Wenn das Ende naht, hilft der Scheidungsplaner
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Jahrzehntelang war Manfred Schneeberger in der Finanzbranche tätig – bis er eines Morgens am Schreibtisch einnickte. (Bild: zvg)

Luzerner Mediator berät Trennungswillige Wenn das Ende naht, hilft der Scheidungsplaner

8 min Lesezeit 18.10.2016, 17:49 Uhr

Als er eines Morgens über einem Dossier einschlief, wusste Manfred Schneeberger, damals Filialleiter einer Bank: Ich muss den Job wechseln. Heute berät er Paare in der Scheidung – das sei seine Berufung. Seit kurzem leitet er den Treff für elterliche Verantwortung in Luzern. Und schreibt ein Buch über glückliche Trennungen.

Manfred Schneeberger hilft Paaren, sich im Guten zu trennen. Seit vier Jahren arbeitet er als Mediator und spezialisiert sich zunehmend auf Scheidungen und Trennungen. Zu ihm kommen Frauen und Männer, die in dieser Phase Unterstützung brauchen. Während Hochzeitsplaner eine perfekte Trauung auf die Beine stellen, beabsichtigt er die optimale Trennung – er ist der Scheidungsplaner. 

Seine Erfahrung gibt er seit Anfang Monat auch als Leiter einer Beratungsstelle weiter. Der Verein für elterliche Verantwortung (VeV) bietet neu ein monatliches Treffen an, wo sich Betroffene austauschen und informieren können. Eine Art Selbsthilfegruppe – auch wenn Schneeberger den Begriff nicht passend findet, «schliesslich geht es nicht um eine Krankheit».

«Wir sind keine Männervereinigung»

Zu diesem Engagement kam Schneeberger über seine Bekanntschaft mit Oliver Hunziker, Präsident des VeV. Der Verein setzt sich seit über 20 Jahren für die Rechte von Scheidungskindern und -eltern ein. Weil die Rechtspraxis in Sorgerechtsfällen in der Schweiz lange zugunsten von Frauen ausfiel, vertrat der Verein oftmals die Anliegen von Vätern. Zudem geht die Gründung des ersten und bislang einzigen Männerhauses im Kanton Aargau auf den VeV zurück.

«Zu dieser Zeit konnte man vor Gericht noch dreckige Wäsche waschen.»

Eine «Männervereinigung» sei der Luzerner Treff aber keineswegs, sagt Schneeberger. Auch Mütter, oder gar Grossmütter oder Schwiegerväter seien willkommen. «Im Vordergrund stehen die Rechte der Kinder», betont Schneeberger. Man wolle Betroffenen bewusst machen, dass Kinder in einem Scheidungsprozess zu schützen seien. Aus seiner persönlichen und beruflichen Erfahrung wisse er: «Immer wieder werden Kinder bei einer Scheidung zum Spielball eines Elternteils.»

Zwei Jahre keinen Kontakt zu Kindern

Schneeberger weiss, wovon er spricht. Vor rund 20 Jahren erfuhr er am eigenen Leib, wie schmerzhaft eine Trennung sein kann. Er hat eine Kampfscheidung erlebt, noch nach altem Eherecht, als die Partner vor Gericht als Kläger(in) und Angeklagte(r) auftreten – und ein Schuldspruch erfolgen musste. «Zu dieser Zeit konnte man vor Gericht noch dreckige Wäsche waschen», sagt er. Innert zwei Wochen sei er vor die Tür gestellt worden und musste vorübergehend ins Elternhaus zurück. Das Schlimmste sei aber die Trennung von seinen Kindern gewesen, die er zwei Jahre lang nicht mehr sah. «Meine Frau sagte damals: Du gehörst nicht mehr zur Familie. Diese Ausgrenzung tat sehr weh.» 

«Die Zeit, in der man seine Kinder nicht sehen kann, ist schwer auszuhalten. Aber man sollte es versuchen.»

In dieser «Trauerphase« wäre er sehr froh gewesen um Unterstützung, wie sie der VeV heute bietet. Und doch nahm seine Geschichte später eine gute Wendung. «Ich habe den Weg zu meiner Frau wieder gefunden. Deshalb weiss ich, was möglich ist, wenn man sich öffnet und beide ihren Anteil ehrlich anschauen.» Schneeberger feierte wieder mit seiner Familie Weihnachten und Kindergeburtstage. Und heute sagt er: «Die Zeit, in der man seine Kinder nicht sehen kann, ist schwer auszuhalten. Doch man sollte es versuchen und nicht über die Kinder Druck machen.» Dass dies nicht alle können, ist ihm klar. Doch seine Geschichte motiviert ihn, andere dazu zu bringen.

Gemeinsames Sorgerecht führt zu Umdenken

Im VeV-Treff geht es um Fragen wie: Was mache ich, wenn die Ex-Partnerin mein Kontaktrecht zu den Kindern erschwert? Was, wenn mein Ex-Mann nicht mehr mit mir spricht? Wie gehe ich damit um, dass meine Kinder denken, ich sei an der Scheidung schuld? Wie stelle ich den Kindern meine neue Partnerin vor? Oder was tue ich, wenn meine Ex-Frau mich beschuldigt, dem Kind zu schaden?

Mit dem neuen Sorgerecht, das grundsätzlich beiden Elternteilen die Betreuung der Kinder anvertraut, habe sich vieles gebessert, sagt Schneeberger. «Aber was auf dem Papier steht, ist das Eine. Das Andere ist, wie es umgesetzt und gelebt wird.» Gerade in der Praxis gebe es oft Reibungspunkte, erklärt er in seinem lichtdurchfluteten Büro an der Obergrundstrasse. Das gemeinsame Sorgerecht habe zudem bei vielen Männer zu einem Umdenken geführt. Sie wollten vermehrt für die Kinder sorgen – nicht nur finanziell. Ein Problem sei noch, dass Firmen dies oft verunmöglichen, weil der Teilzeit-Mann sich noch nicht durchgesetzt habe. «Hier braucht es das Umdenken der Wirtschaft.»

«Glückliche Scheidungen gibt es» – davon ist Manfred Schneeberger überzeugt. (Bild: zvg)

«Glückliche Scheidungen gibt es» – davon ist Manfred Schneeberger überzeugt. (Bild: zvg)

Obwohl der VeV-Treff allen offen steht, zeigen die bestehenden Stellen in anderen Städten, dass er mehrheitlich von Männern besucht wird. In Luzern kam beim ersten Treff Anfang Oktober gerade mal ein Mann. Das Potenzial sei aber deutlich grösser, ist Schneeberger überzeugt. «Es gibt für Männer hier nur wenige Anlaufstellen.» Und: «Männer glauben oft, sie müssten eine Scheidung alleine schaffen. Sie reden nicht darüber.» Gerade für diesen Austausch soll der Treff eine Plattform bieten. «Vielen hilft es, wenn andere dabei sind, die dasselbe erlebt haben und ihnen Tipps geben können.» Was die neue Beratungsstelle nicht anbietet, ist der Gang vor Gericht. Dafür vermittle man Anwälte oder andere Fachstellen.

Schneeberger streitet nicht ab, dass er auch ein geschäftliches Interesse an der VeV-Leitung hat, da er Kontakt erhält zu möglichen Kunden für seine Beratungsgespräche. Aber das sei keineswegs die Motivation für sein Engagement, versichert er. «Es ist nicht meine Art, daraus Profit zu schlagen. Auch wenn ich natürlich für eine Mediation bereit bin, wenn das jemand wünscht.»

Späte Berufung und Modelkarriere

Menschen in der Trennungsphase zu begleiten, bezeichnet Schneeberger als seine Berufung. Doch die ist ihm nicht von Anfang an in den Schoss gefallen. 40 Jahre lang war er ein Getriebener. Er startete seine Berufslehre bei einer Bank, betrieb intensiv Sport, führte vorübergehend ein Fitnessstudio und ein Finanzplanungsbüro, bevor er zur Bank zurückkehrte.

«Da hatte ich einen Geistesblitz und wusste: Ich muss etwas ändern.»

Bis er eines Montags aus den Ferien in sein Büro zurückkehrte – und nach dem Mittagessen über einer Hängemappe einschlief. «Da hatte ich einen Geistesblitz: Ich muss etwas ändern.» Ein Zeichen, dem kurz darauf ein zweites folge: Er wurde eine Woche lang krank. Und realisierte: Obwohl die Atmosphäre, die Mitarbeiter, der Chef, der Lohn und die Kunden stimmten, stimmt es für ihn nicht.  

Was folgte, war ein Schritt, der nicht jeder wagt zu gehen. Im Alter von 56 Jahren kündigte er seinen sicheren Job als Filialleiter einer Kantonalbank und sattelte um. Vier Jahre ist das her. Er bereut den Wechsel keine Minute. «Wenn man macht, was das Herz zum Singen bringt, verleiht das enorm Energie.» Auch wenn er tagtäglich mit Menschen zu tun hat, die emotional an einem Tiefpunkt stehen, wirkt der 60-Jährige zufrieden.

Neues zu wagen, egal in welchem Alter, empfiehlt der Mediator allen. So kam er nicht nur zu seinem neuen Herzensjob, sondern entdeckte auch eine andere Leidenschaft: Schneeberger arbeitet nebenher als Model und Schauspieler. Drei bis viermal jährlich steht er vor der Kamera. Aktuell ist er in einem Werbespot eines Hörgeräteanbieters im TV zu sehen oder in einer Broschüre für Vorsorge. Bei «Lüthi und Blanc» hat er in kleineren Rollen mitgespielt.

Der Werbespot von Audika, bei dem Schneeberger eine kleine Rolle hat. Im November kommt ein zweiter ins Fernsehen.

 

Selbstmitleid ist okay – vorübergehend

Inzwischen hat Schneeberger viele Facetten von Trennung gesehen. Er kennt die klassischen Schnittstellen in Lebensläufen, die zu einer Beziehungskrise führen können. Bei Frauen sei es der Moment, wenn die Kinder erwachsen geworden sind, und sie ihre eigenen Bedürfnisse wieder in den Vordergrund stellen. «Das überfordert viele Männer, sie verstehen es nicht und realisieren den Bruch erst, wenn der Zügelwagen bereits vor der Tür steht.» Bei Männern trete er Umbruch oft ein, wenn sie um die 50 Jahre alt sind, und aus Angst, etwas verpasst zu haben, nochmals auf die Pauke hauen, einen Töff kaufen oder auf anderen Wegen das Abenteuer suchen.

«Viele fühlen sich als Opfer. Vorübergehend darf man in dieser Rolle sein – aber man muss da wieder raus.»

Schneeberger bekommt die Geschichten naturgemäss nur von einer Seite zu hören. Wie geht er mit dieser Einseitigkeit um? «Die meisten müssen mal auf den Tisch hauen, das ist gesund. Oft ist zudem viel Frust dabei: Man wischt dem Expartner gerne eins aus, wenn es geht.» Schneeberger lässt sie poltern, aber nur, damit die Wut verdampft. «Viele fühlen sich als Opfer. Und man darf vorübergehend in dieser Rolle sein und Selbstmitleid haben – aber da muss man wieder raus.» Das gelte für Männer und Frauen, betont er.

Er verbrüdert sich nicht mit den Männern, sondern gibt ein ehrliches Feedback. Und fordert sie auf, sich in die Frau hineinzuversetzen – oder umgekehrt. Im Idealfall folge danach ein Aha-Effekt. Doch das gelingt nicht bei allen. Auch er, der Trennungsexperte, ist schon bei Einzelnen gescheitert.

Ein Trennungsratgeber

Kann er eine Scheidung verhindern? «Ich bin da sehr realistisch geworden», sagt Schneeberger ohne Zögern. «Wenn die Leute zu mir kommen, ist es meist zu spät.» Denn eine Beziehung zu reparieren, bedeute viel Arbeit, etwas, das sich laut Schneeberger in der Konsumgesellschaft viele nicht mehr zumuten wollen. Und Ehen zu retten, ist auch nicht sein oberstes Ziel. «Ich verstehe meine Aufgabe darin, den Frieden zwischen Männern und Frauen zu fördern. In welchem Rahmen das ist, entscheiden die Betroffenen.»

Sowieso ist die Ehe für Schneeberger ein Modell, das überdacht werden sollte. Er erzählt von einem befreundeten Paar, das jeweils Ende Jahr Bilanz zieht und sich bewusst für oder gegen ein weiteres Jahr Beziehung entscheidet. «Wieso nicht?», sagt Schneeberger. «Eine Ehe muss nicht mehr fürs ganze Leben sein.» Beim ältesten Paar, das Schneeberger in einer Scheidung begleitete, war die Ehefrau 68 und der Ehemann 76-jährig – und beide haben wieder einen Partner.

Trotz allem bleibt Schneeberger hoffnungsvoll. Er schreibt aktuell ein Buch über friedliche Trennungen – quasi ein Scheidungsratgeber. «Beziehungstipps in Buchform gibt es zuhauf. Doch wie man sich gut trennt, ist kaum ein Thema.» Schneeberger ist überzeugt: «Glückliche Scheidungen, die gibt es.»

Hinweis: Der Treff vom Verein für elterliche Verantwortung findet jeweils am 1. Montag des Monats im Pfarreizentrum Barfüsser an der Winkelriedstrasse 5 in Luzern statt. Der nächste Anlass ist am 7. November um 19 Uhr.

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