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Was kann das Rontal aus dem gescheiterten MParc-Projekt lernen?
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Lauschen dem Ebikoner Architekten Gerold Kunz: Andreas Gyger von der Migros (ganz links), Kommunikationsexperte Werner Schaeppi (Mitte) und Immobilienentwickler Nils Lehmann (rechts). (Bild: jwy)

Die Herausforderungen im Gebiet Luzern Ost Was kann das Rontal aus dem gescheiterten MParc-Projekt lernen?

5 min Lesezeit 22.05.2019, 23:57 Uhr

Das Gebiet Luzern Ost mit seinen sieben Gemeinden ist durch eine gigantische Verkehrsachse geprägt. Das ist nicht nur negativ, wie eine Diskussion von Experten zeigte. Und es führt zu spannenden Fragen: Wie müssen die anstehenden Mega-Projekte damit umgehen? Und was müssen sie besser machen als die vom Volk abgeschmetterte MParc-Überbauung?

Das häufigste Worte des Abends: Bandstadt. Dies war das Bild, das immer wieder herhalten musste, wenn vom Rontal die Rede war. Ein Siedlungsgebiet, das sich wie ein Wurm entlang einer Verkehrsachse zieht. Willkommen in der Welt von Luzern Ost.

Die Architektenfachgruppe SIA Zentralschweiz hat am Mittwochabend zum Podium geladen, um über «Zwischenstadtundland» zu reden, so der Titel der Veranstaltung zu Luzern Ost. Rund 70 Anwesende, vornehmlich aus der Architekturbranche, versammelten sich im Laboratorium Luzern.

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Eine Region und ihr Highway

Im riesigen Konstrukt Luzern Ost ist mit seinen sieben Gemeinden alles dabei – von Ebikon mit 13’300 Einwohnern bis Honau mit gerade mal 380. Was sind also die Ansprüche an dieses höchst heterogene Gebiet, das in den nächsten Jahren von rund 30’000 auf fast 39’000 Einwohner wachsen soll?

Der Charakter des Rontals ist geprägt durch die Hauptstrasse K17, die sich fast schnurgerade vom Maihof bis nach Gisikon zieht. Ein Highway, der Fluch und Segen gleichzeitig für das Gebiet ist. Eine einzige Stadt entlang eines Boulevards – eine Bandstadt eben.

Der Verkehr ist denn auch das dominierende Thema, wenn’s um Luzern Ost geht: Bis 2030 wird mit einer Zunahme von 39 Prozent gerechnet (zentralplus berichtete). Dieses Wachstum soll nicht mit zusätzlichen Autos aufgefangen werden, sondern mit ÖV und Velos, so schreibt es das Verkehrskonzept vor.

Zentrum. Ebikon. Ebikon lebt. Luzern

Das Zentrum von Ebikon ist vor allem: eine Strasse.

(Bild: zvg)

Entlang der Topografie

Der Ebikoner Architekt Gerold Kunz, der die alte Idee der Bandstadt wieder aufs Tapet brachte, plädiert für Respekt gegenüber der Strasse, wie er in einem Manifest für das Gebiet festhält. «Die Strasse gibt Ebikon grossartige Räume, die wieder wachgeküsst werden müssen», sagte er. Eine Strasse bedeute auch Leben, und biete für Ebikon gewaltige Dimensionen.

Der Boulevard, der über Ebikon hinausgeht, folge dem natürlichen Terrainverlauf, den Kuppen und topografischen Begebenheiten, so Kunz. Das müsse man in der Planung von Ebikon aufgreifen.

Was hat Luzern Ost zu bieten?

Eine solch schmeichelhafte Umschreibung der Strassenstadt Ebikon hatte man lange nicht mehr gehört, meist wird die dominante Verkehrsachse als Defizit empfunden, von der sich die Bauten mit Lärmschutzwänden abwenden.

Auch in der sonstigen Entwicklung liegt der Osten nicht gleich im Fokus wie der Norden und Süden von Luzern, die sich mit einer schier unheimlichen Kadenz entwickeln – Mattenhof, Schweighof, Seetalplatz.

«Da müssen wir als Immobilienanbieter reagieren.»

Nils Lehmann, Amag-Areal

Im Rontal gibt’s die Mall of Switzerland und eine von der Bevölkerung abgelehnte MParc-Überbauung (zentralplus berichtete). Und sonst?

Amag setzt auf autoarme Siedlung

Die Bewährungsprobe, sprich eine Volksabstimmung, noch vor sich hat die Überbauung auf dem Amag-Areal Sagenmatt in Ebikon. Projektleiter Nils Lehmann ist sich dessen bewusst und plant darum auf dem ehemaligen Garagenareal mit 260 Wohnungen «die ganze Bandbreite des Lebens».

Ähnlich wie bei der Matteo-Überbauung beim Mattenhof Kriens sind Mobilitätslösungen Teil des Konzepts. Es wird auf eine Klientel ohne Autos gesetzt, mit Carsharing und Mobilitätsgutscheinen. «Da verändert sich etwas, und da müssen wir als Immobilienanbieter reagieren», sagte Lehmann. Ein unerwartetes Konzept eines Unternehmens, das sein Geld mit Autoverkäufen verdient.

Auch Lehmann sieht die Strasse in Ebikon als Lebensader: «Ohne Mobilität kein Leben.» Und er musste mit einem Schmunzeln zugeben, dass die 0,6 Parkplätze pro Bewohner eine Vorgabe des Kantons sind, an die sich die Amag halten muss.

Moderatorin Laura Iseli und die Diskussionsrunde mit Max Hess (Gemeindepräsident Dierikon), Andreas Gyger (Projektleiter MParc-Areal), Werner Schaeppi (Kommunikationsfachmann), Gerold Kunz (Architekt) und Nils Lehmann (Projektentwicklung Amag-Areal).

Moderatorin Laura Iseli und die Diskussionsrunde mit Max Hess (Gemeindepräsident Dierikon), Andreas Gyger (Projektleiter MParc-Areal), Werner Schaeppi (Kommunikationsfachmann), Gerold Kunz (Architekt) und Nils Lehmann (Projektentwicklung Amag-Areal).

(Bild: jwy)

Parkplätze als Kritikpunkt

Bei der gescheiterten MParc-Überbauung Qube waren gerade die 0,6 Parkplätze einer der Kritikpunkte, wie ein skeptischer Ebikoner aus dem Publikum anmerkte.

Der Ball war bei Andreas Gyger, Projektleiter der MParc-Überbauung. Er glaubt, dass die künftigen Bewohner von Ebikon diese Vorgaben verstehen werden. Zudem war das Nein seiner Meinung nach auch eine Folge davon, dass mit dem MParc ein gut funktionierender Fachmarkt aufgegeben wurde. «Da kamen viele emotionale Geschichten zusammen.»

Näher am Puls in Dierikon

Kommunikationsfachmann Werner Schaeppi glaubt, dass die Bewohner Ebikon halt immer noch primär als Dorf mit Zentrum sehen – und weniger als Teil dieser Bandstadt. «Bei neuen Entwicklungsprojekten haben wir einen extremen Erklärungsbedarf – die Identität ist entscheidend», sagt er. Parkplatzvorgaben und Hochhäuser seien den Ebikonern noch nicht geheuer.

«Wir sind ein urbaner Raum, ob wir wollen oder nicht.»

Max Hess, Gemeindepräsident Dierikon

Max Hess, Gemeindepräsident von Dierikon, sieht das in seiner Gemeinde entspannter. Er sei viel näher an seinen 1’500 Einwohnern. «Die Leute kommen mit ihren Anliegen auf uns zu», sagte er. Zudem spüre man den Puls der Leute an den Gemeindeversammlungen viel besser als bei Urnenabstimmungen – auch wenn in Dierikon kaum je mehr als 100 Leute anwesend seien, wie er zugab.

Auch in Dierikon ist mit dem Rontalzentrum auf einer Industrieparzelle ein grosses Projekt mit 380 Wohnungen und Hochhäusern geplant (zentralplus berichtete). Die Abstimmung ist wegen Einsprachen kürzlich vertagt worden, man sucht das direkte Gespräch. Auch für ihn führt aber kein Weg an einer gemeinsamen Vision für das Rontal vorbei. «Wir sind ein urbaner Raum, ob wir wollen oder nicht, das ist eine Generationenfrage.»

Das Kleine nicht vergessen

Die Diskussion unter der Leitung der Soziologin Laura Iseli drehte sich vornehmlich um diese Grossprojekte – und darum, wie sie dem alteingesessenen Dörfler nahegelegt werden können, um es überspitzt auszudrücken. Es ging um Berge von Masterplänen, Zonenänderungen und Bewilligungen.

Um noch einmal auf das Bild der Bandstadt zurückzukommen, sagte Andreas Gyger etwas Bemerkenswertes: «Ich habe fünf Jahre mit Projektentwicklern zusammengearbeitet und habe den Begriff nie gehört – das ist erstaunlich.»

Fazit: Die Investoren haben zwar mit ihrem Areal das Beste im Sinn, aber noch zu wenig die Öffentlichkeit im Blick – die Entwicklungspläne kommen zu wenig bei der Bevölkerung an. «Das ist schwierig und aufwendig, viele sind sich das nicht gewohnt», sagte Werner Schaeppi.

Und Gerold Kunz hätte sich eine Diskussion abseits der Leuchtturmprojekte gewünscht: «Es gibt viel Kleines, das genauso wichtig ist. Man müsste der Bevölkerung auch sagen, was die Projekte im Kleinen bringen.»

An der nächsten Veranstaltungen der Architektenfachgruppe SIA Zentralschweiz geht’s um Luzern Nord (21.8.) und Luzern Verkehr (23.10.). Jeweils 19 Uhr im Laboratorium Luzern (EWL-Areal vis-à-vis Neubad).

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