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Was wäre, wenn alle Kamine noch rauchen würden
  • Kultur
Michael van Orsouw erzählt von der Geschichte der «Milchsüdi». (Bild: zvg)

Zuger Denkmalschützer als Reiseführer Was wäre, wenn alle Kamine noch rauchen würden

4 min Lesezeit 04.11.2019, 18:44 Uhr

Hässliche Fabriken, rauchende Schlote – das gabs vor 100 Jahren in Cham im Übermass. Ausgerechnet damit betreiben die Gegner des neuen Denkmalschutzgesetzes nun Abstimmungskampf. Ein interessanter Ansatz.

Mit einer Kondensmilchfabrik, einer Papierfabrik, Spinnereien und einem Bahnhof voll kohlegefeuerter Dampfloks war Cham vor über 100 Jahren ein industrieller Moloch. Wären die Fabriken mit ihren Maschinen heute noch in Betrieb, könnte sich der Zuger Ennetsee-Ort heute kaum als Park- und Gartenstadt am See bezeichnen.

Dennoch beschwor das Referendumskomitee «Nein zum missratenen Denkmalschutzgesetz» genau diese Vergangenheit voller qualmender Kamine, um mit einer Veranstaltung gegen die geplante Aufweichung des Denkmalschutzes im Kanton Zug mobilzumachen.

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Idylle der Zeitzeugen

30 Gebäude aus der Zeit der Industrialisierung stellte der Zuger Autor und Historiker Michael van Orsouw am Samstag bei einer Ortsführung durch Cham vor. Einiges aus dieser Zeit des Aufbruchs steht noch – auch wenn die Fertigungsgebäude der alten Anglo-Swiss Condensed Milk Company – der «Milchsüdi» – Neubauten Platz gemacht haben. Und auch das Areal der Papieri in wenigen Jahren umgenutzt und neu überbaut sein wird.

Cham um 1910.

Was stehen geblieben ist – Kolonialstilhäuser am Bahnhof, Arbeiterhäuser, das Direktionsgebäude an der Chamerstrasse, das heute das Aktienregister des Weltkonzerns Nestlé beherbergt, sieht ebenso adrett und sauber aus wie andere Gebäude, die nach 1860 entstanden sind – etwa das ehemalige Bankeranwesen Villette am See.

Werben mit dem Zytturm

Was also soll schieflaufen mit dem Denkmalschutz in Zug? Zumal ja sogar die Befürworter des aufgeweichten Gesetzes mit dem Zuger Zytturm Werbung machen, der auch das Abstimmungsbüchlein ziert.

«Schützenswert sind nicht nur einzelne Landmarken wie der Zytturm», sagt Andreas Bossard, der Präsident des Archäologischen Vereins Zug. Dieser hat zusammen mit dem Bauforum, dem Zuger Heimatschutz und dem Historischen Verein das Referendum ergriffen und führt nun den Abstimmungskampf.

Fast vergessener Gasometer

«Schützenswert sind auch Bauernhäuser, Fabriken oder Kraftwerke», sagt Bossard. Dieser umfassende Begriff stütze sich auf Bundesrecht. Auch in Cham seien überdies Objekte zu finden, die kaum bekannt sind.

Gasometer der Kondensmilchfabrik.

Etwa ein Gasometer der Kondensmilchfabrik, der auf einem überwucherten Grundstück immer noch zu finden ist und eventuell geschützt wird. Anglo-Swiss stellte bis 1925 nämlich selber Gas her, das sie zum Einkochen der Milch und Zuschweissen der Dosen brauchte. Sie beleuchtete damit auch die Fabrik und speiste den Rest ins öffentliche Netz ein – was für die Strassenbeleuchtung von Cham reichte.

Eine Grundsatzdiskussion

Interessant, gewiss – doch was hat das mit der Revision des Denkmalschutzgesetzes des Kantons Zug zu tun? Wo vorab die Aufhebung der Denkmalschutzkommission und eine absolute Schutzmöglichkeit nur für über 70-jährige Gebäude sowie verschärfte Kriterien für eine Unterschutzstellung eines Objekts zu reden geben?

«Mit jedem Haus, das verschwindet, verlieren wir ein Stück unserer Geschichte.»

Andreas Bossard, Präsident Archäologischer Verein Zug

«Die Bauführungen, die wir organisiert haben,  sind ein weiteres Mittel im Abstimmungskampf», sagt Martin Hošek aus Zug. Neben Plakaten und Testimonials nützen die Denkmalschützer die Gelegenheit, um grundsätzlich auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

Wenige Gebäude sind geschützt

Van Orsouws Führung war keineswegs die erste. Seit September sind Historiker und Architekten in Hünenberg, Zug und Risch unterwegs, um vor Publikum über Bauernhäuser, Schulen, Stadtmauern und Kirchen zu referieren. Kommendes Wochenende schliesst die Reihe mit «Historische Bauten erkunden» auf dem Spinni-Areal in Baar.

Im Kanton Zug sind 2,2 Prozent der Gebäude denkmalgeschützt – weit weniger als im nationalen Durchschnitt (3,5 Prozent). Da drängt sich der Eindruck auf, dass das Referendumskomitee überhaupt erst das Interesse der Zugerinnen und Zuger am Denkmalschutz wecken muss. «Nein, das Interesse ist vorhanden», sagt Bossard und verweist auf die 150 Personen, die am Samstag gebannt an den Lippen des Cham-Experten van Orsouw hingen.

Denkmäler unter Druck

Der niedrige Prozentsatz an geschützten Häusern hänge mit den hohen Bodenpreisen im Kanton Zug zusammen und mit dem hohen Druck aus der Immobilien- und Baubranche, sagt Bossard. Genauso wie nun die beabsichtigte Aufweichung des kantonalen Denkmalschutzes.

Das Anliegen, mit Immobilien und eigenem Land mehr zu verdienen, sei verständlich, sagt Bossard.  «Doch jedes Haus hat eine Geschichte. Und mit jedem Haus, das verschwindet, verlieren wir auch ein Stück unserer Geschichte.» Nur ein Drittel der 30 in Cham vorgestellten Gebäude stehe tatsächlich unter Schutz.

Warnung vor endlosen Prozessen

«Es ist eine Herausforderung, nur zu schützen, was ein wichtiges Erinnerungsstück ist», sagt Bossard, der lange Jahre für die Christlichsozialen im Zuger Stadtrat sass. Nach seiner Meinung werde das mit dem neuen Denkmalschutzgesetz, das die Befürworter «fair» nennen, nicht gelingen.

Denkmalschutz als Publikumsmagnet: 150 Personen nahmen an der Führung im Chamer Villette-Park teil.

Der Kanton könne vielleicht das Gesetz beschliessen. «Aber übergeordnetes Recht kann man nicht einfach ausser Kraft setzen.» Deshalb werde das Gesetz die Abläufe nicht wie versprochen vereinfachen, sondern im Gegenteil zu langwierigen Rechtshändeln führen. «Jeder wirklich umstrittene Fall wird dann eingeklagt und durch die Instanzen gezogen», orakelt er.

Bossard verweist darauf, dass in der Denkmalschutzkommission, die so vielen Politikern ein Dorn im Auge ist, eben auch Vertreter der Gemeinden und der Hauseigentümer sitzen – die von vornherein auf einen Konsens in der Entscheidungsfindung bedacht seien.

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