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Unterwegs zwischen Kühen und Klischees Was denken die Leute vom Land über die Luzerner Städter?

Tierarzt Adrian Meier ist täglich auf dem Land unterwegs. (Bild: jal)

Stadt und Land haben das Heu nicht immer auf derselben Bühne. Wie nehmen die Leute fernab des Zentrums den vielzitierten Graben wahr? zentralplus war mit einem Tierarzt unterwegs, um den Puls der Provinz zu fühlen.

«Hat die SVP Sie geschickt?», fragt uns ein Bauer an diesem Tag. Wir legen es gleich offen: Nein, wir schreiben nicht im Auftrag der Volkspartei, sondern unserer Leserinnen.

Wie das? Wir haben unsere «Möglichmacher» vor kurzem gefragt, welchen Artikel sie lesen wollen. Und der Fall war klar: Was denken die Leute vom Land tatsächlich über die Städter und die Stadt Luzern? Mit dieser Frage hat uns die zentralplus-Community auf den Weg geschickt.

Doch wohin eigentlich?

Wir machen uns auf – nur: wohin?

So einfach die Ausgangsfrage klingt, so schwierig ist schon der Start. Denn wo fängt eigentlich das Land an? Dort, wo die Stadt aufhört, kommt zunächst eine ganze Weile lang die Agglomeration. Je dünner besiedelt und grüner, umso eher wähnt man sich auf dem Land. Doch die Grenzen sind fliessend.

Einen Versuch, die Schweiz zu ordnen, hat das Bundesamt für Statistik unternommen. Es unterscheidet bis zu 25 Kategorien. Grob lassen sich die Gemeinden in drei Töpfe einteilen: städtische, ländliche und dazwischen sogenannt intermediäre, also ländliche Zentrumsgemeinden.

Die Theorie bestätigt den «gesunden Menschenverstand»: Wo es Landwirte gibt, sind wir sicher auf dem Land. Wir vereinbaren also einen Termin in Ruswil, bekannt als grösste Bauerngemeinde und 2020 zum «Schweizer Dorf des Jahres» gewählt. Als wir kurz nach 7 Uhr durch das Dorf fahren, tuckert ein Traktor vor uns her. Wir fühlen uns bestätigt.

Und treffen kurze Zeit später auf Tierarzt Adrian Meier. Er stammt aus Werthenstein, ich aus Willisau, wir waren im selben Jahrgang an der Kantonsschule, haben später beide an der Universität Bern studiert, wir jassen hin und wieder zusammen. Er ist nach dem Studium – auch berufsbedingt – zurück aufs Land gezogen.

Die Rolle der Werbung

Als Tierarzt hat er täglich mit Menschen vom Land zu tun und nimmt uns mit auf seine Tour. Der erste Einsatz führt uns über Hügel hinauf zu einem Bauern, dessen Rind nach einem übermütigen Sprung auf der Wiese ein geschwollenes Bein hat. Während der Tierarzt den Knöchel untersucht, frage ich Vater und Sohn Bauer, was sie von den Städtern denken.

«Alles soll möglichst grün und perfekt produziert sein, aber was das heisst und was dazu nötig ist, wissen sie nicht oder wollen es nicht wahrhaben», sagt der Jungbauer. Es sind Worte, die wir an diesem Tag immer wieder zu hören bekommen. Der Graben, so empfinden es viele Bauern, manifestiert sich darin, dass sie sich zum Teil nicht verstanden fühlen.

Unperfekt: Die Äpfel fallen nicht poliert und makellos vom Baum.

Die Fahrt geht weiter auf den nächsten Hügel, vorbei am Notschlachthaus und Silos, zum nächsten Landwirten. Auch er will nicht mit Namen oder Foto im Artikel erscheinen – wohl ein Relikt des gehässigen Abstimmungskampfes zu den Agrarinitiativen. Er sieht die Sache ähnlich, macht aber nicht nur die Städter für den Wissensgraben verantwortlich, sondern insbesondere die Werbung und die Imagekampagnen der Grossverteiler. «Würde man in einem Werbespot zeigen, dass eine Kuh ein Tetrapak Milch scheisst, manche würden es wohl sogar glauben», sagt der junge Bauer, der den Hof seiner Eltern übernommen hat.

Während zwei Kälber narkotisiert einschlafen und später enthornt werden, kritisiert der Luzerner die Vermenschlichung der Tiere in der Werbung. «Das entspricht überhaupt nicht der Realität: Es sind nicht herzige Haustiere, sondern Nutztiere», sagt er, während der Tierarzt drei Ferkel wegen Hodenhochstandes operiert.

Der Bezug zur Landwirtschaft nimmt ab

Nach einem Kaffee an der Wärme – ohne Schnaps, ihr lieben Städter! – ruft der nächste Fall. Inzwischen hat der Nebel der Sonne Platz gemacht, die den Sempachersee glitzern lässt. Viele Höfe liegen idyllisch auf den Hügelzügen, die Kühe grasen an der Sonne, in den Gärten gedeiht das Gemüse. Es ist dieses Bild, das viele im Kopf habe, wenn sie ans Land denken.

Und das zu Spaltungen führt. Besonders die Agrarinitiativen letzten Juni haben viele Bauern emotional aufgewühlt, sagt Adrian Meier, der täglich mit ihren Sorgen zu tun hat. Denn ein Ja hätte viele stark in ihrer Arbeit eingeschränkt. «Früher hatte jeder einen Bezug zur Landwirtschaft. Man wusste, was passiert, wenn eine Kuh kalbert. Heute wissen viele nicht mehr, wie ein Bauernhof von innen aussieht.» Wichtig findet er deshalb, dass Informationsarbeit geleistet wird, wie etwa mit dem Tag der offenen Stalltüren, der kürzlich stattfand.

Die Kritik betrifft allerdings nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch andere Bereiche, wie wir beim nächsten Halt erfahren. «Die Städter können tun, was sie wollen – aber sie sollen mir nicht sagen, was ich tun soll», sagt dieser Landwirt. Ihn störe es nicht, wenn die Stadt ihre Quartiere autofrei gestalte. Aber – damit spricht er auch auf das Co2-Gesetz an – es störe ihn, wenn alle gleich ticken müssten.

Wo Politikerinnen den Graben verorten

Dieses Gefühl, dass die Städter dem Land vorschreiben, wie sie zu leben hätten, ist auch Vroni Thalmann bekannt. «Wir sagen ihnen ja auch nicht, wie oft sie am See ein Cüpli trinken dürfen, also sollen sie uns auch nicht sagen, wie wir bauern oder unsere Kinder betreuen sollen», sagt die SVP-Kantonsrätin aus Flühli. Aus ihrer Optik ist dieses «Reinreden» eher etwas, das von den Städtern ausgeht und nicht von der Landbevölkerung. «Das kommt auf dem Land halt oft schräg rüber.»

«Auf dem Land ist man tendenziell genügsamer. Es muss nicht jeden Abend etwas los sein.» 

Vroni Thalmann, Flühli

Thalmann erklärt sich das damit, dass vielen Städtern nicht präsent sei, wie man auf dem Land lebe. Die Ansprüche und Bedürfnisse seien eben unterschiedlich – aber das wolle sie keinesfalls werten.

«Auf dem Land ist man tendenziell genügsamer. Es muss nicht jeden Abend etwas los sein, man kann nicht einfach auf die Strasse und alle paar Minuten kommt ein Bus», nennt Sozialvorsteherin Vroni Thalmann ein paar Beispiele. «Man hilft einander unter Generationen und Nachbarn eher aus. Man lebt mit der Natur und ist sich auch deren Schattenseiten bewusst.» Letzteres sei auch der Grund, wieso sich auf dem Land weniger Leute von Corona bedroht fühlten und sich nicht impfen lassen.

Die beiden Kantonsrätinnen Helen Affentranger-Aregger (links) und Vroni Thalmann.

Das bestätigen einzelne Gespräche mit Bauern. Sie seien nicht geimpft, sagen mehrere auf unserer Tour, weil sie ohnehin nicht oft unter viele Leute gehen und sich gesund fühlen.

Offizielle Zahlen zu regionalen Unterschieden bei der Impfquote legt der Kanton Luzern nicht offen, Anfang Oktober gaben aber hohe Ansteckungs- und Quarantänezahlen im Entlebuch zu reden (zentralplus berichtete).

Viele pendeln und kennen beide Welten

Auf einen interessanten Aspekt weist uns Helen Affentranger-Aregger hin. Die 53-jährige Kantonsrätin (Die Mitte) wohnt zeit ihres Lebens in Buttisholz, hat aber in Luzern die Lehre absolviert und arbeitet in der Stadt. Sie sagt: «Viele Menschen auf dem Land pendeln zur Arbeit oder machen ihre Ausbildung in der Stadt. Sie kennen darum automatisch beide Seiten – was bei Städtern wohl eher weniger der Fall ist.»

Sie beobachtet auch, dass sich viele den Wohnort so aussuchen, dass sie unter Gleichgesinnten leben. Konkret: Wer auf dem Land aufwächst und eher links tickt, flüchte oft vom Dorf in die Stadt.

«Ich habe den Eindruck, man schürt diesen Graben auch ein wenig, um ihn zu bewirtschaften.»

Helen Affentranger-Aregger, Buttisholz

Obwohl stets bemüht, fehle es letztlich vielen an der nötigen Offenheit, um einander zuzuhören. «Im Unterton schwingt meist mit, dass die eigene Meinung letztlich eh die richtige ist», sagt die gelernte Hochbauzeichnerin.

Der Stadt-Land-Graben ist in ihren Augen insgesamt mehr ein Links-rechts-Graben – und in der Bevölkerung keinesfalls so präsent wie in der Politik. «Ich habe den Eindruck, man schürt diesen Graben auch ein wenig, um ihn zu bewirtschaften», sagt Affentranger.  

Stadt-Land-Graben? Kennt man aus den Medien

Sie ist nicht die Einzige mit dieser Meinung. Denn so sehr der Stadt-Land-Graben die Schlagzeilen prägt, im Alltag ist er kaum zu sehen. Das zeigt sich auch, als wir wieder mit Tierarzt Adrian Meier im Rottal unterwegs sind. «Hat die SVP euch geschickt?», fragt ein Bauer schelmisch und schiebt abwinkend nach: «Der Stadt-Land-Graben wird auch von den Medien dramatisiert.»

Schön ist’s auf dem Land: Fernsicht mit Blick auf den Pilatus. (Bild: zvg)

Ein paar Kurven weiter, auf dem nächsten Hof, erklingen ähnliche Töne. Ja, er kenne das Thema, sagt der Landwirt im Stall, wo eine seiner Kühe gynäkologisch untersucht wird, und zwar von «Neumatt». In der «SRF»-Serie geht es um einen Hof, der verkauft werden soll, um die Sorgen der Milchbauern, und eben, um den Graben zwischen Stadt und Land. Einer der Bauernsöhne, inzwischen Berater in Zürich, fährt zwischen den zwei Welten hin und her – überdeutlich symbolisiert durch einen Tunnel, durch den er mit seinem teuren Wagen jeweils rast. In der Schweiz, auch im Kanton Luzern, sei man ja in 20 Minuten auf dem Land, sagt der Bauer.

«Alles gut», sagt Veterinär Adrian Meier, «die Kuh ist trächtig.» Der 35-Jährige zieht seine Untersuchungshandschuhe aus und verstaut das Ultraschallgerät in seinem Wagen, bevor sich der Ausseneinsatz dem Ende zuneigt.

Und was hält Meier, der mit seiner Familie im Entlebuch wohnt, von der Stadt-Land-Diskussion? «Es gibt Leute, die wohnen gerne in der Stadt und es gibt Leute, die wohnen lieber auf dem Land», sagt er trocken. «Sie deshalb in Schubladen zu stecken, liegt mir – und wohl auch vielen anderen – fern.»

Hier die konservativen Hinterwäldler, dort die arroganten Städter: Es ist bequem, sich mit Klischees zu begnügen. Und es mag sogar sein, dass sie sich in Einzelfällen bestätigen. Wer den Austausch sucht – und dies wird ja landauf, landab gepredigt – merkt aber schnell: Der Stadt-Land-Graben ist gar nicht so einfach zu finden.

Und was denken die Städter über die Aussagen vom Land? Elio Wildisen und Michelle Keller sind losgezogen, um den Stadtluzernerinnen auf den Zahn zu fühlen.

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