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«Wer mit dem Auto ins Zentrum will, soll 15 Franken zahlen»
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Hat die Energiewende durchgerechnet und findet die Spange Nord unnötig: Anton Gunzinger. (Bild: zvg)

ETH-Professor spricht an Spange-No-Fest «Wer mit dem Auto ins Zentrum will, soll 15 Franken zahlen»

7 min Lesezeit 3 Kommentare 21.09.2019, 05:00 Uhr

Der ETH-Professor und Unternehmer Anton Gunzinger gilt als Vordenker der Energiewende. Diesen Samstag tritt er am Fest der Spange-Nord-Gegner in Luzern auf. Der 63-Jährige sagt, wie Luzern das Verkehrsproblem anders lösen könnte.

Ein zehnstündiges Fest gegen die Spange Nord: Diesen Samstag machen die Gegner des Autobahnzubringers in Luzern erneut mobil. Zahlreiche Konzerte finden beim Musikpavillon statt, dazwischen mehrere Podien (siehe Box).

Einer der Redner ist Anton Gunzinger. Der Titularprofessor am Institut für Elektronik der ETH Zürich hat sich einen Namen gemacht als Querdenker und Visionär. 2015 sorgte er in seinem Buch «Kraftwerk Schweiz» für Furore, indem er aufzeigte, wie das Land bereits 2035 das fossile Kapitel abschliessen könnte.

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Der Gründer und Verwaltungsratspräsident einer Hard- und Softwarefirma mit rund 130 Mitarbeitern erklärt im Interview, wie die Mobilität der Zukunft aussehen muss und wieso er sich für den Kampf gegen die Spange Nord einspannen lässt.

zentralplus: Anton Gunzinger, Sie sind bekannt als Visionär in Sachen Energieversorgung. Wieso braucht es dafür ein Umdenken bei der Mobilität?

Anton Gunzinger: Wir haben mit jeweils rund 40 Prozent Anteil zwei grosse CO2-Verursacher: Wärme und Mobilität. Bei der Wärme sind wir gut unterwegs, weil die neuen Technologien extrem effizient sind und genutzt werden. Heute baut nur noch eine fossile Heizung, wer Geld zum Fenster rausschmeissen will. Bei der Mobilität hingegen wurden alle technischen Fortschritte durch grössere und schwerere Autos vernichtet. Der Effekt ist gleich 0. Das heisst: Wir bewegen uns nicht vom Fleck – und es sieht nicht so aus, als ob es besser würde.

zentralplus: Wie sähe denn die Mobilität der Zukunft aus?

Gunzinger: Die positiven Entwicklungen in der Automobiltechnik wie Elektroautos werden durch immer schwerere Offroader zunichte gemacht. So ist der Energieverbrauch der Mobilität in den letzten 20 Jahren konstant geblieben. In den Agglomerationen sind der Langsamverkehr und der öffentliche Verkehr ein Muss. 85 Prozent aller Autofahrten sind unter fünf Kilometer: Die kann man zu Fuss, mit dem Velo oder schlimmstenfalls mit dem E-Bike absolvieren. Dann hat man die Mobilität bereits halbiert. Das Auto gehört nicht in die Stadt. So hat sich der Anteil des Autos an der Mobilität in Zürich in den letzten 20 Jahren von 40 auf 24 Prozent reduziert und wird weiter sinken. Luzern möchte es offensichtlich anders machen. Das macht wegen des enormen Flächenverbrauchs des Autos keinen Sinn.

zentralplus: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Gunzinger: CO2-Abgabe fürs Autofahren, Road-Pricing für die Städte und langfristig Vollkostenrechnung bei der Mobilität.

zentralplus: Das sind alles politisch umstrittene Ansätze. In Ihrem Buch fordern Sie, dass 1 Liter Benzin 10 Franken kosten sollte. Das würde einen Gilets-Jaunes-Aufstand in der Schweiz verursachen.

Gunzinger: Dass es wahrscheinlich einen Aufruhr geben würde, ist mir bewusst. Aber man muss das fair und sauber durchrechnen. Das haben wir getan – und gesehen: Wenn man die Vollkostenrechnung macht, wäre es für die meisten Leute ein Gewinn, wenn sie sich anpassen würden.

«Es wird völlig verschleiert, wie viel Geld effektiv in die Strassen fliesst.»

zentralplus: Das müssen Sie erklären.

Gunzinger: Heute wird der Individualverkehr mithilfe von Steuergeldern massiv subventioniert. Neue Gemeinde- und Kantonsstrassen werden von Steuergeldern bezahlt, der lokale Strassenunterhalt genauso. Zudem ist rund die Hälfte der Polizeitätigkeit mit dem Strassenverkehr verbunden – auch das berappen wir Steuerzahler. Die meisten wissen das gar nicht, denn es wird völlig verschleiert, wie viel Geld effektiv in die Strassen fliesst. Laut unseren Berechnungen würden bei fairen Mobilitätspreisen die Steuern um 20 bis 30 Prozent sinken.

zentralplus: Aber auch Velos brauchen Strassen und verursachen Polizeieinsätze.

Gunzinger: Das stimmt, aber die Flächeneffizienz eines Velos ist im Vergleich zum Auto zehnmal besser. Und: Eine Strasse muss wegen der Autos und Lastwagen 40 Tonnen tragen können. Kein Fussgänger und kein Velofahrer sind jemals 40 Tonnen schwer! Die Kosten, die der Langsamverkehr verursacht, sind daher vernachlässigbar.

zentralplus: Die Autofahrer als Milchkühe der Nation …

Gunzinger: (unterbricht) … das ist ein absoluter Mythos und hält einer genauen Betrachtung niemals Stand.

Spange-No-Fest

Die Gegenbewegung zum Autobahnzubringer Nord veranstaltet diesen Samstag ein Fest beim Kurplatz/Musikpavillon am Quai. Es beginnt um 12 Uhr und endet mit dem Konzert von Heidi Happy zwischen 21 und 22 Uhr. Dazwischen gibt es vier Podien. ETH-Professor Anton Gunzinger wird ab 16.30 Uhr zum Thema Mobilität und Klima sprechen.

zentralplus: Sie plädieren für Kostenwahrheit, höhere Benzinkosten, Road-Pricing. Sozialverträglich ist das kaum: Sollen nur noch Reiche Auto fahren dürfen?

Gunzinger: Nein, gerade die CO2-Abgabe führt zu einer Umverteilung von reich zu arm. Denn die Offroader und Porsches, die viel Treibstoff verbrauchen, können sich nur Reiche leisten. Sie würden viel mehr Abgaben zahlen, die allen zugute kämen – analog zur bestehenden CO2-Abgabe auf Heizöl, die in die Krankenkasse für alle zurückfliesst. Das heisst: Menschen mit tiefem Einkommen profitieren überproportional.

zentralplus: Nehmen wir das Beispiel einer Putzfrau, die für ihre abendlichen Arbeitseinsätze auf das Auto angewiesen ist. Könnte sie sich das noch leisten?

Gunzinger: Wenn sie mit demselben schlechten Auto die gleiche Strecke fährt wie bisher, dann wahrscheinlich nicht. Bei jeder Massnahme kann es solche Härtefälle geben. Aber es gäbe für sie wahrscheinlich Alternativen, mit dem öffentlichen Verkehr oder mit einem Elektrovelo. Und man muss sich bewusst sein: Die Umstellung geschieht ja nicht von heute auf morgen. Der Benzinpreis zum Beispiel müsste über eine Dauer von zehn Jahren auf zehn Franken ansteigen, sodass sich die Menschen entsprechend einrichten könnten.

«Am Ende muss man ganz Luzern zubetonieren.»

zentralplus: Die Wirtschaft verlangt Mobilität.

Gunzinger: Es wird auch bei der Wirtschaft Gewinner und Verlierer geben. Die Unternehmen werden sich umorientieren müssen. Zum Vergleich: Nach der Einführung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) haben die Leerfahrten extrem abgenommen, weil sich die Lastwagenfahrer organisierten. Das ist ein schöner Beweis dafür, dass die Anpassung funktioniert.

zentralplus: Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die geplante Spange Nord?

Gunzinger: Mehr Verkehrsfläche generiert mehr Autoverkehr und in zehn Jahren ist man wieder gleich weit. Die Spange Nord ist darum keine nachhaltige Lösung. Am Ende muss man ganz Luzern zubetonieren. Als Besucher finde ich bereits die heutige Situation morgens und abends am Schwanenplatz oder Bahnhof eine Zumutung.

Das Projekt Spange Nord auf dem Plan.

zentralplus: Die Spange Nord soll aber genau das Zentrum vom Verkehr entlasten.

Gunzinger: Aber sie bringt Mehrverkehr in die Stadt. Dabei ist klar: Weniger Autos machen Luzern lebenswerter. Ein solches Grossprojekt ist heutzutage definitiv überholt. Es fehlt schlicht der Platz dafür.

zentralplus: Wie soll das Verkehrsproblem sonst gelöst werden? Elektroautos verursachen ja genauso Stau wie Benziner und Diesler.

Gunzinger: Ich bin kein uneingeschränkter Fan von Elektromobilität. Sicher sind E-Autos besser, weil sie weder Gestank noch Lärm verursachen und in Sachen CO2 besser sind. Aber Sie haben Recht, das Platzproblem bleibt. Was Luzern machen sollte, ist ganz einfach: ein Road-Pricing. Wer ins Zentrum will, muss 15 Franken zahlen. Das Stauproblem würde sich in Luft auflösen.

«Das ist die Bequemlichkeit der Ewiggestrigen!»

zentralplus: Politisch ist Roadpricing bislang nirgends in der Schweiz mehrheitsfähig.

Gunzinger: Es stimmt, die Schweizer Politik tut sich schwer damit. Im Ausland hingegen ist man progressiver: London, Stockholm oder Singapur zum Beispiel kennen das bereits.

zentralplus: Widerstand gibt es nicht nur gegen Road-Pricing, sondern generell gegen viele Einschränkungen der Autofahrer.

Gunzinger: Das ist die Bequemlichkeit der Ewiggestrigen! Früher konnte man direkt vor den Laden fahren, parkieren und aussteigen. Aber wenn das heute alle wollen, geht es einfach nicht.

Könnte er entscheiden, würde Anton Gunzinger in Luzern ein Roadpricing einführen.

zentralplus: Die Spange Nord ist noch nicht in Stein gemeisselt, bald wird die Regierung eine Analyse verschiedener Optionen präsentieren. Gibt es Ihrer Meinung nach nur schlechte Varianten?

Gunzinger: Eine unterirdische Umfahrung ohne neue Einfahrten wäre eine gute Lösung. Aber prinzipiell muss die Stossrichtung sein: Das Auto soll zur Stadt raus.

zentralplus: Mit Ihrem Auftritt an der Spange-No-Veranstaltung lassen Sie sich für politische Zwecke vereinnahmen. Wieso?

Gunzinger: Die Ziele der Gegenbewegung decken sich mit meinen: Städte sind für Menschen da, nicht für Autos. Es ist ein Gebot der Stunde, sich gegen solche Projekte zu wehren. Die autofreundliche Stadt ist ein Konzept aus den 50er-Jahren. Angesichts des Klimawandels können wir es uns gar nicht mehr leisten, das Auto zu forcieren. Ich möchte etwas dazu beitragen, dass meine Enkel eines Tages auch noch ein lebenswertes Luzern und eine lebenswerte Schweiz antreffen.

zentralplus: Da stört es Sie nicht, wenn man Sie dafür in die linke Ecke stellt.

Gunzinger: (lacht) Wenn jemand findet, volkswirtschaftliches Rechnen sei links, soll er das denken. Aber ich bin Unternehmer und will nur faire Kosten. Gerade das Gewerbe könnte übrigens profitieren: Die 15 Franken fürs Roadpricing sind ein Klacks gegen die Kosten, die anfallen, wenn ein Handwerker, der beim Kunden 120 Franken pro Stunde verrechnen kann,  im Stau steht.

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3 Kommentare
  1. Kayn Dollar, 24.09.2019, 12:14 Uhr

    Die mittlere Mittelschicht muss die grüne Wende bezahlen. Sie hat artig gearbeitet, bekommt einen Lohn, der gerade für mässig gutes Überleben reicht, während in den letzten Jahren die bürgerlichen Politiker das Terrain ebneten dafür, dass die grossen Konzerne und ihre Chefs sich über alle Massen bereicherten. Dermassen, dass, wenn man den meisten Wissenschaftlern glauben will, die Erde am Kollabieren ist. Die Zeche soll nun die Mittelschicht bezahlen mit teurerem Benzin und einer neuen Heizung. Woher sie das Geld nehmen soll, berechnet der ETH-Mann nicht.

  2. Dolores Burkhardt, 24.09.2019, 12:02 Uhr

    So lange der Parkplatz und die Parkhäuser billiger sind als der öffentliche Verkehr, ist es normal dass ich mit dem Auto in die Stadt fahre.
    Also müssen unbedingt die öffentlichen Verkehrsmittel billiger oder sogar gratis sein.
    Ich nehme manchmal eine Tageskarte für den Bus, wenn ich den ganzen Tag in der Stadt verbringe, aber nur für einen Kurztrip um etwas zu holen in der Stadt, ist das Auto günstiger.
    Das ist sicher machbar!

  3. Berger Hans, 21.09.2019, 21:54 Uhr

    Die Motorfshrzeugsteuer muss CH weit auf einer neuen Basis berechnet und belastet werden.
    Grundformel aus den Faktoren Gefahrene Strecke in km x Effizienzkategorie des Fahrzeugs x Auslastungsfaktor (eine Fahrt mit nur 1 besetztem Platz muss markant mehr kosten als wenn vier Plätze besetzt sind) Damit fördern wir Carsharing, setzen auf das Verursacherprinzip und lösen das Stauproblem. Staus entstehen durch zu viele nicht ausgelastete Autos. Wenn wir die Auslastung verdoppeln, halbieren wir den Verkehr.
    Weitere Faktoren wie soziale Leistungsfähigkeit des Fahrzeughalters und Strassentyp können leicht in die Formel integriert werden, wenn das der politische Wille ist.
    Die technischen Möglichkeiten für eine realtime Berechnung sind heute weitgehend vorhanden. Die Auslastung zuverlässig feststellen ist eine Aufgabe, die uns die ETH sicher lösen kann.