Wenn Mani Matter aus Tel Aviv und die Schönheit aus Guatemala kommt
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Rauschebart Ben Caplan bei seinem Auftritt im Luzerner Hinterland. (Bild: Ingo Höhn)

Stimmenfestival Ettiswil: Entdeckungen garantiert Wenn Mani Matter aus Tel Aviv und die Schönheit aus Guatemala kommt

3 min Lesezeit 27.05.2018, 14:03 Uhr

Das Stimmen-Festival in Ettiswil ist ein Hochfest des menschlichen Lautorgans. Am Samstagabend sangen Gäste aus aller Welt – und stiessen auf ein Publikum, das alles andere als maulfaul war.

Üblicherweise muss sich eine Band ihr Publikum erst erspielen. Wird die Musik goutiert, lässt sich das Publikum auf sie ein und belohnt die Musiker mit Aufmerksamkeit und Applaus. In Ettiswil steht den musikalischen Gästen indes gleich ein musikbegeistertes Publikum gegenüber.

Bitte singt bei uns im Wohnzimmer

Einerseits zeigte sich das an der 14. Ausgabe des Festivals beim neuen Format, den Wohnzimmerkonzerten. Erstmals luden Bürger aus Ettiswil, Grosswangen, Nebikon, Wauwil und Willisau im Rahmen des Festivals Bands zu sich nach Hause ein und brachten im kleinen Rahmen Künstler und Gäste ins Gespräch. Aber auch mit dem Improvisationstheater für Kinder gingen die Organisatoren rund um Festivalchefin Heidi Meyer neue Wege.

Das Zentrum des viertägigen Festivals bildete der Samstag mit seinen internationalen Gästen. Schon am Nachmittag betrat die israelische Band Lola Marsh die von ihnen selbst ausgeschmückte Bühne. Für dieses Konzert liessen Sängerin Yael Shoshana Coen und Gitarrist Gil Landau ihre Bandkollegen zurück in der Sonne von Tel Aviv und stellten feine Akustik-Versionen ihrer Lieder vor, darunter auch Hits wie «You’re Mine» und «Wishing Girl».

Intimes Konzert auf der selbst geschmückten Bühne

Intimes Konzert auf der selbst geschmückten Bühne

(Bild: Ingo Höhn)

Ettiswiler machen den Background-Gesang

Sichtlich überrascht sind die beiden dann von den stimmgewaltigen Ettiswilern, die, einmal zum Mitsingen aufgefordert, ein ziemlich gutes Publikums-Chörli abgeben. Am liebsten würde sie das Publikum als Chor mit auf Tour mitnehmen, umgarnt Shoshana uns und kündigt an, sich nach der Erfindung einer entsprechenden Schrumpfungsmethode zurückzumelden – schliesslich müssen immer noch alle in den Tourbus passen.

Spätestens ab diesem Moment spielen Lola March befreit auf und streuen einige Cover zwischen ihre Eigenkompositionen. Darunter ein frech-verspieltes «These Boots Are Made for Walkin» (Original von Nancy Sinatra) und das intime «Wicked Game», die in den Händen der Band und insbesondere der nasalen, melancholischen Stimme Shoshanas wie neue Entdeckungen alter Klassiker sind.

Lola March schlendern durch die Strassen ihrer Heimatstadt Tel Aviv, Israel.

Dann kündigen die beiden Israelis eine besondere Version von Mani Matters «Hemmige» an. Das Schweizer Publikum traut seinen Ohren nicht ganz, ist aber schnell vergnügt und summt oder singt mit, als Lola Marsh ihren eigenen Text auf die bekannte Melodie zum Besten geben.

Die dunkle Stimme des amerikanischen Südens

Den richtigen Kontrast brachte dann Ben Caplan mit seiner Bluesband. Er stammt aus Kanada, aber seine Musik steht fest in der Tradition des US-amerikanischen Südens: Americana, Folkrock, Bluegrass-Einflüsse. Wer denkt, er habe damit schon eine gute Idee, um welche Musik es sich hierbei handelt, kennt Ben Caplans Stimme noch nicht. Die raue Intensität, die ein Bild von Tom Waits vor das innere Auge projiziert, reisst sofort mit.

Ben Caplan beschwört den Blues

Die sonore Bluesrock-Stimme amerikanischer Prägung kommt auch in der Zentralschweiz gut an. Das begeisterte Publikum entlässt den Sänger nur nach Standing Ovations von der Bühne.

Gaby Moreno kann’s laut und leise

Zuletzt gab die Guatemaltekin Gaby Moreno mit ihrer Band ihren Einstand in Ettiswil. Auch ihr ist der Süden der USA nicht fremd, ihre musikalischen Einflüsse enthalten jedoch auch Jazz und traditionelles Liedgut Zentralamerikas. Den ersten Teil der Performance gestaltet sie gemeinsam mit Gastsängerin Dannielle DeAndrea laut und rockig.

Moreno verbindet Rock, Jazz und mittelamerikanische traditionelle Musik.

Moreno verbindet Rock, Jazz und mittelamerikanische traditionelle Musik.

(Bild: Ingo Höhn)

In einem zweiten Teil steht sie nur noch mit ihrer elektrischen Gitarre auf der Bühne. Ihre witzigen Texte und ihr gereiftes Songwriting kommen hier besonders klar hervor. Gabys Stimmkontrolle ist beeindruckend und auch hier darf das Publikum wieder als Chor mitwirken zur Freude aller.

Das Stimmen-Festival kam bei Musikern und Gästen gleichermassen gut an. Das Rezept dafür ist gar nicht so schwer. Die Konzertbesucher haben Lust auf neue Stimmen und die Musiker lassen sich auf ihr Publikum ein. Die Musik steht im Mittelpunkt.

Zugabe: Eine Hörprobe von Gaby Moreno

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