Wer in Zug den «perfekten» Hund sucht, hat’s schwer
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Der Hundemarkt in der Zentralschweiz ist ziemlich ausgetrocknet. Jedenfalls für die, die nicht zu viel Arbeit in die Hundehaltung investieren wollen. (Bild: wia)

Dubiose Onlinehändler und überrannte Züchter Wer in Zug den «perfekten» Hund sucht, hat’s schwer

6 min Lesezeit 1 Kommentar 19.07.2021, 05:00 Uhr

Die Zahl der Hunde im Kanton Zug ist im letzten Jahr um rund acht Prozent gestiegen. Der Wunsch nach einem vierbeinigen Gefährten ist so gross, dass Züchter von Moderassen überrannt werden. Während der überaus problematische Onlinehandel boomt, landen erste «Coronahunde» bereits wieder im Tierheim.

«Wurfankündigung Französische Bulldogge Blue», liest man auf einem Inserat auf Anibis, einer Onlineplattform für Gratiskleinanzeigen. Demnächst erwarte man einen Wurf der knuffigen Hunderasse. Die Tiere seien gut geeignet für Hundeanfänger, für Familien mit Kleinkindern und würden geimpft. Preis auf Anfrage.

Gezüchtet worden seien die Tiere in der Schweiz. Im Inserat ist eine Adresse in der Gemeinde Baar angegeben. Das Foto, auf dem bereits ein Wurf zu sehen ist, scheint nicht vor Ort aufgenommen worden zu sein.

Auf Anibis trifft man zwischen Buddhawandbildern und Wohnwänden immer wieder auf Annoncen für lebende Tiere. Teilweise werden, gerade wenn es sich um begehrte Rassen handelt, stolze Preise verlangt.

Acht Prozent mehr Hunde in Zug seit März 2020

Viele Menschen sind im letzten Jahr «auf den Hund» gekommen und wünschen sich einen flauschigen Gefährten. In der Schweiz hat die Anzahl Hunde seit März 2020 um rund 15’600 Tiere zugenommen, dies entspricht fast 3 Prozent. Im Kanton Zug beträgt die Zunahme mit 443 Neuhunden gar 8,25 Prozent. Zentralschweizer Züchter spüren den Hundeboom stark (zentralplus berichtete).

Eine Zwergspitzzüchterin aus der Region, die lieber anonym bleiben möchte, erklärt auf Anfrage: «Ich habe im letzten Jahr sehr, sehr viele Anfragen erhalten.» Das ist für sie nicht unbedingt ein positives Zeichen. «Man muss aufpassen, wem man einen Hund vergibt und sich immer fragen, ob das Menschen sind, die auch nach Homeoffice und nach der Kurzarbeit genügend Zeit für ein Tier aufbringen können.» Die Zentralschweizerin ist nicht unglücklich, dass sie aktuell gar keine Würfe geplant hat, und dass es ihr erspart bleibt, herauszufinden, welche Interessenten es wirklich ernst meinen und geeignet sind. «Ich habe Kollegen, die lassen ihre Hündinnen im Moment bewusst nicht decken. Zu gross ist die Angst, dass die Tiere später im Tierheim landen», erklärt sie.

«Manche stellen fest, dass ein ehemaliger Strassenhund aus dem Ausland nicht so dankbar ist, wie erwartet.»

Ivo Zürcher, Leiter des Hundeheims Stolzboden in Sihlbrugg

Wie sieht die Situation dort aus? Ivo Zürcher leitet in Sihlbrugg ein Tierheim. «Tatsächlich wurden uns bereits sechs Hunde und zwei Katzen gebracht, die sich Menschen während der Coronakrise zugelegt hatten», erklärt der gelernte Tierpfleger. «Die Halter haben gemerkt, dass der Aufwand zu gross ist, etwa weil der vor einem Jahr gekaufte Welpe nun in die Pubertät kommt und man mit ihm arbeiten muss.» Zürcher fährt fort: «Oder aber sie merken, dass ein ehemaliger Strassenhund aus dem Ausland nicht so dankbar ist, wie erwartet. Man hat ihn schliesslich gerettet. Nur: das realisiert dieser ja nicht.»

Wenn der Kunde mit dem Anwalt droht

Zürcher hält wenig von den Annoncen der Tierschutzorganisationen, die auf Mitleid abzielen. «Da steht manchmal, dass der Hund sehnlichst auf seine neue Familie wartet und sein Köfferchen schon gepackt habe. Das ist ein Problem. Klar, der Hund hat schon Gepäck dabei. Aber anders, als man denkt.» Viele der ausländischen Hunde hätten Traumata, die nur mit Geduld und Zeit gelöst werden können, oder brauchen schlicht noch viel Erziehung.

«Mir wurde schon mit dem Anwalt gedroht, weil ich jemanden einen Hund nicht vermitteln wollte.»

Ivo Zürcher

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Zürchers Tierheim Stolzboden. «Wir haben nach wie vor Tiere, die ein Zuhause suchen. Diese brauchen aber noch Arbeit. Die meisten Interessenten kommen jedoch schon mit einem riesigen Katalog an Vorstellungen auf uns zu, suchen also etwa einen Familienhund, der bereits alles kann und stubenrein ist.» Dann wiederum gebe es Interessenten, denen Ivo Zürcher Nein sagen muss. «Das muss man unbedingt machen, wenn man spürt, dass ein Hund nicht zu den Leuten passt oder diese sich kaum mit dem Thema Hund befasst haben.» Das kommt nicht immer gut an. «Mir wurde schon mit dem Anwalt gedroht, weil ich jemanden einen Hund nicht vermitteln wollte.»

Weil es schwieriger geworden ist, den unbeschriebenen unbeschwerten «Traumhund» im Inland zu finden, weichen viele Hundeinteressenten ins Ausland aus. Nur werden dort Rassehunde oft unter unhaltbaren Umständen gezüchtet. Das hält die sogenannten Vermehrer nicht davon ab, die Tiere teuer zu verkaufen.

In einigen Inseraten werden für Zwergspitze aus dem Ausland 3500 Franken verlangt. «Ich finde das wahnsinnig teuer», sagt die Zentralschweizer Zwergspitzzüchterin. «Gerade, wenn diese kein Herkunftszertifikat aufweisen. Insbesondere in Osteuropa wird häufig ohne Auflagen und Stammbaum gezüchtet, was wiederum rassetypische Krankheiten begünstigt.»

Bei der Ankunft todkrank

Kommt hinzu, dass Welpen durch den langen Transport in die Schweiz häufig krank werden. Ein Problem, das unter anderem das Tierspital Zürich stark zu spüren bekommt. Dort wurden seit dem Frühjahr 2020 doppelt so viele todkranke Welpen eingeliefert wie vor Corona, heisst es in einer kürzlich veröffentlichen Broschüre. Gerade bei den genannten Moderassen seien Magen-Darm-Erkrankungen häufig.

Ausserdem hätten Zwergrassen grosse Mühe, ihren Blutzuckerspiegel aufrechtzuerhalten. Das Risiko der Unterzuckerung sei gross. «Stundenlange Transporte über Hunderte von Kilometern in Käfigen können die noch sehr jungen Tiere nicht verkraften, es haut sie regelrecht um», äussert sich die Tierärztin Iris Reichler. Nicht zuletzt steige durch die Sammeltransporte die Gefahr, sich mit Hundeseuchen anzustecken.

«Bei den Fotos in den Inseraten handelt es sich häufig um Symbolbilder.»

Rainer Nussbaumer, Zuger Kantonstierarzt

Der Zuger Kantonstierarzt Rainer Nussbaumer erklärt dazu: «Hinter Internetinseraten steckt häufig eine mafiöse Struktur. Zwar gibt es Auflagen für die Publikation, doch sind die Angaben häufig gefälscht. Auch handelt es sich bei den Fotos häufig um Symbolbilder.» Diese Machenschaften zu durchschauen sei nicht einfach. «Dagegen vorzugehen ist sehr zeitintensiv, denn kaum ist ein Inserat weg, kommt ein neues», sagt Nussbaumer. Er äussert daher auch klare Worte zum Onlinehundehandel: «Wir finden ihn sehr bedenklich und unterstützen das gar nicht.»

60 Prozent der Hundeimporte kommen aus dem Osten

Wie viele kranke Hunde im letzten Jahr nach Zug importiert wurden, kann Nussbaumer nicht sagen, zumal sich damit vor allem die Tierärzte befassen müssen. «Wir wissen nur, dass 60 Prozent der Auslandtiere aus Osteuropa stammt. Sofern diese korrekt importiert werden, haben wir damit nichts zu tun.»

«Die Anzahl der Hundebissmeldungen sind im ersten Halbjahr 2021 leicht angestiegen.»

Rainer Nussbaumer, Zuger Kantonstierarzt

Was Nussbaumer jedoch bestätigen kann: «Die Anzahl der Hundebissmeldungen sind im ersten Halbjahr 2021 leicht angestiegen. Wir vermuten einen Zusammenhang mit der angestiegenen Anzahl Hundehaltungen», so der Kantonstierarzt. Solche Daten würden zudem häufig Schwankungen aufweisen.

Eine dramatische Entwicklung betreffend kranker Importhunde hat die Tierklinik Obergrund in Luzern nicht verzeichnet im letzten Jahr. «Vielleicht gibt es eine schwache Tendenz in diese Richtung. Persönlich hatte ich jedoch nicht den Eindruck, dass wir signifikant mehr kranke Welpen behandeln müssen», sagt Geschäftsleiter Reto Barmettler auf Anfrage.

Er äussert die Vermutung, dass die Tendenz in der Zentralschweiz womöglich weniger stark sei wie im «Hotspot Zürich».

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1 Kommentare
  1. Stefan Ernst, 19.07.2021, 08:56 Uhr

    Die Züchter sind teil des Problems und nicht die Lösung. Wenn ein Hund auf die Welt kommt spielt es keine Rolle ob in der Schweiz oder im Ausland. Viele dieser teuren schweizer Vorzeigehunde sind genauso krank und schlecht erzogen wie ihre Artgenossen aus dem Ausland. Tragisch auch der Trend zu Hunden im Handtaschenformat – mit deformierten Nasen und zu kurzen Beinen. Daran ist nun wirklich nichts herzig.

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