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Was wuchert hier plötzlich für vergängliche Kunst?
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Werke von Sabina Oehninger an der Kraut #01 auf der Dammstrasse. (Bild: zvg)

«Kraut»: Kunst an Luzerner Unorten Was wuchert hier plötzlich für vergängliche Kunst?

4 min Lesezeit 27.07.2017, 12:58 Uhr

Wenn sich das Volk draussen aufhält, muss auch die Kunst dorthin. Also haben Künstler «Kraut» ins Leben gerufen, das erste Open-Air-Kunstfestival. Noch bis Ende August wuchert es an ausgewählten Orten in Luzern weiter. Unter Autobahnen, Brücken oder auf Parkplätzen.

Es wuchert und spriesst etwas in Luzern. Kunst taucht wie Unkraut an seltsamen Orten auf – um kurz danach wieder zu verschwinden. Und bevor uns hier jemand mangelnde Wertschätzung vorwirft: Der Vergleich kommt von den Machern selbst. Sie nennen ihr Kunstfestival, das über den Sommer die Stadt Luzern bespielt, ganz einfach «Kraut». Ein Name, der klingt.

Für wenige Stunden nur setzen Kunstschaffende aus Luzern, der Schweiz und dem Ausland an öffentlichen Plätzen ihre Akzente. Nicht an irgendwelchen Orten, sondern an ausgewählten Unorten. Dort, wo man gewöhnlich achtlos vorbeigeht, soll man verweilen. Innehalten. Nachdenken. Und andere treffen.

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«Wir experimentieren damit, wie Kunst im öffentlichen Raum funktioniert.»

Alice Busani, Architektin

«Was passiert, wenn man Kunst aus dem üblichen Kontext herausnimmt und einfach irgendwo zeigt?», fragt Reto Leuthold. Er hat das Kunstfestival mit Paul Lipp (aka Lipp&Leuthold) sowie der Architektin Alice Busani und der Künstlerin Esther Leupi initiiert.

Alice Busani ergänzt: «Wir experimentieren damit, ob und wie Kunst im öffentlichen Raum an solchen Orten funktioniert.» Schliesslich kann das auch für die Künstler sehr befreiend wirken, ihre Werke in anderem Kontext und für so kurze Zeit zu zeigen. «Eine Möglichkeit, um zu experimentieren, sozusagen wie eine Hauptprobe», sagt Busani.

Luzerner treffen auf Auswärtige

Die erste Ausgabe – Kraut #01 – fand auf einem Parkplatz in der Sentimatt statt. Werke der Luzernerin Sabina Oehninger hingen unter freiem Himmel an der Betonmauer des Bahndamms, Sound kam von Javier Turino.

Kraut #01: eine Kürzestausstellung von Sabina Oehninger.

Kraut #01: eine Kürzestausstellung von Sabina Oehninger.

(Bild: zvg)

Es folgte Kraut #02 diesen Dienstag bei der Velounterführung der Langensandbrücke auf Seite der Schüür. Die Luzernerin Anita Zumbühl traf auf den Appenzeller Christian Hörler. Sleepyhouse (Remo Albisser) spielte auf der Gitarre Songs, die sich in die Geräuschkulisse der ein- und ausfahrenden Züge mischten. Passend zum herbstlichen Wetter wurde als Apéro ein Fondue aufgetischt. «Ich war überrascht, wie viel Publikum bisher gekommen ist», sagt Alice Busani. Zudem seien es sehr unterschiedliche Leute gewesen, was sie besonders freut.

Die dritte Ausgabe folgt diesen Samstag am Sentiweg unter der Autobahn, die weiteren «Krauts» finden im August an der Reuss, auf dem Freigleis und auf einer Brache im Geissensteinring statt (siehe Box am Textende).

Kunst in der Velo- und Fussgängerunterführung unter der Langensandrbrücke – das war Kraut #02.

Kunst in der Velo- und Fussgängerunterführung unter der Langensandrbrücke – das war Kraut #02.

(Bild: zvg)

Gegen die sommerliche Leere

«Kraut» ist auch als Intervention gegen die kulturelle Leere im hochsommerlichen Luzern gedacht. Galerien sind oft zu, für Museen ist es zu schön und Grossanlässe sind auch nicht jedermanns Sache. «Trotzdem sind viele Leute unterwegs, die sich für Kunst interessieren», sagt Reto Leuthold. Zudem ist das Ganze sehr niederschwellig, es kann sein, dass man quasi per Zufall in die Szene hineinläuft, stehen bleibt und so Teil davon wird.

«Wir hoffen, dass sich der Kreis erweitert und die Szene wächst.»

Reto Leuthold, Künstler

Dabei hilft generell sicher auch die Sommerstimmung auf der Strasse, man ist lockerer und offener unterwegs. Man ist eher bereit, sich auf etwas einzulassen, mit anderen zu sprechen und sich auszutauschen. «Die Reaktionen der Leute waren bisher sehr spannend, sie sind sehr interessiert und finden die Idee toll», sagt Busani.

Mehr Kunst im öffentlichen Raum

Zu sehen sind Malereien, Zeichnungen oder Skulpturen – Vorgabe an die Künstler war einzig der Ort. Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler wurden von den vier Initianten ausgewählt und eingeladen.

Künstler aus Luzern treffen so jeweils auf solche von auswärts. Es geht also auch darum, die lokalen Strukturen aufzubrechen, «Kraut» soll neue Begegnungen ermöglichen. «Wir hoffen, dass ein Austausch entsteht, sich der Kreis erweitert und die Szene wächst», so Leuthold.

Der Anfang ist gemacht – und sie hoffen, dass «Kraut» keine einmalige Sache bleibt. Ideen für weitere Orte und Unorte, wo das Unkraut weiterwuchern kann, haben sie jedenfalls noch viele im Kopf. Und überhaupt findet Reto Leuthold, dass es in Luzern mehr zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum vertragen würde. Durchaus auch für länger als vier Stunden. «Ich würde mich freuen, wenn ich mit dem Velo unter der Langensandbrücke durchfahre und die Kunst von Christian Hörler hinge dort permanent.»

Kunstfestival «Kraut»

Die ersten beiden Ausgaben sind vorbei, Kraut #03 findet am Samstag, 29. Juli statt: ab 17 Uhr am Sentiweg bei der Unterführung der Autobahn. Mit Installationen von Diego Sologuren und Brad Downey (beide Berlin), Bildern von Raphael Egli (Luzern) und Musik von DJ Jasuper (Hamburg).

Im August folgen Kraut #04 (10.8.), #05 (18.8.) und #06 (26.8.) – Details zu den Orten und den beteiligten Künstlern gibt’s unter kraut.li

Parallel zu den aufflackernden öffentlichen Interventionen läuft Kraut #0, die Basisausstellung im «Tatort» an der Bernstrasse 94. Hinein gelangt man mittels Code (bei den Künstlern anfragen!) jeden Tag von 12 bis 17 Uhr. Dort findet man Werke von Reto Leuthold, Paul Lipp, Esther Leupi und Timo Müller.

Mehr Bilder von Kraut #01 und #02 in der Galerie:

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