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Was Luzern von Lausanne lernen kann
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Ab 22 Uhr gilt Tempo 30: In Lausanne wurde die Massnahme mit Geschwindigkeitsanzeigen begleitet. (Bild: zvg)

Was bringt Tempo 30 in der Nacht? Was Luzern von Lausanne lernen kann

5 min Lesezeit 4 Kommentare 12.11.2019, 10:57 Uhr

Linksgrün fordert für die Stadt Luzern flächendeckend Tempo 30 in der Nacht. Die Idee wird momentan in vielen Städten diskutiert. Lausanne ist am weitesten und will das Regime nächstes Jahr definitiv einführen. Ein Blick über den Röstigraben.

Flächendeckend Tempo 30 zwischen 22 und 6 Uhr: Was für viele Autofahrer wie eine Provokation klingt, ist in der Stadt Lausanne bald und in vielen deutschen Städten schon jetzt Realität.

Auch in  Luzern verlangen SP, Grüne und GLP in einem gemeinsamen Vorstoss Tempo 30 in der Nacht. Nicht nur auf Quartier-, sondern auch auf 50er-Kantonsstrassen – und möglichst nicht nur in Luzern, sondern auch angrenzenden Gemeinden (zentralplus berichtete). Die Antwort des Stadtrats und ein Entscheid des Parlaments stehen noch aus. Auch wie der Kanton Luzern reagieren würde, ist offen.

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Ab März gilt es ernst

Ein Blick in die 140’000-Einwohner-Stadt Lausanne lohnt sich, sie hat am meisten Erfahrungen gesammelt mit der nächtlichen Temporeduktion. Die Stadt hat gemeinsam mit dem Kanton Waadt zwischen Mai 2017 und Juni 2019 auf zwei wichtigen Verkehrsachsen versuchsweise Tempo 30 zwischen 22 und 6 Uhr eingeführt. Auf nächsten März soll die Massnahme nun definitiv gelten – und zwar flächendeckend auf 80 Prozent aller Strassen.

Verschiedene deutsche Städte haben ebenfalls Erfahrungen mit nächtlichem Tempo 30 – etwa Berlin, Frankfurt, Freiburg im Breisgau oder Darmstadt. Auch Zürich hat die Idee schon getestet.

Es handelt sich dabei nicht um fixe Tempo-30-Zonen mit baulichen Massnahmen, sondern lediglich um spezielle Signale, welche die Autofahrer darauf hinweisen. Begleitend dazu hat Lausanne digitale Tempoanzeigen aufgestellt. Detaillierte Messungen und Befragungen von Nutzerinnen und Anwohnern begleiteten den Test und mündeten in eine detaillierte Studie. Eine eigene Website dokumentiert das Projekt.

In der Pflicht zu handeln

«Lärm ist ebenso schädlich wie Luftverschmutzung. Die Behörden sind daher verpflichtet zu handeln», brachte es die Mobilitätskdirektorin der Stadt Lausanne, Florence Germand, auf den Punkt.

Welche Erfahrungen hat die Stadt Lausanne mit Tempo 30 in der Nacht gemacht? Und vor allem: Wie gelang die Zusammenarbeit mit dem Kanton, der in Verkehrsfragen oft andere Interessen hat als die Stadt?

Weniger Lärmspitzen

Die Zahlen sprechen für sich, wie die detaillierte Auswertung von zwei zentralen Strassen in Lausanne zeigt.

Nicht nur der Durchschnittslärm hat sich auf den betroffenen Abschnitten reduziert, auch die Lärmspitzen nahmen deutlich ab. Dieser Lärm von einzelnen Fahrzeugen habe besonders grosse Auswirkungen auf die nächtliche Ruhe und somit den Schlaf der Anwohner.

Die wichtigsten Resultate:

  • Eine signifikante Verringerung des durchschnittlichen Strassenlärms um 2 bis 3 Dezibel.
  • Besonders wichtig: Reduktion der maximalen Lärmspitzen (mehr als 70 Dezibel) um bis zu 80 Prozent.
  • Überhöhte Geschwindigkeiten haben drastisch abgenommen, auch die Durchschnittsgeschwindigkeit tagsüber ging zurück.
  • Die Geräuschwahrnehmung der Anwohner ging um 3 Dezibel zurück, gefühlt sind das 50 Prozent weniger Verkehr.
  • Signifikant positive Auswirkung auf die Lebensqualität.
  • Die Massnahme in der Nacht betrifft nur 10 Prozent des gesamten Verkehrs.
  • 65’000 Personen entlang von Kantonsstrassen könnten in Lausanne profitieren.

Fazit: Tempo 30 nachts sei nicht die einzige Lösung, aber eine sehr wirkungsvolle, günstige und schnell umsetzbare Massnahme.

Es gibt noch Ausnahmen

Auf fast 80 Prozent aller Strassen in der Stadt Lausanne, auf denen bisher Tempo 50 gilt, soll ab März in der Nacht also Tempo 30 herrschen. «Es handelt sich nicht um Tempo-30-Zonen, sondern um Abschnitte mit Tempo 30 mit einem Signal nach jeder Kreuzung», sagt Laurent Tribolet von der Mobilitätsabteilung des Kantons Waadt.

Alle grünen Abschnitte auf der folgenden Karte sind vom neuen Regime betroffen, die roten jedoch nicht. Diese Strassen erfüllen die Kriterien nicht, weil die Emissionsgrenzen nicht überschritten werden oder nicht genug Anwohner betroffen sind:

Wo Tempo 30 in der Nacht in Lausanne bald gilt.

Die Absicht bei Stadt und Kanton ist da, aber ganz in trockenen Tüchern ist die Massnahme noch nicht. Das Projekt muss noch vom städtischen Parlament in Lausanne abgesegnet werden, der Entscheid untersteht dem fakultativen Referendum. Danach wird der Entscheid im kantonalen Amtsblatt publiziert und kann während 30 Tagen beim kantonalen Gericht angefochten werden.

Die Skepsis ist verflogen

Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache, die Stadt Lausanne und der Kanton Waadt stehen hinter der Massnahme – die anfängliche Skepsis ist verflogen.

Vor allem die Autolobby habe Bedenken geäussert bezüglich der Wirksamkeit der Massnahme, so Tribolet. «Die Berufsverbände der Polizei, Feuerwehr und Rettungssanitäter befürchteten zudem, dass ihre Einsätze behindert werden.» Heute beurteilt er die Lage optimistisch: Politik und Vereine würden die Massnahmen inzwischen mehrheitlich unterstützen.

Bisher hat sich nur die Stadt Lausanne am Test beteiligt, Tribolet sagt aber, dass fast 70 Gemeinden im Kanton auf ihrem Strassennetz die Kriterien für Tempo 30 zwischen 22 und 6 Uhr erfüllen würden.

Verkehr betrifft alle Regionen

Zumindest in der Deutschschweiz verläuft in verkehrspolitischen Fragen oft ein Graben zwischen den Interessen der Stadt und des Kantons – Zürich und Luzern können davon ein Lied singen. Nicht so im Kanton Waadt: In Bezug auf Tempo 30 in der Nacht sei die Partnerschaft von Anfang sehr gut gelaufen, bilanziert Laurent Tribolet.

Denn die Zunahme des Verkehrs betreffe nicht nur die Stadt, so Tribolet. «Die Bekämpfung des Lärms ist ein Thema, das alle Städte und Gemeinden betrifft, die unter der Belastung leiden. Der Kanton Waadt weist ein signifikantes Bevölkerungswachstum auf und die Zunahme des Verkehrs betrifft alle Regionen.»

Die Messungen, Resultate und Erfahrungen in Lausanne werden in der ganzen Schweiz aufmerksam beobachtet. «Wir haben die Ergebnisse der Studie an eine Bundesstudie gesendet», sagt Tribolet. Zudem seien die Städte Genf, Freiburg und Zürich interessiert an der Studie aus Lausanne.

Luzern dürfte bald folgen. Und könnte vom gemeinsamen Vorgehen zwischen Stadt und Kanton einiges lernen.

Hinweis: Im ersten Beitrag liest du, wie es um die Chancen von Tempo 30 in der Nacht in Luzern steht.

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4 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 13.11.2019, 15:29 Uhr

    Intelligente Menschen können aus Erfahrungen anderer (zB in Lausanne oder Köniz) etwas lernen, dumme behaupten Unsinniges (zB die Sonne dreht sich um die Erde) und lassen sich durch nichts davon abbringen. Konkret: Lärm schädigt die Gesundheit. Viele Politiker ignorieren das, weil sie meinen, Strassenlärm sei gottgewolltes, unabänderliches Schicksal. Zuerst brauch es den Willen, den Lärm zu reduzieren. Dann wählt man die besten Maßnahmen aus und setzt sie um. Heute gäbe es eine Vielzahl von technischen Möglichkeiten zur Durchsetzung der Ĺarmreduktion. Aber sich dumm und unwissend zu stellen, ist für viele die bequemste Lösung.

  2. Walter Albrecht, 12.11.2019, 14:33 Uhr

    Es gibt noch etwas, was Luzern von Lausanne lernen könnte: den Bau einer Metro

    1. Dick de Jong, 13.11.2019, 08:04 Uhr

      Bravo! Und der Metro macht kein Lärm also noch besser! Aber eben unsere Grüne Stadtrat, will keine Lösungen. Sie will nur das Auto abschaffen!

    2. Patrick, 13.11.2019, 09:14 Uhr

      Guter Kommentar. Anstatt mit allen möglichen fadenscheinigen Argumenten den Autoverkehr zu gängeln, würde man sich besser mit handfesten Lösungen befassen. Eine U-Bahn für Luzern und Agglomeration würde die meisten in der Region Verkehrsprobleme lösen und ist mehr als überfällig.
      Abgesehen davon fährt jedes Auto (auch Automatik) bei 30 km/h mindestens einen Gang tiefer als bei 50 km/h (= mehr Lärm und Verbrauch). Mit nachhaltig hat das also nichts zu tun. Nur mit linkem Kindergarten.