«Wer im Zuger Holzturm lebt, entscheidet sich bewusst dafür»
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Das Zuger Hochhaus «Pi» ist nicht nur mit seiner Holzbauweise sondern auch seinen Wohnformen innovativ. (Bild: Filippo Bolognese)

Architektin erklärt das Wohnraumkonzept von «Pi» «Wer im Zuger Holzturm lebt, entscheidet sich bewusst dafür»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 28.01.2020, 05:00 Uhr

Der höchste Holzturm der Schweiz wird Grossstadtfeeling nach Zug bringen. Das Leben darin soll sich aber nicht so anfühlen. Architektin Anne Kaestle erklärt, wie das gemeinschaftliche Zusammenleben im Turm trotz dessen Dichte funktionieren kann.

Wie viel Platz braucht der Mensch zum Wohnen? Diese Frage mussten sich die Macher im Geviert Baarer-, Göbli-, Industrie- und Mattenstrasse in Zug gut überlegen: Schliesslich soll der Spagat gelingen, den innovativen Bau aus Holz mit bezahlbarem Wohnraum zu kombinieren (zentralplus berichtete).

Das hört sich erst einmal nach wenig an. Wenig Platz vor allem. Diese Befürchtung bestätigt sich auf den ersten Blick: 220 Wohnungen beherbergt das geplante 80 Meter hohe Gebäude auf 28 Geschossen. Die Studios und 2.5-Zimmer-Wohnungen, an denen sich in etwa der Platzbedarf für eine Person ablesen lässt, sind zwischen 23 und 53 Quadratmeter gross. «Wenn die Wohnung bezahlbar sein soll, wird der Raum zwangsläufig kleiner» – dieser Logik kann sich auch Anne Kaestle nicht entziehen. Die Gründungspartnerin der Zürcher Duplex Architekten, deren Projekt die Bauherren von V-Zug für das Beste befunden haben, musste mit ihrem Team also um die Ecke denken.

Die Nachbarschaft, auf den Kopf gestellt

Zunächst nahmen sich die Planer der Aufgabe an, wie sie die gewünschte soziale Durchmischung erreichen wollen. Sie entwickelten dabei das Konzept der «vertikalen Nachbarschaft». Dabei werden jeweils drei Geschosse zusammengefasst. In ihrer Mitte entsteht eine gemeinsame «Piazza», die Ankunftsraum, Verteilraum und Auftakt zu den Wohnungen ist. Diesem Raum angegliedert sind auch die Zusatznutzungen für den gemeinschaftlichen Austausch. Dazu später. Im ganzen Turm ergeben sich so insgesamt zehn Nachbarschaften mit jeweils 22 Wohneinheiten. «Das ist eine Grösse, die es erlaubt, einen direkten Bezug zueinander zu entwickeln», präzisiert Kaestle.

Architektin Anne Kaestle.

Diese Nachbarschaften sollen dabei nicht zufällig, sondern mit Bewohnerprofilen ähnlicher Bedürfnisse zusammengesetzt werden. Solche «Cluster» sind etwa ältere Menschen, Wohngemeinschaften, Familien oder Kurzaufenthalter.

Geteilter Raum ist doppelter Raum

Mit dieser Ausgangslage ist nun der Trick rasch erklärt: Die private Wohnfläche, die auf den ersten Blick klein erscheint, wird durch geteilte Räume beträchtlich erweitert. Das soll im Baukastensystem passieren: «Die «Shared Spaces» können als Sporträume für Yoga, als Arbeitsplätze, schallgedämpfte Musikräume, Werkstatt oder für weitere Freizeitangebote genutzt werden.» Flexibilität bei der tatsächlichen Ausgestaltung wird dabei grossgeschrieben – wo immer möglich, sollen die zukünftigen Nutzer selbst mitentscheiden dürfen.

«Das Wohnen im Holzturm ist ein Statement.»

Ein Beispiel dafür, wie das funktionieren kann, stammt aus dem Hunziker-Areal in Zürich, für dessen architektonische Gestaltung ebenfalls die Duplex-Architekten verantwortlich zeichnen: «Es hat sich beispielsweise so ergeben, dass viele Bewohner dort Medienleute sind, die in der Nähe beim Schweizerischen Radio und Fernsehen arbeiten. Das Bedürfnis nach professionell ausgestatteten Musikräumen mit der entsprechenden Ausrüstung ist daraus entstanden und umgesetzt worden.»

Die Lobby ist auch eine Konzerthalle

Es ist auch vorgesehen, die «Sowieso-Räume» so zu gestalten, dass sie verschiedene Nutzungen zulassen:  Apéros und Konzerte in der Lobby. Eine lichtreich und einladend gestaltete Waschküche als Ort der Begegnung. Eine auf die Bedürfnisse von Familien zugeschnittene Piazza. Auch hier sind die Beispiele unzählig. «Das Konzept lässt sich beliebig erweitern», bringt es Kaestle auf den Punkt.

Für diese flexiblen Nutzungsmöglichkeiten ist nicht zuletzt auch die Architektur verantwortlich: Die «Tube-in-Tube»-Bauweise, die das Prinzip der Stahlrahmentragwerke aus dem Chicago der 1950er-Jahre in den Holzbau übersetzt, lässt zu, dass der ganze Turm im Nachhinein komplett neu gelayoutet werden könnte. «Eine wichtige Vorgabe der Bauherrschaft war die langfristige Flexibilität. Wir wissen ja nicht, wie sich die Wohnbedürfnisse in den nächsten 50 Jahren verändern werden.»

Lieber Konflikte als grossstädtische Anonymität

Was auf dem Papier bestechend tönt, deutet aber in der Praxis auch auf Konflikte hin. Ein Hochhaus, das sind immer viele Menschen auf engem Raum. Die müssen sich bei «Pi» auch noch Räume teilen und diese sogar gemeinsam gestalten. Nicht selten wird ja schon in der Waschküche des Mehrfamilienhauses immer wieder auch die sprichwörtlich schmutzige Wäsche mitgewaschen.

«Auch wenn Nachbarschaft nicht planbar ist, müssen wir doch mindestens ein attraktives Raumangebot und damit Möglichkeiten schaffen.»

Anne Kaestle spricht von einem Grundsatzentscheid: «Man muss sich schon fragen, wohin die Verdichtung führen soll.» Sie verweist auf globale gesellschaftliche Tendenzen: «Es gibt meines Erachtens zwei Entwicklungen: Auf der einen Seite sind da die grossen Metropolen wie New York oder Tokyo, die immer anonymer werden, wo die Menschen sich abkapseln, ihre Zelle bewohnen und mit dem Rest möglichst wenig zu tun haben wollen.»

Es wird schnell klar, dass sie den umgekehrten Weg bevorzugt: «Die dicht bebauten und besiedelten europäischen Städte sind da anders und bleiben ein Vorbild: Klar, da gibt es Konflikte um die Müllabfuhr, aber da gibt es auch Leben auf den Plätzen. Es passiert etwas, es entsteht eine Identität.» Und sie ergänzt: «Gemeinschaft darf kein Zwang sein. Aber auch wenn Nachbarschaft nicht planbar ist, müssen wir doch mindestens ein attraktives Raumangebot und damit Möglichkeiten schaffen.»

Was sie aus Erfahrung weiss, ist auch, dass der Bewirtschaftung der gemeinsam genutzten Räumlichkeiten eine entscheidende Rolle zukommt. «Am besten klappt es, wenn der Investor auch die Betreiberfunktion übernimmt und es für die Bewohner konkrete Ansprechpartner vor Ort gibt.»

Nicht nur typische Turmbewohner

Es bleibt noch die Frage zu klären, wer ab 2024 den ikonischen Holzturm bewohnen wird. Auch darüber haben sich die Architekten Gedanken gemacht. «Was wir schon aus den Vorgaben heraus wissen, ist, dass ein Grossteil der künftigen Bewohner sehr preissensitiv sein wird.» Da neben Mietwohnungen auch Stockwerkeigentum geplant ist, wird es auch hier eine Durchmischung geben.

Klar ist für Kaestle: «Das Wohnen im Holzturm ist ein Statement. Hier werden Leute leben, denen die Frage zur Nachhaltigkeit ein echtes Anliegen ist. Solche, die es wichtig finden, eben nicht zwei Autos zu besitzen.» Sie ist sich sicher: «Es ist mit Bestimmtheit ein bewusster Entscheid, in einem solchen Turm zu wohnen.»

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1 Kommentare
  1. igarulo, 31.01.2020, 16:44 Uhr

    Die Verdichtung ist das Feigenblatt der Rendite getriebenen Immobilienindustrie und Menschen verachtend!

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.