Wie Corona den Luzerner Verwaltungs-Neubau prägt
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Keine Grossraumbüros, aber flexible Arbeitsplätze sind im Verwaltungsgebäude in Emmen geplant. (Visualisierung: zvg)

Homeoffice wird zum Normalfall Wie Corona den Luzerner Verwaltungs-Neubau prägt

6 min Lesezeit 2 Kommentare 12.04.2021, 19:28 Uhr

Der Kanton Luzern plant für seine Verwaltung ein neues Superbüro am Seetalplatz. Doch braucht es in Zeiten von Homeoffice und Digitalisierung überhaupt einen solchen Neubau für 177 Millionen Franken?

Alles wird digital, doch der Kanton Luzern will eine neue Anlaufstelle für seine Bürger schaffen. Immer öfter arbeiten wir von zu Hause aus, doch am Seetalplatz ist ein neues Verwaltungsgebäude für über 1’000 Angestellte der kantonalen Verwaltung vorgesehen (zentralplus berichtete).

Ist das ein Widerspruch? Diese Frage ist im Zuge der Corona-Pandemie zumindest politisch aufgeworfen worden. Denn mit der Homeoffice-Pflicht waren viele Arbeitgeber plötzlich gezwungen, sich zu modernisieren. Im Gegenzug haben manche Angestellte die Vorzüge der flexiblen Arbeitsweise schätzen gelernt.

«Es ist anzunehmen, dass diese Pandemie in der Wirtschaft, aber insbesondere auch in der Verwaltung, für ein Umdenken bezüglich des Arbeitsplatzes geführt hat», meint etwa SVP-Kantonsrat Daniel Keller in einer Anfrage zum Thema. Nicht nur er, sondern auch andere Politiker von SVP und CVP haben in Vorstössen das Luzerner Grossprojekt in Emmenbrücke aufs Tapet gebracht. Dieses sieht vor, am Seetalplatz einen neuen Bürokomplex für knapp 1500 Angestellte der Kantonsverwaltung zu errichten (zentralplus berichtete).

Homeoffice-Quote von 40 Prozent

Dass sich die Arbeitswelt rasant ändert, ist auch den Verantwortlichen beim Kanton Luzern bewusst. Im Zuge der Corona-Pandemie ist ein grosser Teil der Verwaltung ins Homeoffice gewechselt – zuvor nutzte das nur etwa ein Fünftel der Belegschaft. Eine Rückkehr zum alten Schema ist für den Kanton kein Thema: Im 177 Millionen Franken teuren Neubau am Seetalplatz soll vielmehr eine neue Arbeitskultur Einzug halten.

Die Vorstellung, dass sich jeder morgens in sein Einzelbüro setzt, ist also passé. Auch Denkmuster würden aufgebrochen, sagte Regierungspräsident Reto Wyss am Montag vor den Medien und nannte als Beispiel, dass Präsenz am Arbeitsplatz als Fleiss verstanden werde.

«Weder 0 noch 100 Prozent Homeoffice ist der richtige Weg.»

Reto Wyss, Regierungspräsident

Für die 1’450 Mitarbeitenden sind insgesamt «nur» rund 950 Arbeitsplätze vorgesehen. «Wir rechnen mit 1,4 Mitarbeitenden pro Arbeitsplatz», erklärte Wyss und betonte: «Dieser Faktor ist im Zuge der Corona-Krise nochmals gestiegen.» Dies, indem 150 Angestellte mehr, als ursprünglich geplant, nach Emmenbrücke zügeln – die Zahl der Arbeitsplätze aber nicht angepasst wurde.

Die Erfahrung zeige aber, dass es beides brauche, so der Regierungspräsident. «Die Mitarbeiter schätzen das Arbeiten zu Hause, aber auch einen guten Arbeitsplatz. Weder 0 noch 100 Prozent Homeoffice ist der richtige Weg.» Der Kanton geht laut Projektleiter Franz Müller von einer Homeoffice-Quote von 40 Prozent aus.

Trotz Modernisierung: Müller distanzierte das Projekt vom Bild eines Grossraumbüros, das «quasi wie in einer Batteriehaltung einen Arbeitstisch an den nächsten reiht». Die Plätze sind in kleineren Einheiten angeordnet. Als Inspiration dient etwa der 2014 eingeweihte SBB-Hauptsitz in Bern-Wankdorf. Vom Austausch mit den dortigen Verantwortlichen kam auch der Hinweis, dass die Mitarbeiter in den Kulturwandel einbezogen werden müssten.

Lüftung basiert auf Corona-Erkenntnissen

Gleichzeitig will der Kanton – trotz der zunehmenden Digitalisierung – eine zentrale Anlaufstelle für die Bürger schaffen. «Wir spüren, dass die Kunden das Bedürfnis haben, vorbeizukommen», sagt Reto Wyss. Auch wenn künftig viele Dienstleistungen im Internet angeboten werden, brauche es auch hier beides: digitale und analoge Wege.

Kantonsgericht am Seetalplatz?

Regierungspräsident Reto Wyss will das Kantonsgericht nicht am Seetalplatz ansiedeln. Die Justiz als dritte Gewalt müsste auch räumlich von der Verwaltung getrennt bleiben, sagte er am Montag vor den Medien. Die Idee, die Richter dort unterzubringen, hatte sein Parteikollege und CVP-Kantonsrat Josef Wyss eingebracht. Dieser will seine Idee aber noch nicht aufgeben. «Der Standort am Kasernenplatz ist umstritten – und wir brauchen eine gute Lösung.»

Die Corona-Pandemie hatte auch in einem anderen Bereich Auswirkungen: auf die Lüftung. «Covid hat uns bei der Planung in diesem Punkt beschäftigt», sagt Projektleiter Franz Müller. Das Lüftungskonzept nehme Rücksicht auf die Erkenntnisse der Pandemie – und sorgt stündlich mehrfach für Frischluftzufuhr.

Kritische Fragen – aber im Grundsatz einverstanden

Ob das Grossprojekt so realisiert wird, entscheidet zunächst im Mai der Kantonsrat, bevor im Herbst die Volksabstimmung bevorsteht. Politisch scheint das Grossprojekt – trotz offener Fragen – kaum breiten Widerstand zu erfahren. Selbst jene Politiker, die kritische Vorstösse eingereicht haben, unterstützen das Vorhaben im Grundsatz. «Für mich ist sonnenklar, dass es das Verwaltungsgebäude braucht. Aber die Erkenntnisse aus der Pandemie müssen in das Projekt einfliessen», sagt SVP-Kantonsrat Dieter Haller.

Dem verleiht seine Partei in einer Mitteilung Nachdruck. «Die SVP stimmt dem Konzept eines neuen zentralen Verwaltungsgebäudes am Seetalplatz im Grundsatz zwar nach wie vor zu», hält sie fest. «Die Entwicklungen rund um die Pandemie und die unsicheren Zukunftsaussichten lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für die Realisierung dieses Projekts ist.» Laut SVP ist es fraglich, ob eine Abstimmung über den 177-Millionen-Franken-Kredit für ein Verwaltungsgebäude angesichts der herrschenden Krise «politisch sensibel» sei. Zudem seien noch verschiedene Fragen offen, etwa was die Kosten und die Büroflächen betrifft.

Auch Josef Wyss hält das Verwaltungsgebäude für eine gute Sache, will aber genau hinschauen, wie der Kanton sein Geld einsetzt. «Von der Dimension her habe ich aber schon noch einige Fragen», sagt der CVP-Kantonsrat, der auch eine Anfrage dazu einreichte, und verweist ebenfalls auf die Erfahrungen aus der Pandemie. «Denn die Arbeitswelt wird nach der Krise nicht mehr dieselbe sein wie vor Corona – das ist wohl für alle einleuchtend.»

SP und Grüne fordern nachhaltige Bauweise

Das Verwaltungsgebäude werde das erste sein, das der Kanton Luzern nach dem Label Nachhaltiges Bauen Schweiz realisieren könne, lobte Projektleiter Franz Müller am Montag. Dass der Neubau ökologisch hohen Standards gerecht wird, entspricht auch der Forderung von SP und Grünen.

«Bei einem Neubau von solcher Grösse muss der Kanton Luzern zwingend eine Vorbildfunktion in der Bauweise und Planung übernehmen», schreiben die Grünen/Jungen Grünen in einer Mitteilung. Sie begrüssen beispielsweise, dass auf dem Dach eine Photovoltaik-Anlage geplant ist. Ebenso wie die SP verlangen sie aber, dass auch an den Fassaden entsprechende Elemente angebracht werden.

«Das Bauprojekt ist auf dem richtigen Weg, aus ökologischer und klimaangepasster Perspektive sind aber noch Veränderungen nötig», wird SP-Kantonsrat Hasan Candan in einer Mitteilung zitiert. Candan setzt sich insbesondere für eine stärkere Verwendung von Luzerner Holz beim Bau ein. Der Regierungsrat hat dies laut seiner Botschaft geprüft – wegen Mehrkosten von über 7 Millionen Franken aber verworfen.

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2 Kommentare
  1. Franz Schmidiger, 13.04.2021, 16:43 Uhr

    Leider hat der Regierungsrat die Lösung mit Holz verworfen. Daher kan keine Rede mehr von einem nachhaltigen Bau gesprochen werden. Dass ein Holzbau 4 – 5 % teurer ist als konventionell ist schon längst ein Märchen. Dies kommt eher daher, dass beim Holzbau zuviele Player, sog. Holzfachplaner mitspielen wollen und ihr Schärpfchen oben ab nehmen. Ganz sicher hat auch der Regierungsrat nicht in die Waagschale geworfen, dass sie der Rohstoff Holz grundsätzlich nichts kosten würde, da dieser im Wald stehen bleibt und überaltert und im schlechtesten Fall vermodert. Eigentlich müsste Regierung und Kantonsrat hier nochmals über die Bücher.

  2. Fabrizio, 13.04.2021, 12:23 Uhr

    Ich wäre da ein wenig vorsichtig zu behaupten immer mehr Arbeitnehmer möchten von Zuhause arbeiten. Persönlich nach fast über einem Jahr im Homeoffice, bin froh wieder ins Büro zurückkehren zu dürfen und auch im meinem Umfeld sehe ich ähnliches. Zuhause bewegt man sich viel weniger, wird träge und die sozialen Kontakte gehen verloren. Auch bei einem gemischten Homeoffice-Modell ist im Büro der Teamspirit nicht mehr gleich, da immer jemand fehlt.

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