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«Wer einen solchen Rock hat, will ihn immerzu tragen»
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Fast ein bisschen böse: Trägerinnen von Schwingerröcken posieren vor dem Gabentempel fürs ESAF 2019 in Zug. Mit gehörntem Lebendpreis, dem Rind Gretha, und Züchter Werni Camenzind. (Bild: Esthi Studerus)

Objekt der Begierde: Zerrissene Schwingerhosen «Wer einen solchen Rock hat, will ihn immerzu tragen»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 18.08.2019, 12:03 Uhr

Lastwagenplanen werden zu Modeartikeln verarbeitet, gebrauchte Alubüchsen oder alte Armeedecken. Warum also nicht auch Schwingerhosen, fragte sich die Zuger Modeschöpferin Mirjam Roosdorp.

Flachs – auch Leinen genannt – ist die älteste Faser der Welt. Über 30’000 Jahre alt sind die Fasern, die man in einer georgischen Höhle fand. Er ist der früheste Nachweis für die Herstellung von menschlicher Kleidung. Leinen wird auch heute verarbeitet – zum Beispiel in Schwingerhosen. Zweifach gewoben wird daraus Zwilch – und der ist besonders reissfest.

Nach durchschnittlich sieben Jahren zerreissen die Schwingerhosen dann doch. Nun werden sie für die Zuger Modeschöpferin Mirjam Roosdorp interessant. Sie stellt daraus seit kurzem in ihrem Atelier-Laden in Neuägeri Röcke her – und Taschen.

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Freude an Recyclingmode

«Die Idee hatte ich vor einem Jahr schon mal», sagt sie und verweist auf frühere Arbeiten, bei denen sie ebenfalls gebrauchte Kleidung verarbeitet hat. Neben einer neuen Kollektion hängt ein Sommerrock aus einem schmucken Herrenhemd am Kleiderständer im Verkaufslokal.

Eine Ankündigung auf den sozialen Medien stiess im Frühjahr auf ein euphorisches Echo. Seither näht Roosdorp. Von Hand. «Die Arbeit ist schwierig für mich – schon fast grenzwertig», meint sie. Denn die Verarbeitung der Zwilchhosen ist sehr solide, die Nähte im Stoff und den Lederteilen nur schwer aufzudröseln.

Mirjam Roosdorp macht Mode, made in Zug.

Zwilchhosen sind Sattlersache

«Hergestellt werden Schwingerhosen von Sattlern», erklärt die Designerin.  Die gebrauchen spezielle Maschinen und nehmen Aalen zur Hilfe, um Löcher vorzustechen.

Viele sind es nicht mehr, die mit Schwingerhosen ihr Brot verdienen – lediglich drei Hersteller gibt es noch. Jene Hosen, die Roosdorp bei unserem Besuch verarbeitet, stammen von Lanz-Anliker in Rohrbach, einer Fabrik im bernischen Oberaargau. «Sie verwendet sogar Schweizer Flachs», sagt Roosdorp.

Zwilch kommt aus dem Osten

Wobei die Produktion der Swiss Flax GmbH nicht ausreicht für den Stoffbedarf an Zwilch. Die junge Firma müht sich, im Emmental, wo früher schon Flachs angebaut wurde, die Wertschöpfungskette wieder aufzubauen.

In der Regel aber stammt das Material für die «Bösen» aus dem Osten, wo immer noch viel Leinen hergestellt wird. In Weissrussland beispielsweise ist man sehr stolz auf die heimische Produktion und versucht die Stoffe den wenigen Touristen, die sich ins Land verirren, als Souvenir zu verkaufen.

Diese Pflanze macht Schwingerhosen reissfest: Gemeiner Lein oder Flachs.

Einschwingen fürs ESAF

Die Schwingerhosen, die beim «Eidgenössischen» in Zug zum Einsatz kommen, stammen übrigens von Sattlermeister Paul Eg­gi­mann aus Grünen im unteren Emmental. Er hat schon mehrere Eidgenössische beliefert und auch die rund 100 Stück hergestellt, die seit Anfang Jahr in den vier Zuger Schwingklubs fürs Grossereignis eingeschwungen werden.  Anfangs ist der Stoff nämlich ziemlich steif, lässt sich nur schwer greifen.

Nach einer ganzen Lebensdauer fühlen sich die Schwingerhosen indes sehr bequem an. Schon fast geschmeidig. «Wer einen solchen Rock hat, möchte ihn immerzu tragen», sagt Roosdorp, die selbstverständlich ebenfalls einen anhat.

Rock nach Mass

«Er ist aus Baumwolle, Leinen und Leder – alles Naturmaterialen», schwärmt sie. Und auch im Hochsommer nicht zu heiss. «Ich habe ihn bei über 30 Grad getragen», sagt sie. Es habe sich gut angefühlt.

Da Mirjam Roosdorp von Hand näht und für einen Rock nach eigenem Bekunden vier bis acht Stunden braucht, ist der Ausstoss an Schwingermode überschaubar. Gefertigt wird nach Vorbestellung und massgeschneidert.

Gesucht für Dekorationen

Anfänglich sei es schwierig gewesen, an den Rohstoff zu kommen, erzählt Mirjam Roosdorp. Zerrissene Schwingerhosen erhielt sie von den Zuger Schwingerklubs. Mittlerweile habe sie auch Verbindungen ins Luzernische und in den Kanton Bern geknüpft. «Aber derzeit sind Schwingerhosen sehr begehrt», so Roosdorp. «Viele Restaurants und Läden brauchen sie für Dekorationen in der Zeit des ESAF.»

Jungschwingertraining beim Schwingklub Ägerital in Oberägeri.

Wir begleiten Roosdorp bei der Materialbeschaffung. Der Ausflug führt uns ins Hofmatt-Schulhaus nach Oberägeri, wo jeden Donnerstag die Jungschwinger des Schwingklubs Ägerital trainieren. 16 Buben duellieren sich im Sägemehl des Schwingkellers.

Gürtel gehören dazu

Jungschwinger-Betreuer Daniel Suter begrüsst die Designerin herzlich. Und macht sich sogleich auf, das versprochene zerrissene Exemplar zu suchen. In der Hitze des Gefechts wird er nicht fündig, kann Roosdorp aber einige Ledergürtel mitgeben, die es für Roosdorps original Schwingertaschen braucht. «Vom Bernischen Kantonalen können wir dir aber einige Hosen mitbringen», sagt Suter. Man habe gute Verbindungen ins Oberland.

Roosdorp spendet für den Nachwuchs und tritt ins Licht der Abendsonne hinaus. «Nächste Woche fahre ich zum Schwingklub Rottal», sagt sie. Da war sie bisher noch nie. Zugesagt sind zehn zerrissene Hosen. Für die Modedesignerin ein Objekt der Begierde – auch nach dem ESAF noch.

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1 Kommentare
  1. Renata Häcki-Wietlisbach Weinbergstrasse 17 6300 zug, 27.08.2019, 21:45 Uhr

    Ich bin an einem Schwingerrock interessiert. Dankschön