Wenn das Gehirn zur Festplatte wird
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Persönlichkeitstest bei Scientology in Luzern Wenn das Gehirn zur Festplatte wird

6 min Lesezeit 17.04.2015, 05:22 Uhr

Immer wieder landet Werbung in den Briefkästen, die mehr oder weniger offensichtlich von Scientology stammt. Was steckt hinter diesen Versprechungen um ein besseres Leben? Wir haben einen Selbstversuch unternommen. Und mussten feststellen, dass uns von Glück und Selbstverantwortung vor allem eines trennt.

«Sei du selbst! − Aber wer bist du? Machen Sie den Test und finden Sie es heraus», heisst es auf dem gelben Flyer, der neulich bei zentral+ im Briefkasten gelandet ist. Die Werbung für einen kostenlosen Persönlichkeitstest verspricht, Erkenntnisse über die eigenen Stärken und Schwächen, und deren Auswirkungen auf unser Leben zu liefern. Uns soll ein Weg aufgezeigt werden, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. zentral+ wurde neugierig und hat sich auf diesen Test eingelassen.

Der Urheber dieses Flyers bleibt zunächst unbekannt. Aufgeführt ist lediglich eine Website, bei deren Aufruf ein Bild und Zitat von Albert Einstein erscheint: «Wir nutzen nur zehn Prozent unseres geistigen Potenzials.» Nach einigen Klicks erfahre ich, warum die restlichen 90 Prozent brach liegen. Es gibt anscheinend einen heimlichen Gegner, der gegen uns arbeitet: der reaktive Verstand. Das sind ungewollte Emotionen, Ängste, Selbstzweifel, psychosomatischen Beschwerden und Schmerzen, die wir tagtäglich mit uns herumtragen und uns blockieren, wie es auf der Seite heisst. Doch wie können wir diese überwinden und unser Potenzial besser ausschöpfen?

«Dianetik ist der einzige Weg, wie Sie Ihre wahren Fähigkeiten wecken können.»
Dianetik-Website 

Auch darauf finden wir eine Antwort: «Dianetik ist der einzige Weg, wie Sie sich vom reaktiven Verstand befreien und Ihre wahren Fähigkeiten in Ihnen wecken können.» Entwickelt wurde diese angeblich wissenschaftliche Methode von L. Ron Hubbard. Spätestens hier wird klar: Es handelt sich um ein Angebot der Scientology (siehe Box).

200 Fragen zur Selbsterkenntnis

Der nächste Schritt führt mich zum angepriesenen Persönlichkeitstest, der sich direkt auf der Website ausfüllen lässt. Nachdem die Kontaktangaben eingetragen sind, startet die «Oxford Capacity Analysis». Sie beinhaltet insgesamt 200 Fragen, die mit ja, nein oder vielleicht beantwortet werden müssen (siehe Screenshot).

Die Fragen beinhalten verschiedenste Aspekte des täglichen Lebens und dem persönlichen Verhalten. Teilweise sind die Fragen ähnlich; nach der Hälfte entsteht gar der Eindruck, dass einige Fragen immer wieder unterschiedlich formuliert auftauchen. Nachdem der Test abgeschlossen ist, werden die Antworten übermittelt und ausgewertet. Um die Resultate zu erhalten, ist jedoch die Vereinbarung eines persönlichen Gesprächs notwendig. Nur wenige Stunden später werde ich telefonisch kontaktiert und habe den Termin festgelegt.

«Dianetik ist nicht Scientology»

Umstrittene Rekrutierungsbestrebungen

Scientology ist eine religiöse Bewegung, deren Lehre auf Schriften des US-amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard zurückgeht. In der Öffentlichkeit sind die Methoden der Organisation höchst umstritten. Rekrutierungsbestrebungen von Scientology, so ein Vorwurf, konzentrierten sich häufig ganz bewusst auf Menschen, die eine Krisensituation in ihrem Leben erreicht haben und daher besonders labil sind. Die Frage, ob Scientology eine Kirche, eine Religion oder ein als Religion getarnter Wirtschaftskonzern ist, wird unterschiedlich beurteilt. In einzelnen Staaten ist Scientology als moderne Religion anerkannt, in anderen wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet, da die Organisation undemokratische und totalitäre Züge aufweise.

Gemäss eigenen Angaben sind bei Scientology in der Schweiz über 300 hauptamtliche Mitglieder in den Vereinen tätig, und betreuen insgesamt rund 5'000 Scientologen. In der Schweiz seien bislang fünf Scientology-Kirchen und sechs Missionen aufgebaut worden. Die Luzerner Niederlassung von Scientology befindet sich seit 2009 in Emmenbrücke. 

Ein paar Tage danach befinde ich mich im Industriegebiet an der Neuenkirchstrasse in Emmenbrücke. Hier befindet sich in einem unauffälligen Gebäude das «Schulungszentrum der Dianetik Beratung» in Luzern. Freundlich werden wir empfangen und ins Untergeschoss begleitet. Dort begrüsst uns ein Mann. Er habe unseren Test ausgewertet und freue sich nun, die Ergebnisse mit uns zu besprechen. Wir sind gespannt − und zugegebenermassen etwas nervös.

Ob wir wissen würden, was Dianetik eigentlich ist, möchte er zunächst wissen. Es müsse irgendetwas mit Scientology zu tun haben, entgegnen wir. Er lächelt. «Was wissen sie denn über Scientology?», fragt er. Zu wenig, um ein Urteil fällen zu können, ist unsere Antwort. Wir stellen jedoch zugleich klar, dass wir kein Interesse daran hätten, Scientologen zu werden. Das sei auch nicht nötig, meint er freundlich und beginnt zu erklären, was Dianetik ist.

Es sei eine wissenschaftlich fundierte Methode, um innere Blockaden und negative Erinnerungen – sogenannte Engramme – aufzulösen. «Je mehr Engramme sich ansammeln, desto weiter ist der Mensch von seiner wahren Natur entfernt», erklärt er. Das wahre Ich eines jeden Menschen sei nämlich naturgemäss gut und vollkommen, werde jedoch im Laufe der Zeit durch negative Prägungen beeinflusst. Die Folge: Wir leiden unter körperlichen und geistigen Beschwerden, die uns daran hindern, uns so zu verwirklichen, wie wir das gerne möchten.

Um die Lebensqualität und das Wohlbefinden zu steigern, müssten diese Engramme aufgelöst werden. Mit Scientology selbst habe dies noch nichts zu tun, versichert er. Dianetik funktioniere unabhängig von der religiösen oder weltanschaulichen Lehre. Es sei lediglich ein erprobtes Mittel, um seinen Verstand besser verstehen zu können und ein Weg zur persönlichen Weiterentwicklung − hin zu einem besseren Leben.

Das Leben − eine grosse Baustelle

Nachdem dies geklärt ist, widmen wir uns dem Persönlichkeitstest. Er legt eine Grafik (siehe Bild unten) auf den Tisch. Wir erschrecken. «Kein Grund zur Sorge», sagt er. «Genau deshalb legen wir wert darauf, die Testergebnisse persönlich zu besprechen.» Er nimmt sich Zeit, die Auswertung detailliert zu erklären. Geschickt geht er auf meine Reaktionen ein. Ohne Zweifel, er hat Menschenkenntnis.

Was der Test in Kürze sagt: Ich sei weit davon entfernt glücklich zu sein und ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Ideal wäre ein Ergebnis gewesen, das sich durchwegs im positiven oder zumindest im grau eingefärbten Bereich befindet. Doch was sollen wir mit dieser Erkenntnis nun anfangen? Wie soll es weiter gehen?

Günstiger als ein Psychiater

Der Herr von Scientology schlägt vor, einige Auditing-Sitzungen zu absolvieren. Dies sei eine Art seelsorgerisches Gespräch, in welchem unsere Engramme unter Anleitung einer mit dieser Methode vertrauten Person aufgelöst würden. Während der Zeit der Therapie sollten wir allenfalls auf Medikamente, Alkohol und Drogen verzichten, da diese den Zugriff auf unseren Verstand − und somit auch den Erfolg − verhinderen. Auch eine laufende Psychotherapie sollte vorerst abgebrochen werden.

Spätestens nach 15 Sitzungen, fünf kosten rund 250 Franken, würde sich unser derzeitiger Zustand merklich verbessert haben. «Sie sind ja wesentlich günstiger als ein Psychiater», sagen wir. Es gehe ihnen dabei nicht um Geld, sondern darum zu helfen, meint er.

Viele Namen − ein Gesicht

«Scientology ist heute beinahe jedem Kind ein Begriff», erklärt der Zürcher Religionswissenschaftler und Sekten-Experte Georg Otto Schmid. «Daher tritt die Sekte in der Öffentlichkeit oft mit den Namen ihrer Tochterorganisationen auf.» Dies sei etwa «Der Weg zum Glücklichsein», CCHR Schweiz (Bürgerkommission für Menschenrechte) − oder eben Dianetik. «Die Dianetik und ihr Menschenbild ist die Grundlage der Scientology», so Schmid weiter. «Scientology geht aber weit über Dianetik hinaus, etwa dort wo Reinkarnation gelehrt oder übermenschliche Fähigkeiten verheissen werden.»

«Diese Praxis ist darauf ausgerichtet, dass Klienten private und auch intime Erlebnisse preisgeben.»
Georg Schmid, Religionswissenschaftler und Sekten-Experte

Scientology behaupte, alle möglichen Probleme beheben zu können, weshalb sich immer wieder Menschen in einer Krise auf Scientology einlassen, und dann mitunter Schwierigkeiten haben würden, sich wieder davon zu lösen. Gerade im Falle des Auditings, das uns am Persönlichkeitstest empfohlen wurde, sei zu beachten, dass diese Praxis mit Lehrgängen verbunden ist.  Diese führen dann stufenweise in die Scientology-Weltanschauung ein. Nicht zuletzt ist es darauf ausgerichtet, dass Klienten private und auch intime Erlebnisse preisgeben. «Eine Person, die das Auditing testen will, muss sich deshalb im Voraus die Frage stellen, wie weit solche persönlichen Erfahrungen Scientology anvertraut werden sollen», sagt Schmid.

Der Mensch als Computer

Als Alternative zu einer Psychotherapie könne die Dianetik nicht verstanden werden, erklärt der Sekten-Experte weiter. «Scientology hat von ihrem Gründer die scharfe Ablehnung der wissenschaftlichen Psychologie geerbt und steht deshalb der Psychotherapie, aber auch Formen alternativer Psychotherapie, kritisch gegenüber.»

Seit der Zeit von L. Ron Hubbards habe sich gar eine grosse Kluft zwischen der wissenschaftlich fundierten Psychotherapie und der Dianetik aufgetan. So werde das Computermodell des menschlichen Geistes – die Vorstellung, dass das Gedächtnis unbegrenzt merkfähig ist und sämtliche Erinnerungen fotografisch genau als Engramme speichert – ausserhalb der Scientology kaum mehr vertreten, sagt Schmid weiter. Im Selbstversuch wurde deutlich, dass das Gehirn gemäss den Vorstellungen des Scientologen wie eine Festplatte funktionieren soll, auf welcher negative Erinnerungen ähnlich unerwünschten Daten, gelöscht werden können.

Unser Selbstversuch zeigt: Die Verführung ist gross einem aufmerksamen Fremden Vertrauliches zu erzählen. Labile Personen, die bei Problemen nicht auf ihr Umfeld zählen können, würden sich hier verstanden und aufgenommen fühlen − je nach Kenntnisse über die Scientology — auch ohne dabei genau zu wissen, worauf man sich einlässt.

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