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Wenn Frau in Luzern stillsteht – und weshalb nicht alle mitstreiken
  • Gesellschaft
Auch die 1.-Mai-Feier im Neubad stand im Zeichen des diesjährigen Frauenstreiks. (Bild: ida)

Einen Monat vor dem Frauenstreik Wenn Frau in Luzern stillsteht – und weshalb nicht alle mitstreiken

5 min Lesezeit 18.05.2019, 11:47 Uhr

In einem Monat streiken schweizweit die Frauen. Ideen gibt es zahlreiche, vieles wird jedoch auch bewusst geheim gehalten. Doch längst nicht für alle Luzernerinnen ist der Streik das zielführende Mittel.

«Wenn Frau will, steht alles still»: Schweizweit legten die Frauen am 14. Juni 1991 die Arbeit nieder, verschränkten die Arme und riefen zum Streik auf (zentralplus berichtete). 28 Jahre später wird die Kampfansage erneut aufgenommen. Auch in Luzern hat sich ein Komitee gebildet, das den Streik koordiniert.

Das Hoffen auf den Schub nach dem Streik

1991 forderten die Frauen hauptsächlich die Umsetzung des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung – und damit die juristische Gleichberechtigung. 2019 fordern die Frauen die tatsächliche Gleichstellung. «Die Forderungen in diesem Jahr sind vielfältiger», sagt Ylfete Fanaj. Die SP-Kantonsrätin ist Mitorganisatorin des Luzerner Frauenstreiks.

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Das nationale Manifest, welches auch für Luzern gilt, umfasst insgesamt 17 Punkte. Die Themen reichen von Lohngleichheit, sexueller Selbstbestimmung bis hin zum Schutz vor häuslicher Gewalt. Aber auch vom Schutz für Migrantinnen und die Aufwertung der (un-)bezahlten Care-Arbeit. Gefordert werden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, faire Renten und das Abschaffen der «rosa Steuer» für Hygieneprodukte. So würden Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen angesprochen und sich für den Frauenstreik engagieren, so Fanaj.

Sind die Forderungen denn überhaupt realistisch? «1991 hatten die Frauen zum Tag des Streiks auch nicht gedacht, dass sich einige ihrer Forderungen umsetzen werden», hält Fanaj dagegen. «Klar lassen sich nicht alle unsere Forderungen unmittelbar am nächsten Tag umsetzen.» Sie hofft auf einen Schub nach dem Streik und dass die Forderungen aufs politische Tapet kämen.

Streik = das richtige Mittel?

Es gibt aber auch andere Meinungen zum Frauenstreik – vorsichtig ausgedrückt. Karin Stadelmann, Vizepräsidentin der kantonalen CVP, versteht zwar, dass die Idee des Frauenstreiks 28 Jahre später wieder aufkommt. Dennoch sagt sie: «Streiks sollte meines Erachtens immer das letzte Mittel sein, wenn nichts mehr geht.» Noch deutlichere Worte findet SVP-Kantonsrätin Jasmin Ursprung: «Der Streik ist keine zielführende Lösung.»

Lege man die Arbeit nieder, so seien viele betroffen, die die Streikerinnen bräuchten, fährt Stadelmann fort. «Wir sollten den Weg wählen, sichtbar zu machen, was wir Frauen genau da alles leisten. Und dass wir das unter den aktuellen Bedingungen so eigentlich nicht mehr lange tun können und wollen.»

Das Ding mit der rosa Steuer

Was Lohngleichheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie anbelangt, sind sich die beiden Politikerinnen einig. Stadelmann betont, dass es seit 1991 nur im Schneckentempo vorangehe. Der «Equal Pay Day» zeigt, dass Frauen noch immer im Schnitt 22 Tage im Jahr gratis arbeiten. 

Andere Forderungen des nationalen Manifests kann Jasmin Ursprung jedoch überhaupt nicht nachvollziehen. Beispielsweise, dass die Antibabypille sowie Abtreibungen gratis werden sollen. Also Dinge, die eine Entschädigung zugute haben, so Ursprung.

Dagegen hält die Luzernerin Cécile Moser. Sie ist Mitgründerin des feministischen Schweizer Onlinemagazins «fempop». Gerade die rosa Steuer sei absurd: «Frauen in der Schweiz zahlen Extrasteuern für Produkte, auf die sie nicht verzichten können. Während für andere Produkte wie Schnittblumen und Viagra der reduzierte Mehrwertsteuersatz gilt. Das macht keinen Sinn.» Anders als Ursprung ist Moser zudem der Ansicht, dass ein Streik viel bewirken kann. «Aber der Streik ist lediglich ein Baustein auf dem Weg zum Ziel.»

Pink und lila dominieren den 14. Juni.

Pink und lila dominieren den 14. Juni.

(Bild: ida)

Blockt der konservative Kanton?

Frauen aus Politik, Kultur, Bildung und Wirtschaft haben sich im Luzerner Streikkomitee zusammengefunden. Rund 50 Frauen und Männer gehören derzeit dazu. «Wir sind basisdemokratisch organisiert», so Fanaj. An jedem 14. eines Monats trifft sich das Komitee. Und jedes Mal fänden sich neue Frauen darunter, die neuen Schwung brächten. Jede, die eine Idee habe, könne mitmachen und sich für ihre Anliegen einsetzen. Derzeit sei man daran, die Flyer an die Frau und den Mann zu bringen, Fahnen aufzuhängen. Kurz: Die Luzernerinnen auf den Frauenstreik aufmerksam zu machen. «Das alles zu organisieren und den Überblick nicht zu verlieren, ist herausfordernd», so Fanaj.

Wer das Luzerner Streikkomitee mit anderen Komitees vergleicht, erhält den Eindruck, dass die Luzernerinnen den anderen hinterherhinken. Die Öffentlichkeit liess man über die Pläne bisher grösstenteils im Dunklen. Erst vor drei Wochen wurde die Webseite aufgeschaltet. «Wir wollen im Voraus möglichst wenig steuern und strukturieren», sagt Fanaj.

Gerade im als konservativ geltenden Luzern dürfte es das Streikkomitee vermutlich schwerer haben. «Ländlich geprägte und konservative Kantone sind historisch bedingt nicht die Vorreiter in Sachen Gleichstellung», so Fanaj. Dennoch sei auch hier vieles möglich: Beispielsweise würden in Luzern auch katholische Frauen streiken.

Bürgerliche Frauen ziehen nicht mit

Doch gerade die bürgerlichen Frauen sind schwer zu begeistern. «Die Streikkultur wird mit Gewerkschaften in Verbindung gebracht, weshalb es Berührungsängste gibt», begründet Fanaj.

Jasmin Ursprung und Karin Stadelmann werden am 14. Juni nicht streiken. «Die Arbeit komplett niederzulegen, ist für mich nicht der richtige Weg», sagt Stadelmann. «Ich bin dafür, dass wir Frauen uns über die Parteigrenzen hinweg zusammentun sollten», fährt sie fort. Wenn man im Wissen darüber sei, einen breiten Rückhalt zu haben, getraue man sich noch mehr, Forderungen vehementer zu vertreten.

Fanaj betont, dass auch auf andere Arten ein Zeichen für die Frauen gesetzt werden könne: «Es geht längst nicht nur um den Streik», so Fanaj. Beispielsweise hätte eine Primarlehrerin, die ebenfalls im Streikkomitee sitzt, gemeinsam mit anderen Frauen Lehrmittel für Lehrerinnen erarbeitet. So könnte das kritische Denken gefördert, die Gleichstellung thematisiert werden.

Vieles bleibt geheim

Ideen, um Frauen und Männer zu mobilisieren, gebe es zur Genüge, so Fanaj. Vieles läuft über Social Media, über persönliche Kontakte und die Partnerorganisationen und Verbände. Die Buttons zum Anstecken seien sehr gefragt, mussten schon mehrmals nachbestellt werden. «Wer Augen und Ohren offen hält, wird von uns in den nächsten Wochen sehen und hören.» Fanaj lässt damit offen, welche Mobilisierungsaktionen geplant sind.

Klar ist aber, dass es sich die Streikenden am 14. Juni ab 10:30 Uhr mit Kissen und Decken auf dem Theaterplatz gemütlich machen werden. Um Punkt 11 Uhr werden die Wecker klingeln. Um exakt 15:24 Uhr werde es einen nationalen Weckruf geben. «Zu diesem Zeitpunkt wird der faire Feierabend eingeläutet – weil Frauen durchschnittlich 20 Prozent weniger verdienen», erklärt Fanaj. Eine Demonstration sei um 16:30 Uhr geplant.

Wohin die Route führe, verrät sie noch nicht. Derzeit verhandle man darüber mit der Stadt.

Weitere Einblicke der Malaktion des Frauenstreikkomitees erhalten Sie in der Bildergalerie:

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