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Wenn Gotthard sanftere Töne anschlagen
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Harte Rocker mit schicken Ladies für einmal ganz zahm: Gotthard in der Luzerner Schüür unplugged. (Bild: Marco Faoro)

Unplugged in der ausverkauften Schüür Wenn Gotthard sanftere Töne anschlagen

3 min Lesezeit 28.03.2018, 10:28 Uhr

An einem verregneten Dienstagabend gastiert Gotthard im grossen Saal der Schüür. Tickets gibt es an der Abendkasse keine mehr. Die Rockband tritt an diesem Abend in einer speziellen Unplugged-Besetzung auf. Doch können ihre grossen Hits auch auf diese Weise überzeugen?

Vor der Bühne stehen zwei Besucher mit vollbestickten Jeansjacken. Namen wie Slayer, Iron Maiden oder Motörhead sind auf den Aufnähern zu lesen. Doch sind die beiden heute Abend wirklich am richtigen Konzert gelandet? Das wird man noch sehen.

Bereits vor zwanzig Jahren reiste Gotthard auf grosser «Unplugged & Defrosted»-Tour von Konzert zu Konzert. Jetzt, knapp 20 Jahre später, kommt es zu einer Neuauflage. Zur Unterstützung wurden zusätzlich ein weiterer Perkussionist, ein Pianist und zwei Backgroundsängerinnen engagiert. Die letzteren beiden könnten die Töchter der Originalbandmitglieder sein.

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Mehr Blues und Ballade statt Rock

Auf der Bühne stehen schon diverse Gitarren bereit, so wie auch vier Barhocker, auf denen die beiden Gitarristen Leo Leoni und Freddy Scherrer, Sänger Nic Maeder und Bassist Marc Lynn Platz nehmen. Schon die ersten paar Stücke, ein kunterbunter Mix aus neuen und älteren Alben, lassen vermuten, dass man heute dem richtigen Rock, dank dem Gotthard so gross wurde, grösstenteils fremdbleibt.

Akustikgitarren im Sitzen statt breitbeinige Elektrogitarren-Gewitter: Leo Leoni (links) und Nic Maeder.

Akustikgitarren im Sitzen statt breitbeinige Elektrogitarren-Gewitter: Leo Leoni (links) und Nic Maeder.

(Bild: Marco Faoro)

Vielmehr erforscht man die Songs auf eine andere Herangehensweise. Besonders durch die Backing Vocals offenbaren sich die Lieder auf eine ganz andere, erfrischende Art. Begeistern mögen auch die Mundharmonikaeinlagen von Scherrer. Allgemein kommt man dem Blues an diesem Abend viel näher, der auf den Akustikgitarren super passt. Und wenn man schon mal Unplugged spielt, lenkt man das Augenmerk natürlich auch auf die langsameren Stücke, darunter Klassiker wie «One Life, One Soul» oder «Tell Me», die gerne mitgesungen werden.

(Zu) gut aufgelegt?

Man merkt den fünf Jungs an, dass sie gerne zusammen auf der Bühne stehen. Besonders Sänger Nic Maeder packt eine Anekdote nach der anderen aus, welche Leoni stets zynisch kommentiert. Zwischendurch verkommen diese Einlagen fast ein wenig zu Blödeleien, die dann das Publikum nicht mehr wirklich lustig findet. Und man ist froh, wenn es mit dem nächsten Stück weitergeht.

Allgemein vermag der Sound mit den füllenden Gitarren und den beiden Perkussionisten sehr zu überzeugen. Auch Nic Maeders Stimme ist in Höchstform. Sie kratzt und beisst, kann aber auch bei den entscheidenden Stellen ganz sanft werden. Und bei den meisten Stücken hält es ihn selbst nicht lange auf dem Barhocker. Bei den Backgroundsängerinnen könnten sich allerdings beim Publikum die Geister geschieden haben: Obwohl sie stimmlich beide sehr stark sind, passen sie doch nicht so sehr zum typischen Bild, das man von Gotthard hat. Für einen Unplugged-Abend war es jedoch eine starke Leistung und kitzelte noch viel mehr aus den Songs heraus.

Interessanter Ausflug

Das Konzert kommt beim Publikum sehr gut an. Doch wer Gotthard von den CDs (oder noch Schallplatten) her kennt und hören will, wurde an diesem Abend aufgrund des Unplugged-Settings ein wenig enttäuscht. In der Akustikversion funktionieren die Stücke einfach anders und lassen einerseits viel mehr Raum für interessante Spielereien, weshalb der Abend nicht an ein richtiges Rockkonzert herankommt. Für grosse Fans und Musikkenner war es ein gelungener Ausflug, um die Lieder von einer anderen Seite kennenzulernen.

Passt ganz gut zum Hut: die Quetschkommode von Sänger Nic Maeder.

Passt ganz gut zum Hut: die Quetschkommode von Sänger Nic Maeder.

(Bild: Marco Faoro)

Doch auch wenn die Songs allesamt überzeugt haben, fragt man sich am Ende, ob man vielleicht doch lieber ein Gotthardkonzert mit herrlich verzerrten Gitarren besucht hätte, um die Energie der Band richtig zu spüren. Doch spätestens bei «Heaven», der ersten Zugabe, greift sich jedermann ans Herz und singt aus voller Kehle mit, in Gedenken an den verstorbenen Sänger Steve Lee.

Und die beiden Rocker mit den Jeanskutten? Spätestens bei der zweiten Zugabe mit «Anytime Anywhere» konnten sie ihre berühmten «Devil Horns»-Finger in die Höhe strecken und richtig headbangen. Und zwar so intensiv, als hätten sie das ganze Konzert durch nur auf diesen Moment gewartet.

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