«Webgate»: Stadt war schneller als Kanton
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Damit Luzerner Verwaltungsangestellte die Prioritäten nicht vertauschen, haben Stadt und Kanton Massnahmen ergriffen - allerdings nicht gleichzeitig. (Bild: Symbolbild Fotolia)

Internet-Missbrauch in Luzerner Verwaltung «Webgate»: Stadt war schneller als Kanton

5 min Lesezeit 1 Kommentar 15.04.2015, 05:02 Uhr

Erst 2014 hat der Kanton Luzern gegen den angeblich überbordenden Internetkonsum seiner Mitarbeiter Massnahmen ergriffen. Obwohl die Auffälligkeiten seit 2010 bekannt waren. Vier Jahre für die Umsetzung technischer Massnahmen? Die Stadt Luzern, die denselben Internetanschluss nutzt, war schneller.  

Die Analyse über das Internet-Nutzungsverhalten der Luzerner Kantonsangestellten sorgte unlängst für Furore. Ein eigentlich vertraulicher Bericht aus dem Jahr 2010 wurde im März dem «SonntagsBlick» zugespielt. Die Interpretation: Beim Kanton Luzern hätte es einen sehr hohen Anteil an «unproduktivem Verkehr» gegeben. Die Angestellten hätten das Internet sogar bis zur Hälfte für private Zwecke genutzt – darin enthalten waren auch nach damaligen Massstab «Google-Abfragen». Die Zahlen wurden später vom Kanton wieder relativiert. Zudem sei bis zu 500-mal täglich auf pornografische oder gewaltverherrlichende Seiten zugegriffen worden (zentral+ berichtete).

Reaktion erfolgte zu spät

Wie der kantonale Informationschef Andreas Töns auf Anfrage gegenüber zentral+ bereits schon früher erklärt hat, sind die Seiten heute gesperrt. Seit wann Gewalt-, Sex- und Pornoseiten nicht mehr zugänglich sind, wollte die Verwaltung auf Anfrage aber nicht sagen.

Gemäss Aussagen des zuständigen Regierungsrats und Finanzdirektors Marcel Schwerzmann in einem Interview mit zentral+ soll es bei der Beschaffung und im Testbetrieb zu Problemen und Verzögerungen gekommen sein. Entsprechende Massnahmen seien dann 2014 ergriffen worden. Weitere Antworten würde eine Administrativuntersuchung liefern, so Schwerzmann damals.

Stadt und Kanton teilten sich Internet-Zugang 

Mehrere Tausend Franken Busse

In der Stadt Luzern gab es in den letzten Jahren zwei schwerwiegende Verstösse gegen die Internet-Richtlinien. «Nach Klärung der Sachverhalte und Gesprächen mit den betreffenden Personen kam es in diesen beiden Fällen zu Bussen in der Höhe von mehreren Tausend Franken», erklärt Kommunikationschef Niklaus Zeier.

Worum es konkret ging, will Personalchef Beat Däppeler aus Datenschutzgründen nicht erläutern, sagt aber: «Es handelt sich um Verstösse gegen das bestehende Verbot der privaten Internetnutzung während der Arbeitszeit. Die Betroffenen haben sich nicht gewehrt, da die Sachlage klar war.»

Der Sachverhalt sei vom zuständigen Sicherheitsbeauftragten bei der Informatikabteilung unter Einhaltung der Datenschutzbestimmungen erhoben worden, sagt Däppeler zum internen Verfahren. Die Sanktionen habe man in Rücksprache mit dem Personalchef festgelegt.

Die lange Reaktionszeit von vier Jahren erstaunt. Die Stadt Luzern hat das Problem schon lange vor dem Kanton, nämlich im Mai 2013, in den Griff bekommen. Und das, obwohl sich Stadt und Kanton Luzern den Internetanschluss geteilt haben. «Bis im Oktober 2013 haben Stadt und Kanton einzelne Internet-Infrastrukturen gemeinsam genutzt», sagt Kommunikationschef Niklaus Zeier. Seit November 2013 besitze die Stadtverwaltung einen eigenen, geschützten Internetzugang.

Die Stadt Luzern kennt gemäss Kommunikationschef Niklaus Zeier seit vielen Jahren interne, verbindliche Weisungen zur IT-Nutzung am Arbeitsplatz. Die letzte Revision stammt aus dem Jahr 2012. «Wir nennen diese Weisungen die goldenen Regeln, jeder Angestellte mit IT-Arbeitsplatz unterschreibt sie beim Jobantritt.» Damit verpflichte sich der Arbeitnehmer, keine beleidigenden, rassistischen oder sexistischen Inhalte zu konsumieren oder zu speichern. Auch zur Art der Verwendung würden sich die Regeln äussern. Die private Nutzung der Arbeitsplatzinfrastruktur sei ausserhalb der Arbeitszeit erlaubt, erklärt Zeier. Sie müsse sich jedoch auf ein Minimum beschränken.

Alle heiklen Inhalte sind seit 2 Jahren gesperrt

Die Stadt verlässt sich aber nicht nur auf die schriftliche Vereinbarung mit ihren Angestellten. Getreu dem Credo «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» wird zusätzlich der gesamte Online-Verkehr und das Verhalten der Angestellten im Internet laufend überprüft. Um das zu erklären, ist ein Blick zurück hilfreich.

«Der Zugriff der Benutzer der Stadt Luzern auf das Internet erfolgt seit dem Jahr 2000 über einen Proxy-Server. Seit 2003 wurde der gesamte Mail- und Internet-Verkehr durch eine Software auf dem Proxy-Server auf Viren und andere schädliche Software geprüft», so Zeier. 2012 habe die Personalabteilung dem Stadtrat zudem vorgeschlagen, durch einen zusätzlichen Web-Content-Filter den Internet-Verkehr auch auf Inhalte zu untersuchen, erklärt Zeier. «Die technische Basis dazu wurde noch im selben Jahr gelegt.»

«Fehlbares Verhalten wird praktisch unmöglich.» 

Christoph Gerdes, Leiter Prozesse und Informatik Stadt Luzern

Darauf beschloss der Stadtrat im Mai 2013 dann als weitere Massnahme, Seiten mit Kategorien von heiklen Inhalten zu sperren. Seither sind Seiten mit kriminellen Aktivitäten, Chats, Spielen, ebenso Pornoseiten, extremistische, verdächtige Seiten und Webseiten über Waffen nicht mehr zugänglich. Damit war die Stadt ein Jahr schneller als der Kanton.

Im Juni 2014 wurde vom Stadtrat auf Antrag der Personalabteilung zusätzlich noch das Live-Streaming von Video und Audio unterbunden.

Statistik mit Vorsicht interpretieren

Bei der Kantonsverwaltung wurde das Internet laut der Analyse nur zu rund 50 Prozent geschäftlich genutzt. Wie die Nutzung bei der Stadtverwaltung aussieht, kann Christof Gerdes, Leiter Prozesse und Informatik der Stadt Luzern nicht beurteilen. «Dies kann technisch nicht seriös ermittelt werden.» Solche Analysen müssten laut Gerdes sehr differenziert betrachtet und ausgewertet werden.

«Die Kategorisierung der Inhalte überlassen wir der Filterdatenbank», sagt Gerdes. Der bei der Stadt im Einsatz stehende Web-Content-Filter untersuche mehr als 35 Millionen Webseiten auf 96 Kategorien und Unterkategorien. 

Der gemäss Werkseinstellung rigorose Filter könne aber manuell an die Bedürfnisse am Arbeitsplatz angepasst werden. Unerwünschte Inhalte könnten gar nicht mehr aufgerufen und angezeigt werden, hält Gerdes fest und schiebt nach: «Fehlbares Verhalten wird praktisch unmöglich.»

Facebook ist verboten

«Der Zugriff auf Social Media wie Facebook, Twitter sowie Youtube ist während der Arbeitszeit grundsätzlich nicht zulässig», sagt Niklaus Zeier. Die Angestellten hätten aber das Recht, das Internet in Pausen privat zu nutzen. «Facebook ist weiterhin offen für den privaten Gebrauch ausserhalb der Arbeitszeit», sagt Niklaus Zeier. 

Ausnahmen für die Nutzung zu beruflichen Zwecken seien vorbehalten, erklärt Christoph Gerdes. Die Jugendarbeit benötige zum Beispiel den Zugriff auf Youtube und müsse auf Facebook und Online-Medien kommunizieren können.

«Jede Woche wird das Internetverhalten der Angestellten ausgewertet.»

Christoph Gerdes

In ganz besonderen Fällen können ausgewählte Personen den Zugriff auch auf gesperrte Inhalte beantragen, erklärt Gerdes. Dies müsse bei der Analyse dann einfach berücksichtigt werden.

Wöchentliche Untersuchung

Die korrekte Nutzung stellt die Stadt durch regelmässige Nutzungsanalysen sicher. «Jede Woche wird das allgemeine Internetverhalten der Angestellten ausgewertet und der anonymisierte Bericht geprüft», erklärt Gerdes.

Bei Bedarf würden Massnahmen wie die zusätzliche Sperrung von auffälligen Inhalten festgelegt. «Bei konkretem Missbrauchsverdacht wird auf Antrag vom Dienstchef beim IT-Sicherheitsbeauftragten eine personenbezogene Auswertung durchgeführt.»

Frage bleibt offen

Wenn sich Stadt und Kanton bis Ende 2013 den Internetzugang geteilt haben, müssten auch die beschriebenen Sicherheitsmassnahmen für beide Benutzerkreise gegolten haben. Diese Vermutung weist Christoph Gerdes zurück: «Die Stadt Luzern hatte zwar den Internetzugriff über den Kanton Luzern, am Übergang zwischen Kanton und Stadt haben wir aber unsere eigene Sicherheitsinfrastruktur platziert.»

Warum ging die Sperrung bei der Stadt schneller als beim Kanton, der das erst 2014 geschafft hat? «Wir mussten die spezielle technische Lösung auch erst beschaffen, aufgrund des Beschaffungsvolumens allerdings ohne öffentliche Ausschreibung», sagt Christoph Gerdes. Das habe die Umsetzung beschleunigt.

Und warum brauchte der Kanton dafür länger? Auf Anfrage will man die Geschehnisse nicht kommentieren. Gegenüber zentral+ lässt Philipp Berger vom zentralen Informationsdienst lediglich verlauten: «Der Regierungsrat hat eine umfassende Aufarbeitung der Vorgänge rund um die Nutzung des Internets angeordnet. Die Sachverhaltsabklärung erfolgt im Rahmen einer externen Administrativuntersuchung. Zu Fragen, welche die Inhalte dieser laufenden Untersuchung betreffen, können wir keine Auskunft geben.»

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1 Kommentare
  1. Karl Hoppler, 15.04.2015, 17:19 Uhr

    Web-Gate in der Verwaltung

    Die Smart-Phones sind noch viel problematischer als die PC’s. Neben dem Telefonieren gibt’s SMS, WhatsApp, Mail, Facebook, Youtube, Games etc.
    Dank den grossen Screen sind Filme, TV, Video, Sportübertragungen etc. in bester Quaität und von der Internen IT unbehelligt abrufbar.
    Offene Bürolandschaften sind die einfachste Lösung. In modernen Firmen haben sogar die CEO’s kein eigenes Büro. Der Neubau der Verwaltung in Emmenbrücke wird also keine Wände haben, oder diese sind aus Glas.
    Doch ein Team, das von seinem charismatische Chef motiviert und begeistert wird, der fordert und belohnt, hat kein Bedürfnis nach Pornofilmen.
    Es ist die nachhaltigste Problemlösung. Nicht Technik, sondern Führung ist gefragt.

    Karl Hoppler, Weggis

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