Wegen Riesenbaustelle: Zuger Regierung liebäugelt mit Mitfahr-Apps
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Die Taxito-Tafel zeigt den gewünschten Zielort an. (Bild: zvg)

Kanton will Verkehrsalternativen prüfen Wegen Riesenbaustelle: Zuger Regierung liebäugelt mit Mitfahr-Apps

4 min Lesezeit 2 Kommentare 16.09.2020, 05:00 Uhr

Es dürfte das grösste Strassenbauprojekt im Kanton Zug werden: die Sanierung Lorzental-Kantonsstrasse. Die Regierung hat nun Vorschläge gemacht, wie der Verkehr während der zweijährigen Bauphase besser fliessen könnte. Sie will auf Mitfahr-Lösungen setzen. Ein Anbieter kühlt die Zuger Pläne jedoch ab.

Die Kantonsstrasse 381 ist die zentrale Verbindung von Zug und Baar nach Menzingen und ins Ägerital. Und sie ist längst ein Sanierungsfall. Nach einigen Verzögerungen soll der Abschnitt Nidfuren–Schmittli im Sommer nun erneuert werden. Die Baustelle wird enorme Auswirkungen auf die gesamte Region haben.

Der 2,2 Kilometer lange Strassenabschnitt wird nämlich mittels einer Vollsperrung der Strasse saniert. Das hat zur Folge, dass die Strassen durch Allenwinden und Edlibach zur Umfahrung genutzt werden.

Während der Bauzeit würde der Streckenabschnitt via Allenwinden und Edlibach umfahren.
(DTV = Durchschnittlicher Tagesverkehr; Fz = Fahrzeuge)

Die Zuger Regierung wurde vom Parlament aufgefordert, mögliche Massnahmen auszuarbeiten, wie der Verkehrsfluss in dieser Zeit aufrechtzuerhalten oder gar zu verbessern ist. Nun liefert sie einen bunten Strauss an Ideen – und will genau eine davon weiterverfolgen.

Fuss- und Veloverkehr bringt nichts

«Die im Postulat geforderte Zielsetzung zur Verkehrsqualität des Umleitungsverkehrs verlangt nach einer umfassenden Verkehrsverlagerung», schreibt die Regierung Eingangs ihres Berichts. Entsprechend werden darin Massnahmen evaluiert, «welche einen relevanten Beitrag an folgende Zielsetzungen leisten können».

Zusammengefasst: Die Regierung glaubt weder daran, dass Massnahmen im Bereich Fussverkehr noch im Bereich Veloverkehr auf dieser Strecke irgendeinen nennbaren Einfluss hätten. In diese Richtung soll folglich nichts weiterverfolgt werden.

«Die Verkehrsprobleme könnten problemlos bewältigt werden, wenn der Besetzungsgrad der Fahrzeuge auf zwei Personen angehoben werden könnte.»

Aus dem Bericht der Zuger Regierung

Wo man hingegen massives Potenzial zur Entlastung des Verkehrs wittert, ist bei einer besseren Auslastung der Autos. Die Lorzental-Kantonsstrasse ist eine klassische Pendlerstrecke. Ein besserer «Besetzungsgrad» der Fahrzeuge würde eine entsprechend grosse Wirkung auf den Pendlerverkehr haben.

Ziel: Bessere Auslastung der Autos

«Die Verkehrsprobleme könnten problemlos bewältigt werden, wenn der Besetzungsgrad der Fahrzeuge auf zwei Personen angehoben werden könnte», schreibt die Regierung. Auf freiwilliger Basis soll versucht werden, die Autos besser zu füllen.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. So verweist die Regierung etwa auf die Tatsache, dass sich bisher noch kein Anbieter einer App-basierten Lösung am Markt durchgesetzt hat. Zuletzt hat etwa der Carsharing-Riese Mobility seine Carpool-Fahrtenbörse eingestellt (zentralplus berichtete).

«Im vorliegenden Fall, wo eine Talschaft den gleichen Korridor als Ausgangspunkt hat, ist es denkbar, dass mehr gleiche Fahrbedürfnisse aufeinandertreffen», ist die Zuger Regierung überzeugt. Mit einer geeigneten App-Lösung und einer Kommunikationsoffensive könnte das Poolen von Fahrten gefördert werden. «Das Umleitungskonzept wäre ein geeigneter Anlass, um das Teilen von Fahrten in einem überschaubaren Raum zu testen.»

Blick auf das Luzerner Hinterland

Der Bericht der Zuger Regierung geht auf ein Postulat der Kantonsräte Fabio und Patrick Iten (beide CVP) zurück. Als Beispiel einer Mitfahrlösung verweisen die Parlamentarier auf das System «Taxito», welches seit einigen Jahren im Luzerner Napfgebiet im Einsatz steht (zentralplus berichtete).

Das Taxito-System funktioniert so: Wer an einer Infotafel von Taxito steht, schreibt ein SMS mit dem Zielort – dieser wird dann auf der Infotafel ausgeschildert. Wer vorbeifährt und dasselbe Ziel hat, nimmt den Wartenden im Idealfall mit.

Die Zuger Regierung könnte sich ein solches System im besagten Gebiet durchaus vorstellen. Ihr Fazit: Weiterverfolgen; geeignete App-Lösung evaluieren und in die Projektkommunikation der Baudirektion integrieren. Mit den Gemeinden sollen zudem Abklärungen zu möglichen Mitfahrsystemen getroffen werden.

Anbieter warnt vor falschen Erwartungen

Die Firma Taxito ist in Bern ansässig. Gründer und Geschäftsführer Martin Beutler ist zwar erfreut, dass sich der Erfolg des Taxito-Modells offensichtlich auch in Zug herumgesprochen hat. Er befürchtet jedoch, dass dort falsche Erwartungen an die Mitfahr-Lösung gestellt werden.

«Eine Lösung, wie wir sie anbieten, funktioniert kurzfristig in erster Linie für den Alltags- und Freizeitverkehr, nur am Rande für Pendler, die an fixe Zeiten gebunden sind.»

Martin Beutler, Taxito-Gründer und Geschäftsführer

«Es bestehen zwei Faktoren, deren man sich sehr klar bewusst sein muss», warnt Beutler. «Eine Lösung, wie wir sie anbieten, funktioniert kurzfristig in erster Linie für den Alltags- und Freizeitverkehr, nur am Rande für Pendler, die an fixe Zeiten gebunden sind.» Dass ein Pendler das eigene Auto zugunsten einer Mitfahrgelegenheit in der Garage lasse, sei sehr unwahrscheinlich – man nimmt eher die Sicherheit des Staus als die vermeintliche Unsicherheit der Mitfahrgelegenheit in Kauf, so Beutler.

Bevölkerung muss zuerst «warm werden»

Der zweite Faktor ist der Standort: Taxito funktioniert dort am besten, wo das Mobilitätsangebot sonst sehr bescheiden ist und wo eher eine soziale Verpflichtung besteht, jemanden mitzunehmen: «In kleinen Gemeinden, an wenig befahrenen Strassen, da, wo jeder sich kennt, sind die Wartezeiten in der Regel wesentlich kürzer als an vielbefahrenen Strassenzügen», weiss Beutler.

Vor allem aber müsse man bei solchen Angeboten langfristig denken: «Es muss im Kopf ein Umdenken stattfinden. «Ein solches neues Angebot muss sich die Bevölkerung zuerst aneignen», sagt Beutler. Oftmals wirken die Mitfahrgelegenheiten wie ein Auffangnetz für Gemeinden mit einem dünnen ÖV-Angebot. «Nur für einen kurzen Zeithorizont und begleitet von einer grossen Kampagne so was anzureissen, macht hingegen wenig Sinn.»

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2 Kommentare
  1. Betroffener, 17.09.2020, 13:34 Uhr

    Die ganze Geschichte kann auch verkürzt werden, in dem die ausführenden Unternehmen eben KEINEN ’nine to five‘ Job machen – sprich die Tageshelligkeit ausnutzen und auch ggf. mal von 6:30 bis 20:00 arbeiten. Das dürfte wohl sechs bis acht Monate einsparen….

  2. Unter Ägerin, 16.09.2020, 14:50 Uhr

    Wie wäre es denn, wenn die Zugerland Verkehrsbetriebe mehr Kapazitäten zu günstigen Preisen zur Verfügung stellen würden? Scheint ausgeschlossen zu sein…

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