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Was soll das sein?
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Im Kunstobjekt vor dem neuen Stadtarchiv sollen einst Wildbienen ein Zuhause finden. (Bild: azi)

Kunstobjekt beim Stadtarchiv Luzern Was soll das sein?

4 min Lesezeit 3 Kommentare 13.01.2016, 09:14 Uhr

50’000 Franken hat die regalartige Skulptur aus Ziegelsteinen beim neuen Stadtarchiv in Reussbühl gekostet. «Potthässlich» ist nur eine der Reaktionen auf das Gebilde, dessen genaue Funktion vielen ein Rätsel ist. Bleibt zu hoffen, dass es zumindest jene wissen, die im Frühling einziehen sollen.

Etwas verloren steht es vor dem neuen Stadtarchiv an der Ruopigenstrasse, ein Ding, mit dem viele nichts anzufangen wissen. «Was soll das sein?», fragen sich Passanten: «Ist das Kunst?» Es sieht nach einem noch nicht fertiggestellten Briefkasten aus oder könnte einen kreativen Weg darstellen, wie man Entsorgungsgebühren für Bauschutt sparen kann. Aber nein, es ist Kunst. Ein 50’000 Franken teures Kunstprojekt sogar, das den Namen «Bienenalphabet» trägt.

Es gewann 2014 den von der Stadt Luzern veranstalteten Ideenwettbewerb, da es «den öffentlichen Charakter des Gebäudes akzentuiert und dem Ort eine zusätzliche Unverwechselbarkeit verleiht», wie die Jury damals das Ziel des Kunst-und-Bau-Projekts formulierte.

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Eingereicht wurden lediglich drei Vorschläge von zwei Zürcher Künstlern und einem Berliner Künstler. Diese erhielten für die fristgerechte Projekteingabe eine Entschädigung von je 2000 Franken vergütet. Sabian Baumann aus Zürich machte schliesslich das Rennen und konnte seine 3,7 Meter hohe, 3 Meter breite und 50 Zentimeter tiefe, regalartige Skulptur aus Ziegelsteinen errichten.

«Kunst-und-Bau-Projekte sind anständig bezahlt, im Gegensatz zur übrigen künstlerischen Arbeit.»
Sabian Baumann, Künstler 

Und das «Bienenalphabet» ist nun das Objekt, das gemäss der Jury «sowohl auf den Ort als auch die Architektur eingeht und die Liegenschaft durch den künstlerischen Eingriff räumlich atmosphärisch aufwertet». Nun ja, Schönheit liegt bekanntermassen im Auge des Betrachters – doch hinter der Skulptur von Sabian Baumann steckt mehr, als man zunächst annehmen könnte.

Wildbienen sollen hier ein Zuhause finden

Es handelt sich nämlich um ein Wildbienenquartier. Wenn das Projekt vollendet ist (siehe Bild), soll es zu einem «Bienenwohnblock» werden, in welchem sich Tonbuchstaben, ein Sediment von Sand und Lehm befinden. «Im Sediment sind mehrere kurze Gänge von 5 bis 8 Millimetern Durchmesser aus Bambusstängeln enthalten», erklärt Baumann.

So soll das Kunstobjekt aussehen, wenn die Tonbuchstaben angebracht werden. (Bild: Projektbeschrieb Sabian Baumann)

So soll das Kunstobjekt aussehen, wenn die Tonbuchstaben angebracht werden. (Bild: Projektbeschrieb Sabian Baumann)

«Die dunklen Löcher üben eine magische Anziehungskraft auf grabende Wildbienen aus», so der Zürcher Künstler weiter. Es sollen also Wildbienen angelockt werden, hineinkriechen und mit dem Graben ihres eigenen Nestganges beginnen. Die Bambusstängel und die Löcher in den Tonbuchstaben sind für die Hohlraumbesiedlung gedacht, wie es im Projektbeschrieb heisst.

«Klotz» war doch zu klotzig

Auch zur künstlerischen Gestaltung der Vorzone Allmend hatte die Stadt Luzern 2011 einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Das Siegerprojekt «Der Klotz», ein sechs mal sechs Meter grosser Betonwürfel, dessen Realisierung 140’000 Franken gekostet hätte, wurde dann jedoch nach langem Hin und Her doch nicht errichtet – zu gross und zu teuer, hiess es seitens der Kritiker. Letztlich befand die Jury, dass das weiterbearbeitete Projekt die Voraussetzungen für eine Realisierung nicht erfülle. Dennoch will der Stadtrat nicht auf ein Kunstprojekt auf der Luzerner Allmend verzichten. Was dereinst den Platz schmücken wird, steht allerdings noch in den Sternen.

So hätte der Klotz (links) aussehen sollen.
So hätte der Klotz (links) aussehen sollen.

«Es ist gut sichbar auf dem naturnah bepflanzten Areal vor dem Gebäude platziert, und man kann von Frühling bis Herbst den Bienen und anderen Wildtieren zuschauen, die durch diese Art Umgebung angezogen und genährt werden», meint der Künstler weiter. Hoffentlich können sich die Tiere auch mit dem Standort an der dicht befahrenen Ruopigenstrasse anfreunden.

Ursprünglich wären noch ein Weiher, ein Sitzplatz und eine Steinmauer im Projekt vorgesehen gewesen. Auf diese kostenintensiven Gestaltungselemente musste jedoch aus finanziellen Gründen verzichtet werden. Aber auch das «Bienenalphabet» ist nicht ganz unterhaltsfrei: Das Sediment und die Stängel müssen alle sechs Jahre ersetzt werden.

Hinter Bienenblock versteckt sich Gesellschaftskritik

«Kunst-und-Bau-Projekte sind anständig bezahlt, im Gegensatz zur übrigen künstlerischen Arbeit», sagt Baumann über seine Motivation, am Ideenwettbewerb mitzuwirken. Er möchte mit ihrem «Bienenalphabet» seine ambivalenten Gefühlen gegenüber der Sprache zum Ausdruck bringen, die im Stadtarchiv in Form von Texten aufbewahrt werden.

Hier an der Ruopigenstrasse sollen Wildbienen ein Zuhause finden. (Bild: azi)

Hier an der Ruopigenstrasse sollen Wildbienen ein Zuhause finden. (Bild: azi)

«In der Sprache spiegeln sich die Machtverhältnisse», bemerkt er, «viele Menschen können alte Texte und deren ursprünglichen Kontext nicht mehr richtig verstehen oder nachempfinden». Baumann kritisiert, dass Menschen alte Texte – wie etwa den Koran und die Bibel – in beliebiger Weise interpretieren und für ihre Zwecke einspannen.

«Die regalartige Skulptur (…) ist eigenwillig und kann in Bezug zum Archiv gelesen werden.»
Bericht der Jury 

«Eigenwillige Skulptur»

Das schien die Jury – bestehend aus der Luzerner Stadtbaumeisterin Friederike Pfromm, dem Luzerner Künstler André Schuler und dem Zürcher Architekt Philipp Fischer – überzeugt zu haben. «Die regalartige Skulptur (…) ist eigenwillig und kann in Bezug zum Archiv gelesen werden», heisst es in ihrem Bericht. «Das Objekt kann sich durch seine Ausgestaltung, Materialität und Dimension vor dem Bau behaupten.»

Die Aufreihung des Alphabets soll für den Umgang der Menschenkultur mit Text und Kommunikation stehen, meint die Jury weiter. Dem gegenüber solle im Vorschlag von Sabian Baumann die eigene Kommunikation der Bienen gestellt werden. «Dies kann und soll als Kritik des menschlichen Tuns und deren Kultur verstanden werden. Die Gegenüberstellung von Natur (Wildbienen) und Kultur (Menschen) kann nachvollzogen werden.» Ob auch die Bienen ihre Rolle in diesem Kunstwerk verstehen, wird sich diesen Frühling zeigen.

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3 Kommentare
  1. Leo Nauber, 13.01.2016, 13:22 Uhr

    Wenn ich für meine Arbeit so fürstlich honoriert würde, könnte ich diese auch als Kunst verkaufen und davon so fürstlich leben, wie es so genannte Künstler heute können.
    An jedem Anlass können sie dabei sein, egal was es kostet. Ständig auf Reisen sein. Ständig in Restaurants und Kaffees sitzen statt zu Hause das billigste Lidl Bier zu trinken etc. etc.
    Kunst ist tatsächlich nur im Auge des jeweiligen Betrachters. Aber, wenn er das dann als Kunst empfindet, soll er es auch selber finanzieren und nicht die Allgemeinheit über Steuergelder. Das ist in etwa so, wie andere erpressen lassen. Mein Steuergeld muss ich einfach für solches ausgeben lassen, ich habe ja keine Wahl.
    Wie heisst es doch immer “der Staat, das sind wir, alle Menschen, die auf einem definierten Gebiet leben”. Ich sage, nein, der Staat, das sind die Beamten und gewisse mächtige Politiker, die bestimmen, was ich als richtig, gut, schön etc. zu halten habe. Ich gehöre nicht zum Staat, ich bin Zahlungspflichtiger für den Staat (definition siehe oben) und habe keine Wahl.

  2. Gabo Martini, 13.01.2016, 10:43 Uhr

    Ich glaube mir wird schlecht. Für 50’000 CHF hätte ich definitiv mehr erwartet. Für mich ist das auch nicht wirklich Kunst, sondern einfach zweckmässig.
    Und versprochen, es wird in einem Jahr schon hässlich aussehen.

  3. Tobias Bjornsen, 13.01.2016, 09:23 Uhr

    Der gut ausgearbeitete Artikel rechtfertigt umso weniger den reisserischen Titel und O-Ton. Scheint ja gemäss der Recherche einige Gründe zu geben, was dieses Objekt ist und warum es gewählt wurde. Zudem ist es sehr forciert, es im jetzigen Rohzustand zu zeigen; wo doch der Artikel genau aufzählt, was es noch alles zur Vervollständigung bedarf. Zentralplus kommt hoffentlich auch weiterhin ohne aufmerksamkeitswütige Konfliktandeutungen aus…