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Wenn gesellschaftliche Trends eine Stadt kaputt machen
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Der kritische Blick der Profis: Stadtarchitekt Jürg Rehsteiner, Denkmalpfleger und Architekturblogger Gerold Kunz sowie Marc Syfrig, Initiant des Seeparkings (v.l.n.r.) diskutieren den Torbogen am Bahnhof.

Die grössten Bausünden Luzerns Wenn gesellschaftliche Trends eine Stadt kaputt machen

8 min Lesezeit 2 Kommentare 27.08.2018, 04:58 Uhr

Es gibt Bauten in der Stadt Luzern, die ästhetisch nur schwer erträglich sind. Doch warum wurden das UBS- oder das Globus-Gebäude, das Parkhaus Kesselturm, das Restaurant Toscana oder der Kristall des Hotels Astoria so gebaut, wie sie sich heute präsentieren? Zumindest teilweise, weil Metzger oder Buchhändler über Bauten entschieden haben.

Wo stehen sie eigentlich, die grössten Bausünden Luzerns? Das haben wir drei Luzerner Architekten gefragt. Den Luzerner Stadtarchitekten Jürg Rehsteiner, Gerold Kunz, Denkmalpfleger des Kantons Nidwalden und Architekturblogger bei zentralplus, sowie Marc Syfrig, der in Luzern und Umgebung diverse grosse Bauprojekte realisiert hat. In die Schlagzeilen geriet er jüngst als Initiant des Seeparkings unter dem Schweizerhofquai (zentralplus berichtete).

Zahlreiche Vorschläge haben die drei in der Folge eingereicht. Natürlich besteht dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit. Einige davon haben wir herausgepickt und mit den Profis auf einem architektonischen Rundgang entlang der Hauptachse vom Kasernenplatz zum Bahnhof besprochen. Hier liegen einige Gebäude, welche die Architekten so lieber nicht sehen würden. Den Luzerner Torbogen haben die drei bereits als Megaunfall bezeichnet (zentralplus berichtete).

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«Die Stadt ist der Star»

In einem Punkt waren sich die drei von Beginn weg einig: Ein an sich gutes Objekt am falschen Ort kann ein ganzes Ensemble, allenfalls sogar einen ganzen Stadtteil beeinträchtigen. Wenn man von «Bausünden» spricht, gehe es deshalb nicht einfach darum, die Realisierung eines Gebäudes, sondern dessen Einbettung in den (städtischen) Kontext zu betrachten.

Ein guter Architekt müsse sich in diesem Fall folgenden Leitsatz zu Herzen nehmen: «Die Stadt ist der Star und nicht ein einzelnes Gebäude.» Oder wie es der Tessiner Architekt Luigi Snozzi auf den Punkt gebracht hat: «Baust du ein Haus, denke an die Stadt.» Mit diesem Credo im Hinterkopf machten wir uns auf den Weg.

«Stararchitektur kann problematisch sein»

Marc Syfrig hat sodann auch gleich ein Beispiel dafür parat, wo diese Maxime seiner Ansicht nach nicht umgesetzt worden ist: den sogenannten «Kristall» des Hotels Astoria am Kaufmannweg und der Winkelriedstrasse (siehe Foto). Die Glasfassade wurde vom internationalen Stararchitekturbüro Herzog & De Meuron aus Basel gebaut. Dessen Gebäude stehen an prominenten Orten rund um den Globus. Ihr jüngstes Kind ist die Elbphilharmonie in Hamburg. Ein anderes Denkmal haben sie sich mit dem Olympiastadion in Peking gesetzt.

Doch der Luzerner Syfrig will immer wieder feststellen, dass gerade sogenannte «Stararchitektur» oft problematisch in ein städtisches Gefüge eingreift. «Oft glauben solche Architekten einfach, weil sie Stars sind, dass es eigentlich egal sei, ob und wie sich ein Bau in seine Umgebung einfügt», so die Kritik. Dabei hätten genau sie eigentlich eine Vorbildfunktion.

Ähnlich sieht dies Stadtarchitekt Rehsteiner: «Das ursprüngliche Astoria-Gebäude an der Pilatusstrasse an sich ist ein wirklich toller Bau. Der Kristall an der Winkelriedstrasse nimmt aber keinen Bezug dazu.» Er sei zwar in sich sehr raffiniert gestaltet worden, die Funktion, das Licht in den Zwischenraum zu bringen, wäre indes auch anders möglich gewesen, ist Syfrig überzeugt. «Die Umsetzung finde ich schlecht», sagt er lapidar. «Dass es so gekommen ist, war wohl auch ein wirtschaftliches Kalkül auf verschiedenen Ebenen, das am Ende des Tages zulasten der Stadt ging. Dabei ist ja eigentlich die Stadt der Star.»

Starachritektur die nicht passt: Der Kristall am Hotel Astoria an der Winkelriedstrasse.

Stararchitektur, die nicht passt: Der Kristall am Hotel Astoria an der Winkelriedstrasse.

(Bild: bic)

Die falsche Nutzung am falschen Ort

Es gehe aber auch nicht nur um das Ästhetische, sondern auch darum, was die Funktion eines Gebäudes ist. Deshalb hat Rehsteiner Mühe mit dem Parkhaus Kesselturm an der Burgerstrasse und rückseitig am Hirschengraben (siehe Foto).

«Das Gebäude an sich wurde anständig umgesetzt», so Rehsteiner. Allerdings sei dessen Standort problematisch. Die Häuserzeile war Teil der historischen Stadtbefestigung. Bereits 1856 wurden auf Geheiss des Grossen Rates in diesem Perimeter der Kesselturm und das Burgertor abgerissen, um unter anderem dem zunehmenden Verkehr mehr Platz zu geben. «Dieser Logik folgend kam man dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Schluss, dass ein Parkhaus in der Altstadt super wäre», erklärt Rehsteiner.

«Das Haus tut so, als wäre es ein historisches Gebäude.»

Gerold Kunz

«Das Gebäude empfinde ich als Bausünde, weil die Art der Nutzung am falschen Ort ist. Ein Parkhaus an dieser Stelle ist aus heutiger Sicht nicht das, was man will.» Als «schwierig» erachtet Rehsteiner das Gebäude auch, da es in der Schutzzone im Einfallstor zur Altstadt steht.

«Abgesehen von der Nutzung spricht das Parkhaus im Vergleich zu den umliegenden Gebäuden eine derart andere Sprache, dass es sich als per se eigentlich guter Bau nicht integrieren kann», so Rehsteiner. Es gebärde sich als «wie vom Himmel gefallen» und habe mit dem Rest des Stadtprospektes nichts zu tun.

Ein unschönes Paar: Das Parkhaus Kesselturm (rechts) und das «alte» Gebäude mit dem Restaurant «Toscana» an der Rütligasse.

Ein unschönes Paar: Das Parkhaus Kesselturm (rechts) und das «alte» Gebäude mit dem Restaurant «Toscana» an der Rütligasse.

(Bild: bic)

«Das Gesetz erschuf Bausünden»

Ein Dorn im Auge ist Architekturblogger Kunz das Haus am Hirschengraben, wo das Restaurant Toscana untergebracht ist. Dieses schmiegt sich direkt an das Parkhaus Kesselturm an. Besonders stört Kunz an diesem Bau, dass das Haus etwas vorgibt zu sein, was es nicht ist. «Das Haus tut so, als wäre es ein historisches Gebäude», sagt Kunz. Tatsächlich stamme der Bau aber aus den 1980er-Jahren. «An dieser Stelle, wo sich der äusserste Rand der Altstadt befindet, wäre ein Gebäude nach dem Zuschnitt seiner Nachbarn für das Stadtbild eine Aufwertung», sagt er. Insbesondere da es an einer der Haupteinfallstore zur Stadt liegt. 

Kunz bricht dabei gleich noch eine Lanze für das Parkhaus Kesselturm. «Dieses ist im Gegensatz zu seinem kleinen siamesischen Zwilling wenigstens ehrlich.» Im gesamten Parameter vom Kasernenplatz bis zum Hirzenhof sei jedoch das Toscana-Gebäude die «wunde Stelle». Das Haus stehe deshalb bei ihm ganz weit oben auf der Liste der Luzerner «Bausünden». «Das Gebäude ist eine völlige Verirrung. Ich glaube nicht, dass ich einen Fachmann finden würde, der diesem Bau etwas Positives abgewinnen könnte», so Kunz.

«So etwas darf in Luzern einfach nicht mehr passieren.»

Marc Syfrig

Dass das Toscana-Gebäude so gebaut wurde, habe wohl damit zu tun, dass früher die sogenannte «Altstadtkommission» darüber befunden hatte, was in der Altstadt zulässig ist, vermutet Syfrig. Die Kommission habe sich dabei auf das alte, rigide Baugesetz gestützt. «Im Gremium sassen Metzger, Buchhändler und Beizer. Als Architekt musste man dann so tun, als würde man wie zu alten Zeiten bauen.» Dies habe er als junger Architekt selber erlebt, so Syfrig.

In der Stadt gebe es heute deshalb Bausünden, die aus dem alten Gesetz hervorgingen, sind sich die drei Architekten einig. «Das Parkhaus und das Toscana-Gebäude zeigen wunderschön auf, dass es zeitabhängig ist, ob eine Bausünde entsteht. Die Vorstellung von einer Stadt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt», führt Stadtarchitekt Rehsteiner aus. Und Syfrig fasst zusammen: «Das Toscana-Gebäude gibt vor, aus dem Mittelalter zu stammen, während das Parkhaus den Autoverkehr verherrlicht. Beides sind somit Repräsentanten ihrer Zeit.»

Ein Abbruch mit Folgen

Geht man noch ein paar Hundert Meter weiter Richtung Bahnhof, steht ein weiterer Bau, der gemäss den drei Architekten an sich grundsätzlich viel Potenzial hätte, aber ungenügend umgesetzt wurde. Es handelt sich um das UBS-Gebäude beim Bahnhof. Die nicht vollends gelungene Realisierung sei vor allem wegen des Standortes problematisch. «Hier wurde der Vorgängerbau, das sogenannte Gotthardhaus, einfach aus dem Ensemble gerissen», sagt Syfrig.

Das alte, ehrwürdige Gebäude sei aber immens wichtig für die Stadt gewesen, erklärt er. Der jetzige Bau könne die entstandene Lücke aufgrund der mangelhaften Umsetzung nicht adäquat füllen. Das alte Gotthardhaus stand in einer Gruppe mit dem Hotel Monopol und der Hauptpost. «Der Abriss des Gotthardhauses ist etwa das Gleiche, wie wenn man bei einem wunderschönen, strahlenden Lächeln einen Eckzahn herausbrechen würde. So etwas darf in Luzern einfach nicht mehr passieren», sagt er energisch.

Konnte seinen prominenten Vorgänger nicht ersetzen: Der UBS-Bau beim Bahnhof.

Konnte seinen prominenten Vorgänger nicht ersetzen: Der UBS-Bau beim Bahnhof.

(Bild: bic)

Ähnlich sehen es auch die beiden anderen Architekten. «Der UBS-Bau ist typisch für seine Zeit, auch wenn er leider nicht zu den besten gehört», moniert Stadtarchitekt Rehsteiner. Wenn man den Bau aber angemessen instand stellen würde, wäre er durchaus tragbar. Dabei komme es auch auf kleine Details an der Fassade wie der Storen an, fügt Gerold Kunz hinzu. Es mangelt also auch gemäss Rehsteiner und Kunz letztlich an der Umsetzung. «Ein guter Architekt könnte aus dem Haus aber sicher etwas herausholen», sind die drei überzeugt. Und Syfrig ergänzt: «Renovieren ist immer auch eine architektonische Aufgabe.»

Das Haus des ehemaligen Hotels «Gotthard» neben der Hauptpost um 1962.

Das Haus des ehemaligen Hotels «Gotthard» neben der Hauptpost um 1962.

(Bild: zVg)

Eine verpasste Grosschance

Auch hier findet sich unmittelbar daneben ein Haus, das für die drei Profis aus heutiger Sicht «schwer zu verstehen ist», wie sie sagen. Es geht um das Gebäude, in dem der Globus einquartiert ist. «Auch wenn es sich laut der bekannten Schweizer Kuratorin und Architekturhistorikerin Karin Gimmi an die oft gelobte Mailänder Nachkriegsarchitektur der 1960er-Jahre anlehnen soll.» Mit diesem Gebäude könne er sich jedoch seit jeher nicht anfreunden, so Kunz. «Wirklich gelungen sind diese Architektur und insbesondere das Globusgebäude meiner Meinung nach nicht.» Er vermute, dass hier viel eher die Kosten als die Architektur wichtige Treiber waren.

Rehsteiner und Syfrig pflichten ihm bei. «Ein schlechter Bau» und «nicht wirklich toll» sind die Reaktionen. Schade sei es um das Gebäude insbesondere deshalb, weil Warenhäuser ein unglaubliches Potenzial hätten, sagt Syfrig. Beispiele seien der Jelmoli-Bau in Zürich oder die «Galeries Lafayette» in Paris. Diese Gebäude würden sich super ins Gesamtgefüge einordnen.

Hier wurde eine Chance vertan: Das Globus-Warenhaus an der Pilatusstrasse.

Hier wurde eine Chance vertan: Das Globus-Warenhaus an der Pilatusstrasse.

(Bild: bic)

«Paradebeispiele, wie sich ein Gebäude trotz einer ganz speziellen Nutzung in die Stadt eingliedern kann», so die drei Architekten unisono. Dies sei in Luzern leider verpasst und eine grosse Chance vertan worden. Aufgrund einiger Unzulänglichkeiten sei das Gebäude aber leider nicht «heilbar», sagt Kunz. Er kann sich nicht vorstellen, dass das Gebäude irgendwie aufgewertet werden könnte.

So ginge es auch: Das Warenhaus von Jelmoli in Zürich.

So ginge es auch: Das Warenhaus von Jelmoli in Zürich.

(Bild: Viviane Birnstiel)

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2 Kommentare
  1. Erwin Lussi, 27.08.2018, 10:25 Uhr

    Die grösste Bausünde in Luzern ist das KKL von Jean Nouvel…Luzern ist nicht Paris !

    1. Redaktion Jonas Wydler, 27.08.2018, 11:28 Uhr

      Ich denke, eine solch steile These hätte eine Begründung verdient.