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Was es in den «Geisterhöhlen» am Zuger Lauriedhofweg zu sehen gibt
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Faszinierende Deckenmalerei in einer der Wohnungen am Lauriedhofweg: Josef Furrer führte zentralplus durch die Abrisshäuser. (Bild: woz)

Kuriose Ansichten und Fundstücke in Abrisshäusern Was es in den «Geisterhöhlen» am Zuger Lauriedhofweg zu sehen gibt

6 min Lesezeit 30.09.2018, 05:00 Uhr

Irgendwie mutet das Ganze gespenstisch an. Drei Mietshäuser am Zuger Lauriedhofweg werden demnächst abgerissen. Die Gebäude sind alle leer geräumt, sie warten nur noch auf die Bagger. Dabei stösst man in ihrem Innern noch auf Spuren menschlichen Lebens – wie zentralplus auf einem Rundgang entdeckt hat.

Fensterlos, wie aus tief schwarzen Augenhöhlen, starrt einen die Fassade eines der drei dem Abbruch geweihten Häuser im Zuger Lauriedhofweg an. Betritt man den Wohnblock, kommt man sich tatsächlich so vor, als ob einen jemand in das Höhlenzeitalter der Menschheit zurückversetzt hätte.

Als ob sich ein Mammut den Rücken an den Wänden gekratzt hätte

Es gibt keine Türen mehr. Die Wände aller Wohnungen sind abgewetzt bis aufs Mauerwerk – als ob sich dort ein Mammut den Rücken gekratzt hätte. Die Elektro-Herde wurden aus ihren Verankerungen in der Küchenzeile herausgerissen und stehen wie kalte Feuerstellen im Raum.

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«Die Wände wurden überall abgekratzt, um die Spuren von Asbest in der Wandfarbe zu entfernen», erklärt Josef Furrer, Präsident der Wohnbaugenossenschaft Heimat. Das sei eine aufwendige und mühselige Arbeit gewesen – gerade in der heissen Sommerzeit. Die Männer hätten in Ganzkörperschutzanzügen und bei Unterdruck in den einzelnen Zimmern arbeiten müssen. Auch in der Verankerung der Küchenherde haben die Arbeiter das Asbest beseitigen müssen.

Fast wie steinzeitliche Höhlen sehen die leer geräumten Wohnungen aus, von deren Wänden noch die asbesthaltige Farbe abgekratzt wurde.

Fast wie steinzeitliche Höhlen sehen die leer geräumten Wohnungen aus, von deren Wänden noch die asbesthaltige Farbe abgekratzt wurde.

(Bild: woz)

Erinnern wir uns kurz: Die Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug hat sich vor zwei Jahren entschlossen, die drei Liegenschaften im Lauriedhofweg 12/14, 16/18 und 20a/20b abzureissen und durch drei Neubauten zu ersetzen. Statt den bisher 36 preisgünstigen Wohnungen in den drei Blocks, die 1949 gebaut wurden, entstehen 40 neue Wohnungen – ebenfalls im preisgünstigen Segment (zentralplus berichtete). Kostenpunkt der neuen Arealüberbauung: 20 Millionen Franken.

«Wir haben momentan doppelt so viele Bewerber, wie Wohnungen zur Verfügung stehen.»

Josef Furrer, Präsident der Wohnbaugenossenschaft Heimat

«Der Abriss und der Aushub soll in den ersten zwei Oktoberwochen über die Bühne gehen», sagt Furrer. Im Frühjahr 2019 beginne dann der Neubau. Im Sommer oder Herbst 2020 könnten dann die neuen Wohnungen bezogen werden. «Bis jetzt sind noch keine Wohnungen vergeben, aber wir haben momentan doppelt so viele Bewerber, wie Wohnungen zur Verfügung stehen», sagt Furrer.

Günstiger Wohnraum für Zuger Verhältnisse

Kein Wunder. Zwar sind die Neubauwohnungen deutlich teurer. Aber eine der neuen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen soll ohne Nebenkosten nur 1300 Franken kosten, eine Viereinhalb-Zimmerwohnung 2100 Franken – nach provisorischen und bislang unverbindlichen Angaben. Das ist in der Tat günstiger Wohnraum für Zuger Verhältnisse.

Lustige Parkettbilder.

Lustige Parkettbilder.

(Bild: woz)

Doch zurück zum Rundgang durch die Abrisshäuser. In einigen der «Höhlenwohnungen» gibt es sogar Deckengemälde zu bestaunen. Und Fussbodenzeichnungen – fast so schön wie die weltbekannten steinzeitlichen Höhlenmalereien im französischen Lascaux.

«Luis, Dich hämmer gern.»

Beschriftung am Türpfosten zum Kinderzimmer

Während in einer Wohnung ein blaues Wesen im Stile eines Franz Marc über die Decke zu schweben scheint, hat in einer anderen Wohnung der Grafiker, der dort wohnte, seine ganze Wohnung über die Jahre hinweg mit einem grafischen Orientierungssystem und Textbotschaften ornamentiert.

Am Türpfosten zum Kinderzimmer prangt etwa eine Liebeserklärung an Sohn Luis: «Luis, Dich hämmer gern.» An der Decke im gleichen Raum steht schwarz auf weiss eine Warnung an den Sohnemann, ja nicht die Deckenlampe anzufassen («Nöd alange, das isch gföhrlich.») Irgendwie herzig.

Poppige Wandmalerei in der Küche.

Poppige Wandmalerei in der Küche.

(Bild: woz)

Ganz kryptisch wird es in einem der Zimmer auf dem Parkett. Dort sind nicht nur lustige Umrisse von rauchenden und riechenden Füssen aufgezeichnet – mit Grösse 42 1/2 und 44 1/2. Ein Sammelsurium an grotesken Bildern und mathematischen Formeln macht einen glauben, als ob ein esoterisch veranlagter Leonardo da Vinci sich hier Gedanken über die Weltläufte gemacht hätte.

«Hitler, schlaf mit mir!»

In der Wohnung mit dem blauen Wesen an der Decke hängt in der Küche schon fast romantisch ein vergessenes Kinoplakat zu Quentin Tarantinos «Pulp Fiction». Weniger schön und schon grotesk wirkt dagegen der irrsinnige Schriftzug an der Badezimmertür: «Hitler, schlaf mit mir!»

«Einige dieser Wohnungen wurden am Ende nur noch zwischenvermietet, bis im Mai dieses Jahres alle Wohnungen geräumt werden mussten», erklärt Josef Furrer. Der Präsident der Wohnbaugenossenschaft Heimat hat seine eigene Wohnheimat schon seit 35 Jahren im Nachbargebäude gefunden, wo auch das Büro der Wohnbaugenossenschaft ihren Sitz hat.

Kein Gefängnis mit hartem Etagenbett: In den Holzgestellen lagerten die Bewohner Kartoffeln, Obst und andere Lebensmittel.

Kein Gefängnis mit hartem Etagenbett: In den Holzgestellen lagerten die Bewohner Kartoffeln, Obst und andere Lebensmittel.

(Bild: woz)

Weiter geht’s in den Keller. Dort sehen manche der Räume mit dem Guckloch in der Holztür auf den ersten Blick wie Gefängniszellen aus – wirken doch die riesigen Holzgestelle wie harte Pritschen, deren Matratzen für die Häftlinge abhanden gekommen zu sein scheinen. «Das sind Behälter für Gemüse und Kartoffeln gewesen», klärt Furrer auf. Vorratshaltung der einfachen Art.

Vorsintflutliche Trocknertrommel

In einer der Waschküchen steht noch eine vorsintflutliche Trommel von V-Zug zum Wäschetrocknen. Sie würde sicher noch funktionieren – doch die Stromkabel wurden alle längst gekappt. Auch die Klingeln an den Haustüren schrillen nicht mehr. Dafür zeigt der Plan an der Waschküchentür noch, wer hier wann genau waschen konnte.

«Hier haben die Bewohner sicher nur Sachen aufbewahrt, die sie ganz selten brauchten.»

Josef Furrer

Auf dem Dachboden schliesslich, den man über eine schmale, ausziehbare Holztreppe erreicht, starren einen lauter leere Bretterverschläge an. Sogar einen kleinen Platz zum Wäscheaufhängen gabs hier oben. Sehr gemütlich – vor allem der warme, trockene Holzgeruch. «Hier haben die Bewohner sicher nur Sachen aufbewahrt, die sie ganz selten brauchten», meint der 73-Jährige und lächelt.

Abmontierter Temperaturmesser im Heizungskeller.

Abmontierter Temperaturmesser im Heizungskeller.

(Bild: woz)

Zurück im Erdgeschoss befällt einen irgendwie die Wehmut. Das Haus hat wie die beiden anderen gerade mal 68 Jahre auf dem Buckel. Die Steintreppen wirken überhaupt nicht ausgetreten. Von aussen sehen die drei Gebäude, die in den 80-er und 90-Jahren saniert wurden, noch bestens aus.

«Man darf nicht vergessen, dass früher viel schneller gebaut werden konnte als heutzutage», erinnert sich Furrer. Das Baugesuch sei damals Ende März 1949 bei der Stadt Zug eingereicht worden, und mit dem Bau konnte im Juli des gleichen Jahres begonnen werden. Am 12. September 1949 fand das «Aufrichte-Möhli» statt, und am Ende des gleichen Jahres konnten die 36 Wohnungen grösstenteils bezogen werden. Furrer: «Die Baukosten für diese dre Mehrfamilienhäuser betrugen damals noch 1’451’340,34 Franken.» Kaum zu glauben.

Die Stadtbildkommission hatte auch noch ein Wörtchen mitzureden

Beim Neubau wartete die Wohnbaugenossenschaft rund acht Monate auf die Baubewilligung. Furrer: «Es mussten Brandschutzbestimmungen erfüllt werden, es gab die erwähnte Schadstoffuntersuchung, und am Ende hatte auch noch die Stadtbildkommission in Sachen Farbgestaltung der Fassade und Dachbegrünung ein Wörtchen mitzureden.»

Trotzdem freut sich Furrer und mit ihm natürlich die rund 240 Mitglieder der Wohnbaugesnossenschaft auf die Neubauten. Sagts und schliesst die Türen der Abrisshäuser wieder. Die Bagger werden bald kommen. 

Von aussen sehen die dem Abriss geweihten Häuser anno 1949 teilweise noch sehr intakt aus.

Von aussen sehen die dem Abriss geweihten Häuser anno 1949 teilweise noch sehr intakt aus.

(Bild: woz)

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