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Was tun: Anzeige oder Ohrfeige?
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Reicht es, wenn man bei sexueller Belästigung klar Grenzen aufzeigt, oder soll man den Mann anzeigen? (Bild: fotolia)

Sexuelle Belästigung an der Luzerner Fasnacht Was tun: Anzeige oder Ohrfeige?

4 min Lesezeit 11.02.2016, 09:41 Uhr

Sexuelle Belästigungen geschehen oft im Gedränge. So auch an der Luzerner Fasnacht. Doch Konsequenzen erleben die Täter selten. Unsere Autorin fragt sich nach einem Erlebnis am eigenen Leib: Soll man überhaupt Anzeige erstatten?

Die Luzerner Fasnacht ist vorbei. «Friedlich» ist sie aus Sicht der Polizei verlaufen. Nur eine Meldung wegen sexueller Belästigung ging ein. Gerade das Thema war jedoch in diesem Jahr nach den Vorfällen der Silvesternacht in Köln hochaktuell. Und auch in Luzern war das Thema durch den «Benimm-Flyer» für Flüchtlinge allgegenwärtig.

«Wir haben dieses Jahr eigentlich mit mehr Meldungen gerechnet, gerade weil im Vorfeld viel darüber gesprochen wurde», so Kurt Graf von der Medienstelle der Luzerner Polizei.

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Höhere Toleranz, tiefere Hemmschwelle

Auch in den letzten Jahren seien jeweils nur ein oder zwei Meldungen wegen sexueller Belästigung an der Fasnacht eingegangen. Also scheint sexuelle Belästigung an der Luzerner Fasnacht kein grosses Thema zu sein. Oder man lässt einfach mehr durchgehen? «Die Toleranz ist an der Fasnacht wohl allgemein höher», bestätigt Graf. Eine Hand auf dem Hintern werde da noch eher mal toleriert. Gleichzeitig sei im fasnächtlichen Treiben auch die Hemmschwelle tiefer.

Doch wie viele Frauen zeigen sexuelle Belästigungen an der Fasnacht gar nicht an? Das fragt sich die Autorin nach einem Erlebnis am Fasnachtssamstag in Luzern:

Es ist schon nach Mitternacht. Wir stehen im hell erleuchteten Eingang einer Beiz, trinken Bier und sind in Gespräche vertieft. Rundherum fasnächtliches Treiben, die Leute tanzen und lachen, einige sind schon ziemlich betrunken. Ich sehe grauenhaft aus, habe mich als 70er-Jahre-Mafioso mit Monobraue und Schnauz verkleidet. Von aufreizendem Outfit also keine Spur. Doch dann plötzlich drückt sich aus dem Nichts heraus ein wildfremder Mann an mich. Ich halte es für eine schlechte Anmache, lache und versuche ihn wegzuschieben und drehe ihm den Rücken zu. Doch er lässt nicht locker, fängt an, mich mit seinem Körper an die Wand zu drücken und sich an mir zu reiben. Er flüstert mir Dinge ins Ohr, die ich hier nicht wiederholen möchte. Aber die Worte haben nichts mit Flirten zu tun. Es sind Vergewaltigungsfantasien. Wo er ihn mir überall reinstecken will.

Ich schaffe es, mich von ihm zu lösen, stosse ihn von mir, schreie ihn an und werfe ihm mein volles Bier mit Wucht ins Gesicht. Er wirkt verdattert und zieht sich zurück, verschwindet schnell in der Gasse. Ich bin aufgewühlt, schockiert. Die Laune ist im Eimer und ich bald auf dem Weg nach Hause. Auf dem Heimweg ärgere ich mich. Ich hätte den Typen richtig ohrfeigen und dann festhalten sollen und die Polizei rufen. Das war nicht dasselbe wie zwei Tage zuvor. Wegen der bereits grenzwertigen Grapscherei am Schmutzigen Donnerstag hatte ich mir diese Gedanken noch nicht gemacht. Besonders, da wir den Typen zu dritt in die Flucht geschlagen hatten.

Am Tag darauf kommt die Frage wieder: Soll ich den Typen anzeigen? Ich kenne weder seinen Namen noch hat er besondere Merkmale, anhand deren ich ihn konkret beschreiben könnte. Keine Verkleidung, keine spezielle Frisur.

Wann sollte man Anzeige erstatten? «Das müssen Betroffene selbst entscheiden und sich fragen: Fühle ich mich in meiner sexuellen Integrität verletzt?», sagt Graf und ergänzt: «War es ein Flirt, hat man zusammen getanzt und die Hand des Gegenübers ist dabei etwas verrutscht? Oder wurde ganz klar eine Grenze überschritten?»

Anhaltspunkte fehlen oft

Also zum Polizeiposten? Dann kommen die Gedanken: Man erwischt den Typen ja sowieso nicht. Kurt Graf meint dazu: «Es ist so, dass wir natürlich aufmerksam werden, wenn mehrere Anzeigen mit demselben Täter-Signalement eingehen. Wenn mehrere Frauen einen ähnlichen Typen beschreiben und eine ihn vielleicht persönlich kennt, dann kommen wir weiter. Wenn aber alle finden, dass es nichts bringt, und keine Meldung machen, dann ist die Chance natürlich sehr klein.»

Als Beispiel nennt Graf den einzigen Fall, der an dieser Luzerner Fasnacht gemeldet wurde. «Eine Frau wurde belästigt, konnte aber gleich zwei Polizisten in der Nähe darauf aufmerksam machen. Die Personalien des Mannes wurden aufgenommen, doch der Angehaltene entschuldigte sich beim Opfer und die Frau verzichtete auf eine Anzeige.» Somit sei dieser Fall erledigt.

Die Dunkelziffer wird bei sexueller Belästigung sehr hoch eingeschätzt. Eine kanadische Studie unter der Leitung von Kari Sampsel hat sich des Themas angenommen. Dabei kam heraus: Ein Viertel aller Belästigungen finden im Gedränge, in Menschenmassen statt – oft an Festivals, in Clubs, an Strassenfesten oder im öffentlichen Verkehr. Anders als in den drei Vierteln der anderen Fälle sind die Opfer solcher Übergriffe meist nicht mit dem Täter bekannt.

So ist es auch in meinem Fall. Und trotz der spärlichen Angaben über den Mann vom Samstagabend habe ich mir nun vorgenommen, noch diese Woche zur Polizei zu gehen.

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