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Wer zum Henker ist das?
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(Foto: zod) (Bild: zod )

Stadtheilige auf den Kapellbrücke-Bildern Wer zum Henker ist das?

5 min Lesezeit 18.09.2014, 16:00 Uhr

Mauritius und Leodegar – Kennt man diese Namen und ihre Geschichten dahinter? Zurzeit hängen 30 Bilder der Mauritius- und fünf der Leodegar-Legende auf der Kapellbrücke. zentral+ hat mit einem Kunsthistoriker einen Spaziergang gemacht, sich belehren lassen und möchte dieses neugewonnene Wissen jetzt gerne weitergeben.

Während der Luzerner eilig im Zickzack über die Kapellbrücke geht und ab und zu einen hastigen Blick nach oben wirft, stehen Touristen in Gruppen zusammen und rätseln über die Bilder, die brutale Schlachten, Engel und geköpfte Heilige zeigen. Egal ob einheimisch oder nicht, kaum jemand versteht die Geschichte, die hinter den Gemälden steckt. Wir stellen sie hier kurz vor. Denn schliesslich sollen die Luzerner Ende November entscheiden, wie es in Zukunft mit den Gemälden weitergehen soll (zentral+ berichtete).

Kopien keine Verständnishilfe

Kopien oder keine Kopien – diese Frage stellt sich der Kunsthistoriker Heinz Horat (66) nicht. Er möchte viel eher aufklären: «Früher sind die Leute über die Brücke gelaufen und wussten, um was es bei den Geschichts-Zyklen geht», so Horat, ehemaliger Direktor des Historischen Museums.

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Heute hätten die Leute keine Chance zu wissen, was von den Legenden der zwei Stadtheiligen St. Leodegar und St. Mauritius und der Schweizer Landesgeschichte inklusive Luzerner Stadtgeschichte auf den Gemälden abgebildet sei. An dieser Informationslücke würden auch Kopien nichts ändern, bedauert Horat: «Es wäre nachvollziehbarer, wenn die Leute Informationen zu den einzelnen Bildern bekommen würden, zum Beispiel in Form einer App.»

Doch weshalb hat man gerade diese beiden Stadtheiligen auf der Brücke abbilden wollen? «Luzern wollte sich damals gegenüber den Reformierten abgrenzen, die gegen die Heiligenverehrung sind. Und die beiden Heiligen spielten in der Zeit um 1600 auch eine politische Rolle», erklärt Horat. Deshalb seien auf den Bildern auch Symbole von damaligen Bündnispartnern, zum Beispiel der französischen Könige, abgebildet.

Der Mauritius-Zyklus

Besonders ausführlich und gut sichtbar ist heute noch die Mauritius-Legende, die mit allen 30 Originalbildern auf der Kapellbrücke vertreten ist. Die Legende sagt, der Heilige Mauritius wurde gegen Ende des 3. Jahrhunderts im damals christlichen Theben, dem heutigen Ägypten, geboren. Er arbeitete sich hoch und wurde Kommandant einer thebäischen Legion, die unter römischem Kommando stand. «Er war ein klassischer Kriegerheiliger», so Horat. Deshalb wurde er auch meist in einer Rüstung, mit Schwert und kriegerischer Fahne dargestellt.

Auf den ersten Bildern des Zyklus ist zu sehen, wie Mauritius von Achilles angesprochen wurde, der sich gegen die Römer auflehnte. In Altdeutsch steht auf dem Gemälde: «St. Moritz bedroht gebetten, zum Rebell sollt übertreten, aber er seinen Eid betracht, haltet Treu, stellt gute Wacht.» Konkret bedeutet dies: Der Kommandant blieb dem römischen Reich treu, indem er dem Rebellen Achilles eine Absage erteilte und in einer Schlacht gegen ihn kämpfte.

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Nachdem Mauritius hart gekämpft hatte und glorreiche Siege einheimsen konnte, erhielt er die Ehre von den beiden römischen Kaisern Maximian und Diokletian, die zusammen regierten, gelobt zu werden. Nach einigen Reisen bekommt Mauritius den Auftrag mit seiner Legion nach Rom zu gehen. Das nächste Bild zeigt die Legion vor den Stadttoren: «Der Vatikan ist im Hintergrund gut erkennbar», so Horat.

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«Während er in Rom ist, besucht Mauritius auch den Papst», so Horat. Dies musste jedoch heimlich geschehen, da die römischen Kaiser keine Christen waren. Für weitere Besuche blieb wohl keine Zeit, denn es galt, die aufmüpfigen Gallier in Frankreich niederzuschlagen. Auf dem nächsten Gemälde sieht man Mauritius und seine Legion, wie sie auf Geheiss der Kaiser über den Grossen St. Bernhard marschieren.

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Als die Legion in St. Maurice im Wallis Halt macht, verlangen die Kaiser jedoch, dass die Legion ein römisches Götterbild verehren muss. «Auf dem folgenden Gemälde ist gut zu sehen, wie die Theber vor einer Statue diskutieren», so Horat. Die Legion von Mauritius entscheidet sich für das Christentum und gegen die Aufforderung der römischen Kaiser. Dies soll jedoch ein blutiges Nachspiel haben.

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Auf den nächsten Gemälden wird zunächst der Vizekommandant von Mauritius und dann, nach römischem Brauch, der zehnte Teil der Legion hingerichtet. Als sich die Thebäer immer noch weigern, die Götzen anzubeten, werden sie alle getötet. Auf dem folgenden Gemälde ist die Hinrichtung von Mauritius zu sehen, der einen Heiligenschein trägt.

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«Darauf folgen einige Bilder, die andere getötete Thebäer zeigen», so Horat. Ein makabres Beispiel zeigt ein Gruppe Thebäer in Solothurn, die ihren Köpfen von der Brücke ins Wasser hinterherspringen, um sie einzusammeln.

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Das letzte Bild der Mauritius-Legende zeigt die Toten, als wären sie lebendig. «Sie tragen das Zeichen der Märtyrer, die Siegespalme, in der Hand», so Horat.

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Was ist wahr, was ist Legende?

«Leodegar und Mauritius waren schon seit dem Frühmittelalter aufgrund von kirchlichen Beziehungen Stadtheilige von Luzern», sagt Kunsthistoriker Horat. Leodegar sei über das Kloster Murbach, das die Mutterabtei von Luzern ist und Leodegar verehrte, hierher gekommen. «Mauritius kam höchstwahrscheinlich über die Burgunder nach Luzern», so Horat. Doch was ist an den Legenden der beiden Stadtheiligen dran?

«Die Geschichte ist von A bis Z eine Legende,» sagt Horat zur Mauritius-Legende. Ende des 3. Jahrhunderts sei keine thebäische Legion in Europa gewesen. Aufgegriffen wurde die Legende im 4. Jahrhundert vom ersten Bischof des Wallis, der behauptete, die Gebeine von Mauritius gefunden zu haben.

Bei Leodegar könne man jedoch davon ausgehen, dass die Legende stimmt. Horat: «Man kennt zwar nicht das genaue Geburts- und Todesdatum, jedoch lebte er wohl zwischen 616 und 678. Auch die wichtigsten Punkte in seinem Leben sind historisch belegt.»

Der Leodegar-Zyklus

Während der Mauritius-Zyklus jedoch vollständig erhalten ist, weil er während des Brandes 1993 ausgelagert war, gibt es von der Leodegar-Legende heute nur noch fünf Bilder.«Leodegar wurde wahrscheinlich 616 in eine vornehme, burgundische Familie geboren», so Horat. Mit zehn Jahren kam er als Edelknabe an den Hof des damaligen Frankenkönigs. Später wurde Leodegar von seinem Onkel ausgebildet und zum Priester geweiht. 653 wird er Abt von St. Maxentius, im Jahr 663 Bischof von Autun.

Als es einen Königswechsel gibt, fällt er am Hof in Ungnade. Dies geschieht, weil zwischen ihm und Ebroin, dem höchsten Verwalter des Hofs, Machtkämpfe ausgefochten werden. Ebroin konnte sich beim König durchsetzen, so dass Leodegar gefangen genommen und mit einem Bohrer geblendet wird. Später wird Leodegar geköpft, bleibt aber ohne Kopf stehen, wie auf dem folgenden Bild zu sehen ist.

(Foto: zod)

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Bauern errichteten an seinem Bestattungsort eine Kapelle und damit fing Leodegars Verehrung an. «Dieses Bild ist das einzige Brückenbild mit einem Porträt», erklärt Horat. Renward Cysat, Stadtschreiber und Initiator der Bilder, sei unten rechts verewigt worden. Horat vermutet, dass dies nach Cysats Tod wohl durch seine Kinder geschehen sei.

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