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Weniger jugendliche Schläger dank digitalen Medien
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Die Jugendkriminalität hat im Kanton Luzern leicht zugenommen – dennoch sind im Jahr 2015 weniger Gewalttaten verübt worden. (Bild: Symbolbild/Fotolia)

Trend: Luzerner Jugend immer friedlicher Weniger jugendliche Schläger dank digitalen Medien

4 min Lesezeit 26.02.2016, 09:55 Uhr

Seit 2008 ist die Jugendkriminalität um einen Drittel zurückgegangen. Zeigt die Prävention ihre Wirkung? Nicht nur, meint ein Gewaltexperte und liefert eine Erklärung, die den Kritikern der Digitalisierung wohl nicht ganz ins Weltbild passt.

Ähnlich wie in gesamtschweizerischen Statistiken zur Jugend-Delinquenz belegen auch die neusten Fallzahlen der Luzerner Jugendanwaltschaft einen Abwärtstrend bei der Jugendkriminalität – seit 2008 sind die Fallzahlen in Luzern gar um einen Drittel zurückgegangen. Insbesondere die Gewalttaten sind rückläufig: Körperverletzungen gingen 2015 um 50 Prozent zurück, von 25 Fällen auf 12. Tätlichkeiten wurden lediglich 25 erfasst, im Jahr zuvor waren es noch 42. Tötungsdelikte gab es 2015 keine (siehe Grafik).

Ein entscheidender Grund für den Rückgang der Jugend-Delinquenz sei laut Oberstaatsanwalt Daniel Burri unter anderem die hohe Beschäftigungsquote unter den Jugendlichen. Er erklärt: «Wenn Jugendliche einer Arbeit oder einem Hobby nachgehen und gut integriert sind, tendieren sie weniger zu straffälligem oder gewalttätigem Verhalten.» Zudem ist Burri überzeugt: «Ein bewährter Mix aus Prävention und Repression hat dazu beigetragen.» Mit der fortlaufenden Aufklärungsarbeit gegen Gewalt an den Schulen habe der Kanton einiges bewirken können.

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«Die Gewaltbereitschaft unter den Jugendlichen hat nachgelassen – insbesondere im öffentlichen Raum.»
Denis Ribeaud, Kriminologe ETH Zürich 

Gewaltdelikte von Jugendlichen im Jahresvergleich. (Quelle: Jahresbericht Luzerner Staatsanwaltschaft 2015)

Gewaltdelikte von Jugendlichen im Jahresvergleich. (Quelle: Jahresbericht Luzerner Staatsanwaltschaft 2015)

Aufgrund von tiefen und schwankenden Zahlen hält sich die Luzerner Staatsanwaltschaft jedoch mit Interpretationen zu den möglichen Ursachen für Entwicklungen der Fallzahlen in den letzten Jahren zurück. 

Doch was ist da los? Sind Jugendliche tatsächlich immer friedlicher? Die Entwicklung passt so gar nicht ins medial verbreitete Bild von Jugendlichen, die scheinbar immer krimineller werden. zentral+ hat sich auf Spurensuche begeben.

Digitalisierung des öffentlichen Raumes

«Die Jugendkriminalität ist seit Mitte der 2000er-Jahre in der ganzen Schweiz bei allen Straftaten durchgängig abnehmend», erklärt der Kriminologe und Gewaltexperte Denis Ribeaud von der ETH Zürich. Er hat sich eingehend mit dem Phänomen der Jugendgewalt beschäftigt und kann anhand seiner Studien bestätigen, dass die Schweizer Jugend immer friedlicher wird. «Die Gewaltbereitschaft unter den Jugendlichen hat nachgelassen – insbesondere im öffentlichen Raum», so Ribeaud weiter.

«Heute muss man nicht mehr nach draussen, um soziale Kontakte zu pflegen.»
Denis Ribeaud, Kriminologe ETH Zürich 

Doch wie lässt sich dieser seit einigen Jahren anhaltende Trend zur Gewaltlosigkeit erklären? «Es gibt Hinweise darauf, dass sich die heutige Jugend weniger im öffentlichen Raum aufhält.» Will heissen: Das «Rumhängen» auf öffentlichen Plätzen ist scheinbar aus der Mode gekommen und man verbringt die Zeit lieber zuhause. «Digitale Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle», meint Ribeaud. «Heute muss man nicht mehr nach draussen, um soziale Kontakte zu pflegen. Man kann sagen, dass sich der öffentliche Raum digitalisiert hat.»

Medien verzerren Wahrnehmung

Nicht zuletzt könne man davon ausgehen, dass die präventiven Massnahmen zunehmend ihren Nutzen entfalten würden, so der Kriminologe weiter. «Heute werden gewaltfreie Lösungen bei Konflikten bevorzugt.» Für Zürich habe man dies mit Studien belegen können. «Man kann jedoch davon ausgehen, dass dies auch auf andere Kantone zutrifft.» 

Obwohl sich der Rücklauf der Jugendgewalt bereits seit Jahren abzeichnet, scheint sich das Vorurteil, dass Jugendliche immer mehr zu Straftaten bereit sind, hartnäckig zu halten. «Ich vermute, dass dies nicht zuletzt auf die selektive Wahrnehmung der Medien zurückzuführen ist», meint Ribeaud. Meist werde bei der Berichterstattung der Fokus lediglich auf Zahlen gelegt, die auf einen Anstieg gewisser Delikte hinweisen. «Dabei wird der Megatrend – die generelle Abnahme der Jugendkriminalität – ausser Acht gelassen.

Mehr Schwarzfahrerei und Cannabiskonsum 

Wenn man den Fokus auf Zahlen legen würde, die im vergangenen Jahr in Luzern tatsächlich angestiegen sind, so liesse dieser Artikel etwa mit «Schwarzfahren boomt» oder «Immer mehr junge Kiffer» betiteln. Denn: «Wir hatten im vergangenen Jahr vermehrt Fälle in Zusammenhang mit Schwarzfahrerei und Cannabiskonsum behandelt», sagt Oberstaatsanwalt Burri.

Während es 2014 noch 254 Fälle waren, beschäftigte sich die Luzerner Jugendanwaltschaft 2015 mit 374 Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz (BetmG). Und: Es wurden im vergangenen Jahr 383 Fälle behandelt, die unter anderem in Zusammenhang mit Verstössen gegen das Personenbeförderungsgesetz einhergehen (in der Grafik unter «Andere»). Bei beiden Delikten ist die Zahl der Fälle im Vierjahresvergleich 2015 auf einem Höchststand.

Hauptdeliktsgruppen im Jugendstrafrecht im Jahresvergleich. (Quelle: Jahresbericht Luzerner Staatsanwaltschaft 2015)

Hauptdeliktsgruppen im Jugendstrafrecht im Jahresvergleich. (Quelle: Jahresbericht Luzerner Staatsanwaltschaft 2015)

 

Mehr Drohungen gegen Beamte

Des Weiteren zeigt sich in der Jahresstatistik der Staatsanwaltschaft, dass der Anteil an Delikten gegen das Strassenverkehrsgesetz unter Jugendlichen noch immer beachtlich hoch ist und sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert hat. Bei der Gruppe der strafbaren Handlungen gegen die Freiheit (Art. 180−186 StGB) verzeichnet die Jugendanwaltschaft eine Zunahme von knapp 13 Prozent. Zugenommen haben auch die Delikte gegen den öffentlichen Frieden (Art. 258−302 StGB). In diesem Bereich ist der Anstieg primär auf Art. 285 StGB (Gewalt und Drohung gegen Beamte) und Art. 286 StGB (Hinderung einer Amtshandlung) zurückzuführen.

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