Was bei Politikern an den Wänden hängt
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Das Zuger Regierungsgebäude macht sich auch gut als Gemälde. (Bild: pbu)

Zuger Regierungsräte als Kunstkritiker Was bei Politikern an den Wänden hängt

9 min Lesezeit 21.03.2016, 14:00 Uhr

Kunst und Politik: Eine Paarung, die sich nur schwer miteinander verträgt? Mitnichten! Die Büros der Zuger Politkapitäne sind voll von lokalen Kunstwerken. Diese zeigen, dass nicht nur die politischen Ansichten der Regierungsräte zuweilen weit auseinanderdriften.

Das Büro ist nicht unbedingt der Inbegriff eines lauschigen Plätzchens: Aktenordner, Arbeitsmappen und allerlei technische Gerätschaften versprühen schnell mal den anonymen Charme eines Einrichtungshauses. Um sich hier wohlzufühlen, tut ein persönlicher Touch not. Das Foto seiner Liebsten, eine schmuckvolle Blumenvase oder ein verstaubter Gummibaum – zum Glück gibt es eine Handvoll Möglichkeiten, um sich die Büroräumlichkeiten etwas heimeliger einzurichten. Ganz gut machen sich stets auch Wandbilder und -gemälde.

Umso besser, wenn man Zuger Regierungsrat ist. Denn in Zug hat man zu Beginn der 1970er-Jahre damit begonnen, lokale Kunstschaffende durch den Ankauf ihrer Werke zu unterstützen. Heute umfasst die kantonale Kunstsammlung rund 1800 Objekte. Und die hiesigen Politiker können sich ungehemmt in diesem Schleckwarenladen für Bilderfreunde bedienen. Im Schnitt hängen über zwei Drittel aller Werke aus dem Archiv in den Räumen der kantonalen Verwaltung und in den Büros der Regierungsräte.

Zeig mir deinen Kunstgeschmack und ich definiere dir dein Weltbild – für zentralplus öffnen die Zuger Regierungsräte ihre Büros und gewähren einen Blick auf ihre persönlichen Lieblingsbilder. Widerspiegeln die präferierten Werke die jeweilige politische Haltung? Urteilen Sie selbst.

Manuela Weichelt-Picard (ALG)

In Manuela Weichelts Büro hängt ein grossformatiger Fotoprint der in Zug geborenen Künstlerin Annelies Štrba. Das Kunstwerk misst 240 × 360 Zentimeter und deckt nahezu die ganze Wand ab. Es wurde im Jahr 2001 in die kantonale Kunstsammlung aufgenommen. «Annelies Štrba ist eine eigenwillige Künstlerin, die die Fotografie immer als sinnliches, spirituelles Erlebnis verstanden hat», sagt die Direktorin des Innern. «Dieses Verständnis zeigt sich meiner Meinung nach auch in ihren Fotos.»

Im Fokus von Štrbas Werken stehen sehr oft die Themen Landschaft und Familie. «Auf dem Werk ‹Wald› verschwindet die Silhouette eines Mädchens im blauen Kleid hinter Tannen», erläutert Weichelt. «Oder tritt es von da ins Helle? Die Unschärfe lässt die Betrachterin im Unklaren.» Natur, Forst, Wald, aber auch Familie seien Themen, die direkt mit ihrer Direktion zu tun hätten, sagt die Regierungsrätin.

Die Farbe Grün wirke beruhigend, ohne zu ermüden, so sagt man. Ein Bild von Annelies Štrba. (Foto: Manuela Weichelt)

Die Farbe Grün wirke beruhigend, ohne zu ermüden, so sagt man. Ein Bild von Annelies Štrba. (Foto: Manuela Weichelt)

«Dies war mit ein Grund, warum ich mich für dieses Werk entschieden habe. Aber auch das Magische und Märchenhafte an diesem Foto gefallen mir. Es bildet einen Kontrast zur realen Welt des oft nüchternen Polit- und Verwaltungsalltags. Aufgezogen hinter Glas spiegelt sich im Kunstwerk an sonnigen Tagen die gegenüberliegende Wand samt Fenstern und Ausblick: ein faszinierendes Lichtspiel.»

Stephan Schleiss (SVP)

Auch im Büro des Bildungs- und Kulturdirektors Stephan Schleiss hängt ein Werk der Zuger Video- und Fotokünstlerin Annelies Štrba. Und zwar der Druck «Nyima 419» aus dem Jahr 2009. Mit den Massen 125 × 185 Zentimeter ebenfalls ein imposantes Werk. «Ich habe das Bild aus der kantonalen Kunstsammlung ausgesucht», erzählt Schleiss. «Mir gefallen die Gesamtwirkung, die wuchtige Grösse und allem voran die Farben.» Seine ganze Wirkung könne das Bild nur in direkter Betrachtung entfalten, das Foto des Bildes sei leider nicht lichtecht, sagt der Regierungsrat entschuldigend.

Wiederum eine Fotografie der Künstlerin Annelies Štrba. (Foto: Stephan Schleiss)

Wiederum eine Fotografie der Künstlerin Annelies Štrba. (Foto: Stephan Schleiss)

Matthias Michel (FDP)

«Ich habe zwei Lieblingskunstwerke in meinem Büro, die beide aus der Kunstsammlung des Kantons Zug stammen», sagt Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel. Zum einen wäre das ein aus zwei Bildern bestehendes Werk des Zuger Künstlers Jürg Wylenmann, zum anderen eine sechsteilige Bildkompositon der 2006 verstorbenen Künstlerin Hanna Jans.

Das zweiteilige Werk von Jürg Wylenmann. (Foto: Matthias Michel)

Das zweiteilige Werk von Jürg Wylenmann. (Foto: Matthias Michel)

Zum Werk von Wylenmann sagt Michel: «Die Bilder sind zwar in Gelb und Schwarz gehalten, also in Achtung-Gefahr-Farben. Aber das Schwarz ist nicht richtig schwarz, da leuchtet die ganze Farbenpalette hindurch, und im Gelb drückt auch Grünliches durch, Gräuliches und Dunkelrotes. Diese Vielschichtigkeit und Differenziertheit gefallen mir. Gleichzeitig halten die Bilder, vielleicht weil die Schichten wie ein Netz wirken, auch Schlechtes ab. Etwa so, wie unsere Kinder indianische Traumfänger aufgehängt haben. Es sind Schilder ähnliche Bilder, die mir den Raum schützen, in dem ich denke. Sie wirken befreiend auf mich.»

Sechs Teile von Hanna Jans. (Foto: Matthias Michel)

Sechs Teile von Hanna Jans. (Foto: Matthias Michel)

Die Zuger Künstlerin Hanna Jans war öffentlich nicht sehr präsent, sondern eher eine stille Schafferin, erklärt Michel. Besonders anregend bei ihrer Bildkomposition sei, dass es zwar ganz klare Farben und Formen seien, aber gleichwohl das Werk sich uns nicht aufdränge. Dies wegen seiner modularen Art, wie der Zuger Volkswirtschaftsdirektor ausführt: «Ich kann die Bilder drehen und wenden beziehungsweise deren Position im Gesamten neu zusammensetzen. Die Künstlerin hat hier keine Vorgaben gemacht. Als mich meine Kinder, als sie noch klein waren, im Büro besuchten, durften sie die Bilder nach Lust und Laune umhängen.» Michel lasse sich überdies gerne vor diesem Werk porträtieren.

Urs Hürlimann (FDP)

Im Büro von Urs Hürlimann hängen keine Werke aus dem Fundus des Kantons. Die Wände kommen deswegen aber nicht jungfräulich daher, sondern werden von persönlichen Bildern des Baudirektors geschmückt. Eines, das ihm besonders gefalle, sei ein unbetiteltes Werk des 1950 in Arth geborenen Kunstmalers und Grafikers Arnold Imhof, der mittlerweile in Neuheim arbeitet und lebt. Regierungsrat Hürlimann kennt den Maler persönlich, da sie zusammen den Militärdienst absolviert haben. «Das Bild – der Blick gegen die Rigi mit Walchwil – ist mir sehr vertraut», erklärt der Zuger Baudirektor, der selber in Walchwil aufgewachsen ist. Das Bild wurde eigens für Hürlimann gemalt. «Ich bekam das Gemälde bei meinem Abschied als Polizeikommandant der Zuger Polizei geschenkt. Deshalb bedeutet es mir sehr viel.»

Eine bekannte Aussicht, gemalt von Arnold Imhof. (Foto: Urs Hürlimann)

Eine bekannte Aussicht, gemalt von Arnold Imhof. (Foto: Urs Hürlimann)

Beat Villiger (CVP)

Persönlich wird es auch im Arbeitszimmer des Zuger Sicherheitsdirektors Beat Villiger. Dieser nimmt allerdings nicht viele Worte in den Mund und lässt stattdessen seine Bilder sprechen. Er betont allerdings, dass ihm Musik und Malerei viel bedeuten. «In meinem Büro hängen sechs private Originalbilder von mir persönlich bekannten Malern: René Villiger, Elso Schiavo und Andreas Jordi. In diesen Bildern sehe ich täglich kunstvoll verarbeitet mir bedeutende Sujets wie die Musik, den Blick vom Freiamt ins Zugerland, die Fasnacht, aber auch den Fisch im Wasser. Seit Kurzem und als Abschluss zum Morgartenjahr sucht auch noch ein alter grosser, um circa 1880 entstandener Stich vom Morgarten einen geeigneten Platz.»

Ein farbenfrohes Werk von Andreas Jordi. (Foto: Beat Villiger)

Ein farbenfrohes Werk von Andreas Jordi. (Foto: Beat Villiger)

Bekannt für seine Fisch-Gemälde: Elso Schiavo. (Foto: Beat Villiger)

Bekannt für seine Fisch-Gemälde: Elso Schiavo. (Foto: Beat Villiger)

Bringt Ruhe in den stressigen Politalltag: René Villiger. (Foto: Beat Villiger)

Bringt Ruhe in den stressigen Politalltag: René Villiger. (Foto: Beat Villiger)

Martin Pfister (CVP)

Das jüngste Mitglied im Zuger Regierungsrat, Gesundheitsdirektor Martin Pfister, hat seine Büroräumlichkeiten gerade erst bezogen. Entsprechend weiss und unbefleckt erstrahlen die Wände in seinem neuen Arbeitsgemach. Nicht mehr lange allerdings, denn Pfister begab sich jüngst ins Kunstarchiv und wurde auch fündig. Er entschied sich für ein Bild von Philipp Anton Etter. «Vom ältesten Sohn des legendären Zuger Bundesrates Philipp Etter ist wenig bekannt», erzählt Pfister, «ausser, dass er sich für Kultur und Sport interessierte und lange Zeit in Bern lebte.»

Nach dem Tod seines Vaters 1977 kehrte Philipp A. Etter nach Zug zurück. Doch erst in den Neunzigerjahren entstand das heute bekannte Werk. «Kaum jemand ausserhalb der Familie wusste, dass Etter künstlerisch tätig war», führt Pfister aus. Etter war als Künstler eine Entdeckung einer kürzlich im Kunsthaus Zug gezeigten Ausstellung. 900 gerahmte, datierte, signierte und teils mit weiteren Informationen versehene Bilder hat Etter hinterlassen. Dazu kommen noch einmal ähnlich viele ungerahmte.

Noch steht das Bild von Philipp Anton Etter auf dem Boden. Bald schon hängt es im Zuger Regierungsgebäude. (Foto: Martin Pfister)

Noch steht das Bild von Philipp Anton Etter auf dem Boden. Bald schon hängt es im Zuger Regierungsgebäude. (Foto: Martin Pfister)

(Bild: Martin Pfister)

«Ich kannte den zurückgezogenen Mann, der 2012 92-jährig in Zug starb», sagt der Gesundheitsdirektor. «Einmal trank ich mit ihm einen Kaffee, den er immer zuerst kalt werden liess, bevor er ihn zu sich nahm. Seine fast zweitausend Zeichnungen entstanden erst im Alter und ganz im Stillen. Sie zeigen, wie der alte Mann eine auf den ersten Blick langweilige Welt intensiv, farbig, wild, fantastisch und immer wieder anders wahrnimmt. Philipp A. Etters Bilder erinnern mich zudem an seinen gleichnamigen Vater, mit dem ich mich einige Jahre als Historiker beschäftigt habe und der vor 93 Jahren ein Zuger Regierungsratsbüro bezog, so wie ich heute.»

Heinz Tännler (SVP)

Im Büro des Zuger Finanzdirektors Heinz Tännler hängt kein Bild aus dem kantonalen Kunstarchiv, sondern ein privates. Konkret: Eine Auftragsmalerei von Franz Stadlin. «Das Werk, das ich Stadlin in Auftrag gegeben habe, besticht durch seine Farbigkeit, seine Fröhlichkeit und durch die Tatsache, dass es ein Beziehungsgeflecht darstellt», erklärt Tännler. Der Maler habe dabei freie Hand gehabt und präsentierte vorab einige Versionen.

«Stadlin war in der Schule mein Zeichenlehrer, daher die Bekanntschaft», sagt Tännler weiter. Das Bild, das nun in seinem Arbeitszimmer hängt, sei für ihn innerer Aufsteller und Motivator zugleich. «Das Werk hing zunächst bei mir zu Hause. Ich merkte dann allerdings, dass ich es dort weniger zu sehen bekomme, weil ich doch viel Zeit in meinem Büro verbringe. Im Zusammenhang mit meinem Direktionswechsel habe ich es dann schliesslich an meinem Arbeitsplatz aufgehängt», erläutert Tännler.

Aufsteller und Motivator zugleich: Das Bild von Franz Stadlin in Heinz Tännlers Büro. (Foto: Charly Werder)

Aufsteller und Motivator zugleich: Das Bild von Franz Stadlin in Heinz Tännlers Büro. (Foto: Charly Werder)

Kunst für 3,5 Millionen Franken

Seit 1999 steht für das kantonale Kunstarchiv jährlich ein Kredit von 90’000 Franken aus dem Lotteriefonds zur Verfügung. Darin enthalten sind auch die Kosten für Einrahmungen oder Massnahmen für die Restaurierung und Konservierung der Werke, erzählt Corinne Wegmüller vom Amt für Kultur. Gesammelt werden ausschliesslich Werke von Zuger Kunstschaffenden oder von Künstlern, welche im Zuger Kulturleben präsent sind.

«Weniger gut gehen dunkle Bilder, das wird vielen schnell mal zu depressiv.»

Corinne Wegmüller, Verwalterin kantonales Kunstarchiv

«Der Gesamtwert der Sammlung beläuft sich auf etwa 3,5 Millionen Franken, wobei es sich um den Ankaufswert handelt», erklärt Wegmüller, die selbst Mitglied der Ankaufsgruppe ist und das Archiv verwaltet. Sie ist Ansprechperson für all jene, die ein Bild aus dem Archiv an ihre Bürowände hängen möchten. «Besonders geschätzt wird nicht nur der Effekt, den Kunst als Gestaltungsmittel leistet, sondern auch die Möglichkeit der persönlichen Auseinandersetzung mit Kunst.»

Wegmüller sei aufgefallen, dass insbesondere neuere Werke auf grossen Anklang bei den Politikern stossen. «Auch Fotografien werden zunehmend nachgefragt. Weniger gut gehen dunkle Bilder, das wird vielen schnell mal zu depressiv», sagt die Archivverwalterin.

Sammlungszwecke und Kompetenzen

Die Kunstankaufsgruppe besteht seitens des Amtes für Kultur aus dem Amtsleiter Aldo Caviezel sowie aus der wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Verantwortlichen für die Kunstsammlung Corinne Wegmüller. Diese werden durch mindestens drei weitere Personen ergänzt. Dabei handelt es sich um Fachexperten im Bereich der Bildenden und Angewandten Kunst. Sammlungszwecke sind die Förderung von Zuger Kunstschaffenden, die Repräsentativität des Zuger Kunstschaffens sowie deren Vermittlung.

Als Fachgremium berät die Kunstankaufsgruppe Caviezel und Wegmüller bei Kunstankäufen für die kantonale Kunstsammlung. Bei Uneinigkeit liegt der Entscheid bei der Leitung des Amts für Kultur. Die Gruppe trifft sich jährlich sechs bis acht Mal zur Besprechung von Ankäufen. Aktuell setzt sie sich wie folgt zusammen: Christoph Cramer (Filmschaffender), Dr. Marcos Garcia Pedraza (Künstler und Ökonom), Sandra Oehy (Kunsthistorikerin und Kuratorin), Lorenz Wiederkehr (Kunsthistoriker) und Corinne Wegmüller (wissenschaftliche Mitarbeiterin Amt für Kultur).

Was denken Sie zum Kunstgeschmack der Zuger Regierungsräte? Und: Welche Bilder würden Sie aufhängen?

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