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Wenn man so oft Wahlkampf wie sie machte, weiss man, wie’s geht
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Herbert Widmer (links) und Giorgio Pardini prägten die Luzerner Politik über Jahre.  (Bild: les)

Zwei Luzerner Polit-Urgesteine treten ab Wenn man so oft Wahlkampf wie sie machte, weiss man, wie’s geht

6 min Lesezeit 27.03.2019, 05:06 Uhr

Am Sonntag ist Zahltag. Von 801 Kandidaten werden 120 den Einzug ins Parlament schaffen. Giorgio Pardini (SP) und Herbert Widmer (FDP) bringen zusammen 41 Jahre Kantonsratserfahrung mit. Sie verraten ihre Erfolgsrezepte. Kritisieren lustlose Kantonsratskollegen. Und liebäugeln mit einem gemeinsamen Vorstoss für eine Kantonsrats-Kita. 

Giorgio Pardini (SP) und Herbert Widmer (FDP) können den Wahlen vom Sonntag gelassen entgegenblicken. Beide ziehen sich nach der Legislatur aus dem Kantonsrat zurück. Pardini gelang der Sprung in den Kantonsrat 2002 – davor war er drei Jahre im Stadtparlament. Widmer wurde gar bereits 1995 in den Kantonsrat gewählt. Pardini erlebte fünf, Widmer sechs Kantonsratswahlkämpfe mit. Sie wissen also beide, worauf es ankommt und wie man sich in den Tagen vor den Wahlen fühlt. 

zentralplus: Herbert Widmer, Ihre Diagnose als Arzt ist gefragt: Können die Kandidaten aktuell noch schlafen?

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Widmer: Schlafen kann man noch, aber man ist nervös. Als ich 1995 antrat, war ich sicher, dass ich nicht gewählt werde. Plötzlich haben wir aber zu dritt den Einzug in den damaligen Grossrat geschafft, während fünf FDP-Politiker abgewählt wurden. Je jünger, desto nervöser ist man. Aber viele Kandidaten sind auch auf eine mögliche Enttäuschung vorbereitet. 

zentralplus: Giorgio Pardini, wie war Ihr erster Wahlkampf?

Pardini: Sehr spannend, ich kann mich noch gut erinnern. Die grosse Frage war, wie kann man sich über die politischen Anspruchsgruppen hinaus positionieren. Ich mag mich erinnern, dass wir in Telefonbüchern Adressen von potenziellen Wählern anstrichen und diesen selbst gebastelte Flugblätter zukommen liessen. Alles kostete auch Geld. Deshalb verschickte man Bettelbriefe – eine Erfahrung, die ich so vorher nicht kannte. Auch selber steuert man einen Beitrag bei. Mit einem Budget von 8’000 oder 9’000 Franken bestritt ich jeweils meine Wahlkämpfe. Man muss wissen, dass dies nicht sehr weit reicht. 

«Hinterbänkler, die man in vier Jahren nie hört und nur auf Fraktionsgeheiss einen Knopf drücken, sollten im Parlament keinen Platz finden.»

Giorgio Pardini

zentralplus: Von 801 Kandidaten werden es 120 schaffen, darunter viele Bisherige. Ist es attraktiv, in einen Wahlkampf zu steigen?

Widmer: Es gibt verschiedene Beweggründe. Ich war politisch interessiert und wollte gewählt werden, weil es mir um die Sache ging. Eine zweite Gruppe kandidiert und setzt sich erst im Falle einer Wahl mit Politik auseinander. Und dann gibt’s die klassischen Lückenfüller.

Pardini: Listenfüller sehe ich sehr kritisch. Es ist nicht fair gegenüber der Bevölkerung, wenn man etwas vorgaukelt. Die Parteien sind gefordert, streng zu sein. Anstatt möglichst die Liste voll zu kriegen, sollte man solche motivieren, die wirklich wollen. Hinterbänkler, die man in vier Jahren nie hört und nur auf Fraktionsgeheiss einen Knopf drücken, sollten im Parlament keinen Platz finden.

Widmer: Es gibt Kantonsräte, die keine Lust an ihrem Mandat haben und sich auch entsprechend verhalten. Ich wage zu behaupten, dass sich lediglich zwei Drittel der Gewählten effektiv engagieren. Das Problem sehe ich über alle Fraktionen hinweg.

Pardini: So ist es. Ich war immer in einer vergleichbar kleinen Fraktion. Da kann man sich Hinterbänkler viel weniger leisten als in grossen Fraktionen. Zurück zu Ihrer Ausgangsfrage: Viele Kandidaten geben sich mit viel Herzblut ein. Wer nicht gewählt wird, ist automatisch enttäuscht. 

zentralplus: Wie geht guter Wahlkampf? 

Widmer: Ich habe immer mit persönlichen Briefen gearbeitet. Andere haben jeweils viel mehr Geld in die Hand genommen und in Plakate oder Inserate investiert. Vor vier Jahren hatten wir zwei Personen auf der FDP-Liste, die allein in Littau 10’000 Karten verschickten. Das bringt nichts. Ich denke, Giorgio und ich haben immer einen ähnlichen Wahlkampf geführt und versucht, die Leute persönlich zu erreichen. 

Wir breiten die Wahlkampfbroschüren auf dem Tisch aus.

Sämtliche Parteien versuchen mit Wahlprospekten zu punkten.

Sämtliche Parteien versuchen mit Wahlprospekten zu punkten.

(Bild: les)

Widmer: Leider haben die sogenannten «Tierbücher» praktisch keinen Inhalt. Das kritisiere ich übrigens bei den meisten – einschliesslich der FDP. Man muss klare Aussagen machen, sonst bringen solche schönen Broschüren nichts. Sie hören jetzt eine schlimme Floskel, aber früher war es besser. 

Pardini: Wir nennen diese Flyer auch Tierbücher. Ich bin Herberts Meinung, was deren Wirkung und Entwicklung betrifft. In der Schweiz wählt man sehr stark Personen. Parteien sind weniger wichtig. Demnach ist jeder persönlich gefordert, seinen Teil beizusteuern, um bekannt zu werden. Das geht am besten mit eigenen Dokumenten. Wichtig sind auch Standaktionen, wo man mit den Leuten ins Gespräch kommt. Und ist man erst einmal gewählt, so muss man im Gespräch bleiben. Das ist mit viel Arbeit verbunden. 

Widmer: Das Beste, was einem Politiker passieren kann, ist angesprochen und erkannt zu werden. Wenn es heisst: Ich habe von deiner Arbeit gehört oder gelesen, hat man einen Wiedererkennungseffekt geschaffen. 

«Eine persönliche Plakatkampagne machte ich nie.»

Herbert Widmer

zentralplus: Welche Rolle spielt das Geld?

Pardini: Nehmen wir das Beispiel Plakate. Wenn man nicht an den grossen Plätzen präsent ist, geht man im Plakat-Urwald unter. In einer nationalen Kampagne muss man eine halbe Million investieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Der Einfluss des Geldes in einem Kantonsratswahlkampf wird eher überschätzt.

Widmer: Ich habe sechs Mal für den Kantonsrat kandidiert. Eine persönliche Plakatkampagne machte ich nie. Beim ersten Mal spielt das Netzwerk über die Parteikollegen hinaus eine grosse Rolle. Ich hatte da meine Patienten. Ich habe zwar immer versucht, mich in der Praxis zurückzuhalten – die Patienten jedoch nicht. Sie wollten wissen, was ich so mache.

Pardini: Geld spielt erst im politischen Alltag eine grosse Rolle. Ich finde es bedauerlich, haben wir nicht mehr Vielfalt im Parlament. Für Maurer, Bäcker oder Mechaniker ist es im heutigen System kaum möglich, ein politisches Mandat auszuüben. Viele können nicht mitmachen, weil die Lohnausfälle nicht gedeckt sind. Die Entschädigungen sind viel zu tief. Ein Kantonsratsmandat ist mit einem 20-Prozent-Pensum verbunden. Es ist eine völlig falsche Meinung, dass Politik gratis sein soll. 

zentralplus: Es gibt verschiedene Bevölkerungsgruppen, die schlecht repräsentiert sind. Unter 40-Jährige, über 70-Jährige oder Frauen. Wo könnte man da ansetzen?

Widmer: Tatsächlich schliesst das heutige System einzelne Personengruppen im Vornhinein aus. Von mir aus können wir sofort eine kleine Kantonsrats-Kita einrichten, um Müttern die Parlamentsarbeit zu erleichtern. Das wäre möglich und finanziell kein grosser Aufwand. 

Pardini nickt zustimmend zu. Widmer fragt, ob sie einen gemeinsamen Vorstoss lancieren wollen. Pardini scheint nicht abgeneigt.

zentralplus: Es gibt Stimmen, die sagen, bei immer komplexeren Themen sei es ganz gut, wenn viele Anwälte in den Parlamenten sitzen. 

Beide seufzen

Widmer: Nein, es geht nicht um die Gesetze. Es geht darum, die Bevölkerung zu spüren. Wir müssen die Menschen in den Vordergrund stellen und nicht die Paragrafen. 

Pardini: Das Parlament sollte die Gesellschaft abbilden. Was hat jemand mit 200’000 Franken Einkommen für einen Bezug zur Prämienverbilligung? Keinen! Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Politik müssen sich alle leisten müssen. Das war für mich immer stossend. 

In Polit-Kreisen wird diese Form von Broschüre «Tierbuch» genannt.

In Politkreisen wird diese Form von Broschüre «Tierbuch» genannt.

(Bild: les)

zentralplus: Die Kandidaten treten auf einer gemeinsamen Liste an. Je besser man als Team ist, umso mehr Sitze gewinnt die Liste. Allerdings ist es auch ein Wettstreit mit den Kontrahenten innerhalb der Listen. Gibt es viel Missgunst in einem Wahlkampf?

Widmer: Im Wahlkampf ist man in erster Linie Einzelkämpfer. Die Parteizugehörigkeit sagt etwas über die politische Grundhaltung aus. Seine eigene Botschaft an den Mann zu bringen, darauf kommt es an. Innerhalb einer Liste gibt es Wettbewerb, aber der Respekt voreinander ist hoch.

Pardini: Den Unterschied, der am Schluss zur Wahl reicht, holt man nicht in der eigenen Partei. Sondern in seinem Netzwerk darüber hinaus. Bei der SP konnten in der vergangenen Legislatur einige nachrutschen. Der Einsatz zahlt sich also aus. 

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