Gesellschaft

Enorme Dankbarkeit trifft auf leise Kritik
Wie die Baarer Chilbi der Corona-Pandemie trotzt

  • Lesezeit: 5 min
  • Kommentar: 1
Das Ehepaar Zanolla in der Kassenbox der «Putschibahn».
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Das Ehepaar Zanolla in der Kassenbox der «Putschibahn». (Bild: wia)

Die Gemeinde Baar ist eine von wenigen Gemeinden in der Schweiz, die sich die Umsetzung einer grossen Chilbi während der Corona-Pandemie zugetraut hat. Die Vorgaben sind klar. Wer kein Zertifikat vorweisen kann, darf nicht auf die Chilbibahnen. Neben leiser Kritik ist jedoch bei den Besuchern eines spürbar: eine riesige Dankbarkeit.

Wenn man sich auf etwas im Leben verlassen kann, dann darauf, dass die Baarer Chilbi seit Jahrzehnten gleich daherkommt. Gleiche Bahnen, gleiche Gerüche, die gleichen Marktstände, die seit jeher die gleichen Pantoffeln, Teesorten und Gemüserüstmesser verkaufen. Einigermassen stimmt das auch im Jahr 2021. Auch heuer brutzeln Minidonuts im heissen Fett, auch heuer tummeln sich Halbstarke um den Boxsack.

Und doch ist heuer alles ein wenig anders. Denn für einmal ist das Gelände rund um das Schulhaus Marktgasse abgezäunt, wer sich darin tummelt, wurde entweder gegen Covid geimpft, kürzlich getestet oder war an Corona erkrankt und ist wieder genesen. Es herrscht Zertifikatspflicht. Ein Umstand, der von zentralplus-Lesern vorgängig mitunter kritisch kommentiert wurde (etwa hier).

Bei den Kritikerinnen scheint es sich um eine Minderheit zu handeln. Am Samstagnachmittag, kurz nach Eröffnung der Bahnen, sind schon viele Menschen unterwegs. Das Warten vor den Zertifikatskontrollposten scheinen die Besucher sportlich zu nehmen. Tatsächlich zeugen die Gesichter vieler Kinder und Erwachsener von Vorfreude.

Wer kein 3G hat, bleibt hier aussen vor.

Die meisten Reaktionen sind sehr positiv

Die Baarer Gemeinderätin Sonja Zeberg-Langenegger ist die Hauptverantwortliche des aktuellen Anlasses. Sie sagt auf Anfrage: «Von den Schaustellern, Marktfahrern sowie von der Bevölkerung haben wir grossmehrheitlich positive Feedbacks erhalten. Man freut sich, dass die Chilbi überhaupt ermöglicht wurde, trotz der Einschränkungen und Massnahmen.»

Wir unternehmen die erste «Runde» um das Marktgasse-Schulhaus. Vorbei an «Putschibahn», Pferderennstand und an der gigantischen Schaukel, welche die Fahrgäste nach wenigen Minuten gnadenloser Irrfahrt mit grünlichen Gesichtern zurücklässt.

«Als wenn nur dies hier eine besonders gefährliche Zone wäre.»

Beni Riedi, Zuger SVP-Kantonsrat und Zertifikatskeptiker

Beni Riedi steht mit seiner Familie vor dem Kinderkarussell. Der SVP-Kantonsrat ist nicht begeistert von der 3G-Massnahme. Auch wenn er es sehr begrüsse, dass trotz Pandemie überhaupt ein Anlass stattfinde. «Was mich jedoch irritiert, ist dass hier bei den Bahnen Zertifikatspflicht herrscht, während draussen, wo viele Menschen um die Marktstände herumstehen, keine solche Regelungen gelten. Als wenn nur dies hier eine besonders gefährliche Zone wäre.»

Kurz nach Eröffnung strömen viele Leute aufs Gelände.

Drei Chilbiteile, drei Sicherheitskonzepte

So einfach ist die Sache nicht, beteuert Gemeinderätin Sonja Zeberg. «Dies insbesondere, da die Baarer Chilbi aus drei Teilen besteht, die alle unterschiedliche Vorgaben haben.» Sie erläutert: «Zum einen ist da der Markt, auf dem eigene Auflagen zu berücksichtigen sind. Wir haben ihn dieses Jahr so aufgestellt, dass wir einen Einbahnverkehr gewährleisten können. Weiter gibt es die Beizli, welche ein eigenes Schutzkonzept analog zu den Restaurants erfüllen müssen.» Und last but not least bestehe beim Rummelplatz, welcher als Veranstaltung gelte, eben die 3G-Regel.

«Wir sind gottenfroh für jede Gemeinde, die den Mut aufbringt, eine Chilbi durchzuführen.»

Eugen Zanolla, Schausteller

Eugen und Lisa Zanolla sitzen hinter der Kasse ihrer Autoscooteranlage. Die Schaustellerin verkauft Jetons an Menschen, die fast alle bübisch dreinblicken. Die Musik im Hintergrund ist laut, mit den Kunden verständigt sie sich primär mit Handzeichen. Jeder Handgriff sitzt, Lisa Zanolla ist in ihrer Welt. Ihr Ehemann, der uns spontan zum Gespräch in die Kassenbox lädt, erzählt: «Wir sind wirklich gottenfroh für jede Gemeinde, die den Mut aufbringt, eine Chilbi durchzuführen.» Mit der 3G-Regel für Messen haben die Zanollas bereits Erfahrung, diese galt bereits in Basel sowie in Luzern an der «Schützenchilbi» (zentralplus berichtete). «Und sie hat dort sehr gut funktioniert.»

Er hält kurz inne und sagt dann: «Man darf sich nicht gegen das Neue sträuben, sondern muss jetzt umdenken. Die alte Normalität ist vorbei.» Die letzten bald zwei Jahre waren hart für die Branche. So sehr, dass man sich bereits freue, wenn man überhaupt fahren dürfe. «Normalerweise sind wir jährlich an 25 bis 30 Orten vertreten. Diese Saison waren es vier», sagt er. In Baar sind die Zanollas mit drei ihrer Bahnen präsent.

Das Ehepaar Zanolla in der Kassenbox der «Putschibahn».

Noch nie hätten sich so viele Besucher bedankt

Die Baarer Chilbi ist noch jung, es ist der erste von drei Tagen. Es sei noch zu früh, um Prognosen zu stellen, wie es laufen werde, stellt Lisa Zanolla fest. «Doch merken wir bereits, wie sehr sich die Leute über den Anlass freuen. Man denkt, uns brauche es nicht. Doch sind es nicht genau solche Anlässe, die das Leben lebenswert machen?», ergänzt ihr Partner. Noch nie hätten sich so viele Leute bedankt wie dieses Jahr. Er zückt sein Handy, zeigt ein Foto eines herzförmigen Briefes, in dem sich ein Knabe für die Bahnfahrten bedankt.

Doch schwingt da auch Furcht mit, wenn Zanolla erzählt: «Wir haben Angst, dass die Bahnen, die aktuell nicht in Betrieb sind, einen Standschaden erleiden könnten. Funktionieren beispielsweise nach der langen Pause die Computer nicht mehr einwandfrei, muss man diese neu programmieren. Das ist ein riesiger Kostenpunkt.»

Mit der Sicherheit habe dies nichts zu tun, betont der Schausteller. «Die Bahnen werden sowieso regelmässig TÜV-geprüft. Meine Bahnen sogar häufiger als nötig. Mir ist die Sicherheit sehr wichtig.»

Was macht die fünfte Welle mit den Märkten?

Apropos Sicherheit: Auch die fehlende Planungssicherheit macht dem Paar zu schaffen. «Das ist beinah das Schlimmste. Nun geht es langsam auf die Weihnachtsmärkte zu. Gleichzeitig rollt die fünfte Welle an.» Vor einem Jahr am Weihnachtsmarkt in Affoltern mussten die Schausteller ihre Zelte vorzeitig abbrechen, weil die Fallzahlen stark anstiegen.

«So ganz wohl ist uns nicht.»

Eugen Zanolla, Luzerner Schausteller

Solche unverhofften Planänderungen gehen ins Geld. «Einen Autoscooter aufzustellen ist ein ziemlicher Aufwand und braucht eine Menge Logistik. Da macht es einen riesigen Unterschied, ob man während zwei oder nur Wochenenden spielen darf», sagt Lisa Zanolla. Die Luzernerin ist nicht nur Schaustellerin, sondern auch SVP-Politikerin. «So ganz wohl ist uns nicht», ergänzt ihr Mann.

Für diese Chilbibahn braucht’s einen stählernen Magen.

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1 Kommentare
  1. Rudolf Krauer, 14.11.2021, 11:54 Uhr

    Frau Zanolla ist nicht mehr Präsidentin des Stadtparlament.

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