Wenn die Grenadierin nicht gerade fliegt, schraubt sie an Autos rum
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Dass Patrizia Püntener ans Interview gerannt ist, merkt man ihr überhaupt nicht an. (Bild: wia)

Luzernerin führt ein aussergewöhnliches Leben Wenn die Grenadierin nicht gerade fliegt, schraubt sie an Autos rum

6 min Lesezeit 1 Kommentar 18.10.2020, 12:00 Uhr

Patrizia Püntener. Das ist die Frau, die kürzlich die Schweizermeisterschaft in «Hike & Fly» gewonnen hat. Das Gleitschirmfliegen ist jedoch bei Weitem nicht das aufregendste Hobby der Offizierin aus Ebikon.

«Ich bin hierher gerannt», sagt Patrizia Püntener lachend. Von Ebikon bis an den Bahnhof Luzern, wo wir die 26-Jährige zum Interview treffen. «Ich sass heute schon genug auf dem Velo», so die Erklärung der Studentin.

Vor einigen Wochen war Pünteners Name in allen lokalen Zeitungen zu lesen. Die Luzernerin wurde Schweizermeisterin beim sogenannten Hike & Fly. Es handelt sich dabei um einen Gleitschirmwettkampf, bei dem die Teilnehmerinnen sowohl in der Luft als auch zu Fuss unterwegs sind – und unterschiedliche Aufgaben bewältigen müssen.

Zum Beispiel müssen sie, wie beim Orientierungslauf, gewisse geografische Punkte abklappern. «Ob man diese aus der Luft oder zu Fuss erreicht und welche Route man wählt, ist einem selber überlassen. Das macht die Sache taktisch sehr spannend», erzählt Püntener bei einem Glas Schorle im gut besuchten Tibits.

Trainiert hat sie nicht extra für den Wettkampf

Es war die erste Hike-&-Fly-Durchführung, bei der es eine Frauenkategorie gab. Im letzten Jahr startete sie bei den Männern. Püntener setzte sich heuer gegen vier Sportlerinnen durch. «Wenn es nur um die Flugleistung gehen würde, bräuchte es keine Geschlechtertrennung. Beim Laufen, also dem konditionellen Teil, sind jedoch die Männer physisch naturgemäss überlegen.» Trainiert habe sie nicht explizit auf diesen Wettkampf hin. «Doch kommt es häufig vor, dass ich gemeinsam mit meiner Zwillingsschwester auf einen Berg wandere und von dort herunterfliege.»

Auch kam es bereits vor, dass Püntener, die an der HSLU in Horw Maschinenbau studiert, fliegend zur Schule gelangte. «Ich glitt direkt am Unterrichtszimmer vorbei und landete neben der Hochschule. Als ich wenig später in der Schule auftauchte, ahnte niemand, dass ich das gewesen war», sagt sie und erklärt: «Ich habe einen leichten Gleitschirm, den man so kompakt verstauen kann, dass er wie ein normaler Rucksack aussieht.»

Ihren Gleitschirm kann sie so klein machen, dass er im Rucksack gar nicht auffällt. (Bild: zvg)

Püntener hat ein Flair für ungewöhnliche Sportarten. «Neben der physischen Anstrengung mag ich die Mischung von Zufall, Glück und Taktik. Also mehr als einfach nur Rennen oder Langlaufen. Das war auch der Grund, weshalb ich als Teenager Biathlon gemacht habe.»

Biathletin, Grenadierin und Offizierin

Die Lust an körperlicher Bewegung und Taktik bewog Püntener denn auch während des Studiums, die Grenadierausbildung bei der Militärpolizei zu absolvieren und anschliessend Offizierin zu werden. Sie erzählt: «Das Klischee des Grenadiers als hirnloser Kraftprotz trifft überhaupt nicht zu.»

Der moderne Grenadier sei eher ein Ausdauersportler und ein intellektueller Soldat. «Gerade in der Ausbildung als Grenadier musste ich immer wieder beweisen, dass ich physisch fähig dazu bin. Oder, anders gesagt: Man gab mir immer die Chance, mich zu beweisen», sagt Püntener. «Ich wurde stets gleich behandelt wie alle anderen.» Und so bewies sie sich.

«Dass es Konflikte gibt, wenn eine Person in einer Position ist, in der sie physisch nicht hingehört, finde ich nachvollziehbar.»

Anfangs sei es für einige Kameraden schwierig gewesen, eine Frau in ihren Reihen zu akzeptieren. Erst noch eine, die nicht nur mithalten konnte, sondern auch mal besser war als sie selber. «Weil ich immer schon polysportiv aktiv war, verfüge ich über eine sehr gute Ausdauer. Ausserdem fallen mir Übungen leicht, in denen die relative Kraft gefragt ist, also etwa Liegestützen und Klimmzüge.»

Dass sie sich als Frau stetig beweisen musste, ärgert die Grenadierin nicht. «Dass es für Konflikte sorgt, wenn eine Person in einer Position ist, in der sie physisch nicht hingehört, finde ich nachvollziehbar.»

Beim militärischen Fünfkampf die einzige Schweizer Frau

Die Ebikonerin wirkt nicht überheblich, wenn sie übers Militär und ihre körperlichen Fähigkeiten redet. Überhaupt nicht. Sie spricht sehr respektvoll über ihre Kameraden und die Zeit in der Armee. Wenn sie erzählt, strahlt sie viel Ruhe und ein solides Selbstbewusstsein aus.

«Das Härteste für mich war nicht die Ausbildung zur Grenadierin, sondern die Offiziersausbildung und das anschliessende Abverdienen, bei der es praktisch unmöglich wurde, Sport zu treiben. Das fand ich persönlich sehr schwierig.»

Bei Skitouren fliegt Püntener lieber runter, als dass sie fährt. (Bild: zvg)

Aus ihrer militärischen Ausbildung hat sich ein weiteres ungewöhnliches Hobby entwickelt, wie sie erzählt. «Ich mache militärischen Fünfkampf, auch Milcomp genannt.» Das Team absolviert internationale Wettkämpfe in den Disziplinen Hindernislauf, Orientierungslauf, Schiessen, Hindernisschwimmen und Handgranatenzielwurf jeweils zu dritt.

«Weil ich die einzige Frau im Team bin, mache ich bei den Männern mit. Das funktioniert ganz gut.» Sie zückt ihr Handy und zeigt ein Bild, auf dem sie mit dunkel bemaltem Gesicht im Tarnanzug zu sehen ist. Sie ist kaum wiederzuerkennen. Neben Milcomp zählt Püntener auch Fallschirmspringen zu ihren Freizeitaktivitäten.

Autos flicken? Keine Hexerei, findet sie

Schon immer habe sie sich für Technik interessiert, sagt sie schulterzuckend. Dies, obwohl ihre Eltern beruflich aus ganz anderen Ecken kommen. «Mein Vater ist Sportlehrer, meine Mutter Juristin. Doch habe ich immer schon gern an Dingen ‹umegschrüübelet›.»

Vielleicht, so mutmasst sie, sei dies damit zu begründen, dass sie schon früh selber für Sachen zahlen musste und für ihr Taschengeld arbeiten ging. «Als Teenager wollte ich ein Rennvelo. Weil das aber sehr teuer war, habe ich mir gebrauchte Einzelteile gekauft, die ich selber zusammenbauen musste.» So begann sie damit, ihre eigenen Velos und diejenigen der Familie instandzuhalten und zu optimieren. «Mittlerweile flicke ich jedoch in meiner Freizeit eher Autos», erklärt Püntener fast beiläufig.

«Autos sind in der Regel so konzipiert, dass eine übliche Reparatur keine grosse Hexerei ist. Weil mich meine Eltern mich nicht an ihr eigenes Auto liessen, habe ich mir selber eins gekauft mit meinem Geld, um daran zu werkeln. Mittlerweile unterhalte ich jedoch auch die Autos meiner Eltern und meines Freundes», sagt sie verschmitzt. «Oft sind die Reparaturen einfacher als erwartet, doch muss man gut differenzieren können, welches die heiklen Arbeiten sind.»

Bald studiert Püntener Aviatik

Obwohl die 26-Jährige nun bereits mitten im Masterstudiengang steckt, hat sie kürzlich beschlossen, die Fachrichtung zu wechseln. «Ich hatte Glück und konnte arrangieren, dass ich im Frühling nach Winterthur an die ZHAW darf. Dort werde ich Aviatik studieren.» Ihr aktuelles Ziel: Flugtestingenieurin zu werden.

Aktuell absolviert Patrizia Püntener neben dem Studium ein Praktikum bei den Pilatus Flugzeugwerken. «Ausserdem mache ich die Privatpilotenausbildung für Motorflugzeuge.»

Sie denkt kurz nach, sagt lachend: «Es ist lustig. Meine Schwester arbeitet wohl bald für die Rega als Ärztin, ihr Freund baut sich ein eigenes Flugzeug. Mein Freund ist derzeit an der Helikopterausbildung dran. Dass wir alle auf die eine oder andere Art mit Aviatik zu tun haben, ist Zufall.»

«Ich will nicht eines Tages zurückblicken und das Gefühl haben, dass das, was ich gemacht habe, verlorene Zeit war.»

Ausbildungen, Arbeit, viel Sport. Dass das viel ist, ist sich Püntener durchaus bewusst. «Dadurch habe ich an den Wochenenden fast keine Zeit mehr zum ‹schrüübele ›. Doch ich weiss, dass es sich lohnt, viel für meine Ziele zu investieren. Selbst wenn ich diese nicht erreichen sollte. Ich will nicht eines Tages zurückblicken und das Gefühl haben, dass das, was ich gemacht habe, verlorene Zeit war.»

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1 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 18.10.2020, 13:50 Uhr

    Den intellektuellen Soldaten kann es auch nur in der besten Armee der Welt geben. Hat Korpskommandant Süssli bereits Wind von diesem grossen Wurf bekommen? Was kommt als nächstes? Die basisdemokratische Abstimmung anstelle der Befehlskette? Eine Ausbildung in Rhetorik anstelle der Waffe?

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.