«Weiss der Teufel, ob uns das gelingt»
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«Mut ist die DNA der Presse»: Constantin Seibt im Bodoni. (Bild: jwy)

«Republik» macht Halt in Luzern «Weiss der Teufel, ob uns das gelingt»

6 min Lesezeit 30.05.2017, 09:04 Uhr

Der Journalist Constantin Seibt machte auf seiner «Republik»-Tournee Halt in Luzern. Er sprach über Macht, Verführung und guten Journalismus. Und darüber, was das neue Medium alles anders machen will.

Das Bodoni im Luzerner Sentimatt-Quartier. Die Reuss fliesst ein paar Meter neben dem Lokal als träges, dickes und kühles Versprechen dahin. Doch eine Gruppe Leute widerstand tapfer und blieb in der schwülen Vorgewitter-Hitze sitzen. Der Grund ist ein Mann, der ebenfalls ein dickes Versprechen im Sack hat: Constantin Seibt will den Journalismus retten – und er berichtet an diesem Montagabend, was es dazu braucht.

Seibt ist im Moment ein sehr gefragter Mann. Alle wollen sie vom Appenzell bis New York wissen, was es mit der «Republik» auf sich hat. Diesem hoch ambitionierten neuen Medium, das noch keinen Artikel veröffentlicht hat, aber tausende Schweizer zu Kleinverlegern macht. Nach Luzern kam Seibt auf Einladung des Vereins M.M.V. (siehe Box am Textende).

Jeder Text ein Massaker

Seibt hat sich seine Sporen bei der «Wochenzeitung» und später beim «Tages-Anzeiger» abverdient und sich eine grosse Fangemeinde erschrieben. Bis er als altgediente Feder mit Ü50 seine Redaktorenstelle schmiss, zum Start-up-Gründer wurde und so seine Freiheit erlangte.

«Wir mussten nicht ein neues Magazin entwerfen, sondern ein neues Geschäftsmodell.»

Constantin Seibt, Journalist

Seibt begann seinen Vortrag – übrigens ganz klassisch mit Kärtchen – denn auch mit dem für den Journalisten zweifelhaften Begriff der Freiheit. Denn der Job des Journalisten ist, Entscheidungen zu treffen. «Jeder Text ist ein Massaker an seinen Varianten», heisst das in der Sprache Seibts.

Und nach einem Exkurs über Donald Trump («Er ist die Macht pur») und das Aufkeimen von autoritären Demokratien allerorts, über unvorhersehbare Ereignisse und Versprechungen einer vergangenen Dekadenz, «als weisse Männer alle herumschubsten», kam Seibt zur Sache. Und die hat eben viel mit Demokratie und Vorhersehbarkeit zu tun.

Kopf folgt dem Herzen

Seibt hatte einen guten Job beim «Tages-Anzeiger» – «einen guten Bürostuhl und gute Kollegen» –, dachte aber immer mehr über die Politik des Tamedia-Konzerns nach. Über schwache Figuren im Konzern, willkürliche Sparprogramme und eine fehlende Strategie. «Ich habe das nie begriffen», so Seibt, «der Medienkonzern wandelte sich zum Internethandelskonzern.»

Und irgendwann habe der Kopf geglaubt, was das Herz gesagt habe (Oder war’s umgekehrt?). In anderen Worten: Es musste etwas passieren.

Constantin Seibt und rechts von ihm Benedikt Knüsel, Präsident des Vereins M.M.V.

Constantin Seibt und rechts von ihm Benedikt Knüsel, Präsident des Vereins M.M.V.

(Bild: jwy)

IT-Profis statt Journis

Zu dritt begannen sie Pläne für ein neues Medium zu schmieden und immer wieder verwerfen, weil sie merkten: Sie müssen nicht mit Journalisten reden, sondern mit Start-up-Spezialisten und IT-Profis. «Wir mussten nicht ein neues Magazin entwerfen, sondern ein neues Geschäftsmodell.»

«Offen, konstruktiv und auf der anderen Seite verflucht ausgefeilt.»

Sie brauchten Geld und Investoren, hatten aber nichts vorzuweisen, ausser den eigenen Namen. «Wir hatten keine Ahnung, ob die Leute das überhaupt wollen», so Seibt.

Die entscheidende Erfindung war dann, aus dieser Schwäche eine Stärke zu machen: Bevor die Investoren Geld einschossen, gingen sie selbst das Risiko ein. «Wir haben zu den Investoren gesagt: Wir haben keine Ahnung, wie gross unser Markt ist, aber wir wollen nicht, dass ihr euer Geld in einem chancenlosen Projekt verbrennt.» Also planten sie dieses ambitionierte Crowdfunding. «Wir haben alle Investitionen an den Erfolg des Crowdfundings gebunden.»

Ein raffinierter Plan

Und mit diesem «ziemlich raffinierten» Plan, wären wir wieder beim Journalismus: «Investoren reagieren auf Geschichten, so wie alle anderen Menschen, und diese Geschichte, dass wir zuerst über die Klippe springen und das Wasser testen, ist eine ziemlich gute Geschichte.» Damit hätten sie Vertrauen, Sicherheit und den Leuten ein Drama geboten.

Dieses Drama sah so aus: Man hat den Leuten erzählt, dass Investorengelder von 3,5 Millionen Franken von ihnen abhängig sind. «Diese Kombination hat Anreize auf beiden Seiten geschaffen. Als kleines Medium musst du solche Lösungen suchen: aufrichtig, transparent, offen, konstruktiv und auf der anderen Seite verflucht ausgefeilt.»

Die Geschichte hat gezogen – und wie. Das erste Crowdfunding-Ziel (3000 Unterstützer) hatten sie nach 8 Stunden erreicht und sich in der Folge immer höhere Ziele gesteckt und erreicht. Das nächste und vorerst letzte ist 14’000 Verleger, dafür haben sie noch bis Mittwochabend Zeit. 3,2 Millionen Franken kamen bis jetzt zusammen.

Die Verleger haben das nächste Ziel vorgegeben: eine Stelle für Datenjournalismus. Seibt war für mehr Satire:

 

Verführung und Knochenarbeit

Die «Verführung», wie es Seibt nennt, ist gelungen, war aber Knochenarbeit. So ein Crowdfunding-Weltrekord (für ein Medienprodukt) stellt sich nicht von alleine auf. «Ich weiss jetzt, wie sich Erfolg anfühlt: absolut struppig.» Man habe in der Anfangszeit kaum geschlafen, das ganze Team ausgesehen, als hätte es eine Woche unter der Brücke verbracht.

Neben dem Glück des guten Timings (Trump!) und der guten Geschichte (Drama!) war laut Seibt entscheidend, dass die «Republik» von Anfang an kein Machounternehmen war. Das heisst: viele Frauen, verschiedene Alter und Hintergründe. «Dadurch haben wir viel mehr Leute angesprochen, nicht nur den linken Grafiker in Zürich, sondern auch den Schaffhauser Richter und die Hausfrau im Thurgau», sagt Seibt.

Enorme Erwartungen

Jetzt ist das Crowdfunding bald zu Ende, Geld für ein paar Jahre zusammen und eine enorme Erwartungshaltung da. Um das nicht zu vermasseln, wolle die «Republik» einige Dinge anders machen als die Konkurrenz: Bei der Qualität gebe es keine Kompromisse, denn das Medium sei von den Lesern finanziert, nicht von Werbung. Und man hat das von Seibt so ähnlich auch schon gehört: «Wir wollen nicht den ersten Artikel schreiben, sondern den definitiven.»

  • Begeisterung statt Clickbaiting: «Du musst die Leute von den Bäumen reissen», so Seibt. Das schaffe man mit Recherche, rotzfrechen Kommentaren und vor allem: Mut. «Das ist die DNA der Presse.»
  • Aufrichtigkeit: «Sag, was dir wichtig ist, und schreibe, was dich berührt, sonst nichts», sagt Seibt. Nur dann habe es die nötige Dringlichkeit.
  • Grösse: Ähnlich wie im Kino, müsse sich Journalismus nach grossen Themen richten. «Journalismus ist kein Abbild des Lebens, er ist larger than life.» Also nur die besten Szenen nehmen, alles Mittelmässige streichen.

Oder braucht es einfach einen Constantin Seibt? Dieser Meinung war Satiriker Gabriel Vetter, selbst auch Gründungsverleger:


Viel Knochenarbeit ist getan, aber die entscheide Phase für die «Republik» steht noch an: Man muss die IT von Grund aufbauen, sich organisieren auf der Redaktion und eine «sturmfeste Firma» werden.

Und vor allem darf das Team das enorme Vertrauen, das die fast 13’000 Kleinverleger, die je 240 Franken bezahlt haben, ihnen entgegenbringen, nicht enttäuschen. «Wir sind noch lange nicht am Ziel, weiss der Teufel, ob uns das gelingt, es ist eine offene Wette.» Denn Seibt weiss, so eine Chance werden sie kein zweites Mal kriegen.

Auf die Wachheit!

Man war etwas baff von so vielen hochtrabenden Worten. Bei Fragen aus dem Publikum, was das jetzt umgemünzt auf den Medienalltag bedeute, musste Constantin Seibt auf die Zukunft verweisen. Wohl etwa im Herbst werde man so weit sein, konkretere Antworten zu geben.

Während der Apero aufgetischt wurde – «auf den Journalismus, auf die Freiheit, auf die Wachheit, auf die ‹Republik› und zentralplus!» – radelte der Schreibende durch die Gewitterwolken nach Hause an die Tastatur. Dies soviel zur nächtlichen Medien-Realität im Jetzt.

Der Verein M.M.V.

Der Auftritt von Constantin Seibt fand am Montagabend anlässlich der 5. GV des Vereins Medien.Meinungen.Vielfalt. (M.M.V.) in Luzern statt. Der Verein fördert rechercheintensive Artikel, die anschliessend auf zentralplus veröffentlicht werden. Kürzlich wurde erstmals ein solcher Beitrag gesprochen, die Recherche dazu läuft.

Zusammen mit der Aktiengesellschaft und der Stiftung bildet der Verein die MMV Online AG, die Herausgeberin von zentralplus. Den Vorstand bilden derzeit Sandra Baumeler, Hasan Candan, Tomi Demuth, Adrian Hürlimann, Benedikt Knüsel und Heidi Rebsamen.

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