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Wenn der Wartesaal ein Zuhause ist
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Anstatt in der Kälte zu sein, bevorzugen es viele Randständige, ihre Zeit in den Wartesälen zu vertreiben. (Bild: azi)

Unterwegs mit Luzerner «Bahnhofpaten» Wenn der Wartesaal ein Zuhause ist

6 min Lesezeit 15.02.2015, 16:00 Uhr

Der Bahnhof Luzern ist ein Brennpunkt. Von Pendlern weitgehend unbemerkt sorgen deshalb seit 2010 zwölf freiwillige Bahnhofpaten für mehr Sicherheit. Doch was machen die dort eigentlich? zentral+ hat sie einen Abend lang begleitet. 

«Es wird kalt», meint Arthur Reinhold am Telefon. «Wir Bahnhofpaten sind eher etwas abgehärtet, was die frischen Temperaturen anbelangt, die uns morgen Abend am Bahnhof Luzern erwarten werden. Dir empfehle ich gute und warme Schuhe, Handschuhe und eine dicke Kappe für den Dienstantritt um 19 Uhr.»

Tatsächlich steigt das Thermometer am Freitagabend kaum über null Grad, als wir uns vor dem Wartesaal beim Gleis 3 treffen. «Es wird heute sicher viel los sein», sagt Reinhold und stellt sogleich seinen Kollegen, Dragan Radulovic, vor. Seit fünf Jahren engagieren sich die beiden, wie zehn weitere Helferinnen und Helfer, als freiwillige «Bahnhofpaten» (siehe Box). zentral+ wird heute einen Abend lang mit ihnen unterwegs sein.

Arthur Reinhold (links) und Dragan Radulovic sind seit fünf Jahren Bahnhofpaten.

Während für mich auf den ersten Blick alles wie immer aussieht, schweift der Blick der beiden Bahnhofpaten sogleich in den grossen Wartesaal neben der Bachmann-Filiale. «Das ist ein typisches Szenario», erklärt Reinhold und zeigt auf eine Gruppe Jugendlicher, die es sich mit ein paar Bier gemütlich gemacht hat. «Die Wartesäle sind gemäss der Bahnhofsordnung nur für zahlende Bahnpassagiere vorgesehen», so Reinhold. Sie beschliessen jedoch, abzuwarten und noch nicht einzugreifen. In ihren Dienstanzügen, den dunkelblauen Jacken und Railfair-Mützen, verkörpern die beiden zwar Autorität, wirken aber dennoch unauffällig.

Verlorene Touristen  

Als Freiwillige am Bahnhof engagiert

Arthur Reinhold und Dragan Radulovic sind zwei von insgesamt zwölf Bahnhofpaten, die sich in ihrer Freizeit als Freiwillige am Bahnhof Luzern engagieren. Die Bahnhofpatinnen und -paten stehen den Passanten seit 2010 mit Rat und Tat zur Seite, vermitteln bei Streitigkeiten und machen auf die Bahnhofsordnung aufmerksam. Sie sind der «Securitrans», der Bahnpolizei und letztlich auch der Luzerner Polizei untergeordnet. Für ihre Einsätze haben sie eine sechstägige Ausbildung seitens der SBB, dem Roten Kreuz und der SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention) erhalten.

 Als wir entlang der Gleise durch die Bahnhofshalle laufen, fallen zwei Touristen auf, die etwas verloren vor dem Innenplan des Luzerner Bahnhofs stehen. Ob er ihnen helfen könne, fragt Reinhold auf Englisch. Die beiden Amerikaner, die gerade vom Flughafen Zürich nach Luzern reisten, sind auf der Suche nach ihrem Hotel. Da man innerhalb des Bahnhofs vergeblich nach einer Stadtkarte sucht, erklärt ihnen Reinhold den Weg zur Unterkunft. In der Zwischenzeit ist auch Dragan Radulovic dabei, zwei jungen Japanerinnen zu helfen, sich in ihrem Feriendomizil zurecht zu finden.

«Eigentlich wäre das nicht unsere Kernaufgabe», erklärt Reinhold, während wir weiterlaufen. Doch was machen die beiden eigentlich während ihrem dreistündigen Dienst? «Wir Bahnhofpaten machen im Grunde dasselbe wie die SIP in der Stadt. Nur, dass wir ausschliesslich auf dem Areal der SBB unterwegs sind.» Sie helfen gerne, wenn sich innerhalb des Bahnhofs Luzern ein Problem ergäbe.

Ihre Aufgabe sei es jedoch hauptsächlich, dafür zu sorgen, dass die Bahnhofsordnung eingehalten werde, und den Reisenden durch ihre Präsenz ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln. Um diese Uhrzeit seien sie am Bahnhof Luzern die einzigen Ansprechpartner vor Ort.

Doch angesprochen werden die Bahnhofpaten an jenem Abend kaum. Viel mehr sind sie es, die immer wieder Initiative zeigen und auf die Leute zugehen. Sei dies auf verirrte Touristen, welche die richtige Busverbindung zur Jugendherberge suchen, oder auf Velo- und Kickboard-Fahrer, die auf das Fahrverbot innerhalb des Bahnhofs aufmerksam gemacht werden müssen. 

In Luzern statt Lausanne angekommen

«Wichtig ist einfach, dass wir da sind», meint Reinhold, als beim Gleis 3 gerade der Zug aus Genf einfährt. Immer wieder käme es vor, dass Passagiere Luzern mit Lausanne verwechseln würden. «Je nach Uhrzeit stehen die Reisenden dann vor einem grossen Problem und haben keine Unterkunft für die Nacht.» Man versuche dann eine Lösung zu finden. Jedoch seien auch schon Personen ohne Geld oder Bekannte zu später Stunde in Luzern gestrandet. «Da können wir dann halt auch nur begrenzt weiterhelfen.»

«Im Vergleich zum Ausland kommt die Sauberkeit am Luzerner Bahnhof nicht gut weg.»
Arthur Reinhold, Bahnhofpate

Als sich das hektische Treiben auf dem Bahnsteig allmählich gelegt hat, schweift Reinholds Blick wieder in den Wartesaal. «Siehst du, die Jungen sind von selbst gegangen. Vielleicht haben sie ja tatsächlich auf einen Zug gewartet.» Wir gehen eine Etage tiefer ins Bahnhofs-Shopping. Wärmer als bei den Gleisen ist es auch dort nicht.

Sauberkeit am Bahnhof lässt zu wünschen übrig

Deshalb zieht es die Bahnhofpaten als erstes ins Treppenhaus, das in die oben stehenden Praxis- und Geschäftsräume führt. «Bei diesem Wetter ist das hier ein beliebter Ort für Jugendliche, um abgeschieden von der Öffentlichkeit zu rauchen und zu trinken», erklärt Radulovic. In seinem Hauptberuf ist er als Securitas-Mitarbeiter tätig und solche Szenen gewohnt. Heute ist das Treppenhaus allerdings leer, und niemand versteckt sich zum Rauchen in der Wärme.

Aber auch sonst scheint sich niemand zum Rauchen zu verstecken – auch nicht in der rauchfreien Zone im Untergeschoss. «Viele machen das nicht absichtlich», so Radulovic. «Sie vergessen oder übersehen das Rauchverbot einfach.» Darauf hingewiesen wird die Zigarette beim nächsten Aschenbecher oder gleich vor Ort entsorgt. «Hier landet viel am Boden», ergänzt Reinhold. Der Augenoptiker ist seit Jahren von der Bahn begeistert und nimmt auch im Ausland regelmässig Bahnhöfe unter die Lupe. «Im Vergleich dazu kommt die Sauberkeit am Luzerner Bahnhof nicht gut weg.» Das könne kaum am Reinigungspersonal liegen, meint er. Seien es Bierdosen, Altpapier oder Plastiksäcke, alles wird beim Vorbeigehen kurzerhand aufgehoben und entsprechend entsorgt.

«Anstatt draussen in der Kälte rumzuhängen, bevorzugen es viele, ihre Zeit hier zu verbringen.»
Dragan Radulovic, Bahnhofpate

Als nächstes zeigen mir die beiden Bahnhofpaten die «dunklen Ecken» des Bahnhofs, die ich zuvor kaum als solche wahrgenommen habe. «Wir nennen sie ‹Brünzliegge›», lacht Radulovic und zwinkert: «Du glaubst nicht, was wir hier schon alles gesehen haben.» Da der Lift kaum benutzt werde, würde die kleine Einbuchtung immer wieder als Toilette missbraucht.

Von Pendlern zu Partygängern

Wieder oben bei den Gleisen merkt man, dass die Stimmung inzwischen anders wurde. Wo vorher noch Pendler und Touristen standen, tummeln sich nun Partygänger auf ihrem Weg in den Ausgang. Von ihnen unbeachtet laufen meine zwei Begleiter in eiligem Schritt zu einem der Wartesäle zwischen den Gleisen. Hier ist es ruhig. Zumindest auf den ersten Blick.

Obwohl in absehbarer Zeit kein Zug fährt, ist das Wartehäuschen voll. «Anstatt draussen in der Kälte rumzuhängen, bevorzugen es viele aus der Szene, die sich ansonsten auf dem Bahnhofsplatz aufhält, ihre Zeit hier zu verbringen», sagt Radulovic. Noch bevor wir das Häuschen zwischen den Gleisen erreichen, steht die grosse Mehrheit der Jugendlichen darin auf und verlässt den Wartesaal.

Mit einem Trick in der Wärme bleiben

Reinhold betritt den Saal und einige der verbleibenden Leute zeigen ihm ungefragt ihr Billett. Die anderen sagen ihm, dass sie auf die S-Bahn nach Ebikon warten. Ob das tatsächlich stimmt? «Ich weiss es nicht», sagt Reinhold. Die Kompetenz Fahrausweise zu kontrollieren hätten sie nicht. Einige Leute würden deshalb auch tricksen, um sich möglichst lange in den Wartesälen aufhalten zu können. 

Wir machen uns auf den Weg zum nächsten Wartehäuschen. Das eine oder andere Gesicht der Männer, die den Raum wiederum sogleich verlassen, ist mir aus den vergangenen Wartesälen in Erinnerung geblieben. «Ich kann das nicht verstehen», lacht Reinhold. «Zuhause wäre es doch viel gemütlicher.» Nach einem Arbeitstag und zusätzlich drei Stunden in der Kälte des Bahnhofs ist das der Ort, auf welchen sich Reinhold und Radulovic freuen. Von mir ganz zu schweigen.

 

Haben Sie schon einmal mit Bahnhofpaten zu tun gehabt? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit.

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