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Weshalb soll eine Feministin nicht glitzern dürfen?
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Serena Schindler, Cécile Moser und Rahel Fenini (v.l.n.r.) stehen hinter «fempop». (Bild: Anja Wurm)

Luzernerinnen gründen neues Online-Magazin Weshalb soll eine Feministin nicht glitzern dürfen?

7 min Lesezeit 10.04.2017, 10:26 Uhr

Gleichstellung garniert mit Glitzer und Rosa, so sieht das neue Magazin «fempop» aus Luzern und Zürich aus. Wir haben mit den Gründerinnen gesprochen, unsere Verwirrung kritisch kundgetan und uns diesen «girly»-Feminismus erklären lassen.

Sie stehen auf Mode, Glitzer und Feminismus. Und die Gründerinnen von «fempop» wollen Menschen erreichen, die sich bisher noch nicht gross mit dem Thema Gleichstellung auseinandergesetzt haben. Mit ihrem neuen Online-Magazin stehen sie für weltoffenen, modernen und positiven Feminismus ein und räumen mit alten Klischees auf.

Die Gründerinnen, das sind die beiden Luzererinnen Serena Schindler und Cécile Moser und die Zürcherin Rahel Fenini (siehe Box).

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zentralplus: Wer von Ihnen ist denn die grösste Feministin?

Schindler: (lacht) Wir haben bisher keine «Alpha-Feministin» unter uns definiert und das finden wir auch nicht nötig. Fest steht, wir sind es alle und verfolgen in den Grundgedanken den gleichen Ansatz, der uns auch dazu gebracht hat, fempop zu gründen. Wir wollen uns für ein weniger kompetitives, dafür unterstützenderes Verhalten unter Frauen einsetzen.

zentralplus: Welche Themen sollen bei fempop dominieren?

Moser: Unser grösstes Anliegen ist es, Girlpower zu fördern, also sprich coole und innovative Ideen, Gedanken und Weltbilder von inspirierenden Frauen zu zeigen. Damit möchten wir Frauen ermutigen, ihr eigenes Ding durchzuziehen, selbstbewusst zu sein und sich mehr zuzutrauen. Und wie es unser Name schon sagt, verbinden wir Feminismus mit Popkultur. Uns ist es wichtig, keinen elitären Zugang zu diesem Thema zu schaffen, sondern einen populären. Gerade Feminismus wird leider noch zu häufig in einem elitären intellektuellen Kämmerchen diskutiert. Das wollen wir ändern.

zentralplus: Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Fenini: Wir möchten traditionelle Rollenbilder und Begabungszuschreibungen abbauen. Jede und jeder sollte ihr beziehungsweise sein Leben so gestalten können, wie sie oder er es möchte. Zusammengefasst geht es also schlicht um mehr Freiheit.

«Wir mögen auch Rosa und Glitzer – das sagt überhaupt nichts über unsere politische Gesinnung aus.»
Rahel Fenini

zentralplus: Welche Klischees wollen Sie bekämpfen?

Die Gründerinnen

Serena Schindler, 25, Sekundarlehrerin für Bildnerisches Gestalten, Musik, Französisch und Englisch; mag Illustration, Fotografie, Paris, spannende Diskussionen und Feminismus.

Cécile Moser, 28, Master Germanistik und Kulturwissenschaften Universität Zürich und Berlin, PR-Beraterin und Journalistin; mag Reisen, Mode, Feminismus, Politik, Philosophie und Rosa.

Rahel Fenini, 26, Master Englische Literaturwissenschaften und Gender Studies Universität Zürich, Praktikantin auf der Fachstelle für Gleichstellung für Frauen und Männer Kanton Baselland; mag Essen, Serien, Feminismus, Vintage-Klamotten und alles, was glitzert.

Fenini: Das Bild der Feministin als verbitterte Männerhasserin ist noch immer zu stark in den Köpfen der Menschen verhaftet. Dem müssen wir – und das ist auch ein sehr persönliches Anliegen – Gegensteuer geben. Denn von dieser «Feministin» sind viele abgeschreckt, ihr hört kaum noch jemand zu. Wir interessieren uns alle drei für Mode, stylen uns gerne und mögen auch Rosa und Glitzer – das lassen wir uns definitiv nie nehmen. Das sagt jedoch überhaupt nichts über unsere politische Gesinnung oder unseren Grad an Aktivismus aus. Diesbezüglich ist unsere Gesellschaft eben leider auch sehr oberflächlich und schubladisierend.

zentralplus: Doch bei all dem hübschen, glitzernden Drumherum fragt man sich: Reichen Inhalte denn nicht aus? Braucht es das hübsche Äussere?

Moser: Brauchen in dem Sinne sicherlich nicht. Die Frage ist halt, wer angesprochen werden sollte. Wir sind privilegiert, gebildet – und obendrauf noch Schweizerinnen. Wir gehören also weltweit in etwa zu den privilegiertesten 2 Prozent. Wir werden im Diskurs gehört und können mitreden. 
Doch was nützt das alles, wenn man es nur einsetzt, um sein persönliches Ego zu stillen? Wir wollen andere für den Feminismus begeistern, die bis anhin vielleicht noch keinen so grossen Zugang zu politischen Bewegungen und Positionen hatten.

Schindler: Und da entscheiden ganz klar Kommunikation und Herangehensweise. In diesem Sinne braucht es also beides: Hülle und Inhalt.

«Jede Bewegung braucht Masse, Gehör und einen gewissen Aufschwung.»
Serena Schindler, Mitgründerin «fempop»

zentralplus: Ist es nicht einfach gerade wieder hip, ein bisschen feministisch zu sein?

Schindler: Wenn Feminismus hip ist, dann wäre das nicht gut. Dann ginge es nur um einen Stempel, mit dem man sich schmücken möchte, nicht aber um den Inhalt. Solche Leute gibt es natürlich bei jeder Bewegung. Doch wenn Feminismus populär ist, und das ist er momentan sicher, dann ist das in unseren Augen etwas Gutes. Denn jede Bewegung braucht Masse, Gehör und einen gewissen Aufschwung. Es ist gut, wenn sexistische Witze mit einer Null-Toleranz-Grenze gehandhabt werden, wenn auf Social Media Sexismus diskutiert wird und wir gemeinsam auf die Strasse gehen, um für Gleichstellung zu kämpfen. Und es ist gut, wenn bei einem Festival etwa Thema ist, ob ein Line-up rein männlich ist. Man muss Druck aufbauen, sozialen Druck, und das geschieht am effektivsten, wenn man möglichst viele Menschen an Bord hat.

zentralplus: Wichtig sind dafür bekanntlich ja auch berühmte Menschen. Wer ist Ihre «Lieblingsfeministin»?

Moser: Wir mögen alle die Autorin Laurie Penny sehr gerne, waren auch kürzlich an einer Lesung von ihr. Man kann über diese Frau sagen was man will, aber es ist einfach beeindruckend, wie viel sie weiss und wie gut sie argumentieren kann – und das immer mit einem gewissen Schalk. Mich persönlich hat aber auch Ingeborg Bachmann stark geprägt, vor allem während meines Studiums. Es gab dann aber den Punkt, wo ich mit ihr brechen musste, weil ich die Diskrepanz zwischen ihrem emanzipierten Schreiber-Ich und ihrer Privatperson nicht mehr aushielt. Wer nicht lebt, was er sagt, wird nie wirklich Erfolg haben mit dem, was er predigt. 

Schindler: Mich fasziniert die britische Schauspielerin Emma Watson. Sie wirkt stark, setzt sich für ihre Überzeugungen ein und scheint sich selber treu zu bleiben.

Aus der Fotostrecke in der ersten «fempop»-Ausgabe.

Aus der Fotostrecke in der ersten «fempop»-Ausgabe.

(Bild: Anja Wurm)

zentralplus: Luzernerinnen gründen ein Magazin in Zürich – warum haben Sie dafür die Stadt gewechselt?

Moser: Wir sind ja zu dritt: Rahel ist Zürcherin und es wohnt doch die Mehrheit von uns in Zürich. Aber natürlich ist auch die Verortung bei solchen Projekten durchaus wichtig. Historisch betrachtet war Zürich doch schon immer Schauplatz und Geburtsstätte von bedeutenden sozio-kulturellen und künstlerischen Bewegungen. So entstand zum Beispiel 1916 im Zürcher «Niederdorf» im «Cabaret Voltaire» der Dadaismus und von 1943 bis 1967 erschien ebenda die international gelesene Homosexuellenzeitschrift «Der Kreis». Zudem ist Zürich schon lange Universitätsstadt, international geprägt und versprüht Grossstadt-Flair wie wohl keine andere Stadt in der Schweiz. Diese Geschichte wirkt sich natürlich auf den Geist einer Stadt aus. 

zentralplus: Das Wort «Girl» dominiert bei fempop – Sie verwenden also das Wort Mädchen statt Frau. Das erinnert irgendwie mehr an Heidi Klums sechzehnjährige Möchtegernmodel-Mädchen und weniger an emanzipierte, starke Karrierefrauen. Weshalb dieses Wording?

Fenini: Das ist richtig und dessen sind wir uns völlig bewusst. Nur sehen wir das nicht so eng und es ist in unseren Augen ein gutes Beispiel für eine Diskussion, weshalb viele vom Feminismus «genervt» sind. Wir sehen das relativ pragmatisch, denn in vielen Wortspielen macht sich das Wort Girl einfach besser: «Girlpower» klingt schlicht besser als «Frauen-Kraft» oder «Frauen-Energie». Zudem – so finden wir – haftet dem Begriff «Girl» auch viel Positives an. Waren wir als junge Mädchen nicht oftmals mutiger, neugieriger, selbstbewusster und frecher, als wir es uns heute, als «grown women», zu sein wagen?

«Es braucht beides: Hülle und Inhalt.»
Serena Schindler

zentralplus: Doch weshalb ist Ihre «Feministin» derart süss und girly? Weil sie dadurch weniger gefährlich auf Männer wirkt und eher gefällt?

Fenini: Wer gefährlich wirkt, schüchtert ein, und das ist in unseren Augen wenig konstruktiv. Wichtig ist ein selbstbewusstes Auftreten, Frauen, die sich wohl fühlen in ihrer Haut, in ihrer Kleidung. Wie das schlussendlich aussieht, muss jede und jeder für sich entscheiden.

Schindler: Und wer Dinge tut oder anzieht, weil es ein Mann toll finden könnte, hat eh schon verloren – es geht darum, sich selber zu gefallen.

zentralplus: Die Diversität, welche gerade in Bezug auf Feminismus derzeit Thema ist, sehe ich bei «fempop» nicht wirklich. Kommt das noch? Oder verkauft sich ungeschminkt, sportlich oder alternativ in Kombination mit feministisch zu wenig gut?

Moser: Wir verfolgen nicht den Ansatz, die Diversität des Feminismus aufzuzeigen und alle Aspekte abzudecken. Wir haben ein recht klares Image und Auftreten, das eben auch mit dem gängigen Stereotypen der Feministin bricht. In dem Sinne tragen wir sicher zur Diversität bei. Feminismus kennt viele Facetten und Gruppierungen. Und diese Bewegungen möchten wir keinesfalls gegeneinander ausspielen, denn am Ende verfolgen wir im Grundsatz dasselbe Anliegen: die Gleichstellung der Geschlechter.

 

Die erste Ausgabe des Magazins widmet sich dem Thema «Pop Culture», wofür von der jungen Luzerner Fotografin Anja Wurm die Fotostrecke «Chronicle of a Girlgang» geshootet wurde. Erscheinen soll «fempop» künftig alle drei Monate.

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