Gesellschaft

Warum das in die Patientenverfügung gehört
«Weihnachtsgeschenk: Ich verzichte auf Intensivpflege»

Die Arbeitsbelastung in den Spitälern ist hoch, nicht nur wegen Corona.
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Mit einer Patientenverfügung sorgt man für Situationen vor, in denen man nicht mehr selber entscheiden kann. (Bild: zvg)

Auf Facebook tauchen vermehrt Statements auf, in welchen Menschen verkünden, «offiziell» im Falle einer Corona-Erkrankung auf Intensivpflege zu verzichten. Ob sie das auch so in ihrer Patientenverfügung festhalten? Wir haben beim Zuger Kantonsspital und einer Bestattungsplanerin nachgefragt.

Wer durch die Facebook-Timeline scrollt, trifft hie und da auf einen Post, mit ungefähr den folgenden Worten:

«Mein Weihnachtsgeschenk an euch: Hiermit verzichte ich offiziell auf einen Intensivpflegeplatz im Spital bei einer Corona-Erkrankung.»

Worte, die auf Facebook nichts nützen. Denn was es braucht, ist eine Patientenverfügung. Mit dieser sorgst du für Situationen vor, in denen du nicht mehr selber entscheiden kannst. Du hältst im Voraus fest, welchen medizinischen Massnahmen du zustimmst und welche du ablehnst. So können Ärztinnen gemäss deinem Willen handeln. Und du entlastest damit Angehörige.

Corona: Jetzt erst recht um die Patientenverfügung kümmern

Die Zuger Bestattungsplanerin Angela Villiger unterstützt Menschen, die eine Patientenverfügung aufsetzen. Mit ihrer Firma «life festival» hilft sie Menschen, über den Tod zu sprechen. Sie erstellt mit ihnen das «vollumfängliche Sorglos Paket».

Darin ist der Vorsorgeauftrag enthalten, Wünsche, wie man bestattet werden möchte – und die Patientenverfügung (zentralplus berichtete). «Was auch immer die Wünsche der Menschen sind: Jeder darf zu mir kommen und diese äussern, denn ich urteile darüber nicht», betont Villiger.

Ob Menschen in Zeiten von Corona vermehrt Nachlassregelung und Patientenverfügungen anpacken, kann Villiger nicht abschliessend sagen. «Einerseits gibt es jetzt diejenigen, die sagen: Zu Pandemie-Zeiten muss ich mich erst recht darum kümmern. Andererseits sind viele Menschen derzeit vorsichtiger und zurückhaltender, über das Thema Sterben zu reden. Aus Angst, dass sie den Tod anziehen könnten.»

Bis jetzt haben keine Menschen in ihren Beratungen den Wunsch geäussert, lebenserhaltenden Massnahmen anzunehmen, ausser im Falle einer Corona-Erkrankung.

Die Treuhänderin und Bestattungsplanerin Angela Villiger.

Das Zuger Kantonsspital beobachtet keine Zunahme von Patientinnen mit einer Patientenverfügung seit Beginn der Corona-Pandemie. «Falls die Patientinnen und Patienten nicht mehr in der Lage wären, ihren eigenen Willen zum Ausdruck zu bringen, versuchen wir deren Willen zu rekonstruieren.» Das schreibt Medienverantwortliche Sonja Metzger auf Anfrage. «Dabei beziehen wir uns auf die Patientenverfügung – sofern eine vorhanden ist – und die Mithilfe der Angehörigen sowie der Hausärztinnen und Hausärzte.»

Corona ist bei fast jeder Patientenverfügung Thema

Was Angela Villiger aber sagen kann: «Vielen ist es wichtig, in ihren Patientenverfügungen explizit Corona zu erwähnen. Sei das, weil sie alle lebenserhaltenden Massnahmen ablehnen – auch im Falle einer Covid-Erkrankung. Oder sei es, weil sie grundsätzlich diese Massnahmen ablehnen – ausser bei einem schweren Corona-Verlauf.»

«Menschen haben Angst, dass ihre Atemnot nicht gelindert wird.»

Angela Villiger, Bestattungsplanerin

Das führt gemäss Villiger teils zu unklaren Patientenerklärungen. Beispielsweise wenn eine Person grundsätzlich nicht reanimiert werden will und intensivmedizinische Massnahmen – etwa die künstliche Beatmung – verweigert. Und daneben dann ein Stern steht mit der Randbemerkung «ausser bei Covid».

Das führt zu Fragezeichen bei den Ärzten. «Ich brauche deswegen mehr Zeit, die einzelnen Patientenverfügungen so zu bearbeiten, dass es keine Konflikte gibt.» Heisst, herauszufinden: Was sind die Gedanken dahinter? Warum wollen sie das eine überleben – das andere nicht?

Verschiedene Ängste

Villiger bespricht das mit ihren Klienten und ergänzt die Patientenverfügungen. «Beispielsweise stehen Gedanken dahinter, dass man überzeugt ist, eine Corona-Erkrankung ohne Vorerkrankungen gut überstehen zu können, und deswegen behandelt werden möchte.» Auch wenn eine Corona-Infektion und eine künstliche Beatmung die Lunge auf lange Zeit schädigen kann.

Den Hauptgrund, warum sich Menschen gerade bei Covid künstlich beatmen lassen wollen, sieht Villiger aber woanders. «Menschen haben Angst, dass ihre Atemnot nicht gelindert wird.»

«Meistens ist es jedoch ein Grundsatzentscheid. Dass Menschen sagen: Ich habe mein Leben gelebt.»

Angela Villiger

Grundsätzlich empfiehlt Villiger deswegen eine Patientenverfügung plus. Das ist das sogenannte Advance Care Plannig (ACP) anstelle des vorgedruckten Dokuments, wo man «nur» Kreuze setzen kann.

Menschen, die auf lebensrettende Massnahmen verzichten, haben ganz andere Beweggründe. «Einige haben Angst, dass über den eigenen Körper und Willen bestimmt wird und sie sich nicht wehren können. Meistens ist es jedoch ein Grundsatzentscheid. Dass Menschen sagen: Ich habe mein Leben gelebt. Egal, an was ich erkranke, ob Krebs, Lungenembolie, Covid, oder einen schweren Autounfall habe: Ich will nicht um jeden Preis mein Leben erhalten.»

Sprecht über das Sterben und die Wünsche!

Wichtig ist es nicht nur, schriftlich festzuhalten, ob man in einem Notfall an ein Beatmungsgerät will oder nicht. Sondern auch mit Vertrauenspersonen über solche Entscheide und Wünsche zu reden. «Besonders wichtig ist es, warum man diese Wünsche so äussert.»

In den Patientenverfügungen wird eine oder mehrere berechtigte Vertretungsperson angegeben. Diese ist ermächtigt, den Willen der Person gegenüber dem medizinischen Personal geltend zu machen. «Viele tragen als Vertretungspersonen ihren Partner, die Partnerin oder ein Kind ein. Ohne dass sie dies mit ihnen besprechen und sie darüber aufklären», sagt Villiger. Oder die Kopie der Patientenverfügung wird dem anderen in die Hand gedrückt, es wird aber nicht gelesen und studiert.

Wenn es darum geht, ob jemand in einer bestimmten Situation am Leben erhalten werden oder sterben will – so sollte nicht unterschätzt werden, was den Vertrauenspersonen damit aufgebürdet wird.

Villiger erklärt das an einem Beispiel: «Die Mutter müsste künstlich beatmet werden, um zu überleben. Die Tochter müsste dem Arzt mitteilen, dass ihre Mutter nicht an einem Beatmungsgerät hängen möchte. Das kann eine belastende Entscheidung sein, wenn sie vorher darüber nicht gemeinsam gesprochen haben, warum sich die Mutter dafür entscheidet und die Tochter nicht hinter der Meinung der Mutter stehen kann.» Schliesslich geht es in diesem Moment um eines: überleben oder sterben.

Besser sei es, sich vorher genau zu überlegen, wer die ideale Vertretungsperson ist. Und mit dieser über die Patientenverfügung und das Sterben offen zu sprechen. Seinen Willen in einem Facebook-Post kundzutun, reicht einfach nicht.

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6 Kommentare
  1. Rashid Dostum, 23.12.2021, 10:22 Uhr

    Ich kriege Atemnot, Herzkammerflimmern und verengte Gefässe , wenn ich die bedrückenden politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten, sagen wir 24 Monate betrachte. Ohnmacht, Sehstörung und Magengeschwür kommen noch hinzu.

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    1. Andreas Bründler, Kriens - Bleiche, 24.12.2021, 01:59 Uhr

      Absolut treffend ausgedrückt!

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  2. Sännetoni, 23.12.2021, 09:15 Uhr

    Sehr einseitige Bericht erstattung. Wo hat die Journalistin die Letzten Jahre gelebt? Während hier wieder nur darauf gezielt wird die Massnahmen Kritiker ins Boxhorn zu jagen, verdrängt man klar das es von den Gläubigen ja förmlich verlangt wird das wir darauf verzichten. Ich habe eine Verfügung bei meinem Anwalt gemacht welche explizit darauf hinweist das ich in der Schweiz in kein Krankenhaus mehr gehe egal wie schwer der Unfal oder die Krankheit ist.. Geniesse mein Leben bis die Natur sagt jetzt ist fertig.. Und die Menschen sollten sich mal Fragen warum Klima Wandel und warum die Welt so Kaput geht. Nämlich genau deswegen weil der Mensch sich der Natürlichen Selektion entzieht.

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    1. Doc, 23.12.2021, 12:00 Uhr

      Viele sprechen solche billigen Wörter. Sobald doch eine Krankheit kommt ändert sich die Meinung Vieler blitzartig.

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    2. Kasimir Pfyffer, 23.12.2021, 13:17 Uhr

      Es mag sein, dass Sie persönlich bis zum bitteren Ende konsequent sind. Viele lautstarke Impfgegner führen aber nur die grosse Lippe, bis sie selber Atemnot haben. Wenn sie dann merken, wie es ist, mit jedem Atemzug nach Luft zu ringen und doch nicht genügend Sauerstoff zu bekommen, wenn sie das Gefühl haben, langsam zu ertrinken … dann ist das ganze hohle Gedröhn von wegen «Immunsystem» und «nur ein Grippchen» hinfällig und es darf doch das 144i sein, am liebsten sofort und gleich mit allem Drum und Dran. Und dann geht der Egoismus eben weiter, das eigene ungeimpfte Leben muss dann unbedingt und sofort gerettet werden, auch wenn man vier Wochen lang ein IPS-Bett blockiert und damit Ressourcen für zehn (10!) Patienten …

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      1. Roli Greter, 24.12.2021, 09:20 Uhr

        Es mag sein, dass Sie persönlich bis zum bitteren Ende konsequent sind. Viele lautstarke Impffreunde führen aber nur die grosse Lippe, bis sie selber weniger Freiheiten haben. Wenn sie dann merken, wie es ist, mit Politik und Medien zu ringen und doch nicht genügend Zuspruch zu bekommen, wenn sie das Gefühl haben, langsam zu ertrinken … dann ist das ganze hohle Gedröhn von wegen «Solidarität» und «nur ein paar Piekse und Mäsklein» hinfällig. Das eigene eingeschränkte Leben muss dann unbedingt und sofort gerettet werden, auch wenn man jahrelang Zeit für Widerstand gehabt hätte…

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