«Was ich nicht teilen will? Meine Unterhosen!»
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Mit Jahrgang 1940 ist dieser Mann der älteste Mieter des Hauses. (Bild: wia)

Augenschein in der Steinhauser Riesen-WG «Was ich nicht teilen will? Meine Unterhosen!»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 16.10.2020, 17:30 Uhr

In Steinhausen entsteht eine generationenübergreifende Mega-WG. Am Montag trafen sich die künftigen Mieter zu einem ersten Kennenlernen. Alle legten offen, was sie gern mit der Gemeinschaft teilen möchten. Dabei offenbarten sich mehrere Tabus.

Es ist ein wenig wie an einem Blind Date. Rund ein Dutzend Personen treffen sich an einem Abend Anfang dieser Woche in Steinhausen, erzählen von ihrem Leben, ihren Hobbys und auch, was sie nicht mögen oder ihnen heilig ist.

Nur: Die Teilnehmer des Anlasses sind nicht hier, um die grosse Liebe zu finden. Sie sind gekommen, um ihre neuen Mitbewohner kennenzulernen. Wie? Alle diese Leute? Na und ob. Im März kommenden Jahres werden sie in den Neubau einziehen, in dem auch diese Kennenlernrunde stattfindet. Von über 90 Bewerbern wurden sie für dieses Pionierprojekt ausgewählt. Hinter der geplanten Mega-WG steckt die Genossenschaft für gemeinnützigen Wohnungsbau (Gewoba).

Ein erstes Beschnuppern

Die Idee: Die Mitbewohner verfügen jeweils über eine kleine Wohnung, in welche nur sie Zutritt haben. Die Wohnbereiche, also beispielsweise Küche, Esszimmer, Dachterrasse und Garten werden jedoch mit allen anderen Hausbewohnern geteilt (zentralplus berichtete). In den neun Wohnungen sollen vermehrt Einzelpersonen, aber auch Paare leben.

Teitl gerne: ihre Fähigkeiten im Basteln und Aufstellen von Ikeamöbeln.

Besagter Abend ist für die Anwesenden deshalb aufregend. Ein erstes Mal können sie sich «beschnuppern» und herausfinden, mit wem sie künftig ihren Kühlschrank und in einem nicht unwesentlichen Ausmass auch ihr Leben teilen werden.

«Mein Velo ist so perfekt auf mich eingestellt, dass das einfach mühsam wäre, das wieder anzupassen.»

Eine potenzielle WG-Bewohnerin

Ein Konzept, das nicht jede anspricht und wohl Menschen mit ähnlichen Werten anzieht. Ausnahmslos alle Anwesenden wirken sehr offen gemeinschaftlich orientiert, auch handelt es sich eher um umweltbewusste Menschen. Erkennbar zum einen daran, dass für die künftigen Einwohner der Goldermatterstrasse keine Parkplätze zur Verfügung stehen und nur sehr wenige von ihnen ein Auto besitzen. Zum anderen erkennt man es auch daran, dass das Velo einen immensen Stellenwert für viele einnimmt, wie wir bald erfahren sollten.

Was geteilt wird und was nicht

Die Anwesenden werden an diesem Abend nicht nur erzählen, wer sie sind. Die Gewoba-Geschäftsführerin Esther Keiser hat jeden potenziellen Mitbewohner gebeten, zwei Gegenstände mitzubringen. Einen, den man mit der Gemeinschaft teilen mag und einen, den man lieber ganz für sich hat.

Teilt: Gemüse aus dem Schrebergarten. Teilt ungern: die teuren Velos.

Als unteilbar wird – zur Belustigung aller – das Velo auffällig häufig genannt. «Wohl möchte ich gern meine Rennvelo- und Biketouren mit anderen teilen, doch meine Velos sind sehr teuer, weshalb ich sie nur sehr ungern an die Gemeinschaft weitergebe», sagt eine blonde Frau mittleren Alters. «Mein Velo ist so perfekt auf mich eingestellt, dass das einfach mühsam wäre, das wieder anzupassen», erklärt eine andere Frau den Grund, weshalb sie ihr «pinkes, sehr auffälliges» Velo nicht unbedingt ausleihen will.

Viel Persönliches in kurzer Zeit

Die Aufgabe, die Keiser den Bewohnern gestellt hat, ist eine raffinierte. Damit nämlich erfährt die Gemeinschaft sehr rasch sehr Persönliches über die anderen.

Bei den Dingen, die man ungern teilt, wird neben dem Velo auch die «Alleinzeit» sehr häufig genannt. Denn obwohl alle WG-Willigen durchaus sozial wirken, scheint es vielen ein Anliegen zu sein, auch mal Zeit für sich allein zu haben.

«Wir haben zu allem eine Meinung. Auch wenn es nicht immer die richtige ist.»

Ein möglicher WG-Genosse

So geht es auch der Studentin mit Jahrgang 1999, die ihre Zeit gerne mit Lesen verbringt. Sie ist die Jüngste in der Runde. Als sie darüber spricht, was sie gerne mit der Gemeinschaft teilen mag, hält sie ein Laptopkabel in die Höhe. «Dieses steht stellvertretend für alles, was mit Computern zu tun hat. Ich bin gelernte Mediamatikerin und studiere Wirtschaftsinformatik. Gerne helfe ich euch, wenn ihr technische Probleme habt.»

Altersmässig diametral gegenüber steht ein «Kriegsmodell», wie sich der ältere Herr mit Jahrgang 1940 bezeichnet. Es handelt sich um einen Freund nostalgischer Automobile, der  über zwei Velos, einen Töff und zwei Oldtimer verfügt. «Diese Fahrzeuge möchte ich gerne teilen», sagt er Mann herzlich. «Was ich nicht teilen will, das will sowieso niemand. Das wäre meine Unterwäsche.» Gelächter.

Ein Paar mit medizinischem Hintergrund erteilt gerne Rat. «Wir haben zu allem eine Meinung», sagt der Mann lachend.

Ein Paar um die 50, beides Radiologiefachleute, freut sich, gemeinsam Zeit zu verbringen mit den anderen Mitbewohnern. Als Symbol dafür dient eine Uhr, welche die Frau ums Handgelenk trägt: «Ich trage sonst nie eine.» Der Mann ergänzt: «Was wir gerne ebenfalls teilen: medizinischen Rat. Wir haben zu allem eine Meinung. Auch wenn es nicht immer die richtige ist.»

Die Bernerin braucht länger

Eine «bibliophile Bauerntochter» mit Jahrgang 1967 muss erst ihre Gegenstände suchen, bevor sie von sich erzählen kann. «I be haut e Bärneri», sagt sie entschuldigend. Die ihr zur Verfügung stehenden drei Minuten überzieht sie als einzige. Dafür werden die Zuschauer in diesen Minuten gut unterhalten. Was die Bernerin teilen will: Nostalgische Optima-Wäscheklämmerli aus den 70ern. «Die sind so schön, die muss man fast nutzen. Und wenn sie nur in der Wäscheküche hängen.»

Die alten Wäscheklammern hat die Bernerin von einem Freund erhalten. Kistenweise.

Eine ältere Dame, die bis vor Kurzem in einer WG in Zug gelebt hat, wünscht sich, ihr Bett nicht teilen zu müssen. Der Wunsch kommt nicht von ungefähr, sondern entspringt einer eigens erlebten Situation, in der sie plötzlich eine betrunkene, nackte Frau in ihrem Bett vorfand. «Es handelte sich um die Freundin meines Mitbewohners, die sich in der Türe geirrt hatte.»

Gibt’s schon bald eine WG-Band?

Gerne teilt die ehemalige Musiklehrerin hingegen ihre Instrumente. Das Kleinste, ein Schwyzerörgeli, hat sie mitgebracht. Auch gemeinsames Musikmachen wäre ihr lieb. Und da ist sie nicht die einzige. Auffallend viele der künftigen Mitbewohner spielen ein Instrument. «Das Ensemble hätten wir also schon», sagt jemand lachend, nachdem sich bereits eine Bratschistin, ein Klavierspieler, eine Saxophonistin und eine Bassspielerin geäussert haben.

«Vermutlich wird es anfangs noch etwas chaotisch werden. Das darf es jedoch auch, finde ich.»

Judith Odermatt, Genossenschaft Gewoba

Bei den teils sehr persönlichen Anekdoten, die an diesem Abend zum Besten gegeben werden, wird aufmerksam zugehört. Die Stimmung ist entspannt und vorfreudig. Es scheint, als würden nicht wenige Anwesende am liebsten gleich gemeinsam die Pastamaschine ausprobieren, die eine der jüngeren Mitbewohnerinnen mit der Gemeinschaft teilen möchte. Das gemeinsame Kochen und Essen scheint nämlich bei praktisch allen Anwesenden Priorität zu haben.

Wie viele andere Mitbewohner freut sich diese ehemalige Musiklehrerin aufs gemeinsame Musizieren.

Ein bisschen Chaos ist einkalkuliert

Noch ist nicht alles geregelt fürs künftige WG-Leben. So wird die Gemeinschaft selber entscheiden, wie sie die Räumlichkeiten gestalten will und wie oft man sich für Organisatorisches trifft. «Vermutlich wird es anfangs noch etwas chaotisch werden. Das darf es jedoch auch, finde ich», sagt Judith Odermatt von der Gewoba-Geschäftsstelle.

Bis am 22. Oktober werden sich die potenziellen Einwohner entscheiden, ob sie definitiv in die generationenübergreifende Mega-WG einziehen wollen. Im Dezember folgt ein zweites Treffen. Im März startet dann das Zuger Pionierprojekt. Es ist eines, das dem Kanton Zug guttut und zeigt, dass die perfekte Wohnlösung nicht immer ein schickes Einfamilienhaus sein muss.

Neun Wohnparteien werden dereinst im brandneuen Holz-Beton-Hybridbau leben.

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1 Kommentare
  1. Heinz Gadient, 20.10.2020, 11:19 Uhr

    Spannend. Freue mich auf einen Erfahrungsbericht in ein zwei Jahren.

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