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Weshalb Tätowierer an der Luzerner Bestattungsmesse aufkreuzen
  • Gesellschaft
«Der Tod kommt nach Luzern»: Mit diesem Slogan werben die Organisatoren der ersten Bestattungsmesse der Schweiz. (Bild: zvg)

Veranstalter wollen Tabus brechen Weshalb Tätowierer an der Luzerner Bestattungsmesse aufkreuzen

6 min Lesezeit 07.11.2019, 15:10 Uhr

Am Sonntag findet in Luzern die erste Bestattungsmesse der Schweiz statt. Vor Ort sind unter anderem Tätowierer. Nanu? Trauertattoos werden immer beliebter, verraten uns Bestatter Johannes Ruchti und Tätowierer Frank Pignat.

Der Tod ist für das Umfeld des Verstorbenen häufig ein einschneidendes Ereignis. So einschneidend, dass wir eigentlich gar nicht darüber schreiben und reden wollen. Doch umgehen können wir ihn nicht, irgendwann werden alle einmal das Zeitliche segnen.

Um das Thema unter die Menschen zu bringen, findet an diesem Sonntag die erste Bestattungsmesse der Schweiz in Luzern statt (siehe Box).

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Statt zu trauern, müssen wir 100 Dinge erledigen

«Der Tod kommt nach Luzern», heisst es auf einem Flyer, der für die Bestattungsmesse wirbt. Darauf zu sehen ist ein Sensenmann, die schwarze Kapuze hat er sich übers Gesicht gezogen, sodass davon nichts mehr zu sehen ist.

«Es ist wichtig, sich zu Lebzeiten darüber zu informieren, wie man selbst gerne bestattet werden möchte», sagt Johannes Ruchti. Ruchti ist Bestatter und Organisator der Bestattungsmesse.

Oft wüssten Angehörige nach einem Tod nicht mehr wie weiter. Anstatt sich Zeit zu nehmen, um richtig zu trauern, würden sie sich mit ganz rationalen Dingen beschäftigen. «Es ist eine Flucht in den Aktionismus.» Der Sarg, die Blumen, die Beerdigung muss organisiert, die Todesanzeige aufgegeben werden. Und wie will die verstorbene Person überhaupt bestattet werden?

«Man ist nach einem Tod zu sehr mit dem Kopf und zu wenig mit dem Herzen bei der Sache», sagt Ruchti. «Oftmals fallen die Angehörigen erst nach der Beerdigung in ein Loch. Alles rauscht an ihnen vorbei wie in einem Film.» Wenn man sich zu wenig Zeit für den Trauerprozess nehme, beschäftige das einen für den Rest seines Lebens. Und das nur, weil man nie richtig habe Abschied nehmen können.

Du willst mehr?

Diesen Sonntag, 10. November, findet im Heinigarten an der St. Karlistrasse die erste Bestattungsmesse der Schweiz statt. Die Messe findet von 11 bis 17 Uhr statt, der Eintritt ist gratis.

Dabei erfährst du alles rund um die Themen Vorsorge, Tod und Bestattung. Neben der Ausstellung zu Trauertattoos wird unter anderem ein Medium Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen. Ein Theologe zeigt ein Kabarettprogramm zum Thema Tod. Der Friedhof Friedental bietet Führungen an. Ein Anwalt wird vor Ort Fragen beantworten. Etwa zur Erbschaft, oder was Angehörige eines Verstorbenen mit Immobilien tun müssen.

Mit dem Tattoo den Schmerz verarbeiten

Um die Hemmschwelle zu senken und das Tabu zu brechen, führt Ruchti die Bestattungsmesse durch. Dabei gibt es unter anderem eine Ausstellung mit sogenannten Trauertattoos. Grosse Porträts von Menschen mit Trauertattoos werden zu sehen sein. Dazu steht ein Text, in dem Menschen ihre Trauergeschichte erzählen.

Vor Ort wird auch Frank Pignat mit seinem Team – Cynthia, Andres und Danny – von «Hot Flash Tattoo» sein. Spontan stechen lassen kann man sich bei der Bestattungsmesse zwar nicht – aber man kann sich beraten lassen.

Will Organisator Ruchti mit den Tätowierern den Tod hipper machen? Nein, sagt Ruchti. Viele, die sich ein solches Tattoo stechen lassen, seien über 40 Jahre alt. Die Wanderausstellung, die aus Deutschland geliefert wird, habe man folglich nicht aus diesem Grund gebucht. Trotzdem erhofft er sich, dass auch Jüngere damit angesprochen werden.

Ein Bild einer vergangenen Ausstellung von Trauertattoo:

Trauertattoos gibt’s häufig

Tätowierer Frank Pignat beschäftigt sich in seinem Arbeitsalltag ebenfalls oft mit dem Tod. «Wir stechen fast so viele Tattoos, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen oder eines Haustieres zu tun haben, wie wir bei Geburten Babynamen und Abdrücke von Babyfüssen tätowieren», sagt Pignat.

«Wir wollen sie mit dem Tattoo nicht in ihrem Leid bestärken.»

Frank Pignat, Tätowierer

Die Motive seien individuell. Dinge, die an eine verstorbene Person erinnern. Ein Porträtbild, Symbole, die an die Person erinnern, den Namen oder das Todesdatum. Letztens stach Pignat einer jungen Frau in ihren 20ern, die ihren Vater verloren hat, das Symbol, dass ihr eigener Vater am Oberarm tätowiert hatte: ein Tigerkopf mit Bambuspflanzen.

Nicht weinen, wenn man das Trauertattoo sieht

Doch ein Trauertattoo kann auch belastend sein. Schliesslich wird man so immer wieder mit dem Tod, dem Verlust, dem Schmerz konfrontiert.

Genau das sei der Punkt, den der Tätowierer vermeiden wolle. Bei einem Trauertattoo sei es wichtig, dass man etwas Gutes mitnehme von dem, was gewesen ist. «Wir wollen die Menschen mit dem Tattoo nicht in ihrem Leid bestärken», sagt Pignat. «Wir wollen helfen, positiv in die Zukunft zu gehen und an die schönen Erinnerungen mit den Verstorbenen zurückzudenken.»

Auch die Stelle müsse gut durchdacht werden. Wenn sich eine junge Frau beispielsweise den Namen ihres verstorbenen Grossvaters auf den Arm tätowiere, müsse sie sich im Ausgang dumme Sprüche anhören. «Ein Trauertattoo ist weder Mainstream noch Lifestyle, sondern etwas sehr Persönliches.» Und darauf wolle man von anderen im Normalfall nicht angesprochen werden.

Besser sei es, diese an Stellen zu tätowieren, die für andere nicht auf einen Blick ersichtlich seien. «Das Schöne an einem Trauertattoo ist es ja, eine Erinnerung an einen Menschen immer bei sich zu tragen und ein Stück weit am Leben zu halten.»

Und auch Tätowierer Danny von der «Hot Flash Tattoo» Filiale in Wilisau spricht von einem Tattoo von einem «Amulett fürs Leben». Bei ihm hat sich Ruchti übrigens vor kurzem sein Lebensmotto stechen lassen. «Memento mori», auf Deutsch: «Bedenke, dass du sterblich bist.»

Über den Tod sprechen, kann erleichternd sein, sagt der Bestatter

Dass Ruchti derart selbstverständlich mit dem Tod und Bestattungen umgeht, kommt nicht bei allen gleich gut an. Im Mai dieses Jahres sorgte er mit einer unkonventionellen Art für Furore. Grund war eine Flyeraktion, mit der er für die Onlineplattform bestattungsplaner.ch warb (zentralplus berichtete). Damit soll der Tod nicht bagatellisiert werden, sondern Trauernde transparent informiert werden, betonte Ruchti damals.

«Es kann erleichternd sein, mit seinem Partner darüber zu sprechen, ob man bei seinem Tod lieber seine Asche verstreut haben möchte oder in der Urne beigesetzt werden möchte.»

Johannes Ruchti, Bestatter

Es sei wichtig, über den Tod zu reden – und sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen. Er erzählt von Paaren, die er besucht habe, mit denen er über Bestattungsvorsorge gesprochen habe. «Zuerst herrscht eine Stille. Doch wenn ich die Menschen verlasse, haben sie oftmals ein Lächeln im Gesicht», erzählt Ruchti. «Es kann erleichternd sein, mit seinem Partner darüber zu sprechen, ob man bei seinem Tod lieber seine Asche verstreut haben will oder in der Urne beigesetzt werden möchte.» Den Angehörigen falle häufig eine Last von den Schultern. «Wenn es so weit ist, können sie sich mehr Zeit zum Trauern lassen, statt sich mit administrativen Aufgaben auseinandersetzen zu müssen.»

Bestatter Johannes Ruchti organisiert die erste Bestattungsmesse der Schweiz.

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