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Weshalb die Lady in Red nur noch Fleisch isst
  • Kultur
  • Rezension
Seit 30 Jahren auf Bühnen unterwegs: Helga Schneider. (Bild: hae)

Helga Schneider mit «Miststück» in Zuger Chollerhalle Weshalb die Lady in Red nur noch Fleisch isst

4 min Lesezeit 18.01.2020, 11:51 Uhr

Wie macht die begnadete Comedy-Frau das nur? Poltert mehr als zwei Stunden von Pointe zu Pointe, flucht und singt und klönt – und als Zuschauer ist man hingerissen. Aber auch nudelfertig. Und dann erfährt man auch noch, weshalb Regula Espositos Kunstfigur Helga Schneider nur noch Fleisch isst.

Muss man die Dame im roten Hosenanzug noch vorstellen? Regula Esposito alias Helga Schneider, 54, seit 30 Jahren auf deutschsprachigen Bühnen unterwegs. Und seit dem Split mit den Acapickels 2008 alle paar Jahre mit einem Soloprogramm durch die Lande getingelt, 2018 vor grossem Publikum mit dem Zirkus Knie. 

Kein Wunder ist die Zuger Chollerhalle pumpenvoll, wenn die freche Helga derb und zotig vom Leder zieht. Alle kriegen dabei ihr Fett weg: Vielflieger, Gemüsekiller, «junge Tussen» und alte Männer sowieso. Früher kämpfte sie gegen das Klimakterium, jetzt für ein besseres Klima. Ihrer Wortakrobatik beim vierten Programm «Miststück» zu lauschen ist atemberaubend, und man schüttelt sich vor Witz und Wonne.

Lieber austeilen statt einstecken!

Klar ist Helga Schneider am Puls der Zeit, alles wirkt bio-zertifiziert und nachhaltig, und wie Phil Dankner in der Ansage richtig feststellt, lautet ihr Motto: «Lieber austeilen statt einstecken!»

Da tigert die Lady in Red auf der Bühne rum, macht auf ihrem Eisessel kurz Rast, um ein paar Züge zu paffen – dann geht’s weiter zur Stehbar, wo sie sich ein weiteres Cüpli kredenzt. Champagner, wie sie uns glauben macht, und dann wieder ein wenig zu kiffen. Nach dem tobenden Applaus am Schluss gesteht sie, dass es nur Chlöpfmost war. Ein paar Zuschauer hatten sich in der Pause offenbar zu fest enerviert, dass Helga Schneider sich so öffentlich die Kante gibt.

«Müll, Mist, Dreck – reden wir über das, was wir alle kennen.» 

«Ich bin voll mit Mist – da habt ihr den Dreck», begrüsst sie ihr Publikum und verspricht, «keinen Comedy-Waste» zu bringen. «Ich lass den Scheiss raus, Sie fressen es – eine Win-win-Situation!» Es ist ein derber Abend mit groben Zoten und vielen Flüchen, sie trinkt fleissig und gibt auch sonst Stoff: «Müll, Mist, Dreck – reden wir über das, was wir alle kennen.» Es geht Helga Schneider dabei wie einem SUV – «Sie saufen immer mehr und haben eine immer breitere Kiste».

So hangelt sie sich von Pointe zu Pointe, und nur zweimal verliert sie in diesem schnellen Potpourri den roten Faden. Wer sie Ende letzten Jahres bei einer Hauptprobe auf dem Wetterhorn ob dem Brünig erlebt hat, merkt erst, wie stark das Programm jetzt schon gestrafft wurde. 

Gibt Stoff und ist ganz schön im Schuss: Helga Schneider. (Bild: hae)

Die Höhepunkte haben den ganzen anderen «Mist» überlebt: das Migros-Gedicht, in welchem auf herrlich komische Weise alle Tochterfirmen des Grossverteilers vorkommen, ihre wunderbare Hassliebe zum Weihnachtsfest und das Nachäffen der pubertierenden Fiona. Und erst recht die Massenpanik im Gemüserayon der Grossverteiler: Nicht nur die Bananen schält es da schon beim Zuhören. 

So erfahren wir dann gleich, weshalb Helga Schneider nur noch Fleisch isst. Klar, antizyklisch ist nicht nur frech. Sondern eben auch politisch unkorrekt und deshalb überraschend. Es sind Zoten zum Sich-Wegschmeissen!

«Reden wir über den Weltuntergang – das kann ja ein lustiger Abend werden!»

Helga Schneider hatte gedroht: «Reden wir über den Weltuntergang – das kann ja ein lustiger Abend werden!» Und bilanziert, dass wir alle doch immer von Sorgen umgeben sind: beim Besorgen und Entsorgen, und überhaupt … Frau Schneider geht auf grosse Entsorgungstour: Sie entrümpelt ihr Leben, putzt weg, entsorgt ihre Altlasten und poliert ihre Sonnenseiten. 

Kann auch singen und tanzen: Helga Schneider. (Bild: hae)

Und dann der Exkurs über die «kleinen gschaffigen Chinesen»: Gut war das Grauzone der Comedy, sonst müsste sie sich noch einen Rassismus-Vorwurf gefallen lassen: Die Chinesen haben schliesslich die Weltherrschaft übernommen, indem sie alles kochen, was Haare an den Beinen hat.

«Aber Adam und Eva waren sicher keine Chinesen», wie sie argumentiert, «weil die hätten zuerst nicht den Apfel, sondern die Schlange gegessen.» So hat Helga Schneider die Lacher auf ihrer Seite. Und wir können uns gar nicht vorstellen, dass sie in zwei Jahren mit Programm Nummer fünf noch besser werden will.


Wer das «Miststück»-Programm verpasst hat, kann es hier in unserer Region noch sehen: am 2. April in der Hochdorfer Braui oder am 28. und 29. April im Luzerner Kleintheater.

Immer derb und frech: Helga Schneider. (Bild: zvg)

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