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Wer nach Italien und Afrika schaut, kämpft lockerer gegen das Chaos
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Unterrichten vom Home-Office aus: die Zuger Lehrerin Emanuela Schädler. (Bild: zvg)

Im Fernunterricht mit der Zugerin Emanuela Schädler Wer nach Italien und Afrika schaut, kämpft lockerer gegen das Chaos

5 min Lesezeit 2 Kommentare 28.03.2020, 16:55 Uhr

Die Lehrerin Emanuela Schädler sitzt derzeit zu Hause vor ihrem PC statt in ihrem Klassenzimmer. Die Zugerin mit italienischen Wurzeln ist krisenresistent: Als Freiwillige arbeitet sie zweimal im Jahr an der Elfenbeinküste – und weiss deshalb um die Privilegien hierzulande.

«Guten Morgen», sagt Emanuela Schädler, es ist 8.15 Uhr und der Unterricht ihrer stufengemischten Klasse der Privatschule LMS beginnt. Doch nicht im Schulzimmer am Rotsee in Luzern, sondern im umfunktionierten Büro in Schädlers Einfamilienhaus in Zug. Die Jugendlichen grüssen freundlich zurück und los gehts: Aufgabenverteilung gruppenweise via Skype, Rückfragen persönlich via Telefon. Später dann korrigieren und Feedbacks in der Gruppe oder einzeln.

Es ist die zweite Woche, seit die 53-jährige Lehrerin Fernunterricht betreibt. Das Corona-Virus zwingt sie dazu. Doch die ersten Erfahrungen von Emanuela Schädler sind gut: «Ich bin positiv überrascht, Kinder gehen sehr natürlich damit um.» Es liege sicher auch an der umsichtigen Planung der Schulleitung, vermutet sie. Von Kollegen aus dem Bündnerland hat sie vernommen, dass dort aufgrund eines fehlenden Konzepts für diese Umstellung die Schule einfach eine Woche ausgefallen sei.

Anders bei Emanuela Schädler und den Lehrkräften der Luzerner Privatschule: Sie haben sich auf das Szenario gut vorbereitet, jedem Schüler eine Mailadresse und ein Passwort eingerichtet. «Und dann haben wir gleich noch in der Schule geübt», erklärt die zweifache Mutter, die unlängst sogar schon Grossmutter wurde. «So wurden wir nicht vom Entscheid überrascht und konnten schnell auf Home Schooling umstellen.» Am Freitag vor zwei Wochen haben die Lehrkräfte alle Schüler zusammengenommen und jenen, die zu Hause keinen Laptop haben, einen aus dem Schularchiv ausgeliehen.

Überfordert? Nein, engagiert!

Natürlich müsse sie sich erst ans Home Schooling gewöhnen, gesteht Emanuela Schädler, und es sei schon sehr anders als im Klassenzimmer, wo sie in ihren rund 20 Jahren als Lehrerin sehr gerne unterrichtet habe. Aber sie ist stolz auf ihre beiden Klassen, in der jeweils 13 Schüler im Alter von 9 bis 12 Jahren sind: «Das Engagement von allen Seiten ist gross.»

«Wer nach Italien blickt, weiss wieder, wie gut wir es hier noch haben.»

Emanuela Schädler, Lehrerin

Manche Eltern mussten ihren Kindern anfangs zwar noch helfen, doch heute arbeiten alle selbstständig. Von Überforderung weiss Emanuela Schädler nichts: «Die Kinder dürfen mich bei Fragen anrufen, können miteinander in Gruppen arbeiten und wer keinen Drucker hat, dem schicke ich die Unterlagen per Post.» 

Spürt sie Ablehnung oder eher Begeisterung? Weder noch. Nicht, dass die Schüler gejubelt hätten, als sie zum Home Schooling verknurrt wurden: «Es waren alle offen und gespannt, wie das sein würde», so Emanuela Schädler. Die Lehrerin ist gefordert, konstant umzustellen und zu improvisieren, aber das mache ihr Spass.

Da muss man auch mal improvisieren und umstellen

Sie erkannte schnell, dass sie sich etwa in Mathematik gut an die Wochenpläne halten konnte, in Deutsch läuft es rund mit den Dossiers. Einzig im Fach NMG, das steht für Natur, Mensch und Gesellschaft, musste sie komplett umplanen: «Beim Thema Strom und Magnetismus wollten wir ursprünglich mit Experimenten arbeiten, das geht leider schlecht über den Laptop», lacht sie. Jetzt behandelt Schädler den Kontinent Europa, wo derzeit Corona wütet.

Ob sie und ihre Schüler denn Angst hätten? Nein, sagt sie, denn sie gehören nicht zur Risikogruppe. Und: «Ich halte mich an die Regeln». Emanuela Schädler hat ihre Wurzeln in Italien und sie erfährt immer wieder am Telefon mit ihren Verwandten bei Venedig, wie schlimm dort die Isolation der Bevölkerung ist. Sie schüttelt den Kopf: «Wer nach Italien blickt, weiss wieder, wie gut wir es hier noch haben.»

Als Freiwillige an der Elfenbeinküste: Emanuela Schädler. (Bild: zvg)

Oder gar nach Afrika. Hier liegt einer der Gründe, wieso Emanuela Schädler krisenresistent ist: Seit sechs Jahren arbeitet sie jeweils vier Wochen in der mittelgrossen Stadt Dabou an der französischsprachigen Elfenbeinküste. Dort hat der Zuger Arzt Ruedi Leuppi vor 16 Jahren eine Klinik errichtet. Er bildet mit seinem Team das einheimische Spitalpersonal aus und unterstützt das lokale Spital finanziell und mit Material.

Die Zuger Lehrerin bringt bei ihren Besuchen neue Lehrmittel mit; sie hat eine Bibliothek eröffnet, hilft in Schule und Spital, wo es geht. «Im Kindergarten, den wir gebaut haben, fängt alles mit Hygiene-Schulungen an – beim Händewaschen.» Wie wichtig das ist, zeigt jetzt die alltägliche Bedrohung einer Corona-Infektion.

«Und was geschieht erst, wenn das Virus bald die Flüchtlingslager in Europa packt?»

Ruedi Leuppi, Arzt

Auch wenn Emanuela Schädler jeweils einen Monat im Jahr mit Menschen verbringt, die keinen Strom haben und noch auf Schiefertafeln mit Kreide schreiben, geniesst sie die Unbeschwertheit der Kinder. «Bei ihnen geht es um das tägliche Überleben.» Wer das einmal erfahren habe, sei stark gegen Corona.

Das Virus allerdings habe sich jetzt auch an der Elfenbeinküste eingenistet. Die Schulschliessung droht derzeit wieder einmal – so wie früher, als die Lehrer lange streikten, weil sie nicht bezahlt wurden.

An der Elfenbeinküste haben Kinder keinen Strom und schreiben auf Schiefertafeln. (Bild: zvg)

Ruedi Leuppi fürchtet um die Unterstützung für sein Hilfsprojekt: Weil alle Länder ihre Grenzen dichtmachen, sieht er finanziell schwarz für seine Stiftung und besonders für ganz Afrika. Alle seien auf sich selbst konzentriert mit Corona, wer wolle da noch für die Armen im Süden spenden? Leuppi sagt: «Und was geschieht erst, wenn das Virus bald die Flüchtlingslager in Europa packt?» Das will auch Emanuela Schädler sich gar nicht vorstellen.

Die Herausforderung ist überschaubar

Schädlers Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass ihre Schützlinge den Anschluss nicht verlieren. Jetzt tut sie das halt von zu Hause aus, so gut es geht. Und sie macht jeden Tag weiter, bis sie ihre Schüler verabschiedet: «Tschüss, geniesst den Nachmittag. Und dann bis morgen!»

Unterstützen Schule und Spital: Ruedi Leuppi und Emanuela Schädler. (Bild: zvg)

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2 Kommentare
  1. bbb, 30.03.2020, 11:40 Uhr

    Wow, wie wunderbar, dieser koloniale Blick.
    „Wer nach Italien und Afrika schaut, kämpft lockerer gegen das Chaos.“
    Einfach bitzli in den Süden schauen, dann gehts dir grad wieder besser. Die da unten habens nämlich viel schlimmer als wir.
    Kann man machen, solche Artikel. Ist halt schon ziemlich uncool.

    1. Daniela Übersax, 30.03.2020, 14:07 Uhr

      Den Text auch gelesen oder nur den Titel?

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