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«Weniger Sozialhilfe schafft eine neue Unterschicht»
  • Gesellschaft
Raymond Caduff führt seit 2011 die sozialen Dienste der Stadt Luzern (Bild: René Regenass )

Interview mit Raymond Caduff «Weniger Sozialhilfe schafft eine neue Unterschicht»

7 min Lesezeit 3 Kommentare 30.08.2013, 05:03 Uhr

Unrechtmässige Bezüge, Austritte aus der SKOS: Die Sozialhilfe steht regelmässig im Fokus von Politik und Medien. Dabei wird die Diskussion nicht selten polemisch geführt. Raymond Caduff, Leiter der Sozialen Dienste der Stadt Luzern, plädiert für einen sachlichen Ansatz und verweist auf das geringe Verhältnis von 16 Missbräuchen bei 1’600 Empfängern.

zentral+: Sie haben bis vor zwei Jahren im Kanton die Sozialhilfe und das Asyl- und Flüchtlingswesen geleitet. Jetzt sind Sie in der Stadt näher dran, näher am Menschen vielleicht?

Raymond Caduff:  Ja, das ist so. Auf der kantonalen Ebene schrieb ich Konzepte; es war eine eher langfristige Arbeit mit Blick auf die ganze Sozialplanung, in welcher die Armut eingebettet war. Hier bin ich näher dran. Die Leute suchen Hilfe, erzählen von ihrer Not. Da müssen wir heute handeln und können nicht mit einer Planung auf das nächste Jahr vertrösten.

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zentral+: Haben Sie als Leiter der Sozialen Dienste direkten Kundenkontakt?

Caduff: Wenig. In erster Linie berate und unterstütze ich die Bereichsleiter, ab und zu auch einzelne Mitarbeiterinnen. Mit der Klientschaft habe ich kaum direkten Kontakt.

zentral+: Die wirtschaftliche Sozialhilfe ist politisch umstritten. Es gibt Gemeinden, welche sich aus der SKOS, der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, verabschiedet haben, weil sie die Richtlinien kritisieren. Haben Sie Verständnis dafür?

Zur Person

Raymond Caduff  (51) hat Theologie und Sozialethik studiert und ein Nachdiplomstudium in Unternehmensführung absolviert. Während 12 Jahren leitete er die kantonale Sozialhilfe und das Asyl- und Flüchtlingswesen. Seit November 2011 führt er die Sozialen Dienste der Stadt Luzern. Er ist im Kanton Graubünden aufgewachsen.

Caduff: Wir wenden die SKOS-Richtlinien an, weil sie uns in der täglichen Arbeit einen Rahmen mit grossem Spielraum geben. Sie geben uns Sicherheit, weil wir uns im geltenden Recht bewegen. Wir setzen die wirtschaftliche Sozialhilfe so um, wie es im Kanton Luzern  üblich ist.

SKOS-Richtlinien verhindern Sozialtourismus

zentral+: Was heisst das konkret?

Caduff: Die Richtlinien sagen uns zum  Beispiel, auf wie viel Geld ein Drei- Personenhaushalt Anrecht hat. Das sind Ansätze, die für alle gelten. Das verhindert den Sozialtourismus, weil ein Sozialhilfeempfänger in Luzern den gleichen Betrag erhält wie in Kriens.

zentral+: Eine Änderung bei den Ansätzen lehnen Sie also ab?

Caduff: Die Sozialhilfe orientiert sich in der Schweiz an den tiefsten Einkommen. Das ermöglicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn wir noch tiefer gehen würden, provozierten wir eine neue Unterschicht. Und das liegt nicht im Interesse des Landes. Wir haben einen guten sozialpolitischen Ansatz. Auch die öffentliche Sicherheit profitiert davon. Armut kann letztlich zu kriminellen Handlungen verleiten.

«Die grösste Gruppe machen die Alleinerziehenden mit Kindern aus, meistens die Folge von Scheidungen»

zentral+: Wie viele Fälle von wirtschaftlicher Sozialhilfe gibt es in der Stadt Luzern?

Caduff: Die Lage ist stabil. Seit 2011 haben wir einen leichten Anstieg zu verzeichnen. Finanzielle  Unterstützung erhalten 1’150 bis 1’250 Haushalte. Das sind Einpersonenhaushalte und Familien.

zentral+: Können Sie die Herkunft dieser Menschen etwas einordnen, sozial und geografisch?

Caduff: Die grösste Gruppe machen seit langem die Alleinerziehenden mit Kindern aus, meistens die Folge von Scheidungen. Das ist etwa ein Viertel der Klientschaft. Diese Gruppe unterscheidet sich jedoch von andern. Sie verursacht sozialpolitisch weniger Probleme. Die wirtschaftliche Unterstützung bleibt in den meisten Fällen auf ein paar Jahre beschränkt.

Siebzig Prozent aller Dossiers betreffen Einzelpersonen. In den Lebensgeschichten dieser Personen gab es irgendeinmal einen Bruch: Arbeitslosigkeit, psychische Störungen,  Suchtverhalten, Beziehungsprobleme. Das Suchtproblem betrifft etwa einen Fünftel aller Sozialhilfe-Dossiers. Dort versuchen wir neben der wirtschaftlichen Hilfe auch die Integration am Arbeitsplatz voranzutreiben.

zentral+: Gibt es noch weitere Begleitprogramme neben der wirtschaftlichen Sozialhilfe?

Caduff: In der persönlichen Sozialhilfe vermitteln wir Suchtberatung, wir veranlassen und finanzieren Therapien, Arbeitsintegrationsmassnahmen. Wir haben auch in der Stadtverwaltung mehrere Leute platziert, welche ein Jahr in einer Dienstabteilung mitarbeiten können. So machen sie eine Arbeitserfahrung, erhalten ein Arbeitszeugnis. Dieser Weg ist erfolgreich; es gibt viele Menschen, die anschliessend einen Arbeitsplatz finden.

Doppelt so viele Ausländer betroffen

zentral+: Wie sind die Zahlen, was die geografische Herkunft der Sozialhilfeempfänger betrifft?

Caduff: Die Sozialhilfequote für Ausländer ist im schweizerischen Durchschnitt etwa doppelt so hoch wie jene für die Schweizer Bevölkerung. Das sind Ausländer und Ausländerinnen mit B- und C-Ausweisen, also mit Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung. In der Stadt Luzern waren in den ersten Monaten dieses Jahres unter den rund 1’600 Personen 660 Ausländerinnen und Ausländer.

zentral+: Wie laufen die Kontakte zwischen den Sozialhilfeempfängern und den Sozialen Diensten? Wie oft müssen sie sich hier melden?

Caduff: Das ist unterschiedlich. Der Erstkontakt findet im Sozialinfo Rex am Pilatusplatz am Schalter statt. Dort kann man jede Frage stellen zu den Themen Gesundheit und Soziales. Der Schalter wirkt wie eine Triagestelle, von wo die Menschen an den richtigen Ort weitergeleitet werden. Wenn es um wirtschaftliche Sozialhilfe geht, gibt es ein Aufnahmegespräch mit allen notwendigen Unterlagen und Abklärungen für die Budgetberechnung. Dann wird ein Zeitplan für die Kontakte festgelegt, wöchentlich, einmal im Monat, halbjährlich oder einmal im Jahr, wenn die Situation völlig klar ist.

«Bei den Missbräuchen geht um Beträge von 1’000 bis 40’000 Franken»

zentral+: Wie viele Missbräuche gibt es?

Caduff: Bei uns heisst es unrechtmässiger Bezug, weil es für Sozialhilfe einen Rechtsanspruch gibt. Im Jahre 2012 gab es 17 Fälle, bei denen wir Rückerstattungen verlangt haben. Im laufenden Jahr sind es bis jetzt 16 Fälle.  Dabei ging es im letzten Jahr um Beträge zwischen 1‘000 und 40‘000 Franken. Im laufenden Jahr liegt das Maximum beim unrechtmässigen Bezug bei 13‘000 Franken.

zentral+: 40‘000 Franken sind ein hoher Betrag.

Caduff: Dies betraf einen Mehrpersonenhaushalt, in dem eine Person ein Einkommen nicht deklariert hat, also Schwarzarbeit geleistet hat. Das haben wir auf Grund von Kontoauszügen und Lohnabrechnungen festgestellt und dann einen Rückerstattungsentscheid gefällt.

Sozialinspektor im Teilzeitpensum reicht

zentral+: Ist Schwarzarbeit die häufigste Form von unrechtmässigem Sozialhilfebezug?

Caduff: Ich meine schon. Das sind Nebeneinkünfte, die nicht angegeben werden, obwohl alle schon am Anfang darauf hingewiesen werden, alle Einkommen zu deklarieren. Doch auch hier gilt es, abzuwägen. Gleich alles als Missbrauch hinzustellen, wenn jemand ein paar hundert Franken verdient hat, wirkt demotivierend. Wir spüren schnell, wenn das Ganze in kriminelle Energie umschlägt.

zentral+: Setzt Luzern Sozialinspektoren ein?

Caduff: Wir haben einen Vertrag mit dem in Emmen angestellten Sozialinspektor, der für uns ein fixes Pensum von zwanzig Stellenprozenten leistet. Das reicht im Moment. Wenn mehr Aufwand auf uns zukommen würde, müssten wir externe Leute einsetzen. Es gibt Detekteien, die im Bereich von Sozial- und Haftpflichtversicherungen aktiv sind.

«Wir wollen nicht einen Überwachungsapparat aufziehen, der teurer wird, als die wirtschaftliche Hilfe, die wir leisten»

zentral+: Das heisst, die Stadt Luzern hat den unrechtmässigen Bezug von Sozialhilfe im Griff?

Caduff: Ich meine schon. Der Einsatz eines Sozialinspektors ist in bestimmten Situationen richtig. Daneben kontrollieren unsere Sozialarbeiterinnen ihre Klienten und Klientinnen. Sie spüren sehr gut, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Zudem überprüfen Revisorinnen die Rechtmässigkeit der Sozialhilfe. Wir wollen nicht einen Überwachungsapparat aufziehen, der teurer wird, als die wirtschaftliche Hilfe, die wir leisten.

40 Millionen wirtschaftliche Sozialhilfe jährlich

zentral+: Gibt es Fälle, die vor dem Richter landen?

Caduff: Die gibt es. In gravierenden Fällen von  unrechtmässigem Bezug wird Anzeige erstattet. Fälle mit einem Deliktbetrag von über 30’000 Franken werden vom Kriminalgericht behandelt.

zentral+: Wie viel Geld wendet die Stadt für die wirtschaftliche Sozialhilfe auf?

Caduff: Das sind pro Jahr rund 40 Millionen Franken, wobei wir etwa die Hälfte, also 20 Millionen, von den Sozialversicherungen (IV und Arbeitslosenversicherung oder von anderen Kantonen) wieder zurückerhalten. Die Sozialhilfequote in der Stadt Luzern ist mit etwa 3,2 Prozent im schweizerischen Vergleich eher tief. Das ist auch ein Verdienst der Umsetzung, des vernetzten Denkens und Arbeitens, der integrativen Massnahmen.

«Unser System lebt davon, dass man es stützt… und nicht nur nach Fehlern sucht»

zentral+: Haben Sie als Leiter der Sozialen Dienste Wünsche an die Politik?

Caduff: Die Politik müsste vermehrt das Ganze im Auge behalten und sich nicht durch Einzelfälle verunsichern lassen. Zentral ist doch die soziale Sicherheit. Die Diskussion um die Sozialhilfe wird zum Teil sehr einseitig geführt. Sie läuft unter dem Blickwinkel des Missbrauchs und falsch eingesetzter Gelder. Dabei leisten wir mit unserem Sozialversicherungssystem dem ganzen Land, der Gesamtbevölkerung einen grossen Dienst.

Im Vergleich mit vielen Staaten in Europa haben wir in der Schweiz mit dem Blick auf die Gesamtbevölkerung eine hervorragende Situation. Doch es wird ständig gejammert. Die Bevölkerung im Kanton Luzern und auch in der Stadt hat in den letzten Jahren mehr Einkommen erzielt und mehr Vermögen angehäuft und zwar in den meisten Einkommensklassen. Unser System lebt davon, dass man es stützt und politisch dazu steht. Und nicht nur nach Fehlern sucht.

zentral+: Und ihr Wunsch an die Medien?

Caduff: Der geht in die gleiche Richtung. Die Medien verlieren mit wenigen Ausnahmen den Blick für das Ganze.

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3 Kommentare
  1. zentralplus, 02.09.2013, 13:31 Uhr

    Liebe Community, wir freuen uns über Lob und Kritik, über Fragen oder Themenvorschläge. Konkrete Themenvorschläge nehmen wir gerne hier entgegen: http://www.zentralplus.ch/de/news/info/11143/Kontakt.htm

  2. Marietherese Schwegler, 31.08.2013, 13:00 Uhr

    Im Interview zur Sozialhilfe nimmt René Regenass ein Thema auf, das im gedruckten Luzerner Blatt kaum vorkommt, zumal derart ausführlich und differenziert. Liebe zentral+ Redaktion, widmet euch doch bitte häufiger politischen Fragen, die anderswo zu kurz kommen. Ich bin hungrig drauf.
    Marietherese Schwegler

  3. Tonino Bucherinsky, 31.08.2013, 07:38 Uhr

    Wieder ein Interview, das ich bis zum Ende gelesen habe – mit Gewinn!