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Wie der Sozialdirektor die Agglo-Gemeinden zusammenschweissen will
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Stadtrat Martin Merki: Beim Rudern findet er Ausgleich. (Bild: jwy)

Luzerner FDP-Stadtrat Martin Merki im Porträt Wie der Sozialdirektor die Agglo-Gemeinden zusammenschweissen will

7 min Lesezeit 3 Kommentare 27.02.2020, 05:03 Uhr

Der 57-jährige Martin Merki ist seit acht Jahren im Stadtrat, seine Wiederwahl ist kaum gefährdet. Nun will er für die FDP das Stadtpräsidium erobern. Was der Sozialdirektor anders machen würde als der linke Stapi, bleibt aber unklar.

«Seit ich im Stadtrat bin, hat es abgenommen.» Martin Merki sitzt im Ruderclub Reuss mit Blick auf den See. Mit «es» meint er das Rudern. Seit 40 Jahren findet er dabei Ausgleich. In den wärmeren Monaten ist er einmal wöchentlich hier. «Der See ist ein wunderbarer Erholungsraum», sagt Merki. Er kann dabei abschalten, im alten Club-Haus trifft er Gleichgesinnte. Muss er sich viele politische Sprüche anhören im Verein? Er lacht – und schweigt.

Die gesellige Seite von Martin Merki steht normalerweise nicht im Vordergrund. Der FDP-Stadtrat ist ein unscheinbarer Macher und steht im Vergleich zu seinen Kolleginnen und Kollegen weniger im Rampenlicht. Das mag mit seiner Person zusammenhängen, sicher aber mit seinen Dossiers, die weniger Gegenstand von ideologischen Grabenkämpfen sind.

Besucher? Nein, Stadtrat!

Verkehr, Kultur, Tourismus oder Bauprojekte sorgen in der Stadt für Emotionen und Debatten. Quartiere, Familie und Alterspolitik tun es weniger. Ein Blick ins Medienarchiv stützt die Annahme: 2019 kam der Name Martin Merki in 107 Artikeln vor, am wenigsten von allen Stadträten. Pressetermine, Mitteilungen oder Parlamentsdebatten aus seiner Sozial- und Sicherheitsdirektion sind seltener.

Eine kleine Anekdote dazu aus dem Stadtparlament. Bei der Einlasskontrolle ins Rathaus fragt der Polizist: «Besucher?» Martin Merki: «Nein, Stadtrat!»

Ist er zu wenig bekannt? Das glaube er nicht, sagt Merki – und die Wähler geben ihm recht: Vor acht Jahren erzielte er das beste Resultat von allen neuen Kandidaten, vor vier Jahren gar das beste von allen. «Zudem sind diese Polizisten ja nicht aus der Stadt Luzern», fügt er an.

Ein Knochenjob mit Spass

Die Arbeit als Stadtrat ist laut Merki ein Knochenjob. «Wir sind oft von früh bis spät unterwegs, die inhaltliche und zeitliche Belastung ist gross und wir sind häufig gehetzt», sagt er. Aber das Amt sei sehr erfüllend – und die Arbeit mache ihm Spass.

«Die Deliktzahlen bei den Brennpunkten sind zurückgegangen.»

2018 hat Martin Merki zusätzlich die Sicherheit übernommen und damit mehr Arbeit. Dafür fiel mit der Verselbstständigung der Heime ein grosser Teil weg. Jugend, Drogen, Prostitution oder Sicherheit im öffentlichen Raum: Es gibt sehr wohl Zündstoff in Merkis Bereich. Aber aus seiner Sicht kein Anlass zur Sorge: «Luzern ist eine sehr sichere Stadt, das hat der sechste Sicherheitsbericht vom letzten Jahr gezeigt.»

Die subjektive Sicht widerspricht manchmal den objektiven Zahlen. So gibt’s Beobachtungen, dass sich die Drogenszene und der Strich wieder in Parks breitmachen. Merki sagt: «Die Deliktzahlen bei den Brennpunkten sind zurückgegangen.» Massnahmen der «engeren Sicherheitskultur» – etwa die Quartierpolizei, SIP oder das Sicherheitsmanagement – greifen. Eine offene Drogenszene wie in der Eisengasse in den 90ern gebe es nicht mehr.

Martin Merki vor dem Seeclub, in dem er seit 40 Jahren dabei ist. (Bild: jwy)

Von der Redaktion ins Parlament

Martin Merki hat eine Vergangenheit als Journalist: Er hat schon in der Kanti für die damals noch drei Luzerner Zeitungen geschrieben. Via «Basler Zeitung» landete er bei der einstigen LNN. «Das war eine ganz andere, lebendige Presseszene in Luzern», sagt er rückblickend.

Bevor er Stadtrat wurde, war er Zentralschweiz-Korrespondent der NZZ. Seine damalige Stelle gibt’s bei den grossen Zeitungen nicht mehr. Merki, der «sehr breit und sehr quer» Medien konsumiert, bedauert die abnehmende Presse-Vielfalt. Sagt aber: «Luzern hat eine Grösse, wo der persönliche Kontakt eine grosse Rolle spielt, man bekommt auf mündlichem Weg sehr viel mit.»

«Ich schaue meine Aufgaben als Generationenpolitik an.»

Sein gleichnamiger Vater war ein journalistisches Schwergewicht in der Region. In den Journalisten-Beruf ist er ihm gefolgt, in die CVP nicht. Ist er bei der NZZ freisinnig politisiert worden? Er winkt ab: «Die liberalen Werte – Selbstbestimmung, Schutz von Minderheiten, Chancengerechtigkeit – waren für mich schon immer zentral.»

Als er 2010 ins Stadtparlament gewählt wurde, blieb Merki noch in Doppelfunktion Politiker und Journalist, was für Kritik sorgte. Erst bei der Wahl in den Stadtrat 2012 gab er seine Stelle auf. Er sieht auch heute kein Problem darin, weil er nicht über Themen der städtischen Politik berichtete.

Er will beim Sozialen bleiben

Martin Merki ist Vielleser, besucht gerne Theater-Vorführungen und begleitet seine Frau an Konzerte. Würde ihn auch die Kultur reizen, falls er Stadtpräsident wird? «Nein, ich will weiterführen, was ich seit acht Jahren mache», sagt er. Der Freisinnige fühlt sich beim Sozialen und der Sicherheit wohl, weil er die gesellschaftliche Relevanz sieht. «Das ist bereichernd, ich schaue meine Aufgaben als Generationenpolitik an.»

Und es stimmt: Bei Merki laufen die Themen aus sämtlichen Lebenslagen zusammen, von der Kinderkrippe über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis zum selbstbestimmten Wohnen im Alter. Letzteres werde ein grosses Thema bleiben, denn Luzern habe neben Schaffhausen und Basel den höchsten Anteil an über 65-Jährigen.

Nach acht Jahren im Stadtrat reizt Martin Merki nun das Stadtpräsidium. (Bild: jwy)

Der Brückenbauer

Merki hat in seinen acht Jahren viele Vorlagen durchgebracht, die im Parlament breit abgestützt waren. Den breiten Konsens – den «integrativen Ansatz» – würde er auch als Stadtpräsident suchen. Er habe als Sozialdirektor bewiesen, dass er Projekte über die Gemeindegrenze umsetze und nennt als Beispiele die Mutter-/Väterberatung, Aufsicht und Bewilligung bei Betreuungsgutscheinen und die Pflegefinanzierung.

«Ich konnte erfolgreich Kooperationen umsetzen.» Die Beziehungsarbeit mit dem Kanton und den umliegenden Gemeinde möchte er darum verstärken. «Wir müssen uns mehr an einen Tisch setzen, verhandeln und schauen, wo die Gemeinsamkeiten sind.» Etwa wenn’s um Sprachförderung geht oder die berufliche Integration von Flüchtlingen.

Diese Brückenbauer-Funktion reizt Merki. «Meine Motivation kommt aus einer tiefen Verbundenheit mit Luzern, wo ich aufgewachsen bin und fast jede Ecke kenne.» Die Bevölkerung müsse die Gewissheit haben, dass sie gehört und ernst genommen werde. «Als Sozialdirektor sehe ich jeden Tag, wie wichtig das ist», sagt er.

Das Grüne gehört für ihn zum Liberalen

Eine grundsätzlich andere Vision für die Stadt Luzern als vom amtierenden Stapi Beat Züsli (SP) hört man von Martin Merki nicht. Trägt er doch seit zwei Legislaturen die Regierungsentscheide mit.

Ist er mehr das Zugpferd für seine schwächelnde und einst dominierende FDP, wie Kritiker behaupten? Sein Zögern und seine späte Kandidatur haben diese Frage aufgeworfen. «Als liberale Kraft wollen wir Verantwortung übernehmen und Einfluss nehmen – da gehört das Stadtpräsidium dazu», sagt der 57-Jährige.

«Ich habe grosse Vorbehalte gegenüber der Reussportbrücke.»

Die FDP hat in letzter Zeit bewiesen, dass sie die Pole aufbrechen kann und auch öfters mit den Grünen für Lösungen zusammenspannt. Für Merki ist das selbstverständlich: «Liberale Politik trägt das soziale, gesellschaftliche, kulturelle und grüne Element in sich.»

Fusion Ja, Spange Nord Nein

Auch beim Verkehr sieht er als grösste Herausforderung eine zukunftsfähige Mobilitätsstrategie unter Federführung des Kantons. «Das finde ich viel wichtiger, als dass wir über einzelne Projekt reden», sagt er. Auch das gemeinsame Selbstverständnis mit der Kern-Agglomeration – den K5-Gemeinden – will er stärken. Er bedauert die gescheiterte Fusion zu Grossluzern vor zehn Jahren: «Die beste Form von Zusammenarbeit ist die Fusion. Wir haben einen funktionalen Lebensraum von 200’000 Menschen, die nicht wissen, wo die Gemeindegrenzen aufhören.»

Nirgends sind die Differenzen zwischen Kanton und Stadt grösser als bei der Spange Nord respektive beim reduzierten Projekt Reussportbrücke, das sein Parteikollege Fabian Peter im Regierungsrat verantwortet. Er habe grosse Vorbehalte gegenüber dem Projekt, sagt Merki. «Ich frage mich, ob das bisschen Zeitgewinn den enormen Eingriff ins Quartier wettmacht.» Im engen städtischen Raum müsse der vorhandene Verkehr auf der vorhandenen Fläche intelligent organisiert werden – ohne zusätzlichen Strassenraum.

Kein Antipol zu Stapi Züsli

Auf das Kaffeesatzlesen seiner Wahlchancen will sich Merki nicht einlassen: «In der Politik ist überhaupt nichts garantiert.» Aber wäre es ein Dämpfer, wenn er seine Spitzenposition einbüssen würde? «Ich freue mich einfach, wenn ich wiedergewählt werde und weitermachen kann», sagt er. Auch im Falle einer Nicht-Wahl als Stapi werde er Stadtrat bleiben, verspricht Merki. «Das ist ein Auftrag der Bevölkerung.»

Ein Antipol zu Beat Züsli ist Martin Merki mit seinem bedachten Auftreten jedenfalls nicht. Wäre ein stärkerer Kontrast nicht wünschenswert? «Ich bin eine Alternative und wir sind zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Ich biete eine Auswahl und erwarte einen Wahlkampf auf Augenhöhe.»

Martin Merki im Video: «Die Stadt Luzern würde mir besser gefallen, wenn …»

Hinweis: Dieser Artikel bildet den Auftakt der zentralplus-Serie zu allen zehn Kandidatinnen und Kandidaten für den Luzerner Stadtrat. Mehr Infos zu den Wahlen vom 29. März gibt’s in unserem Dossier.

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3 Kommentare
  1. Silvia Keller, 27.02.2020, 09:34 Uhr

    Ok, und WIE will er nun die Agglo-Gemeinden zusammenschweissen? Dazu steht im Artikel nichts.

    1. Jonas Wydler, 27.02.2020, 09:55 Uhr

      Nicht im Detail, aber Martin Merki sagt: Auch das gemeinsame Selbstverständnis mit der Kern-Agglomeration – den K5-Gemeinden – will er stärken. Er bedauert die gescheiterte Fusion zu Grossluzern vor zehn Jahren: «Die beste Form von Zusammenarbeit ist die Fusion. Wir haben einen funktionalen Lebensraum von 200’000 Menschen, die nicht wissen, wo die Gemeindegrenzen aufhören.»

  2. Dunning-Kruger, 27.02.2020, 08:44 Uhr

    Bevor der Fusions-Wahn wieder komplett am Volkswillen vorbei hervorgekramt und etabliert werden soll, formuliere ich bereits heute einen Auftrag an SR Merki: Führen Sie erstmal eine Konsultativabstimmung bei den Bürgern durch, bevor wieder Millionen zu Beraterunternehmen fliessen und der Souverän dann an der Urne die Vorlage hochhaus bachab schickt!! Neoliberale Narrative und Globalisierungstendenzen müssen nicht auch noch auf die Gemeinden angewendet werden!

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