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Wie der 13-jährige Nicola zwischen den Schulen aufgerieben wird
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Nicola Rubin aus Ebikon möchte Geschichte studieren. Doch vorerst muss er eine passende Schule finden. (Bild: hae)

Luzerner Vater kämpft für seinen autistischen Sohn Wie der 13-jährige Nicola zwischen den Schulen aufgerieben wird

6 min Lesezeit 2 Kommentare 28.04.2019, 05:02 Uhr

Ein 13-jähriger Schüler aus Ebikon wurde in eine Sonderschule in Schachen eingeteilt, weil er autistisch und deshalb verhaltensauffällig und schwer zu integrieren ist. Dort litt der Hochsensible dermassen unter chaotischen Zuständen, dass er seit über einem Monat zu Hause lernt. Die Eltern verzweifeln: Wo soll ihr Junge nur hin?

Nicola Rubin fühlte sich wohl an der Schule in Ebikon, wo er fast sieben Jahre lang die Schulbank drückte. Er sitzt am Küchentisch mit seinem Vater, trinkt frischen Kräutertee und erzählt über sein erstes Jahr in der Sekundarschule im Schulhaus Wydenhof: «Die Schule bot meines Erachtens ein optimales Arbeitsverhältnis für mich. Die Lehrpersonen unterstützten mich, auch meine Pultnachbarin half mir.» 

Der 13-jährige Nicola erhielt integrative Sonderschulung. Diese Förderung für Schüler mit Lernschwierigkeiten und für solche mit speziellen Begabungen gibt es seit 2011 flächendeckend im Kanton Luzern. Mit solcher Hilfe hätte es sein erstes Sek-Schuljahr in Ebikon sein sollen. Doch es kam anders.

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Nicola Rubin sagt: «Das soziale Umfeld des Wydenhofes war gut, ausser die oft angewendete Gassensprache auf dem Pausenplatz.» Für einen autistisch in seiner eigenen Welt lebenden jungen Menschen kann solches schnell zum Problem werden: Autisten sind sehr sensibel und leiden, sind deshalb verhaltensauffällig und schwer zu integrieren. 

17 Kilometer von zu Hause weg

Der sensibel auf Lautstärke reagierende Nicola wurde zusehends nervöser und vor fast zwei Monaten von der Schulleitung in Ebikon nach Schachen übermittelt. Das liegt 17 Kilometer von Nicolas’ Wohnort entfernt, zwischen Malters und Werthenstein.

Das dortige Schul- und Wohnzentrum (SWZ) ist eine Sonderschule für normalbegabte und lernbehinderte Jungen und Mädchen, die aufgrund ihrer Verhaltensschwierigkeiten einer gezielten pädagogischen und schulischen Unterstützung bedürfen. 

Dort hätte Nicola Rubin eigentlich in der Autismus-Tagesschule ASS gehen sollen, doch die fünf Plätze sind besetzt. Also wurde er unter die verhaltensauffälligen Schüler eingeteilt. Vorerst nur einen Tag zum Schnuppern, dann kam er wieder gerne nach Hause. Am nächsten Tag ging es in der Gruppe zu einem Ausflug in den Gletschergarten, wo Nicola für ihn Unerträgliches erleben musste. 

«Chaotische Zustände, Gewalt, sexistisches Gerede und üble Nachrede mit Worten wie ‹Neger›.»

So erlebte Nicola Rubin seine Mitschüler

Der hochsensible Junge litt. Er vernahm von seinen Mitschülern «chaotische Zustände, Gewalt, sexistisches Gerede und üble Nachrede mit Worten wie ‹Neger›». zentralplus liegen detaillierte Beschreibungen der Eindrücke des Schülers vor. In der neuen Sonderschule in Schachen hielt es Nicola keine Woche aus, bis sein Vater Karl-Heinz Rubin (51) ihn von der Schule nahm. Und seither seinem Sohn zu Hause selber Unterricht gibt.

«Ein Fall für die Politik»: Vater Karl-Heinz Rubin macht sich für seinen autistischen Sohn Nicola stark.

«Ein Fall für die Politik»: Vater Karl-Heinz Rubin macht sich für seinen autistischen Sohn Nicola stark.

(Bild: hae)

Karl-Heinz Rubin, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist, war phasenweise nahe am Verzweifeln. Er schüttelt heute noch den Kopf, trinkt einen Schluck Tee und zieht dennoch diplomatisch Bilanz: «Die Unterschiede von der Regelschule in Ebikon zur SWZ in Schachen sind schon sehr markant.»

Schon lange vor den Osterferien war er enttäuscht und bat die Institutionen um Rat, Begründungen und Lösungen. Was er bislang vernahm und erhielt: nichts Konkretes ausser Vertröstungen und Formbriefen.

«Geniales, aber auch spezielles Kind»

Der 13-jährige Nicola war beim Lehrpersonal beliebt. «Nicola ist ein geniales, aber auch ein spezielles Kind», sagte eine ehemalige Lehrperson zu zentralplus, die anonym bleiben will. Das half aber nicht, so dass die Schulbehörde den autistischen Schüler von Ebikon in eine Sonderschule in Schachen wies.  

Der Lehrer hat seinen ehemaligen Zögling mittlerweile aus den Augen verloren und zeigte gegenüber zentralplus vorerst viel Einfühlungsvermögen. Er fühlt sich aber instrumentalisiert und hat Angst vor einer «Schlammschlacht». Er bedauert es sehr, dass es für Nicola Rubin derzeit so schwer läuft: «Für mich ist es das Traurigste, dass man Nicola in Schachen nach einem Probetag nicht abgelehnt hat und dass man im Kanton für ihn keine andere Lösung gesucht hat.»

Stress für andere in der Klasse

Eine Schulpsychologin, die vertraut mit autistischen Kindern ist, erklärt: «Das Dilemma hierbei ist, den richtigen Platz zu finden, idealerweise immer in der Schule mit integrativer Förderung. Das läuft aber nicht immer rund und bedeutet manchmal auch Stress für andere in der Klasse.» Das System sei hierbei oft überfordert. Eine gute Lösung fand der Kanton Zürich: «In Urdorf gibt es eine Sonderschule für autistische Jugendliche.»

«Ich will niemanden anklagen, sondern nur aufzeigen, dass etwas im Kanton Luzern falsch läuft.»

Karl-Heinz Rubin, Vater von Nicola

Nicolas Vater Karl-Heinz Rubin hat das auch erfahren, und er erklärt: «Ich will niemanden anklagen, sondern nur aufzeigen, dass etwas im Kanton Luzern falsch läuft und man mehr Plätze für Kinder wie Nicola braucht. Derzeit sind es fünf – viel zu wenig. Mein Ziel ist es, da Druck zu machen, damit es im Kanton bald ein Mehrfaches ist.» 

«Problem ist ein Fall für die Politik» 

Er hat einen ganzen Ordner voller Schreiben, darunter auch eines an Regierungsrat Reto Wyss, auf das erst nach mehrfachem Drängen eine Antwort folgte. Der Chef des kantonalen Bildungs- und Kulturdepartements schreibt: «Die Institutionen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind verpflichtet, sich spezialisiertes Fachwissen, unter anderem auch zu Autismus, anzueignen und die Lernsettings entsprechend zu gestalten.» Rubin: «Für mich ist das schöngeredet. Aber das Problem ist ein klarer Fall für die Politik.» 

Selbstständiges Lernen: Nicola Rubin lernt zu Hause unter Beobachtung seines Vaters.

Selbstständiges Lernen: Nicola Rubin lernt zu Hause unter Beobachtung seines Vaters.

(Bild: hae)

Das Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern nahm gegenüber zentralplus dazu Stellung. Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern, kennt den Fall von Nicola Rubin. Er schreibt: «Aktuell gibt es keine weiteren derartigen Fälle. Aber es gibt immer wieder Lernende, die eine kurze Zeit nicht in einer Schule gefördert werden können, da ein geeigneter Schulplatz nicht vorhanden ist oder von einer Schule eine Auszeit verfügt werden musste.» Schulpflicht bestehe aber in jedem Fall, und Schachen sei verantwortlich.

Integration langsam angehen

Die Schachener Schulleitung bemühe sich derzeit um den Fall Rubin, «allerdings erst seit meiner Intervention», so Karl-Heinz Rubin. Und wie geht’s weiter mit Nicola? Achselzuckend sagt der Vater: «Nach Ostern wird mein Sohn halbtags wieder langsam eingeführt. Wie Reto Wyss schreibt, muss man seine Integration halt langsam in Angriff nehmen …»

Lukas Baeschlin, Geschäftsleiter Schul- und Wohnzentrum Malters, ist sich des Notstandes bewusst. Er sagt: «2017 haben wir im Schul- und Wohnzentrum Malters auf Eigeninitiative hin ein Angebot für fünf autistische Schüler geschaffen. Wir sind in Zusammenarbeit mit dem Departement für Volkswirtschaft und Soziales bemüht, noch mehr Plätze zu schaffen, zumal die bestehenden im Moment nur auf Primarstufe sind. Für Sekschüler wie Nicola Rubin gibt es derzeit im Kanton leider kein Angebot.»

«Ich möchte nur eines: wieder in die öffentliche Schule gehen.»

Nicola Rubin

Nicola sitzt derweil bereits in der siebten Woche zu Hause am Tisch neben seinem fürsorglichen Vater und sagt: «Ich möchte nur eines: wieder in die öffentliche Schule gehen.»

Dann begibt er sich wieder in sein Zimmer an den Computer, um eine historische Dokumentation zu schauen. Schliesslich möchte der lernwillige Junge einmal Geschichte studieren.

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2 Kommentare
  1. Sonja Heiniger, 15.05.2019, 06:59 Uhr

    Es macht mich richtig traurig, ja wütend, dass sich leider in den letzten 10 Jahren noch gar nichts verbessert hat für Betroffene. Ich wünsche Nicola und seiner Familie alles Gute, auf dass sie die Kraft und die Ausdauer haben weiter zu kämpfen für ihren Sohn und für alle anderen in einer ähnlichen Situation. Es wird eine harte Zeit kommen.

    1. Karl-Heinz Rubin, 13.06.2019, 04:03 Uhr

      Wir sind auf dem Weg.
      Es wird sich was ändern. Im Kanton Luzern muss ein Umdenken stattfinden. Die Sozialkompetenz jedes einzelnen Politikers muss hinterfragt werden. Es kann nicht sein, dass jeder der dafür verantwortlich ist, die Verantwortung eine Stufe runter delegiert. So werden keine Probleme gelöst. Politik nach dem Motto, ich seh das Problem und gebe einem anderen Schuld.
      Wir werden das ändern.

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