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Wie Dolfi Müllers Technologie Recep Erdogan das Bein stellen könnte
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Per QR-Code zur Abstimmung. (Bild: mam)

Stadt Zug lanciert digitale Identität Wie Dolfi Müllers Technologie Recep Erdogan das Bein stellen könnte

5 min Lesezeit 25.06.2018, 18:41 Uhr

Bald kann man in der Stadt Zug mit der digitalen Identität Bücher und Velos ausleihen, Steuererklärungen einreichen und vielleicht auch Baugesuche lancieren oder Parkgebühren bezahlen. Ein erster Testlauf gilt dem e-Voting. zentralplus führte einen Selbstversuch durch und stimmte erstmals mit der App ab. 

Es fühlt sich an wie ein historischer Augenblick, als der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller (SP) im Blitzlichtgewitter der Medien am Montag mit seinem Handy einen QR-Code scannt und dann die erste Stimme im ersten Blockchain-basierten e-Voting der Stadt Zug abgibt (zentralplus berichtete).

Zwar darf die Stadt Zug mit ihrer im vergangenen Jahr eingeführten digitalen ID keine rechtsverbindlichen Abstimmungen durchführen (zentralplus berichtete). Ausserdem ist sie auch nicht die allererste Stadt, die eine Blockchain-basierte Konsultativabstimmung durchführt – gemäss Alexander Denzler von der Hochschule Luzern gab es bereits ein ähnliches Projekt im lokalen Rahmen in den USA.

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«Diese ID über Blockchain sind das Mittel, um den korrupten Regimes dieser Welt das Handwerk zu legen.»

Dolfi Müller, Zuger Stadtpräsident

Aber die Aufregung ist dennoch so gross, dass viele im Raum gar nicht mitbekommen, worüber Dolfi Müller gerade abstimmt. Deswegen führen wir den zentralplus-Selbstversuch durch. Die nötige App, um die digitale ID aufzubewahren, haben wir bereits auf dem Handy installiert. Nun machen wir uns flugs dran, auf der Webseite der Stadtverwaltung einen neuartigen Blockchain-Ausweis zu beantragen.

 

Das Richtige für die Türkei

Es ist ungefähr so schwierig wie Schuhebinden. Und es dauert so lange wie Kaffeekochen: Ein paar Klicks, einen QR-Code scannen, ein paar persönliche Angaben eintippen – der schwerste Part besteht darin, die Nummer des (analogen) Identitätsausweises korrekt einzugeben – denn die weiss wohl kaum jemand auswendig.

Derweil referiert Dolfi Müller, der sich selbst als «Dinosaurier» im digitalen Zeitalter bezeichnet, über die Vorzüge der Zuger ID. Die basiert nämlich auf dem Blockchain Ethereum. Abstimmungen mit einer Blockchain-basierten Identität sind gemäss Müller «das Mittel, um den korrupten Regimes dieser Welt das Handwerk zu legen». Denn die Resultate würden nicht nur zuverlässig verschlüsselt, sondern vor allem dezentral gespeichert. Bei der Zuger e-Voting-Lösung ist ausserdem für den User nachvollziehbar, ob und wie die eigene Stimme gezählt wurde.

Stadtvater Dolfi Müller stellt im Zuger Stadtratssaal die neue e-Voting-Lösung vor, die Zug nun erstmals einsetzt.

Stadtvater Dolfi Müller stellt im Zuger Stadtratssaal die neue e-Voting-Lösung vor, die Zug nun erstmals einsetzt.

(Bild: mam)

Ob eine solche Lösung in der Türkei jemals zur Anwendung komme, sei eine politische Frage, sagt Müller, «aber es wäre genau das Richtige». Er spielt darauf an, dass dort am Wochenende bei den Präsidentschaftswahlen Unregelmässigkeiten gemeldet wurden.

Start mit 240 Stimmbürgern

Von solchen Massstäben ist man in Zug freilich noch weit entfernt. Erst 240 Einwohner der 30’000-Einwohner-Stadt haben eine digitale Identität und können an der Konsultativabstimmung mitwirken. Der Stapi hofft, dass es bis zum Ende des Votings am 1. Juli noch viel mehr werden.

«Das Motto ist: Hack me if you can.»

Alexander Denzler, Hochschule Luzern

Damit wir nun als Nummer 241 abstimmen können, müssen wir unsere ID noch von der Einwohnerkontrolle bestätigen lassen. Aber zuvor lauschen wir den technischen Experten des Projekts. Anwesend ist Wassily Suworow, der Chief Technology Officer der Firma Luxoft, welche die e-Voting-Lösung entwickelt hat. Sowie Alexander Denzler vom Departement Informatik der Hochschule Luzern, welche das Projekt koordiniert.

Dezentral, aber nicht für immer

Suworow wird als Teil des Crypto-Valley-Zug-Teams gleich am Chriesisturm mit einer Leiter durch die Zuger Altstadt rennen. Deshalb übernimmt Denzler das Reden. Die Testabstimmung diene dazu, die sicherheitsrelevanten Teile der e-Voting-Lösung zu überprüfen und aus Fehlern zu lernen. Deshalb – um die Luxoft-Lösung weiterzuentwickeln – sei sie auch als Open-Source-Projekt angelegt. Jeder könne an der Verbesserung mitwirken und den Code überprüfen. «Das Motto ist: Hack me if you can», sagt Denzler.

Ex-Zuger mit Vorliebe für Grüntee: Vitalik Buterin.

Dieser Herr hat den Ethereum-Blockchain entwickelt: Vitalik Buterin. Seine Ethereum Stiftung ist in Zug ansässig.

(Bild: flickr/TechCrunch)

Dann kommt eine Überraschung. Die Daten aus der Konsultativabstimmung bleiben keineswegs für immer an die Blockchain gekettet. Sie werden nach einer Weile gelöscht. «Dies ist nötig, um die Bestimmungen des Schweizer Rechts einzuhalten», so Denzler. Gewisse Kanäle können von der Blockchain also nach einer Weile abgetrennt werden, was auch verhindern soll, dass sie zu schwer wird und eine Menge Energie für die Speicherung nötig wird, wie man es von der Cryptowährung Bitcoin kennt.

Was machen die Ether auf der App?

Die Worte des Zuger Stadtpräsidenten im Ohr, dass es sich bei der Blockchain-Lösung um die in seinen Augen «momentan beste e-Voting-Applikation» handle, eilen wir darauf zur Einwohnerkontrolle, und weisen unsere ID vor. Einige Lidschläge später hat die freundliche Dame uns freigeschaltet und in der Handy-App erscheint die Nachricht, dass wir nun über eine städtisch beglaubigte digitale Identität verfügen.

Hoppla: Auf der «uPort»-App ist auch eine Verbindung zum Ethereum-Universum eingerichtet.

Hoppla: Auf der «uPort»-App ist auch eine Verbindung zum Ethereum-Universum eingerichtet.

(Bild: mam)

Ausserdem verfügen wir nun über die Handy-App auch gleich über ein Portemonnaie für die Cryptowährung Ether, auch wenn es leer ist und die App uns warnt, echte Ethers im Testbetrieb einzusetzen. Doch egal, wir sind ja nicht zum Spekulieren und Shoppen hier, sondern für Pioniertaten und um abzustimmen. Nach einem kurzen Imbiss finden wir via Webseite der Stadt Zug auf die Abstimmungsplattform und loggen uns mit der Handy-App ein.

Eine Antwort ist möglich

Nach dem Scannen eines QR-Codes erhalten wir einen Schlüssel zum Herunterladen, was uns einen Moment verwirrt. Also klicken wir uns weiter und gelangen so zu den Fragen der ersten digitalen Stadtzuger Abstimmung: Finden Sie es gut, dass am Zuger Seefest alljährlich ein Feuerwerk den Himmel erhellt? Erlebten Sie diese digitale Abstimmung mittels Digital-ID als einfach? Und welche weitere Anwendungen der digitalen ID würden Sie nutzen?

Wir würden gern alle Vorschläge nutzen, müssen uns aber auf eine Antwort beschränken. Auf dem Bildschirm werden uns alle Antworten nochmals angezeigt, dann heisst es, via Klick abzustimmen – Änderungen sind nun nicht mehr möglich. Bis zum Ende der Abstimmung am 2. Juli müssen wir uns nun gedulden, dann können wir mit unserem heruntergeladenen Schlüssel nachschauen, ob und wie unsere Stimme gezählt wurde.

Die nächsten möglichen Anwendungen für die Zuger Digital-ID.

Die nächsten möglichen Anwendungen für die Zuger Digital-ID.

(Bild: mam)

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