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Wenn ein vierschrötiger Kerl plötzlich wie ein Töfflibub strahlt
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Der Künstler und sein Baby: Remo Bernasconi auf seinem Wikingertöff. (Bild: hae)

Luzerner Wikingertöff will in Schweden glänzen Wenn ein vierschrötiger Kerl plötzlich wie ein Töfflibub strahlt

4 min Lesezeit 20.02.2019, 10:16 Uhr

Remo Bernasconi aus Malters ist ein Künstler. Er designt einzigartige Töffs nach Kundenwunsch. Um an Messen zu imponieren, hat er sich einen Kindertraum erfüllt: In 14 Jahren konstruierte er einen über drei Meter langen Chopper – und will ihn den wilden Töffwikingern in Schweden im Sommer vorführen. 

Er sieht aus wie ein Easy Rider aus dem gleichnamigen Film von 1969 mit Dennis Hopper und Peter Fonda: Remo Bernasconi ist ein vierschrötiger Kerl, der Töffbauer aus Malters ist von Kopf bis Fuss tätowiert.

Wie ein Fels steht er in seiner Töffgarage und blickt auf verschiedene Maschinen, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Sie sind überlang, blitzen in knalligen Farben und haben Totenköpfe oder flammende Aufschriften. Diese Töffs erinnern an Untergangsfilme wie «Mad Max».

Hinter diesen zweirädrigen Ungetümen steckt Arbeit, viel Arbeit. Und ein Töff von Remo Bernasconi kostet schon mal 70’000 Franken. Weil alles in Handarbeit hergestellt ist. So wie auch bei seinem neusten Lieblingsgefährt: dem Wikinger-Töff Ulfberht, den Bernasconi nach der Markenaufschrift auf frühmittelalterlichen germanischen Schwertern des 8. bis 11. Jahrhunderts benannte. 

Luftfilter aus umgebauten Salatschüssel

Überall hat Remo Bernasconi kleine Totenköpfe verarbeitet, die er auf Weinflaschen fand, die Handgriffe hat er mit Hanfschnüren umwoben, denn «früher gab es keinen Gummi», ein Luftfilter besteht aus einer umgebauten Salatschüssel. Und das bekannte Ferrari-Signet hat er aus Jux zu einem sich aufbäumenden Elch umfunktioniert. 

«Ich will nicht zum Mainstream gehören.»

Töffmechaniker Remo Bernasconi

«Cool, nicht?», fragt der 59-Jährige, den alle Coni nennen. Der Übername stammt von den vier letzten Buchstaben seines Nachnamens, und seit 21 Jahren baut er in seiner CCCP-Manufaktur Motorräder. CCCP ist ein Witzchen des stets lächelnden Coni: Es ist die kyrillische Abkürzung für Sowjetunion, «weil sonst alle in der Harley-Davidson-Szene auf Amerika machen – und ich nicht zum Mainstream gehören will.» Bei Coni steht der Schriftzug CCCP auch für «Coni’s Custom Chopper Project», erklärt er vor einem Kalaschnikov-Plastikgewehr und einem Mc-Lenin-Plakat. 

Anders als die anderen Amifans: Coni vor Russentrophäen.

Anders als die anderen Amifans: Coni vor Russentrophäen.

(Bild: hae)

Vor allem ein Projekt hat ihn in all der Zeit immer umgetrieben: In 14 Jahren Freizeitarbeit, in denen Coni jedes der rund 5’000 einzelnen Teil selber anfertigte, bastelte er seinen Schwedentöff.

Wieso keinen Engländer oder Italiener? Er erklärt: «Seit vielen Jahren fahre ich jeden Sommer mit Kollegen auf Custom-Maschinen nach Skandinavien.» Neben der faszinierenden Natur beeindruckte ihn dort auch die grosse Töff-Szene, obwohl die Schweiz mit über 891’000 Zweirädern das Land mit der grössten Motorraddichte Europas ist.

Autopneu am Hinterrad

«Doch die wilden Töff-Wikinger und die vielen Motorrad-Ladys liessen uns Schweizer Touristen mit ihren langen Schweden-Choppern immer wieder alt aussehen.» In Skandinavien erfand man mit billigen Autopneus am Hinterrad und sonst kaum Schnickschnack eine eigene Töffkultur.

«Zwei Räder, ein Rahmen, eine lange Gabel und ein grosser V2-Motor – viel mehr ist nur Luxus.»

So einen Schweden-Chopper wollte sich auch Coni bauen, jetzt ist er fertig und glänzt, Ulfberht soll an Motorradmessen brillieren. Alles ganz reduziert: «Zwei Räder, ein Rahmen, eine lange Gabel und ein grosser V2-Motor – viel mehr ist nur Luxus.»

Töffshow in Zürich

An der Swiss-Moto 2019 werden vom 21. bis am 24. Februar Neuheiten von über 400 Marken aus der Töffwelt gezeigt. Zu den Attraktionen aus der Customizing- und Tuningwelt gibt es Shows und eine Hommage an den dreifachen Zürcher Weltmeister Luigi Taveri (1930–2018). Weitere Informationen gibt es hier.

Und Coni präsentiert sein neustes Baby voller Stolz, lächelt dabei wie ein Schuljunge im Süsswarenladen. An der Zürcher Töffmesse (siehe Box) wird das ganze Augenmerk auf seiner über drei Meter langen Maschine sein. 

Nichts Unnötiges soll das Auge stören, das Aussehen bestimmte die Technik: Die Zündung für den rund 90 PS starken 1340-ccm-Motor beispielsweise ist beim selbstverständlich in den schwedischen Landesfarben Gelb und Blau lackierten Chopper unter einem früheren Renn-Tankdeckel eines Autos versteckt. Schläuche und Leitungen sind kaum zu entdecken. Am Lenker fehlen sämtliche Schalter, Coni versteckte sie hinter dem Sattel. Geschaltet und gekuppelt wird von Hand über eine Eigenkonstruktion, gebremst mit den Füssen.

Drei Meter langes Ungetüm: Remo Bernasconi mit seinem Schwedenchopper.

Drei Meter langes Ungetüm: Remo Bernasconi mit seinem Schwedenchopper.

(Bild: hae)

Unfälle oft nur knapp am Tod vorbei

Doch Coni wird seine Schwedenmaschine nie fahren. Nicht nur, weil Ulfberht keine in der Schweiz vorgeschriebene Vorderbremse aufweist. Sondern auch, weil sein Erschaffer hinkt. Denn Remo Bernasconi hatte viele gröbere Unfälle gehabt, «oft nur knapp am Tod vorbei», wie er mit wegwerfender Handbewegung erzählt. An einer Hand fehlt gar der Mittelfinger.

In Schweden hat er es bei seinen Reisen wie die Einheimischen gemacht: Als Gepäck hatte er sich jeweils nur einen Seesack umgeschnallt, weil: «Gepäckträger, wer braucht das schon am Töff?» Coni lacht. Also hatte er keinen Schlafsack dabei und viele Nächte nur mit seinem Mantel bedeckt in Strassengräben übernachtet, oft auch bei Minustemperaturen.

«Hey, wer will schon mit 80 langweilig sterben?»

«Ich habe seither auch noch heftiges Rheuma – aber, hey, wer will schon mit 80 langweilig sterben?» Typisch Easy Rider: Galgenhumor und starke Sprüche. Doch vorher will er sich im Sommer noch den Sieg bei der grössten Bike-Show Skandinaviens in Norrtälje holen. Seine Wikingermaschine hat dazu die besten Karten. 

Liebe zum Detail: Remo Bernasconi verarbeitete auch Totenköpfe.

Liebe zum Detail: Remo Bernasconi verarbeitete auch Totenköpfe.

(Bild: hae)

Falls in Schweden der Elch im Weg steht: Der Töff von Remo Bernasconi ist gegen alle Ernstfälle gerüstet.

Falls in Schweden der Elch im Weg steht: Der Töff von Remo Bernasconi ist gegen alle Ernstfälle gerüstet.

(Bild: hae)

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