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Was nur will eine Partei mit 21 Nationalratskandidaten?
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Stehen auf der Hauptliste der Zuger SP: Spitzenkandidatin Christina Bürgi Dellsperger (Mitte), umrahmt von Urs Bertschi und Isabel Liniger. Rechts Ständeratskandidatin Barbara Gysel. (Bild: wia)

Zuger SP übt sich im Fischfang Was nur will eine Partei mit 21 Nationalratskandidaten?

4 min Lesezeit 1 Kommentar 29.05.2019, 16:53 Uhr

Sieben Listen und 21 Kandidaten – die Zuger Sozialdemokraten schöpfen für die kommenden Nationalratswahlen aus dem Vollen. Die Strategie erinnere an den Radsport, wo es einen Leader und viele Wasserträger gebe, sagt der Politologe. Mark Balsiger glaubt aber auch: «Vermutlich will der Wähler keine solch grosse Auswahl.»

Voller Wahlerfolg dank vollen Listen? Darauf hofft man bei der Zuger SP, wie bei der Nominationsversammlung am Dienstagabend bekannt wurde (zentralplus berichtete). Total 21 Kandidaten schickt die Partei ins Rennen um einen Nationalratssitz. Barbara Gysel, Präsidentin der SP Kanton Zug, sagt dazu: «Mit vereinter Kraft bieten wir eine grosse Vielfalt.» Doch kann die Rechnung mit sieben Listen aufgehen oder verliert sich der Wähler im Kandidatendschungel? Wir haben bei Politologe Mark Balsiger nachgefragt.

zentralplus: Herr Balsiger, ist aus Ihrer Sicht die Taktik der Zuger SP, mit sieben Listen und 21 Kandidaten bei den Nationalratswahlen anzutreten, sinnvoll?

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Mark Balsiger: Ich halte diese Strategie grundsätzlich für richtig. Die Gesellschaft ist inzwischen sehr fragmentiert. Deshalb macht es Sinn, mit verschiedenen Listen anzutreten, um verschiedene Wählersegmente anzusprechen. Denn aufgrund des Proporzwahlsystems ist entscheidend, wie viele Stimmen eine Liste holt, nicht das Resultat einer einzelnen Kandidatur. Ich versuche es mit einem Vergleich: Ein Fischer auf dem Zugersee fängt mit sieben kleinen Netzen womöglich mehr Fische als mit zwei grösseren Netzen.

«Das Gros wird verstehen, dass es der Partei um die Listenstimmen geht.»

Mark Balsiger, Politologe

zentralplus: Was wird durch diese «Kandidatenfülle» für ein Zeichen an die Wähler ausgesandt? Dass die Partei zahlreiche potenziell wählbare Kandidaten hat oder dass es an zwei, drei schlagkräftigen Zugpferden mangelt?

Balsiger: Bestimmte Wähler, welche nicht nahe dran sind am politischen Geschehen, könnten den Eindruck haben, es werde ihnen eine beliebige Auswahlsendung vorgelegt. Das Gros wird jedoch verstehen, dass es der Partei um mehr Listenstimmen geht.

zentralplus: Will der Wähler überhaupt eine solch grosse Auswahl haben?

Balsiger: Vermutlich nicht. Aber diese Taktik, so mehr potenzielle Wählerinnen und Wähler besser abzuholen, lässt sich auch in anderen Kantonen beobachten. Die CVP Aargau beispielsweise nominierte über 120 Kandidaten auf acht verschiedenen Listen für den Nationalrat.

«Ich halte den FDP-Sitz durchaus für angreifbar.»

zentralplus: Kann insgesamt eine Tendenz zu immer mehr Listen und Kandidaten festgestellt werden?

Balsiger: Absolut. Diese Entwicklung ist schon seit rund 50 Jahren zu beobachten. 1971 gab es für die Nationalratswahlen schweizweit 151 Listen und 1689 Kandidatinnen und Kandidaten. 2015 waren es bereits 422 Listen mit 3788 Kandidaten. Salopp ausgedrückt: Die Anzahl Listen und Kandidaten ist explodiert.

zentralplus: 2015 trat die SP mit fünf Listen an, nun sind es sogar noch zwei mehr. Ist die Ausgangslage eine andere im Vergleich zu vor vier Jahren?

Balsiger: Die Konstellation präsentiert sich tatsächlich anders, und sie ist offen. Damals traten sämtliche Zuger Nationalräte zur Wiederwahl an. Will man einen amtierenden Nationalrat abwählen, muss dieser eine grosse Angriffsfläche bieten oder seine Partei schwächeln. Nun haben wir den ordentlichen Rücktritt von Bruno Pezzatti (FDP). Nicht nur die ALG hat deswegen Blut geleckt, auch die SP sieht ihre Chance.

Politologe Mark Balsiger findet das System «absurd».

Politologe Mark Balsiger kann das Vorgehen der SP nachvollziehen.

(Bild: zvg)

zentralplus: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass es im Herbst tatsächlich eine linke Zuger Vertretung in die grosse Kammer schafft?

Balsiger: Pezzattis Sitz bleibt nicht kampflos bei der FDP. Die Partei hat es offensichtlich verpasst, mit genügend Vorlaufzeit valable Nachfolgekandidaten aufzubauen. Davon zeugt, dass sie es bislang nicht geschafft hat, zwei Listen zu füllen (zentralplus berichtete). Sollte das SP-ALG-Päckli dank einer Listenverbindung die Zahl der Gesamtstimmen von 2015 (rund 25’500) etwas steigern können, könnte es für einen linken Sitz reichen. Das wäre dann die Revanche dafür, dass vor acht Jahren Jo Lang (ALG) von Bruno Pezzatti verdrängt worden waren.

«Ein rein virtueller Wahlkampf funktioniert in Zug nicht.»

zentralplus: Zurück zu den SP-Listen. Besteht bei so vielen Kandidaten nicht die Gefahr, dass intern böses Blut entsteht?

Balsiger: Die Partei hat klar deklariert, dass Christina Bürgi Dellsperger ihre Spitzenkandidatin ist. Die restlichen Kandidaturen dienen der Unterstützung, es sind wie im Radsport die Wasserträger. Seiner Partei zuliebe hat ja sogar der abgetretende Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller seine Aussage revidiert, dass er nicht antreten werde. Die Resultate der Wahlen 2015 zeigen, dass auch bezüglich Listen die Hierarchie klar ist: Die SP-Hauptliste kam auf rund 8’000 Stimmen, SP-Männer und -Frauen noch auf 3’000 respektive 2’000.

zentralplus: Christina Bürgi Dellsperger ist Auslandschweizerin, sie arbeitet als Diplomatin. Kann dies für sie zum Problem werden?

Balsiger: Es ist tatsächlich sehr ungewöhnlich, dass die Spitzenkandidatin Auslandschweizerin ist. Im Wahlkampf ist es wichtig, eine hohe physische Präsenz im Kanton zu zeigen. Ein rein virtueller Wahlkampf funktioniert in Zug nicht. Anders als in Zürich, wo Tim Guldimann als Diplomat von Berlin aus erfolgreich seine Kandidatur vorangetrieben hat.

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1 Kommentare
  1. Michel Ebinger, 29.05.2019, 18:04 Uhr

    Man kann das Wahlsystem auch ad absurdum führen. Liebe SP Neoliberale vergöttern Zahlen und Rendite, seit ihr auch schon so weit? Schade hätte mehr von Euch erwartet