«Was in Zürich passiert ist, macht mir echt Angst»
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Nach einem Fall in Zürich stehen die Nachtclubs im Visier möglicher Einschränkungen. (Symbolbild: zvg) (Bild: zvg)

Luzerner Regierung zu Corona-Hotspots in Clubs «Was in Zürich passiert ist, macht mir echt Angst»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 29.06.2020, 19:11 Uhr

Der sorglose Umgang von Zürcher Partygängern mit dem Coronavirus befeuert die Debatte um neue Einschränkungen. Im Kanton Luzern sollen Clubs vorerst offen bleiben. Der Regierungsrat ist aber bereit, im Fall eines lokalen Hotspots einen Betrieb zu schliessen oder sogar einen ganzen Ortsteil abzuriegeln.

Die Corona-Fallzahlen sind in den letzten Tagen stetig gestiegen. Und mit ihnen die Sorge vor einer zweiten Welle. Zu reden gibt vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass Partygänger gleich an mehreren Orten die Corona-Massnahmen nicht eingehalten haben. Die sind simpel: Maximal 300 Besucher pro Abend, alle müssen ihre Kontaktangaben hinterlassen.

In einem Zürcher Club hat eine Person mindestens fünf Menschen angesteckt. In einer Aargauer Bar hat sich laut Medienberichten sogar ein Ausbruch mit rund 20 Infizierten ereignet. Als die Behörden im Zürcher Fall die anderen Clubgänger kontaktieren wollte, zeigte sich: Viele von ihnen haben falsche Mailadressen und Telefonnummern angegeben, was das Nachverfolgen der Infektionsketten verunmöglicht.

«Was in Zürich passiert ist, macht mir echt Angst», sagt der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf (CVP). Sollte sich ein solcher Ausbruch samt falschen Angaben in Luzern ereignen, würde er nicht zögern, das Lokal zu schliessen. Der Regierungsrat stellte am Rande der Corona-Session des Kantonsrats diesen Montag klar: «Solange sich die Clubs an die Spielregeln halten, sind wir daran interessiert, sie offen zu halten. Aber das bedeutet: Wir brauchen verlässliche Angaben zu den Kontaktdaten.» 

Tricksen die Clubs?

Der Zürcher «Superspreader-Fall» kam auch in der Corona-Debatte des Kantonsrats zur Sprache. SP-Präsident David Roth mutmasste, dass manche Clubs tricksten, um möglichst viele Besucher reinlassen zu können. Konkret berichtete er von einem Türsteher, der die Partygänger beim Verlassen des Clubs habe zählen müssen, um gleich vielen neuen Gästen den Eintritt zu ermöglichen. «Das ist nicht Sinn und Geist dieser Massnahme», sagte Roth.

Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf.

Um der Bevölkerung den Ernst der Lage bewusst zu machen, müsse der Kanton klarsstellen, in welchem Fall weitere Einschränkungen drohten. Auch FDP-Kantonsrat Stephan Betschen sagte, er verfolge die aktuelle Diskussion hinsichtlich einer zweiten Welle mit Besorgnis. Er forderte Massnahmen, um eine solche zu verhindern, und wollte wissen, wie der Regierungsrat das Einhalten der Vorgaben überprüfe.

Szenarien für lokale Ausbrüche

Guido Graf betonte, dass man weiterhin Kontrollen durchführe und falls nötig auch Betriebe schliessen werden. Die Kantone können seit kurzem zudem auf lokale Gegebenheiten reagieren und eigene Einschränkungen erlassen. Der Bund betonte nach einem Treffen mit den Kantonen diesen Montag, dass es Aufgabe der Kantone sei, neue Infektionsfälle schnell zu identifizieren und zu isolieren. Ebenso müssten sie mögliche «Hotspots» erkennen und Übertragungsketten frühzeitig unterbrechen.

«Wir sind vorbereitet für eine allfällige zweite Welle.» 

Guido Graf, Regierungsrat

In Luzern ist man laut Regierung dafür gewappnet. «Wir haben drei Szenarien vorbereitet, wie wir bei einem punktuellem Ausbruch reagieren würden», sagte Guido Graf. Zum Beispiel: Wie man ein ganzes Mehrfamilienhaus unter Quarantäne stellen würde, sollte dort ein Infektionsherd festgestellt werden. Oder wie man vorginge, wenn sich in einem Grossbetrieb in der Lebensmittelbranche viele Menschen anstecken würden – der Fall der Fleischfabrik Tönnies in Deutschland lässt grüssen.

Man könnte sogar reagieren, wenn ein ganzer Ortsteil abgesperrt werden müsste, so Graf. Für einen solch massiven Eingriff bräuchte es aber einen starken und lokalisierten Anstieg bestätigter Coronafälle. Mehr Details wollen der Gesundheitsdirektor, der neue Regierungspräsident Reto Wyss (CVP) und der stellvertretende Kantonsarzt Christos Pouskoulas am kommenden Freitag an einer Medienkonferenz präsentieren.

Kanton ist gewappnet für zweite Welle

Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf versicherte am Montag: «Wir sind vorbereitet für eine allfällige zweite Welle.» Wichtig sei, dass die Schutzmassnahmen weiterhin befolgt würden. Dazu gehört für ihn auch, dass man möglichst im Homeoffice bleibe. Pendler im öffentlichen Verkehr sollen Masken tragen, wenn sie den Abstand nicht einhalten können. Graf hat sich in den letzten Tagen gegenüber einer Maskenpflicht offen geäussert. Gleichwohl sehen die Behörden bislang davon ab.

Das Contact Tracing spiele ebenfalls eine wichtige Rolle, so der Regierungsrat weiter. Weil es aufwändig ist, sei es aber nur machbar, solange die Fallzahlen niedrig blieben. Aktuell befinden sich laut Graf im Kanton Luzern elf Personen in Isolation, 55 sind in Quarantäne.

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1 Kommentare
  1. Peter Bitterli, 29.06.2020, 21:26 Uhr

    Im Kanton Luzern sind bis jetzt 20 Personen im Zusammenhang mit Corona gestorben. Das lässt sich übrigens täglich auf der entsprechenden Seite des Kantons nachlesen. An Corona oder bloss mit Corona. Letzteres bedeutet, dass jemand an irgendetwas gestorben ist, aber kurz vor dem Tod noch positiv auf Corona getestet wurde, wobei die Zuverlässigkeit der Test, die durchaus auch auf andere, „ältere“ Viren des Typs Corona anschlagen, mehr als umstritten ist. Den 20 Toten stehen im Kanton Luzern 754 (29. Juni) positiv Getestete gegenüber. Wir erinnern uns alle noch an die Hotline und die Tipps für‘s zu Hause bleiben ohne Test. Viele Asymptomatische und eben auch Symptomatische wurden also nie getestet. Das ist die böse, böse sogenannte „Dunkelziffer“, die ja in Wirklichkeit eine liebe ist, weil sie nämlich bedeutet, dass die Letalität des Virus noch einmal viel kleiner ist. Es gibt Vermutungen über eine Dunkelziffer, die 10 bis 20 mal höher sein könnte als die Zahl der positiv Getesteten, was natürlich wieder in Relation zur Anzahl der Tests steht. Nehmen wir eine bescheidene Dunkelziffer von 1:5, eine Zahl, unter die kein Fachmann geht, und die auch etwa in Ischgl bestätigt wurde. Dann hätten wir im Kanton Luzern mutmassliche 3770 Infizierte (gehabt). Davon sind 20 gestorben. Das sind ziemlich genau die 0.5 %, die sich inzwischen fast überall abzeichnen. Durch oder mit Virus. Auszusprechen, wer mehrheitlich zum Opfer wird, ist einigermassen tabuisiert, man kann aber wohl davon ausgehen, dass viele der potenziellen Opfer mittlerweile leider schon verstorben sind. Ausserdem hat die Behandlung durchaus bereits Fortschritte gemacht; das Turbo-Intubieren der ersten Wochen ist doch ziemlich out.
    In der Zeit von Corona sterben und starben im Kanton Luzern normalerweise rund 2000 Menschen. Jedes halbe Jahr.

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