Wie der Kanton Zug mit explodierenden Ansteckungszahlen umgeht
  • Politik
Trotz Schwierigkeiten schwören sie auf Contact Tracing: der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri (links) und sein Stellvertreter Hanspeter Kläy. (Bild: ios)

35 Leute versuchen Infektionsketten zu unterbrechen Wie der Kanton Zug mit explodierenden Ansteckungszahlen umgeht

4 min Lesezeit 9 Kommentare 25.10.2020, 12:00 Uhr

Zug galt seit Beginn der Pandemie als Vorreiterin beim Contact Tracing. Obwohl die Zusammenarbeit mit der überforderten Lungenliga mittlerweile sistiert wurde, denkt man nicht ans Aufgeben. Allerdings muss das Team um einiges pragmatischer vorgehen.

Das waren noch Zeiten: Als sich im Juni nach dem Abebben der ersten Corona-Welle im Kanton Zug plötzlich 12 Personen in 10 Tagen mit dem Virus ansteckten, investierte das Contact Tracing mehrere Tage in minutiöse Detektivarbeit, um die Ausbruchsursache festzustellen. Man stiess auf ein Familienfest, welches dazu führte, dass rund 50 Leute in die Quarantäne mussten (zentralplus berichtete).

Mittlerweile hat die zweite Welle der Seuche die Schweiz erreicht und die Ansteckungszahlen gehen durch die Decke. Auch im Kanton Zug, wo man die Zusammenarbeit mit der Lungenliga Zentralschweiz beim Contact Tracing mittlerweile sistiert hat (zentralplus berichtete). Diese ist auch mit der Betreuung anderer Kantone –  von Luzern und dem pandemiegeplagten Schwyz – beauftragt und daher überlastet.

Zusammengezählt 14 Vollzeitstellen

Der Kanton Zug hat nun eine eigene Truppe zusammengestellt, welche das Contact Tracing erledigt. Ende Woche umfasste sie «rund 35 Personen» wie Aurel Köpfli, der Sprecher der Zuger Gesundheitsdirektion auf Anfrage von zentralplus sagte. Diese teilen sich Pensen von 20 bis 100 Prozent – zusammen entsprechen sie 14 Vollzeitstellen.

Pikant: Einen grossen Teil der Tracer hat Zug in der kantonalen Verwaltung rekrutiert. «Die Mitarbeitenden stammen etwa aus anderen Abteilungen des Amtes für Gesundheit, dem Amt für Sport oder dem Rettungsdienst», sagt Köpfli. «Bei vielen Projekten und Aufgaben entstanden und entstehen daher Verzögerungen.» Man stelle jedoch laufend auch neue, externe Personen an.

Fachpersonal gesucht

Das Rekrutierungspotential ist begrenzt. Wer in Zug Kontaktpersonen aufspürt, sollte eine medizinische Ausbildung besitzen. Die Lungenliga etwa griff daher auch auf Zivildienstleistende mit Fachwissen zurück. Der Kanton Zug muss sich mit Zivilschützern begnügen – drei sind es derzeit, welche qualifiziert genug und verfügbar sind.

«Grundsätzlich reichen die momentanen Ressourcen – auch wenn die Belastung hoch ist.»

Aurel Köpfli, Sprecher Zuger Gesundheitsdirektion

Die Frage ist: Genügt dieser Personalbestand, um die Kontakte von immer mehr Angesteckten festzustellen und zu benachrichtigen? Bekanntlich hat der Kanton Schwyz vor einiger Zeit aufgegeben. Infizierte mussten ihre Bekannten plötzlich selber informieren – und das Contact Tracing beschränkte sich auf Benachrichtigungen per SMS.

Vorübergehend überfordert

Überraschend: Obwohl der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, am Freitag warnte, dass das Land einen Getriebeschaden habe und das Contact Tracing in der Schweiz an seine Grenzen stosse, ist man im Kanton Zug immer noch optimistisch.

«In den letzten zwei Wochen gab es zwar eine Phase, wo der telefonische Kontakt nicht immer rechtzeitig möglich war», räumt Aurel Köpfli ein. «Grundsätzlich reichen aber die momentanen Ressourcen – auch wenn die Belastung hoch ist.»

Tracer schaffen wenige Fälle

Nun hatte der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) in den Medien vorgerechnet, dass zur effektiven Nachverfolung von zwei anspruchsvollen Fällen von Neuansteckungen der Einsatz eines Tracers notwendig sei.

Im Kanton Zug gabs Ende Woche gut 60 Neuansteckungen täglich. Bei 14 Vollzeitstellen bedeutet dies, dass ein Tracer vier Fälle aufklären muss. «Der Zeitaufwand zwischen den einzelnen Fällen kann aber sehr stark variieren – je nachdem, mit wie vielen Personen die Indexperson engen Kontakt hatte», gibt Köpfli zu Bedenken.

Angesteckte sollen mithelfen

Also wird nach wie vor auf die Benachrichtigung ausschliesslich per SMS verzichtet. «Der  Erstkontakt zu Infizierten findet stets per Telefon und durch eine medizinische Fachperson statt», sagt Köpfli. So könnten viele Fragen zur Krankheit und zur Isolation von Experten beantwortet werden. SMS würden höchstens zusätzlich versendet, um die Kontaktaufnahme zu beschleunigen.

Aber die Angesteckten werden mittlerweile mit eingespannt. Selbst wenn die Kontaktaufnahme normalerweise übers kantonale Contact Tracing laufe, so Köpfli, «werden Infizierte etwa zur Mithilfe aufgefordert, wenn ein ganzer Sport- oder Musikverein in Quarantäne gesetzt werden muss».

Einsatz am Wochenende

Die Zeiten, als die Ansteckungsquelle jedes Corona-Falls ausrecherchiert wurde, sind längst vorbei. Bei über 30 Prozent der Infektionen ist nicht mehr festzustellen, wo sich die Virusträger angesteckt haben. Egal. Auch bei Personen, bei welchen die Ansteckung nicht gänzlich zurückverfolgt werden kann, werde Contact Tracing betrieben, sagt Köpfli. «Die engen Kontaktpersonen werden identifiziert und informiert.»

Ein Makel wurde zudem behoben. Vor wenigen Wochen hatte die «Zuger Zeitung» herausgefunden, dass die Lungenliga, die damals mit dem Contact Tracing beauftragt war, jeweils am Sonntag ihre Aktivitäten einstellte. Das scheint sich nun geändert zu haben.

«Die Kontaktaufnahme mit den infizierten Personen war immer beim Amt für Gesundheit angesiedelt und wurde stets an sieben Tagen in der Woche aufrechterhalten» schränkt Köpfli ein. «Auch jetzt arbeiten die Mitarbeitenden des Kantons am Wochenende und weit über die Bürozeiten hinaus.» 

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9 Kommentare
  1. Christian, 27.10.2020, 12:49 Uhr

    Ernsthaft? Ende September war ich in Kontakt mit meiner Person, die 5 Tage später positiv auf Corona getestet wurde. Sowohl die Person als auch ich als auch der Kontakt fand im Kanton Zug statt. Netterweise hat mich die Person selbst informiert.
    Kontaktaufnahme seitens des Contact Tracing? Totale Fehlanzeige. Dieses sogenannte Contact Tracing funktioniert seit geraumer Zeit nicht mehr!
    Artikel wie der oben, die suggerieren, dass alles unter Kontrolle sei, sind reine Augenwischerei!

  2. Giuseppe, 26.10.2020, 08:41 Uhr

    Die Kantine im Kanton ist nach wie vor für Externe offen, als ob nichts passiert ist, ausserdem werden Treffen mit Externen abgehalten, als ob nichts wäre, obwohl dies über Skype leicht möglich ist! Soviel zu den Massnahmen! Mit schlechtem Beispiel vorangehen, so nennen wir es lieber!

  3. Luc Bamert, 26.10.2020, 07:36 Uhr

    Gefragt sind nicht „Ansteckungen“, „Fälle“ und „positive Tests“. Sondern tägliches Aufdatieren pro Kanton von:
    – Bettenbelegung exkl. Intensivpflege in %
    – Bettenbelegung wegen Covid in %
    Sodann:
    – Bettenbelegung Intensivpflege in %
    – Bettenbelegung wegen Covid in %

    Nur eine solche Erhebung bildet die Realität ab. Gerade im kleinen Kt. Zug wäre das „simple comme bonjour“.

  4. Peter Knuf, 25.10.2020, 20:02 Uhr

    Die Zuger Behörden schlafen seit Wochen, im Verwaltungsgebäude ist nirgends für genügend Abstand gesorgt. Maskenpflicht wird nirgends geandet oder getadelt. Einkaufen im ganzen Kanton ist fast problemlos möglich, trotz Maskenpflicht

  5. Corona, 25.10.2020, 16:17 Uhr

    Ganz genau!
    Würd mich ebenfalls nicht wundern wenn früher oder später der eine oder andere anfängt durch zu drehen.

  6. mebinger, 25.10.2020, 14:01 Uhr

    Ihr zerstört massenhaft Existenzen

  7. mebinger, 25.10.2020, 14:01 Uhr

    Es ist inzwischen ein Krieg von hysterischen dummen Politikern, gegen das Volk und ich warte nur drauf, bis irgend ein kranker Typ sich nicht mehr im Griff hat aber dann ist es ja wieder ein Einzelfall.

    Liebe Politiker ihr spielt mit dem Feuer

    1. Heinz Röthlisberger, 25.10.2020, 17:00 Uhr

      Ich verstehe aufgrund des Artikels nicht, was Sie meinen. Was haben Zuger Politiker zerstörerisches gegen das Volk getan?

    2. Mykell, 25.10.2020, 23:30 Uhr

      Sie warten nur darauf? Ist es die Verbitterung über das eigene Leid welches Sie dazu veranlasst dies Anderen zu wünschen? Ich verstehe die Frustration und die Unsicherheit durch die momentane Situation. Aber ich hoffe Sie überdenken ihre Position und besonders ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen. Ich habe selbst mit grossen Einschränkungen zu leben und die Balance weg von Selbstzweifel oder dem Gegenteil Frustration/Aggression, fällt mir oft auch nicht leicht. Aber klassische Feindbilder zu haben oder Freunde am Leid Anderer zu verspüren oder dies Jemandem zu wünschen, kann ich nicht nachvollziehen. Bleiben Sie gesund

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Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.