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Wenn der Mensch sich selbst abhandenkommt
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Der Regisseur Felix Rothenhäusler inszeniert Herrn Geisers (Adrian Furrer) stummen, sturen Kampf als Begegnung mit der Kraft des Luzerner Sinfonieorchester, Winston Dan Vogel (Dirigent) und Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie.  (Bild: Ingo Höhn)

Premiere im Luzerner Theater Wenn der Mensch sich selbst abhandenkommt

3 min Lesezeit 01.05.2017, 13:23 Uhr

Das Luzerner Theater ist mutig unterwegs. In der neusten Inszenierung «Der Mensch erscheint im Holozän» bringt es Max Frischs rationale und lakonische Erzählung mit der leidenschaftlichen und hochemotionalen Zehnten Sinfonie von Gustav Mahler zusammen. Ob dieses gewagte Experiment gelingen mag?

Bereits die knapp halbstündige Einführung durch die Dramaturgin Julia Reichert lässt Gutes erahnen. Sie sprüht förmlich vor Vorfreude und schafft es, auf ihre leidenschaftliche und authentische Art und Weise das Publikum mit ihrer Begeisterung anzustecken.

Dass sich dabei aus der gänzlich untheatralen Erzählung Frischs eine spannungsreiche Dichotomie zwischen sprachzentriertem Schauspiel und spätromantischer Musik inszenieren lässt, ist vor allem der beispielhaften disziplinenübergreifenden Zusammenarbeit des Regisseurs Felix Rothenhäusler und des Dirigenten Yoel Gamzou zu verdanken. Die Inszenierung unter dem Motto «Attacke aufs Gehirn» beschäftigt sich mit dem verzweifelten Kampf des Protagonisten Herrn Geiser mit dem schleichenden Vergessen und drohenden Verlust seiner selbst.

«Herr Geiser hat Zeit»

Zu Beginn des Stücks steht Frischs Protagonist Herr Geiser, gespielt von Adrian Furrer, alleine auf der Bühne und wendet sich mit seinen zusammengesuchten Wissensfetzen direkt ans Publikum. Er erzählt und erzählt und erzählt; von Flutkatastrophen im Tessin, Sedimentschichten und ihrer Entstehung und von sechzehn Donnerarten.

Im Übertitel erscheint dazu: «Herr Geiser hat Zeit.» Die Spannung zwischen dem sich selbst als Zentrum der Welt denkenden Geiser und der relativierenden metaphysischen Stimme des Übertitels bringt dabei nicht nur die Absurdität der menschlichen Wichtigtuerei zum Vorschein, sondern auch das Publikum zum Schmunzeln.

Adrian Furrer beeindruckt in seiner Darstellung des Herrn Geiser mit einer Gedächtnis- und Sprachperformance sondergleichen.

Adrian Furrer beeindruckt in seiner Darstellung des Herrn Geiser mit einer Gedächtnis- und Sprachperformance sondergleichen. Während er zu Beginn noch sehr verhalten, ja geradezu emotionslos seine Texte herunterleiert, redet er sich immer mehr in Rage und schreit zum Schluss voller Verzweiflung, aber auch voller Freude die unterschiedlichen Arten von Dinosauriern ins Publikum. Genial, aber auch dramatisch dann der Übertitel dazu: «Saurier hat es im Tessin nie gegeben.»

Apokalyptische Untergangsstimmung

Weil es seit Tagen regnet, fürchtet sich Herr Geiser vor einem Erdrutsch, der das ganze Dorf zerstören würde. Während sich jedoch die äussere Welt gleichgültig weiterdreht, ist es Herrn Geisers Inneres, das plötzlich von Rissen heimgesucht wird. Er kämpft mit dem Vergessen. Matthias Singers Lichtdesign in der Form einer neuronalen Lichterlandschaft verdeutlicht dabei nicht nur die erhellenden Erinnerungsmomente, sondern auch die zunehmenden Risse und Unterbrüche im Gedächtnis von Herrn Geiser.

Yoel Gamzou (musikalische Leitung) und Felix Rothenhäusler (Inszenierung) über das Stück:

Gleichermassen wirken auch die ersten Klänge aus der Zehnten Sinfonie Malers als kleine Störelemente. Das Ganze spitzt sich zu in einem Schlaganfall, worin sich der erste grosse Wendepunkt der Geschichte findet. Hier trumpft nun das Luzerner Sinfonieorchester mit dem Dirigenten Winston Dan Vogel auf.

Die zwölf Trommelschläge läuten zusammen mit dem an der Grenze der Tonalität klingenden apokalyptischen Akkord Mahlers diese tragische Veränderung bei Herrn Geiser ein. Die düstere Musik zeugt von einer grossen Erhabenheit. Die Verschmelzung von Schauspiel und Musik gelingt dem Regisseur Felix Rothenhäusler hier hervorragend.

Versöhnliches Ende

Nach dem Schlaganfall bleibt Herr Geiser sprachlos. Und trotzdem bleibt es nicht still um ihn. An der Grenze des Denkens, der Sprache und der Rationalität findet sich ein Hoffnungsschimmer. Erst mit der Akzeptanz der Endlichkeit gibt Herr Geiser den Kampf um sein Ich auf und lässt sich in etwas viel Grösseres aufnehmen.

Der Abgesang von Mahlers Zehnter Sinfonie mit seinen harmonisch weichen und lieblichen Klängen verdeutlicht dieses transzendente Moment von äusserster Sinnlichkeit. Nach diesem berührenden Schlussbouquet braucht das Publikum einen Augenblick, um sich zu fassen und sich mit einem herzlichen Applaus zu bedanken.

Spieldaten: 7. Mai, 10. Mai, 13. Mai, 19. Mai, 21. Mai, 28. Mai, 9. Juni

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