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Was ein «Eidgenössisches» noch nachhaltiger machen könnte
  • Gesellschaft
Ein Feldstecher hilft beim Zuschauen: Einigen Besuchern des ESAF 2019 in Zug war die Arena und das Festgelände zu gross. (Bild: Andy Mettler)

Mehr Veggie-Burger und Zugtickets inklusive Was ein «Eidgenössisches» noch nachhaltiger machen könnte

6 min Lesezeit 07.05.2020, 21:13 Uhr

Die Veranstalter des ESAF 2019 in Zug zeigen auf, wie man eine Grossveranstaltung noch umwelt-, wirtschafts- und gesellschaftsfreundlicher ausrichten könnte. Den möglichen Besuchern wird einiges an geistiger Regsamkeit abverlangt – zumindest, was das Essen betrifft.

Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF) 2019 in Zug war gemäss Untersuchungen nicht nur klimaneutral, sondern stiess sich auch höchste  gesellschaftliche Akzeptanz und löste eine für ein Schwingfest rekordverdächtige Bruttowertschöpfung aus (zentralplus berichtete).

Dies ist das Fazit der Organisatoren, die am Donnerstag in Zug den Nachhaltigkeitsbericht zum ESAF vorstellten. Er ist nach dem Buch «Königsfest» als zweiter Teil des Schlussberichts zum Megaevent vom letzten August gedacht (zentralplus berichtete).

42 Prozent der Wertschöpfung fielen vor Ort an

Interessant dabei sind die Ideen, wie man ein fast perfektes Grossereignis noch besser machen könnte. Der Reihe nach: Bei der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit werden keine Verbesserungsvorschläge gemacht. Hier war das Ziel, das «Eidgenössische» zum Rentieren zu bringen und möglichst viel von der Wertschöpfung in der Umgebung zu erzeugen.

Das ist gelungen – 42 Prozent oder 35 Millionen Franken fielen direkt oder indirekt im Kanton Zug an. In Burgdorf 2013 war dieser Anteil an unmittelbarer regionaler Wertschöpfung noch ein wenig höher gewesen, allerdings waren damals noch weniger ökonomische Anstrengungen nötig, da das ESAF vor sieben Jahren kleiner war.

Glückliche Helfer, begeisterte Athleten

In Zug hatte man sich ausserdem zum Ziel gesetzt, eine Stiftung einzurichten und den regionalen Schwingsport zu fördern. Beides hat ohne Probleme geklappt. Wobei für die Zukunft die Zeichen eher auf einer Verkleinerung von Budget und Schwingfest stehen, wie wir noch sehen werden.

Wurst war auch in der Gabenbeiz Trumpf.

Das Organisationskomitee hat einen grossen Aufwand betrieben, um eine gesellschaftliche Nachhaltigkeit beziehungsweise Zustimmung zu erreichen. Durch Infoveranstaltungen für die Helfer schaffte man es, dass diese geradezu euphorisiert an ihre Ordnungs- oder Aufräumarbeiten gegangen sind – und sich zu 97 Prozent glücklich oder stolz darüber schätzten. Ebenso haben nahezu alle Athleten das ESAF nur in allerbester Erinnerung behalten, wie eine Umfrage ergeben hat.

Nicht alle hatten Geduld zum Warten

Laut ESAF-Geschäftsführer Thomas Huwyler wurden die Ein- und Anwohner von Zug an rund 200 Anlässen informiert – mit dem Resultat, dass sie sich ebenfalls sehr gut mit dem Ereignis arrangieren konnten.

«Die Grösse der Schwing-Arena wurde von 67 Prozent als gerade richtig empfunden. 27 Prozent fanden sie zu gross.»

Thomas Huwyler, ESAF-Geschäftsführer

Bei der Analyse der Zufriedenheit nach verschiedenen Parametern wurde deutlich, was auf Kritik stösst. Etwa fünf Prozent der Besucher konnten sich mit dem Depotsystem auf Flaschen und Gläser nicht anfreunden, gleich vielen war die Wartezeit am Verpflegungsstand zu lang.

Kritische Grösse ist wohl erreicht

Klar: Es war eine kleine Minderheit. Doch ein Punkt stiess auf eine wesentlich differenziertere Beurteilung: Die pure Grösse dieser Veranstaltung der Superlative. 35 Prozent der Besucher erachteten die Grösse des Festgeländes als kritisch. Für 9 Prozent war es viel zu gross, 26 Prozent empfanden es als eher zu gross. «Die Grösse der Schwing-Arena wurde von 67 Prozent als gerade richtig empfunden», sagt Huwyler. «Aber 27 Prozent fanden auch sie zu gross.» Die Verteilung der Menschenmassen auf dem Gelände wurde teils ebenfalls bemängelt.

Die imposante Arena des «Eidgenössischen» in Zug.

Huwyler weist darauf hin, dass die Nachfrage nach Tickets seitens der Öffentlichkeit «enorm» gewesen sei. Dennoch scheint offensichtlich, dass sich die Schwingerfreunde in Zukunft auch mit einem «Eidgenössischen» in einem kleineren Rahmen anfreunden könnten.

Wasser für Uganda, Bäume für Nicaragua

Ein wichtiges Kriterium fürs OK war das Erreichen der Klimaneutralität. Ein Anlass mit 420’000 Besuchern ist indes immer mit Emissionen verbunden, sodass CO2-Kompensationen nötig wurden. Neben regionalen Projekten wird ein Aufforstungsprojekt in Nicaragua unterstützt. Ausserdem ein Trinkwasserprojekt für Schüler in Uganda. Dort muss nun weniger Holz verbrannt werden, um das Wasser abzukochen.

Der Leiter der Stabsstelle Nachhaltigkeit im OK, Andreas Lustenberger, hat einen beachtlichen Aufwand betrieben, um Emissionen zu vermeiden. Im Nachhaltigkeitsbericht bewertet er die Massnahmen auch gleich auf ihre Zukunftstauglichkeit.

Nicht der Alkohol ist das Problem, sondern das Fleisch

In Sachen ökologischer Fussabdruck der bedeutendste Faktor war nicht der Verkehr, da die allermeisten Besucher mit dem öV anreisten – sondern die Verpflegung, die zu 100 Prozent aus der Schweiz kam. Sorgen bereiten weniger die 264’000 Liter Bier, 28’100 Liter Wein und 5’400 Liter Schnaps, die konsumiert wurden, sondern die warmen Mahlzeiten, die bei einem «Eidgenössischen» sehr, sehr fleischlastig sind.

«Nachhaltigkeit wird für uns in Zukunft ein wichtiger Aspekt bleiben.»

Rolf Gasser, Geschäftsführer des Eidgenössischen Schwingerverbands

Würden alle warmen Hauptmahlzeiten am ESAF vegetarisch sein, so hat die Stabstelle Nachhaltigkeit errechnet, «könnten knapp 17 Prozent der CO2-Emmissionen des gesamten Fests eingespart werden». Dort liege daher der grösste Hebel zu einer Verbesserung des ökologischen Fussabdrucks.

Nun ist es wohl illusorisch, die Schwingerfreunde von ihrem kalten Plättli oder dem Verzehr von Bratwürsten abbringen zu wollen. Aber ein paar attraktive vegetarische Angebote mehr würden laut Lustenberger schon viel bringen.

Kurze Wege zur Rücknahme von Depot

Weiter empfehlen Lustenberger und seine Mitstreiter den künftigen Veranstaltern von Schwingfesten das Depotsystem beizubehalten – und einen Ausbau zu prüfen. Bekanntlich verwenden bereits viele Musikfestivals Mehrweggeschirr.

Auch könnten bei künftigen Schwingfesten die Rücknahmestände besser platziert werden. Die Besucher laufen nicht gern mit der Depotware über weite Entfernungen – also braucht es mehr Stände an Stellen, wo viele Leute vorbeikommen sowie bei oder in den Festzelten.

Mehr Maschinen mit Elektromotor

Zum Verkehr: Das OK wollte erreichen, dass 80 Prozent der Besucher mit dem öffentlichen Verkehr anreisen. Es waren zwar nur 79 Prozent, aber viele Autofahrer parkierten ihr Vehikel bei Bekannten in der näheren oder weiteren Entfernung von Zug und legten die letzten Meilen mit Bus und Bahn zurück. Daher werde dringend empfohlen, bei Grossveranstaltungen darauf zu achten, dass die Anreise mit dem öV aus der ganzen Schweiz immer im Ticketpreis inbegriffen sei, meint Lustenberger.

ESAF-Nachhaltigkeitschef Andreas Lustenberger mit Partnerin auf dem Festgelände letzten August.

Weitere Verbesserungsvorschläge für Grossveranstaltungen der Zukunft sind eine noch höhere Wiederverwertung der Materialien, ein noch konsequenterer Bezug zur nächsten Umgebung und eine noch genauere und knappe Planung. Wichtig bleibt der Einbezug von Sponsoren bei der Abfallvermeidung. Ausserdem sollten zum Abbau und Aufbau der Einrichtungen mehr Maschinen und Fahrzeuge mit Elektro- statt mit Verbrennungsmotoren verwendet werden.

«Verbessert die Qualität des Fests»

Das grösste Anliegen der Organisatoren des «Eidgenössischen» in Zug ist indes ein banales: Dass Überlegungen zur Nachhaltigkeit auch im Schwingsport zum Standard werden. Er sei am Anfang ein wenig skeptisch gewesen, ob alles wie vorgesehen umsetzbar sei, sagt OK-Chef Heinz Tännler. Jetzt sei er vom Gedanken und von seiner Realisierbarkeit unbedingt überzeugt. «Ein Nachhaltigkeitskonzept verbessert die Qualität eines Fests.»

Was hält der Eidgenössische Schwingverband von der Analyse des Zuger OK? «Nachhaltigkeit wird für uns auch in Zukunft ein wichtiger Aspekt bleiben», sagt Geschäftsführer Rolf Gasser. Aber Eidgenössische Schwingfeste werden in Zukunft nicht nur an Verkehrsknotenpunkten stattfinden. «Jede Region in der Schweiz soll ein «Eidgenössisches» ausrichten können und dem Anlass seinen speziellen Charme verleihen», so Gasser.

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