Wenn Gülle stinkt, stimmt etwas nicht
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Jetzt darf wieder so richtig herzhaft gegüllt werden. (Bild: fotalia.com)

Frühlingserwachen in der Landwirtschaft Wenn Gülle stinkt, stimmt etwas nicht

5 min Lesezeit 19.03.2015, 05:17 Uhr

Hurra, der Lenz ist da! Wer jetzt den Duft des Frühlings einatmen will, wird jedoch meist enttäuscht – statt Blumenduft gibt es Güllenluft. zentral+ ging diesem alljährlichen Ritual auf den Grund und fragt, warum wir so eingenebelt werden und wie man sich dagegen wehren kann. Ein exklusiver Güllen-Report.

Die Temperaturen steigen in zweistellige Bereiche, die Sonne wärmt wohlig unsere winterkalten Gliedmassen, und die Vegetation beginnt zu spriessen und zu wachsen. Freudig holt der Eine oder Andere sein Bike aus dem Keller und pumpt schon mal die Pneus, um für einen genüsslichen Ausflug durch frühlingshafte Landschaften gerüstet zu sein.

Wenn da nur nicht dieser beissende Gestank wäre. Als ginge es um ein Wettrennen, hat sich scheinbar die gesamte Bauernschaft des Kantons auf Kommando auf ihre Traktoren geschwungen, um die grünlich-braune Flüssigkeit auf die Wiesen zu schütten. In rauen Mengen, tagelang, unaufhörlich. Der beissende Geruch erstickt sämtliche Frühlingsdüfte im Keim, alles wird überdeckt von der ammoniakhaltigen Luft – der Kanton Luzern, ein olfaktorischer Albtraum. Muss das wirklich sein?

Manche können kaum warten

Ja, leider, meint dazu der Fachmann Fritz Birrer, Mitarbeiter bei der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald (lawa). «Wenn es sieben Tage lang durchschnittlich über 5 Grad warm ist, ist der Zeitpunkt da, wo gegüllt werden muss.» Fünf Monate lang wurde die Gülle in den Jauchegruben gelagert, nun muss sie raus. Birrer räumt ein, dass einige Bauern die Tendenz hätten, zu früh loszulegen, was für die Nährstoffe nutzlos ist: Ist die Vegetation noch nicht erwacht, können die Pflanzen  noch keine Nährstoffe aufnehmen. «Dahinter stecken oftmals menschliche Faktoren», sagt Birrer, einzelne Bauern versäumen es zum Beispiel, ihre Gruben im Herbst vollständig  zu leeren. Entsprechend sind diese im Frühling übervoll. «Manchmal wird das etwas abenteuerlich gehandhabt», so Birrer.

Dabei sind die Regeln eigentlich klar: Nebst den genannten Temperaturwerten müssen zwei Faktoren stimmen, damit die Nährstoffe ausgeteilt werden dürfen. Es darf kein Schnee und Frost mehr haben und die Böden dürfen nicht zu nass sein. Vor allem die nassen Böden sind problematisch, weil die Gülle mit dem Wasser in den Boden einsickert und so über die Drainage in die Bäche gelangt. Statt die Böden mit Nährstoffen zu versorgen, werden die Gewässer verschmutzt.

«Es gibt ab und zu Anzeigen von Nachbarn»

Fritz Birrer, Dienststelle Landwirtschaft und Wald (lawa)

An dieser Stelle runzelt wohl mancher die Stirn: Güllen bei nassen Böden, das ist doch gang und gäbe, das sieht man immer wieder. Nein, meint Birrer, wer das macht, kann gebüsst werden. Hier spiele auch eine gewisse soziale Kontrolle. «Es gibt ab und zu Anzeigen von Nachbarn», bestätigt der Fachmann. Die allermeisten Landwirte würden sich aber an die Vorschriften halten, betont er.

Lieber jetzt als später

Dass das grossflächige Güllen derart konzentriert auf die ersten Frühlingstage fällt, hat durchaus auch positive Seiten, betont Birrer. «Jetzt, wo es noch kühl ist, gelangen weniger Geruchsemissionen in die Luft als bei warmer Witterung.» Das, was die Jauche so übelriechend macht, sind unter anderem die Inhaltsstoffe Ammoniak und Schwefelwasserstoff.

Wie viel wird gedüngt?

Auf einer Hektare (10'000 Quadratmeter) werden pro Düngung etwa 20 bis 30 Kubikmeter Dünger ausgeschüttet. Wiesland wird drei- bis fünfmal jährlich, Ackerland ein- bis zweimal gedüngt.

Und wieviel Dünger produziert eine Kuh, wieviel ein Schwein? Eine Kuh schafft es durchschnittlich auf stattliche 23 Kubikmeter, was also für eine einmalige Düngung auf einem Hektar Wiesland ausreicht. Ein Schwein kommt nur auf zwei Kubikmeter pro Jahr, allerdings zählt eine Kuh so viel wie sieben Schweine.

Wieviel Gülle im gesamten Kanton auf unsere Wiesen und Felder gelangt, wird nicht dokumentiert. Bei rund 150'000 Rindviechern und 413'000 Schweinen (Stand 2013) könnte man diese Menge ungefähr ausrechnen und käme so auf rund 4,3 Millionen Kubikmeter. Ganz schön viel.

Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens, dass Gülle, die stinkt, nicht nur für unsere Nasen unangenehm ist. Das, was übel riecht, ist nährstoffreich, sollte also in den Boden und nicht in die Luft. Deshalb ist es wichtig, dass dieser an sich wertvolle Nährstoff fachgerecht und zum richtigen Zeitpunkt auf die Wiesen gelangt. Im Prinzip gilt der Grundsatz: Wenn Gülle allzusehr riecht, stimmt etwas nicht.

Speziell unbeliebt ist Schweinegülle, sie wird von vielen als besonders beissend und penetrant wahrgenommen. Warum das so ist, kann auch Fritz Birrer nicht genau sagen. Hingegen sei es heute technisch möglich, die Geruchsemmissionen möglichst gering zu halten. «Wichtig ist, dass die Gülle möglichst nah am Boden ausgeschüttet wird, etwa mit Schleppschläuchen.» Zudem komme es auch darauf an, wie stark die Gülle mit Wasser verdünnt wird – bei verdünnter Gülle sind die Geruchsemissionen geringer. «Auch das Futter, das die Tiere gefressen haben, wirkt sich auf den Geruch der Jauche aus», so Birrer weiter.

Der eine oder andere Landwirt schwört zudem auf Güllenzusätze wie Quarzsand und andere Stoffe, die beigefügt werden. Da winkt indes der Agrarexperte ab. Es gebe keine wissenschaftlichen Empfehlungen für solche Massnahmen, die eine gesicherte Wirksamkeit nachweisen.

Viele Gülleverschiebungen im Kanton

Wie viel Dünger auf einer Wiese ausgebracht werden darf, wird durch die Nährstoffbilanz bestimmt: Es dürfen nur so viele Nährstoffe ausgebracht werden, als die Pflanzen dem Boden entziehen. Je nach Fläche darf ein Bauer eine bestimmte Güllemenge ausbringen. Hält er mehr Tiere, muss er die überschüssige Düngermenge auf einem anderen Hof ausbringen. Dafür gibt es eine Güllenbörse, der Bund überwacht und kontrolliert diese Hofdüngerflüsse mit der Anwendung «HODUFLU». «Der Landwirt muss die Güllemenge bei dieser Anwendung im Internet melden, wenn er Gülle auf fremden Land ausbringen will», sagt Birrer. Letztes Jahr ist es immerhin zu 6’500 solchen «Fremdgüllungen» gekommen im Kanton Luzern.

Weniger Unfälle

Für Aufsehen und Ärger sorgen immer wieder Gülleunfälle. Meist sind es die ungenügende Überwachung der Anlage und technische Mängel, welche zu Gewässerverschmutzungen und nicht selten zu einem massiven Fischsterben führen. Immerhin hat die Zahl solcher Unfälle letztes Jahr gegenüber den Vorjahren etwas abgenommen, wie es in einer Mitteilung des lawa heisst. «Wir haben in den letzten Jahren 350 Bodenleitungen stillgelegt und durch neue ersetzt, zudem haben wir viel Informationsarbeit geleistet», sagt Birrer. Er hoffe, dass der Effekt dieser Massnahmen sich nun weiter positiv auswirkt. «Aber ich bin jedes Jahr kribbelig und hoffe sehr, dass möglichst wenig passiert.»

«Ich bin jedes Jahr kribbelig und hoffe sehr, dass möglichst wenig passiert.»

Fritz Birrer, lawa

Nicht nur Gewässer und Fische leiden – auch unsere Nasen bleiben nicht ganz verschont. Auch wenn wir nicht daran sterben: Ärgerlich sind die Gerüche allemal, insbesondere, wenn man sich auf einen ersten Abend im Freien gefreut hat und dann von den Emissionen zurück ins Haus gedrängt wird. Darf man sich eigentlich beschweren, wenn es einem zu viel wird? Birrer empfiehlt, in solchen Fällen nicht die Faust im Sack zu machen, sondern das Gespräch mit dem Landwirt zu suchen. «Wir bekommen viele Anrufe von Leuten, die sich durch güllende Bauern gestört fühlen. Ich rate, dass man mit dem Landwirt redet, dass man auf die Wiese rausgeht und sich als Nachbar bemerkbar macht.» Viele Bauern würden so gut wie möglich Rücksicht nehmen, ist er überzeugt. Vielleicht kann man so erreichen, dass der erste Grillabend nicht ins Wasser beziehungsweise in die Gülle fällt.

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