany Schulthess)

(Bild: Dany Schulthess)

Auch Massimo Rocchi ist für die beiden mehr als ein Künstler, den sie öfters mal gebucht haben. Anderhub erzählt: «Vor ein paar Jahren hatten wir Werbung an einem VBL-Bus und wollten diesen mit einem Apéro einweihen. Massimo war gleich dabei, mit uns eine Guerilla-Aktion zu starten. Wir sind dann mit Tisch, Prosecco und Massimo zugestiegen und haben im Bus einen Apéro veranstaltet, wobei Massimo die staunenden Fahrgäste unterhalten hat. Solche Erlebnisse verbinden, man lernt den Künstler abseits der Bühne kennen.» Massimo Rocchi kennt Fassbind und Anderhub als «charmante und professionelle Kultur-Rebellinnen» und sagt zum Abschied der beiden vom Kleintheater: «Das Kleintheater Luzern war eine Baustelle und Barbara und Pia haben Tag und Nacht dafür gesorgt, dass es im Leben und am Leben geblieben ist. Das Kleintheater wird für immer ihr Herzklopfen und ihr Flair behalten.»

Angefangen hat die langjährige Zusammenarbeit der beiden Frauen eher spontan und zufällig. Fassbind entschied sich im Januar 2004 an einem Konzert dazu, Anderhub für die Co-Leitung des Kleintheaters anzufragen. Die beiden kannten sich bis zu diesem Zeitpunkt nur flüchtig, hatten sich an Veranstaltungen zufällig getroffen, waren sich sympathisch. Anderhub winkte sofort ab. Sie hatte sich gerade selbständig gemacht und war als Produktionsleiterin unter anderem für das Comedy-Duo «Ohne Rolf» tätig. «Dann sass ich im Konzert und konnte mich keine Sekunde auf die Musik konzentrieren. Meine Gedanken kreisten nur um diese Möglichkeit», lacht Anderhub. «Bereits in der Pause kam sie zu mir und wir begannen herauszufinden, ob das mit uns passen könnte», so Fassbind. Die beiden schauten sich etliche Stücke zusammen an, verglichen ihre Eindrücke von Künstlern anhand eines Drei-Punktesystems und kamen auf eine sehr hohe Überschneidung, was ihre Ansprüche an Theater oder Musik betraf.

Natürlich ging es nicht immer so harmonisch zu und her. «Wir mussten am Anfang viel bis ins Detail ausdiskutieren und uns finden. Mit der Zeit weiss man, dass nicht alles beiden gefallen kann. Das eine Mal gab ich etwas nach, das andere Mal Barbara», sagt Fassbind und Barbara Anderhub nickt. Es mache richtig Spass, diesen Prozess jetzt bei der neuen Leitung zu beobachten.

«Einfach Kulturkonsument sein dürfen»

Die beiden sind sich einig, was sie am Kleintheater vermissen werden. Aber auch, was nicht. Die ständigen finanziellen Sorgen seien eine Belastung. Immer jeden Rappen zweimal umdrehen zu müssen. Den Künstlern nicht die Gage bezahlen zu können, die man gerne würde, um die Mühe und die Kunst zu honorieren.
Barbara ist froh, nicht mehr für alles verantwortlich zu sein: «In einem so kleinen Haus ist man für alles zuständig. Das ist einerseits toll, die Arbeit ist extrem vielfältig. Ich buche die Künstler, repräsentiere das Haus, wechsle aber auch das WC-Papier. Und wer liegt unter dem Schreibtisch, wenn der PC nicht funktioniert? Das ist dann halt auch eine von uns beiden.»
 

Zu schaffen machten ihnen auch die vielen Absagen. «Wir erhalten jährlich über 1’500 Anfragen. Wir können aber nur etwa 90 Künstler annehmen. Das sind über 1’400 Absagen», bedauert Fassbind. «Es geht dann nicht nur um einzelne Auftritte, sondern auch um die Existenzen», denn eine Absage vom Kleintheater bedeute für die meisten eine Absage in Luzern. Dann müssen sich die Künstler selbst Räumlichkeiten mieten und gehen damit finanzielle Risiken ein. «Ein Künstler verkauft nicht nur ein Produkt, er verkauft seine Ideen und damit auch irgendwie sich selbst», sagt Anderhub. Da kann eine Absage auch persönlich schmerzen. «Ich freue mich auch sehr darauf, nicht mehr alles, was ich mir auf Bühnen anschaue, prüfen und abwägen zu müssen, sondern wieder einfach Kulturkonsument sein zu dürfen», sagt Fassbind.

Wenn der Funke überspringt

Was sie am meisten vermissen werden, sei die Zusammenarbeit im Team. Fassbind ergänzt: «Und die Momente, wenn man im Theater sitzt und merkt, wie der Funke überspringt. Wie das Publikum Feuer fängt und der Künstler so richtig aufgeht. Wenn die Begegnung genau so verläuft, und alles so funktioniert, wie man es sich gewünscht hat.»

Sie hätten sehr viel gelernt in den vergangen Jahren. Viel auch voneinander. Denn so sehr sich die beiden Frauen als Veranstalterinnen auf der künstlerischen Ebene verstehen, so unterschiedlich seien sie als Menschen. «Ich bin sachlicher geworden und weiss durch Barbara, dass man auch mal scheitern darf und es nicht immer persönlich nehmen muss», so Fassbind und Anderhub ergänzt: «Pia ist viel mutiger als ich. Ich habe von ihr definitiv gelernt, mehr auf meinen Bauch zu hören.»

Und was jetzt?

«Wir haben zehn Jahre für das Kleintheater gelebt. Jetzt ist die Zeit reif für einen Aufbruch zu neuen Ufern.» Pia Fassbind wird sich gemeinsam mit ihrem Mann ganz ihrem Hof dem «Hinter Musegg»  widmen, in welchem sie neben einer kleinen Beiz unter anderem auch ein Kulturlokal einrichtet  als Bäuerin und Veranstalterin. Anderhub möchte sich wieder mehr Zeit für das Management von «Ohne Rolf» nehmen, Fäden spinnen, auch mal durchatmen.

Sehen werden sie sich weiterhin, natürlich auch im Kleintheater. Denn das Passepartout auf Lebenszeit ist ihnen, wie allen ehemaligen Leitern und Leiterinnen des Kleintheaters, sicher. «Das stellen wir uns gleich noch selbst aus», lachen die beiden.

 

Die Zukunft des Kleintheaters

Ab Sommer 2014 übernehmen Sonja Eisl und Caroline Haas die Leitung des Kleintheaters. Die beiden haben nun bereits ein Jahr Teilzeit mit Fassbind und Anderhub zusammengearbeitet und das Theater und den Betrieb kennengelernt. Fassbind: «Wir freuen uns über die Ideen und die neue Prägung, die das Kleintheater durch die beiden gewinnt. Und wir wünschen ihnen, dass die Entwicklung mit dem Publikum so weitergeht und sie noch mehr neugierige Zuschauer anziehen können, die sich einlassen und die der Qualität des Kleintheaters vertrauen.»

Eisl arbeitete nach ihrem Studium in Theaterwissenschaft in den letzten Jahren im Theater Tuchlaube Aarau in der Dampfzentrale in Bern und der Roten Fabrik Zürich. Haas hat ihre Erfahrungen beim Tournee-Theater «Das Zelt» und als selbstständige Agentin und Produktionsleiterin gemacht.

 

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