Was 45’000 Einwohner für die Stadt Zug bedeuten werden
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Geht es nach dem Stadtrat, wird Zug 2040 das Zuhause von 45'000 Menschen sein. (Bild: Emanuel Ammon/ Aura)

Pros und Contras zum Mega-Wachstum Was 45’000 Einwohner für die Stadt Zug bedeuten werden

6 min Lesezeit 5 Kommentare 10.03.2021, 05:00 Uhr

Geht es nach dem Zuger Stadtrat, sollen in 20 Jahren rund 45’000 Menschen in der Stadt leben. Dies würde das Gewerbe, die Kultur und sogar die Demokratie stärken. Doch das Wachstum bringt auch negative Effekte mit sich – die Stadtregierung versucht das gar nicht erst zu beschönigen.

Die Stadt Zug wird sich in den kommenden Jahrzehnten verändern. Gut 45’000 Menschen sollen in zwanzig Jahren in der Kolinstadt ihr Zuhause haben. Heute sind es rund 30’000. Leben werden die neuen Einwohner in Stadtteilen, die bis dahin ganz anders aussehen dürften als heute. Diese Prognose wagte der Stadtrat im vergangenen Oktober – und weckte damit kritische Geister (zentralplus berichtete).

Vor diesem Hintergrund reichte die SP im Grossen Gemeinderat eine Interpellation ein. Sie wollte wissen, ob die Regierung tatsächlich mit solchen Zahlen planen will und welche Kosten dies für die Stadt und die Bevölkerung bedeuten würde.

Kantonale Wirtschaftspolitik zieht Menschen aus dem Ausland an

Nun liegt die Antwort des Stadtrates vor. Und das Thema scheint auch für die Regierung von einiger Bedeutung zu sein, denn das Dokument hat es in sich. Werden Fragen von Parlamentarierinnen in der Regel auf zwei bis drei Seiten beantwortet, legt der Stadtrat dem Parlament gleich ein 20 Seiten starkes Dokument vor.

«Mit einer Verzögerung zum Arbeitsplatzwachstum ziehen auch vermehrt Privatpersonen nach Zug.»

Stadtrat Zug

«Der Stadtrat nimmt die Interpellation zum Anlass, die verschiedenen Aspekte des Wachstums in einer umfassenden Stellungnahme zu beleuchten», schreibt er dazu. Eines vorneweg: Er erkennt in dem angestrebten Wachstum, trotz grosser Herausforderungen, vor allem positive Effekte.

Die Lage zwischen Luzern und Zürich ist attraktiv

Doch warum dieses Wachstum und woher kommt es? «In der Stadt und der Agglomeration Zug kumulieren sich die Wachstumsfaktoren der Schweiz und des Kantons Zug», hält die Stadtregierung fest. Diese Faktoren umfassen im Allgemeinen die Einwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland in die Schweiz und im Besonderen die Firmenansiedlungspolitik des Kantons Zug, wodurch die Zahl an Arbeitsplätzen seit den 1960er-Jahren stetig angestiegen sind.

«Die Verdichtungsgebiete befinden sich entlang der Achsen SBB, und der Zuger- und Baarerstrasse sowie der Gubel- und General-Guisan-Strasse.»

Stadtrat Zug

«Mit einer Verzögerung zum Arbeitsplatzwachstum ziehen auch vermehrt Privatpersonen nach Zug, welche von Steuersenkungen für natürliche Personen der vergangenen Jahre profitieren», so der Stadtrat. Entsprechend hoch sei folglich die Nachfrage nach Wohnraum und Büroflächen. Viele würden aufgrund der Lage der Stadt Zug zwischen Luzern und Zürich, die ein breites Angebot in den Bereichen Bildung, Kultur und Freizeit anbieten, nach Zug kommen.

Gezieltes Wachstum in einzelnen Stadtteilen

Aber auch die sehr gute Erschliessung durch die Bahn sowie für Autos und Töffs trügen zur Attraktivität Zugs bei. Der Stadtrat betont weiter, dass der Kanton entschieden habe, dass 85 Prozent des Wachstums künftig im Siedlungsgebiet Zug, Baar, Steinhausen, Cham, Hünenberg und Rotkreuz stattfinden soll. Davon ein Drittel alleine in der Stadt Zug.

«Die Verdichtungsgebiete befinden sich entlang der Achsen SBB, und der Zuger- und Baarerstrasse sowie der Gubel- und General-Guisan-Strasse. Zusätzlich befindet sich das Gebiet Äussere Lorzenallmend im Verdichtungsgebiet», schreibt der Stadtrat. Das Wachstum werde also nicht gleichmässig über die Stadt verteilt, sondern an zentral gelegenen Orten, die mit dem öffentlichen Verkehr sowie zu Fuss und mit dem Velo ideal erreichbar sind.

Die verschiedenen Farben zeigen an, wie viele Menschen 2040 auf einer Hektare leben werden. Eine Hektare entspricht zirka 1,5 Fussballfeldern (Karte: Stadt Zug).

Ein gesundes Mass zwischen Verkehr und Lebensraum

Apropos Verkehr: Der Stadtrat rechnet wenig überraschend damit, dass sich durch das Wachstum auch die Mobilität verändern wird. Damit diese dennoch siedlungsverträglich abgewickelt werden kann, sei mit gezielten Massnahmen die Luft- und Lärmbelastung sowie im Zentrum und den Wohnquartieren das Tempo zu reduzieren. Die Exekutive hält aber fest, dass es auch in Zukunft ein gleichwertiges Neben- und Miteinander geben soll, wie das die Zugerinnen bereits heute vorlebten.

Der Stadtrat ist sich des Weiteren bewusst, dass das vor allem durch ökonomische Komponenten getriebene Wachstum Folgen für das Angebot an bezahlbarem Wohnraum hat. «Die privilegierte Lage der Stadt Zug führt zu einem Angebotsengpass, welcher zu einem Anstieg der Immobilienpreise führt. Dies wiederum hat einen Verdrängungseffekt und eine langsame Segregation der Bevölkerung zur Folge», räumt die Regierung ein.

Die Zuger werden in 30 Jahren einiges älter sein

Sie macht also keinen Hehl daraus, dass sich die gesellschaftliche Zusammensetzung ändern würde, sollte die Wohnraumpolitik nicht entsprechend ausgerichtet sein. Und auch bei den Gewerbeflächen herrsche ein Preisdruck. Diese Wohnungsproblematik hat in der Stadt jüngst die Politik wieder auf den Plan gerufen. Die FDP fordert, dass mittelfristig 20 Prozent der Wohnungen gemeinnützig sein müssen (zentralplus berichtete).

«Im Speziellen wird der Druck auf das Naherholungsgebiet Seeufer zunehmen.»

Stadtrat Zug

Der Stadtrat rechnet damit, dass wegen des Wachstums das Wohn- und Arbeitsumfeld städtischer, vielfältiger, farbiger und abwechslungsreicher wird. Und er präsentiert eine weitere spannende Prognose: So sei wegen des grossen Arbeitsplatzangebotes in der Stadt Zug heute die jüngste Bevölkerung der Zentralschweizer Kantone anzutreffen. Bis 2050 werde sich die Zahl der Menschen im Pensionsalter jedoch mehr als verdoppeln und auf 28 Prozent der Einwohnerinnen erhöhen. Etwa 12’500 Personen werden 2050 65 und älter sein.

Die Stadtregierung hält in ihrer Auslegeordnung auch explizit fest, dass der Bedarf an qualitativ hochstehenden Aussen- und Freiräumen zunehmen wird. «Im Speziellen wird der Druck auf das Naherholungsgebiet Seeufer zunehmen. Die nutzbaren Flächen am Seeufer werden erweitert und modernisiert, das Angebot vielfältiger und das Wegnetz verbessert», heisst es dazu. Gleichzeitig würden entlang der alten und neuen Lorze neue Naherholungsgebiete geschaffen.

Wachstum als Rettung des Gewerbes …

Der Stadtrat will dem grossen Wachstum aber auch positives abgewinnen. So schreibt er: «Dank den zusätzlichen Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wird das Zentrum stärker belebt. Gastronomie- und Freizeitangebote werden gestärkt und entsprechend vielfältiger.» Ausserdem werde die Kaufkraft in der Stadt erhöht, was den Umbruch im Detailhandel mildern und dazu führen könne, dass das heutige Angebot aufrechterhalten werden kann. Und auch das kulturelle Angebot könnte dank mehr Einwohnern besser finanziert werden.

«Ein Wachstum der Bevölkerung in der Stadt Zug ist erwünscht, um den genannten Defiziten entgegenzuwirken.»

Stadtrat Zug

Erfreuliche Auswirkungen könnten mehr Einwohnerinnen gemäss Stadtrat auch auf die Politik haben. Denn aktuell gebe es in der Stadt Zug ein Demokratiedefizit. «Die Konzentration an Arbeitsplätzen in der Stadt und die räumliche Verteilung der Arbeitskräfte auf ein grösseres Einzugsgebiet führt dazu, dass die Gemeindegrenzen und die Wohn- und Arbeitswelten nicht mehr identisch sind. Dies führt zu Problemen in der Finanzierung der Infrastrukturen; es entstehen Zentrumslasten», erklärt der Stadtrat.

… und der Demokratie?

Er spricht folglich von einer «politischen Entmündigung» der Stadt Zug, da es durch das Wachstum zu einer «Verwebung von Zuständigkeiten» zwischen Stadt, Kanton, Bund sowie Zweckverbänden gekommen sei. «Die schwierige Nachvollziehbarkeit der Entscheide einerseits und die Trennung von Wohn-, Arbeits- und Freizeitaufenthalt andererseits führten dazu, dass die aktive Beteiligung an der Politik und das Engagement in der Gemeinde abnimmt», äussert sich der Stadtrat besorgt.

Daher sei es von Bedeutung, auf ein ausgewogenes Verhältnis an Arbeitsplätzen und Einwohnern innerhalb eines Gemeinwesens zu achten. «Ein Wachstum der Bevölkerung in der Stadt Zug ist daher erwünscht, um den genannten Defiziten entgegenzuwirken», hält die städtische Exekutive fest. Oder anders gesagt: Wenn mehr Menschen in der Stadt Zug wohnen, wird diese politisch gestärkt.

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5 Kommentare
  1. Peter P. Odermatt, 11.03.2021, 08:30 Uhr

    Zug ist schon jetzt nicht mehr schön (ausser die Altstadt). Mit einer zusätzlichen Verdichtung wird Zug zum hässlichsten Entlein.

  2. Windlin René, 10.03.2021, 17:56 Uhr

    Ich wünsche mir dieses Wachstum nicht! Unsere Natur wird vor die Hunde gehen. Die Boden- und somit die Mietpreise sowie der motorisierte Individualverkehr werden weiter zunehmen. Die einheimische Bevölkerung wird zunehmend verdrängt und die Demokratie geschwächt. Sicher werden auch weitere Steuergeschenke verteilt, von welchen primär die Gutsituierten und die Unternehmen profitieren. Der Stadtrat bzw. die bürgerliche Politik wird nicht in der Lage bzw. nicht gewillt sein, die grossen Nachteile eines solchen Mega-Wachstums zu beseitigen.

  3. Gerhard Berner, 10.03.2021, 17:04 Uhr

    Bis 2040 soll die Stadt Zug 45’000 Einwohner haben (ca. +50% innert 20 Jahren!), so will es der Stadtrat, aber ist das wünschenswert und will das die breite Bevölkerung auch?
    Ein System, das laufend wachsen muss, ist krank und nicht nachhaltig. Das Wachstum wird wie ein Naturereignis hingenommen, dem man nicht ausweichen kann. Mit Steuern kann man steuern: Wenn nicht laufend die Steuern für Unternehmen und Gutsituierte gesenkt würden, würde dies dem Wachstum entgegenwirken.

  4. Alois Amrein, 10.03.2021, 16:00 Uhr

    Grössenwahn und Wachstumseuphorie scheinen die obersten Ziele der Zuger Regierung zu sein. Dass damit die einheimische Bevölkerung vertrieben wird, wird als Kollateralschaden in Kauf genommen.

  5. Sandra Muff, 10.03.2021, 07:28 Uhr

    Ich erkenne auf der Karte oben noch weisse Flecken zwischen den Häusern. Das muss doch ein Fehler sein… (Ironie off)

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