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Was die Präsidentin von Pro Bahn zur SBB-Krise sagt
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Beim Ziel seien sich alle einig, sagt Karin Blättler: «Eine funktionierende SBB.» (Bild: les)

Luzernerin Karin Blättler will keine Nörglerin sein Was die Präsidentin von Pro Bahn zur SBB-Krise sagt

6 min Lesezeit 2 Kommentare 24.11.2019, 05:00 Uhr

Einst war das ganze Land stolz auf die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Mittlerweile liest man beinahe täglich Negativschlagzeilen. Karin Blättler, Präsidentin von Pro Bahn, ist froh, sind die Probleme endlich an die Oberfläche gekommen sind. Und sie macht einen radikalen Vorschlag bezüglich Ticketpreisen.

«Die SBB befindet sich in einer Krise», sagt Karin Blättler, Präsidentin von Pro Bahn Schweiz und Pro Bahn Zentralschweiz. Die 56-jährige Unternehmerin ist derzeit omnipräsent. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei Pro Bahn beansprucht wöchentlich zwischen 15 und 20 Stunden. Nichtsdestotrotz nahm sich die Geschäftsführerin einer Klinik für Wach- und Schlafmedizin für zentralplus 30 Minuten Zeit, um über die Probleme der SBB zu sprechen – und Lösungen aufzuzeigen.

zentralplus: Karin Blättler, an Ihrer Medienpräsenz kann man wohl abmessen, in welchem Zustand sich die SBB befindet.

Karin Blättler: Ich denke, wir haben endlich erreicht, dass die Verantwortlichen der SBB Eingeständnisse machen mussten. Es war unser oberstes Ziel, dass man endlich über die Probleme der SBB spricht. Denn wir haben seit Jahren darauf hingewiesen.

zentralplus: Wo orten Sie die grössten Probleme?

Blättler: Das Rollmaterial, die Sicherheit, das fehlende Personal oder die Verspätungen. Anfangs wurden wir belächelt, dann kam eine Phase des Schönredens und jetzt sind wir in einer Phase der «Ausnahmefälle» angelangt. Aber es sind längst keine Ausnahmen mehr. Die SBB steckt in einer Krise. Und unser Fokus ist, wieder aus dieser Situation herauszukommen. Dass es einen Todesfall brauchte, der den Stein ins Rollen brachte, bedauern wir ausserordentlich.

zentralplus: Defekte Türen, stinkende Abteile: Die Liste liesse sich verlängern. Sind die Kunden sensibler geworden oder liegt ein Versagen seitens des SBB-Managements vor?

Blättler: Bestimmt wird heute viel mehr über die Zustände berichtet. Die Fehlertoleranz ist gesunken und vieles wird über die Medien ausgetragen, was der Lösung der Probleme nicht immer förderlich ist. Aber klar sind viele Fehler passiert. Nehmen wir die fehlenden Lokführer oder den Zustand des Rollmaterials. Das ist nicht von heute auf morgen passiert. Diese Probleme haben sich über Jahre akzentuiert.

zentralplus: Welche Rolle spielt die Politik?

Blättler: Auch hier kann ich kein gutes Zeugnis ausstellen. Sowohl das Bundesamt für Verkehr wie auch alt Bundesrätin Doris Leuthard sind nicht frei von Schuld. Spannungen zwischen der Führungsspitze der SBB und dem Bundesamt für Verkehr sind offensichtlich.

zentralplus: Was sollte die Politik tun?

Blättler: Das ist eine Gratwanderung. Alt Bundesrätin Doris Leuthard liess die SBB gewähren in ihrem Drang zur Digitalisierung. Man kann ein solches Unternehmen selber agieren lassen, aber wenn sich grosse Problemfelder auftun, muss man eingreifen.

«Wir haben ein Problem und jetzt müssen wir miteinander da durch.»

zentralplus: Was heisst das konkret?

Blättler: Es bräuchte aus unserer Sicht heute ein Gremium mit Vertretern der Politik, von Gewerkschaften und allen Beteiligten, in dem man sich an einen Tisch sitzt und sagt: Das sind unsere Baustellen und so können wir einander helfen. Man muss relativ schnell eine Auslegeordnung machen. Für die parlamentarischen Verkehrskommissionen müsste dies seit mindestens einem Jahr oberste Priorität haben. Es geht auch nicht darum, der SBB eins auszuwischen – es geht darum, gemeinsame Lösungen zu finden, damit die SBB möglichst schnell aus der misslichen Lage herauskommt.

zentralplus: «Und auch wenn wir uns noch so viel Mühe geben, es ist euch egal», singt eine Zugbegleiterin im «Stop-Bashing-SBB»-Song. Fühlen Sie sich mitschuldig am Bashing?

Blättler: Ich verstehe die Aktion dieser SBB-Mitarbeiterin sehr gut. Aber nein, mitschuldig fühle ich mich nicht. Wir greifen die Mitarbeiter überhaupt nicht an. Wir gehen mit unserer Kritik im Übrigen auch nicht aktiv auf die Medien zu. Wir reagieren, wenn wir mit Problemen oder von den Medien konfrontiert werden.

zentralplus: Welche Rolle würden Sie mit Pro Bahn gerne einnehmen?

Blättler: Es wäre schöner, wenn wir miteinander Lösungen entwickeln könnten. Jetzt sind wir in einem Überlebensmodus. Die Kritik seitens der Politik und auch der Medien ist gross, was weitere Unsicherheiten schürt. Der Aufruf sollte eher sein: Wir haben ein Problem und jetzt müssen wir miteinander da durch. Im Übrigen gilt gerade den Mitarbeitern ein grosses Dankeschön, dass wir überhaupt noch diese Bahndienstleistungen in Anspruch nehmen können. Aber wenn ich das in einem TV-Interview erwähne, wird es herausgeschnitten.

zentralplus: Fühlen Sie sich in die Rolle der Nörgelnden gedrängt?

Blättler: Ja und Nein. Grundsätzlich sind wir das ja und haben über Jahre vor den nun eingetroffenen Problemen gewarnt. Aber eigentlich möchten wir nicht nörgeln. Wir wollen eine gut funktionierende SBB. Und wir wollen eine Situation, die für die Mitarbeitenden wieder ertragbar ist.

«Wenn jemand das nötige Knowhow haben müsste, wie man mit steigenden Kundenzahlen umgeht, dann doch die SBB.»

zentralplus: Man hört immer wieder: «Im Vergleich mit dem Ausland ist die SBB noch immer hervorragend.» Wie kommt diese Aussage bei Ihnen an?

Blättler: Das hören wir überhaupt nicht gerne. Man kann die SBB nicht mit ausländischen Unternehmen vergleichen. Wenn ich mich mit jemandem vergleiche, der schon viel schlechter ist als ich, habe ich eigentlich schon aufgegeben. Man muss die SBB mit ihrem Zustand vor Jahren vergleichen. Und jetzt liefern sie wohl gleich noch die nächste Aussage, die mir nicht passen wird.

zentralplus: Dass die SBB wegen der grossen Nachfrage halt an ihre Grenzen stösst?

Blättler: Genau! Aber das geschah nicht von heute auf morgen. Jeder Unternehmer muss solche Entwicklungen einplanen. Das ist business as usual. Und die Kernaufgabe der SBB ist das Transportieren von Menschen mit der Bahn. Wenn jemand Erfahrung und das nötige Knowhow haben müsste, wie man mit steigenden Kundenzahlen umgeht, dann doch die SBB. Es ist schon sehr überraschend, wie sie in diese Lage geraten konnte. Dass sie beispielsweise heute zu wenige Lokführer hat, ist überhaupt nicht nachvollziehbar.

«Will man nicht auf das Halbtax verzichten und dafür einfach die Preise halbieren?»

zentralplus: Die Folge sind ausfallende Züge.

Blättler: Und hier kann man gleich noch einen kritischen Punkt anfügen. Dieses Jahr wurde die SBB bei der Fête de Vignerons und dem eidgenössischen Schwingfest stark beansprucht. Dass die SBB solche Massentransporte macht, ist absolut richtig – klimapolitisch sowieso. Aber sie kann sich doch nicht damit brüsten, weil ich solche Zusatzaufgaben eigentlich gar nicht stemmen kann. Das Personal häufte wegen dieser Festivitäten Überstunden an, die nun abgebaut werden müssen. Das geht zu Lasten des Normalbetriebs, etwa mit Zugausfällen. Und das kann es nicht sein.

zentralplus: Welche Haltung haben Sie bezüglich der Ticketpreise?

Blättler: Wir sind der Meinung, die Preise sind zu hoch. Wenn man schaut, wie weit verbreitet das Halbtax ist, stellen wir uns schon die Frage: Will man nicht auf das Halbtax verzichten und dafür einfach die Preise halbieren? Der Kontrollaufwand würde massiv geringer, die Vermarktung und Verwaltung für den Swisspass könnte man sich sparen und auch die Sparbillette könnte man mehr oder weniger streichen. Die heutige Tarifstruktur ist unglaublich kompliziert. Es scheint jedoch, als fehlt der Mut zum Befreiungsschlag.

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2 Kommentare
  1. LAZY, 24.11.2019, 21:10 Uhr

    Die heutige Tarifstruktur ist unglaublich kompliziert. Es scheint jedoch, als fehlt der Mut zum Befreiungsschlag.
    Mindestens die bezahlten Tickets sollten ihre Gültigkeit wie früher 10 Tage behalten. Auf kurzen Hin- und Rückfahrtstrecken verlieren diese ihre Wertigkeit um 05.00Uhr früh. Als die SBB mich dann für ein bezahltes Billett noch betrieben haben, warf ich das für 3 Jahre gelöst Halbtags weg und machte um diese mit Milliarden Steuergeldern finanzierte Firma einen grossen Bogen.
    Wenn ich mir nun noch den STOP bashing Werbefilm Film ansehe werde ich in der Meinung bestärkt, weniger Subventionen sind ein MUSS.

    hab ich das Haltzax weggexchissenund diese Firema

    1. Bahnaffine, 25.11.2019, 11:49 Uhr

      Genau, weniger Subventionen sind die Lösung, um ein dichteres Fahrplanangebot und günstigere Ticketpreise zu realisieren. Ihre Logik ist so was von unlogisch Herr Halbtags Lazy
      Mehr Subventionen und eine Rückverstaatlichung der SBB löst das Problem. Subventionierte Bilette, saubere und pünktliche Züge und kundenfreundlichere Tarife wären die Folge.